Für 2018 geben wir uns schon mal die Kugel. Karikatur: Oliver Stenzel

Ausgabe 352
Zeitgeschehen

Tschüss 2017

Von Anna Hunger
Datum: 27.12.2017
Mehr als 600 Artikel in 51 Ausgaben haben wir 2017 veröffentlicht. Über Arme und Reiche, Studierende und Rentner, Waffenlieferanten, Kultur und Kino, Rechte und Linke, Tunnel, Tänzer und Windkraftanlagen. Für unsere Silvesterausgabe haben wir eine Auswahl unserer wichtigsten Themen des vergangenen Jahres zusammengestellt. Weil wir nicht nur einzelne Momente abbilden wollen, sondern im Sinne eines nachhaltigen Journalismus auch die Geschichten hinter den aktuellen Themen, haben wir gefragt, was aus ihnen wurde. Schauen Sie mit uns zurück auf 2017. Und voraus ins neue Jahr.

"Zugpferd und Zumutung", so hieß der allererste Text des Jahres 2017. Der Inhalt: "Winfried Kretschmann, der für viele Grüne zu sehr nach der CDU und der Wirtschaft schielt, soll als Zugpferd bei der Bundestagswahl bis hoch in den Norden Stimmen holen. Und im Extremfall damit Rot-Rot-Grün ermöglichen." Rot-Rot-Grün? Allein, dass dieser Gedanke einmal im grünen Umfeld gedacht worden ist, klingt heute wie aus einem ganz anderen Jahrhundert. Dann kam Schulz. Die versackte SPD, dachte man, kriecht mit ihm aus dem Loch und steuert im Land mit der linken Kandidatin Leni Breymaier wieder mehr in Richtung Gerechtigkeit. Aber diese zart aufkeimende Hoffnung endete schnell – in Kontext mit dem traurigen Titel "Hurra, wir leben noch" – und einem Maulkorb für die Heidelberger Leiterin des Interkulturellen Zentrums Jagoda Marinić. Die hatte es tatsächlich gewagt, sich im Kontext-Interview SPD-kritisch zu äußern.

Der sechste Kontext-Geburtstag hat sich in ein Jahr 2017 voller Jahrestage und Jubiläen gefügt: Wir haben über 50 Jahre Schutzgemeinschaft Fildern und den 500. Bürgerentscheid in Baden-Württemberg berichtet, über 40 Jahre RAF und 40 Jahre Punk in Stuttgart. 20 Jahre ist die Ruck-Rede des "Bundesschwadroneurs" Roman Herzog her, wir haben 45 Jahren Berufsverbot gedacht, 100 Jahre Oktoberrevolution mit einer Sonderausgabe bedacht und den allerersten Tango auf Stuttgarts Hauptverkehrsader Theodor-Heuss-Straße dokumentiert. In Wort und Bild.

Wir waren 2017 oft überrascht. Zum Beispiel darüber, dass der Welt-Toiletten-Tag zwar albern klingt, aber einen klugen Hintergrund hat. Oder darüber, dass die rechtliche Begründung gegen eine Äffle-und-Pferdle Ampel in Stuttgart noch blöder ist als die Idee einer solchen an sich. Über die immense Höhe staatlicher Förderung, welche die Atomenergie-Branche seit den Siebzigerjahren kassiert hat. Wie teuer Wohnen noch werden kann, wo es doch fast nicht mehr teurer geht. Oder über das Stuttgarter Pressehaus, das im vergangenen Jahr nicht nur einem schwer umstrittenen Ex-Berater von Donald Trump eine breite Plattform bot, sondern auch dem AfD-nahen "Deutschland-Kurier".

Warum müssen wir Feinstaub einatmen?

Wir haben uns gewundert. Warum doch gleich gibt es auf die eine Dose Pfand und auf die andere nicht? Wie um Himmels willen geht das BKA mit persönlichen Daten um? Warum fruchten gute Idee wie das bedingungslose Grundeinkommen so wenig und warum ist der Gedanke der Gerechtigkeit oft so weit weg von der Realität? Warum gibt es Gerichte und deren Urteile, wenn die Politik sie nicht befolgt? Warum müssen wir Feinstaub einatmen, einen Dieselskandal tolerieren, warum ist Daimler, dieser riesige, milliardenschwere Konzern, so wenig innovativ? Und wer zum Geier hat die AfD in den Bundestag gewählt? All diesen Fragen sind wir in diesem Jahr nachgegangen.

Anwärter auf die Überschrift des Jahres 2017 gibt es gleich drei: Die "Eh-wurscht-Akten" aus dem NSU-Untersuchungsausschuss, "Der Toni vom Saunaklub", eine Geschichte über Anton Schlecker. Und den "G-Punkt der AfD". Noch ein paar Daten zum Jahresende: Der best-geklickte Text 2017 war "Pforzheim – Stadt der Extreme" zwischen Goldschmuck und Rechtspopulisten. Gefolgt von "Denglers Auftrag" (Wolfgang Schorlau zur Kritik an der Verfilmung seines Romans) und "Mimimi und Blablabla", eine Schaubühne über die Heidelberger Street-Artistin Barbara. "Lidl lohnt sich – für einen" ist unter den Top 10 und ein Text über die andere Seite des Hanns Martin Schleyer, der zum 40. Todestag 2017 als Märtyrer gefeiert wurde.

