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Neubausiedlung in Freiburg

Absurder Abriss

Neubausiedlung in Freiburg: Absurder Abriss
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In Freiburg wird die Arbeitersiedlung Metzgergrün von der kommunalen Wohnungsgesellschaft abgerissen. Noch vorhandene Häuser und deren Bewohner:innen müssen zum Teil teuren Eigentumswohnungen weichen. Nachhaltig ist das nicht.

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Was Martin Horn ankündigt, klingt verheißungsvoll: "Wir verdoppeln die Wohneinheiten und wir verdreifachen den Wohnraum bei diesem Projekt. Es geht um Nachhaltigkeit, um Wohnen für alle", sagt der parteilose Freiburger Oberbürgermeister am 16. April beim Spatenstich für den zweiten Bauabschnitt im Freiburger Quartier Metzgergrün. Andere sind weniger begeistert. "Dass dieses Großprojekt so möglich war, ist für viele von uns immer noch nicht nachvollziehbar", sagt Mieterin Sophia Grässlin.

Es sind zwei Welten, die hier aufeinanderprallen. Auf der einen Seite viele wohlklingende Worte mit zahlreichen geladenen Gästen und Feierstimmung beim symbolischen Sandschaufeln zwischen Mondlandschaft und schon fertiggestellten Häusern. Auf der anderen Seite die Mieter:innen, die in ihren oft nicht besonders großen Wohnungen darauf warten, dass auch ihre Häuser abgerissen werden und die kleinen Gärten mit stolzen Rosmarinbüschen, Blumenbeeten, Feigenbäumen und zahlreichen Erinnerungen ebenfalls den Baggern zum Opfer fallen. Beim Besuch im Metzgergrün hört und sieht man die Lastwägen fahren, die den Schutt abholen, wo die Häuser schon abgerissen beziehungsweise – wie es die Geschäftsführerin der kommunalen Wohnungsgesellschaft Freiburger Stadtbau (FSB) Magdalena Szablewska am 16. April ausdrückt – "rückgebaut" wurden.

Das klingt schöner, und schön sollte es klingen, schließlich stand zehn Tage später die Oberbürgermeisterwahl an und Martin Horn wollte wiedergewählt werden. Gleich mehrere Spatenstiche kurz vor der Wahl sollten wohl zeigen: Hier packt jemand den Wohnraummangel an! Ob es diese Strategie war, die ihm zum Erfolg verholfen hat? Jedenfalls gewann der parteilose Horn schon im ersten Wahlgang am 26. April die Wahl mit knapp 53 Prozent, obwohl eine Mehrheit im Gemeinderat, unter anderem die Grünen, die Gegenkandidatin Monika Stein unterstützte. Gegen Horn, der weiß, wie er Dinge verkaufen muss, hatte sie keine Chance.

Baumfällungen bewacht von Security

Manche Dinge verkaufte Horn aber etwas arg positiv. Im Metzgergrün jedenfalls lässt sich von einer Verdopplung der Wohneinheiten nur sprechen, wenn man den ersten Bauabschnitt miteinbezieht. Die dort auf einem früheren Caravanstellplatz errichteten 175 Wohnungen hätten allerdings ohne jeden Abriss der alten Bebauung hinzugefügt werden können. Die Zahl von 550 Wohnungen, die insgesamt entstehen sollen, lässt sich deshalb eigentlich nicht mit der bisherigen Zahl von 250 Wohnungen vergleichen, da das neue Projekt auf deutlich mehr Fläche errichtet wird. Dennoch bemühten FSB und Stadtverwaltung über Jahre immer wieder dieses Argument und sorgten wohl dafür, dass es im Freiburger Gemeinderat kaum Widerstand gegen das Projekt gab., das mit einer Mehrfachbeauftragung schon 2017 eingeleitet wurde.

Vor Ort im Quartier sah das anders aus. 2019 hingen aus zahlreichen Fenstern Protestbanner heraus. "Gewachsene nachbarschaftliche und soziale Strukturen müssen erhalten werden! Milieuschutz fürs Metzgergrün" war da zu lesen. Oder: "Gegen Abriss und Entgrünung – Rettet unser Quartier!" Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Zahlreiche Mieter:innen sind schon umgezogen; die, die noch da sind, haben resigniert. "Bei mir persönlich ist schon mindestens fünf Jahre Ausnahmezustand, seitdem der Auftakt dieses Bauprojekts für uns gewaltsam los ging", sagt Sophia Grässlin, die sich mit der Interessengemeinschaft Metzgergrün, die sich 2019 gegründet hatte, jahrelang gegen den Abriss einsetzte. Im Februar 2021 wurden Bäume in den Gärten gefällt, obwohl teilweise noch Widerspruchsverfahren gegen die Kündigungen der Mietverträge liefen. Sogar private Sicherheitsleute wurden dazu engagiert: Diese trugen unter anderem einen Bewohner an Armen und Beinen aus einem Garten, damit darin ungestört gewütet werden kann.

