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Am Schlips

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Helmut Palmer war Obsthändler, Bürger- und Politikerschreck, Dauerkandidat und Leitplankenversenker. Acht Jahre nach seinem Ableben erscheint er als Ganzes wieder: In einer Dissertation, die zeigt, wie aktuell Tote sein können.

Beim FDP-Dreikönigstreffen in der Stuttgarter Oper war Helmut Palmer besonders gern - zum Missvergnügen der Liberalen. Foto (von 1995): Martin Storz

Helmut Palmer war Obsthändler, Bürger- und Politikerschreck, Dauerkandidat und Leitplankenversenker. Acht Jahre nach seinem Ableben erscheint er als Ganzes wieder: In einer Dissertation, die zeigt, wie aktuell Tote sein können.

Man stelle sich einmal vor, der Kandidat Rockenbauch stürmt ins Rathaus, ins Dienstzimmer von Wolfgang Schuster, packt den Oberbürgermeister an der Krawatte, beide fallen über den Besuchertisch und die Bildzeitung schreibt: "Plötzlich bäumte sich der OB auf. Wie ein Riese, wie ein Roboter mit Armen aus Stahl. Schob ihn wie einen Gummibaum nach hinten. Durch sein Zimmer, das Vorzimmer, raus auf den Flur. Dort klatschte er ihn an die Steinwand. Recht so, Herr OB". Unvorstellbar.

Passiert ist es tatsächlich. Natürlich nicht zwischen Rockenbauch und Schuster. Die legendäre "Krawättles-Affäre" fand vor 20 Jahren statt, im Schorndorfer Rathaus und die Schlipszerrer hießen Helmut Palmer und Winfried Kübler. Der eine trug den Kampfnamen "Remstal-Rebell", der andere die Verantwortung für die Stadt und dafür, dass der Obsthändler ein halbes Jahr keine Äpfel auf dem Marktplatz verkaufen durfte. Das gerichtliche Nachspiel dauerte damals mehr als vier Jahre, der Richter fand das Buch "Hitlers willige Vollstrecker" auf dem Tisch, die Staatsanwältin musste sich als Mitglied einer "kriminellen Vereinigung" beschimpfen lassen, der Berichterstatter der "Schorndorfer Nachrichten" als "Berufssudler". Es war einer von 21 Prozessen, die baden-württembergische Amtsgerichte gegen Palmer führten.

Das waren noch Zeiten. Es waren die Jahre von 1981 bis 1995, in denen Helmut Palmer an mindestens 223 Bürgermeister- und Oberbürgermeisterwahlen teilnahm - gerne mit den einleitenden Worten: "Herr Vorsitzender, verehrte Gegner, liebe bedauernswerte Manipulierte, Belogene und Betrogene". Palmer war gefürchtet, gehasst, heimlich bewundert, weil er sich vor nichts und niemandem fürchtete und so unverschämt respektlose Briefe schrieb. Wie jenen an den früheren Umweltminister Harald B. Schäfer (SPD): "Sehr geehrter Herr Minister Schäfer, daß Sie die Frechheit besitzen und sich schon wieder mit einer Mehrwegflasche fotografieren lassen, finde ich unerhört. Ich selber bin der Überzeugung, daß Sie die größte Mehrwegflasche von BW sind".

Was so anekdotenhaft daher kommt, wird der Person Palmer selbstredend nicht gerecht, soll nur nochmal schlaglichtartig zeigen, wie er sein konnte, wenn der Furor mit ihm durchbrach, der auch sein Leiden an den Verhältnissen widerspiegelte. Gegen alte und neue Nazis, gegen die Bürokratie, gegen den Untertanengeist. Die Episoden sollen ahnen lassen, was sich auch sprachlich verändert hat, im Kampf zwischen oben und unten, und im Umgang untereinander, in dem der eine gegen die Wand und der andere, Sohn Boris etwa, durch die Tür rennt.

Wer in diese Vergangenheit reisen will, die viel mit Gegenwart und Zukunft zu tun hat, findet in Jan Knauer einen hervorragenden Guide. Der 30-Jährige Historiker hat Helmut Palmer zu seiner Dissertation ("Bürgerengagement und Protestpolitik") gemacht, sprich die erste wissenschaftliche Arbeit vorgelegt, die sich umfassend mit dem damaligen "Sprachrohr des Protests" beschäftigt. Knauer ist in Grunbach geboren, dem Nachbarort von Geradstetten, wo Palmer gelebt hat, studiert hat er am Philosophischen Institut der Uni Tübingen, getroffen hat er seinen Protagonisten nie, aber als "etwas ganz Besonderes" wahrgenommen. Drei Jahre, finanziert von der Friedrich-Ebert-Stiftung, hat Knauer an der Dissertation gearbeitet, unendlich viele Quellen heran gezogen, die in dieser Gesamtheit noch nie zusammen gekommen sind: Das Privatarchiv der Palmers, 80 Ordner stark; unzählige Dokumente aus dem Justizministerium, in dessen Gefängnissen das "Maschinengewehr der politischen Agitation" oft saß; Akten aus Rathäusern, die Bürgermeister aus dem Keller geholt haben; Presseartikel, die sich auf sage und schreibe 27 Seiten im Quellenverzeichnis der 404 Seiten starken Dissertation summieren.

Die Lektüre ist nie langweilig, nie sperrig, weil sie eine Zeitreise durch die baden-württembergische Landesgeschichte ist, deren Akteure immer Assoziationen wecken. Gute wie schlechte, je nach Standort. Hans Karl Filbinger, der Palmer als Ex-Marinerichter besonders verhasst war, Erwin Teufel, der ihn nur als Querulanten sah, Justizminister Ulrich Goll, der ihn als "unverbesserlichen Wiederholungstäter" einsperren ließ, die Grünen Fritz Kuhn, Rezzo Schlauch, Dieter Salomon, die ihn aus dem Knast holen wollten. Walter Jens, Hermann Scheer, Hermann Bausinger, Hertha Däubler-Gmelin, Hermann-Arndt Riethmüller von Osiander - alles Palmer-Fans. 

In einem Nachruf auf Palmer, der an Weihnachten 2004 gestorben ist, schrieben Manfred Rommel und Hermann Scheer: "Helmut Palmer ließ ahnen, wie wir die Gesellschaft, in der wir leben, auch anders gestalten können. Mit einer Politikform, in der sich Bürger stärker engagieren und für das gemeinsame Wohl einsetzen. Dafür müssen sie aber auch Plattformen und Instrumente zur Verfügung bekommen, um sich effizient und erfolgversprechend am Willensbildungs- und Entscheidungsprozess beteiligen zu können. Vor allem hat er aber Beispiel gegeben, sich für seine Überzeugungen einzusetzen und die Courage zum eigenverantwortlichen Handeln aufzubringen, auch wenn dadurch Ungemach droht. Palmer ermutigte seine Mitmenschen, sich einzumischen und teilzuhaben am Staat, an der gemeinsamen Sache, die alle angeht und betrifft. Das machte ihn schon zu Lebzeiten zu einer Legende". Warum also die Legende nicht wach werden lassen? 

 

Zu finden ist die Dissertation hier.

Der Stuttgarter Theiss-Verlag plant, sie 2014 als Buch herauszugeben.


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