Große Geister sind 2017 gegangen. Bahnchef Grube hat die Bahn ihrem Schicksal überlassen und Kevin Großkreutz hat sich aus dem VfB geprügelt.

Wir haben uns geärgert über die Idee, den Stuttgarter Eckensee zu überbauen. Herrgottsblitz! Über eine teure Expertenkommission zur Altersversorgung von Parlamentariern, über Jung-SPDler, die weniger Brandt und mehr Kapitalismus wollen. Wir waren nicht überrascht von den Milliarden an Mehrkosten für Stuttgart 21, aber wir haben uns geärgert, dass wir seit Jahren über das Bahnprojekt berichten, und nun genau das, was Kritiker lange vorausgesagt haben, tatsächlich eintrifft. Und die Offiziellen tun so, als wäre das alles neu. Geärgert haben wir uns auch über den Vorschlag, Geflüchteten, die einen Arbeitsplatz haben, die Kosten für ihre Unterkünfte drastisch zu erhöhen. Darüber, wie machomäßig es bei der Besetzung von Spitzenpositionen bei den Grünen zugeht.

Stuttgart hat jetzt einen Eisberg

Wir haben getrauert. Um die Gewerkschafterin Christina Frank, die im August gestorben ist. Wir hatten mit klugen Bürgermeistern zu tun, wie Peter Kurz (SPD, Mannheim) oder Richard Arnold (CDU, Schwäbisch Gmünd), und mit anderen, wie Boris Palmer (Grüne, Tübingen), dem man rechtspopulistische Sprüche nicht durchgehen lassen will.

Und natürlich konnten wir auch Positives berichten. Dass es auch gute Investmentbanker gibt, dass die linke Kultkneipe Räuberhöhle in Ravensburg, die jahrelang immer wieder knapp vor dem Dichtmachen stand, endgültig gerettet ist. Und dass der Kopp-Verlag sein Hetz-Portal Kopp-Online eingestellt hat. Hallelujah.

Wir haben gelacht! Über Thomas Strobl, den Meister der Inszenierung. Über die Deutsche Bahn, deren Aufsichtsratschef im Mai tatsächlich einen Vortrag über "innovatorisches Scheitern als Regelfall" hielt. Über das neue und höchst exklusive Stuttgarter Einkaufsviertel Dorotheen-Quartier, von dem alle dachten, dessen Dach sei mit Schutzfolie ummantelt, die irgendwann mal weg kommt. Es war dann doch architektonischer Wille und sieht aus wie ein Eisberg.

Und wir haben gekämpft – gegen die politische Instrumentalisierung der G20-Proteste und für den Ruf derjenigen, die wie die G20-Fotografen, linksunten.indymedia, das Freiburger KTS und das Stuttgarter Lilo Herrmann zu Opfern des Wahlkampfs von Innenminister Thomas de Maizière wurden.

Wir haben uns nicht nur gewundert, geärgert oder manches Mal auch gefreut. Wir haben auch in bester journalistischer Manier die Hintergründe recherchiert und die Zusammenhänge aufgezeigt. Und wir werden auch im kommenden Jahr weiter die Augen offen halten. Versprochen.


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5 Kommentare verfügbar

  • Charlotte Rath
    am 27.12.2017
    Danke fürs Dranbleiben an bestimmten Themen, fürs konkrete Tun übers Schreiben hinaus, fürs Abseitige und fürs Grundsätzliche. Allen Kontext-Beteiligen genügend Peanuts für 2018 und weiterhin viel Empathie, Aufklärungswille und gerne noch mehr Courage in Bild- und Wortgestalt!
    • Schwa be
      am 28.12.2017
      Dem schließe ich mich gerne an!
  • Schwa be
    am 27.12.2017
    "... kriecht mit ihm aus dem Loch und steuert im Land mit der linken Kandidatin Leni Breymaier wieder mehr in Richtung Gerechtigkeit."!
    Diese Aussage ist mir (leider wie so oft) zu undifferenziert und damit mißverständlich - links im Sinne von echter Sozialdemokratie bzw. linker Politik oder links im Sinne des linken Parteiflügels der heutigen SPD?
    Leni Breymaier ist m.E. keine echt "linke" Kandidatin - denn weder handelt noch redet sie so. Maximal ist sie m.E. dem linken Flügel der heutigen SPD zuzurechnen, was bedeutet, dass auch sie neoliberale Politik vertritt. Denn die heutige SPD ist durch und durch neoliberal und der erweiterten, sogenannten Politik der "Mitte" zuzuordnen.
    Echte Sozialdemokratie bzw. echte linke Politik zugunsten der Bevölkerungsmehrheit (der lohnabhängig Beschäftigten) geht anders - siehe Jeremy Corbyn GB, Bernie Sanders USA, Albrecht Müller www.nachdenkseiten.de oder Karl Marx D.
    • Peter Meisel
      am 27.12.2017
      Danke für den Kommentar, Dem kann ich mich nur anschließen.
      Wann schauen wir hin und erkennen, was getrieben wird um an der "Macht" zu bleiben?
      An den Souverän in diesem Land: Regiere dich selbst! Ich habe beschlossen für mich die Bedingungen zu schaffen, unter denen ich auf Dinge verzichten kann!
      (Eine intelligente Askese frei nach Brancusi)
  • Waldemar Grytz
    am 27.12.2017
    Danke für Euren engagierten, unabhängigen Journalismus und weiter so! Ein gutes besseres 2018.

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