Auch für einen weiteren Bewohner des Quartiers, der hier seit knapp 20 Jahren wohnt und lieber anonym bleiben möchte, war die Gartenräumung ein einschneidendes Erlebnis. "Das Besondere an dem Viertel war die dörfliche Struktur, wo man die Haustür und das Fahrrad nicht abschließen musste, wo man aufeinander geschaut hat, wo die Leute Gärten hatten. Das war die Situation, bis es platt gemacht wurde", schildert er. Vor allem bedauere er die Zerstörung eines intakten Ökosystems mit etwa 700 Bäumen, darunter Mammutbäume und eine 100-jährige Esche. Mit seiner Familie zog er in eines der neuen Häuser des ersten Bauabschnitts. Zuvor wohnte er mit seiner dreiköpfigen Familie auf gerade einmal 42 Quadratmetern. "Die Wohnung war unfassbar gut geschnitten." Dazu kam noch ein Garten. "Ich hatte mich darauf eingestellt, diesen Lebensraum bis zu meinem Lebensende zu bewohnen." Daraus wurde nichts, die Forderung auf seinem Protestlaken "Lasst die Bagger in der Grube, raubt den Menschen nicht die Bude" wurde nicht erhört. Im Frühjahr 2026 rollten die Bagger, ein Drittel der alten Siedlung wurde abgerissen.

Sogar neue Sozialwohnungen sind teurer

Die Siedlung grenzt östlich an die Güterbahnlinie, die Freiburg durchzieht und die Stadt in einen reicheren östlichen Teil in Richtung Schwarzwald und einen ärmeren westlichen Teil, darunter die von Hochhäusern dominierten Stadtteile Weingarten und Landwasser, trennt. Gefühlt zählt das Metzgergrün aber eher zum ärmeren Westen Freiburgs. Anders als bei Mieter:innen in der August-Ganther-Straße im östlichen Stadtteil Waldsee, die sich gegen den drohenden Abriss ihrer Häuser durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben wehren, stand nicht die langjährige Fraktionsvorsitzende der Grünen, Maria Viethen, als Anwältin parat. Die Grünen, in Freiburg mit Abstand stärkste Fraktion, befürworteten über all die Jahre den geplanten Abriss im Metzgergrün.

Nachhaltigkeit, die die graue Energie ignoriert

2023 erhielt die Quartiersentwicklung von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen das Erschließungszertifikat in Platin. Soll heißen: besonders nachhaltig. Das hob FSB-Geschäftsführerin Magdalena Szablewska auch beim Spatenstich am 16. April hervor. Die CO2-Bilanz von Abriss und Neubau spielte dabei beim Zertifikat überhaupt keine Rolle. Darüber sprach am 16. April in der "Green City" niemand. OB Martin Horn betonte dafür, dass die alten Fensterläden bei den neuen Häusern für eine Sonnenfassade, also die Verschattung, benutzt werden.  (fk)

Wenn es mit der Verdoppelung der Wohneinheiten und der Nachhaltigkeit (siehe Kasten) vielleicht gar nicht so weit her ist, wie sieht es denn dann mit dem von Martin Horn erwähnten Wohnen für alle aus? FSB-Co-Geschäftsführer Matthias Müller erklärte beim Spatenstich, dass für jeden etwas dabei sei, gemeint waren auch die Eigentumswohnungen, die in den Neubauten entstehen. Im bereits fertiggestellten ersten Bauabschnitt gibt es 24. Knapp die Hälfte sind noch nicht verkauft, darunter etwa 120 Quadratmeter große Maisonettewohnungen, die für über 900.000 Euro angeboten werden. Neben dem Wunsch, Erträge zu erwirtschaften, betonte Müller, Eigentumswohnungen auch für die Vielfalt zu bauen. Man wolle eine bestmögliche Mischung im Quartier erzielen und nicht die Fehler der 1970er-Jahre wiederholen, als man Quartiere mit homogenem Milieu erschaffen habe.

Dabei könnten gemischte Quartiere auch ganz ohne teure Eigentumswohnungen entstehen: Schließlich hat sogar ein Zwei-Personen-Haushalt mit einem jährlichen Einkommen bis 60.350 Euro in Baden-Württemberg ein Anrecht auf einen Wohnberechtigungsschein für Sozialwohnungen – mit über 5.000 Euro pro Monat sind dies nicht die Ärmsten der Gesellschaft. Abgesehen davon, dass Vielfalt auch maßgeblich durch andere Faktoren wie Alter, die Familienkonstellation oder Herkunft bestimmt wird. In Freiburg hätte über die Hälfte der Bevölkerung Anrecht auf einen Wohnberechtigungsschein, trotzdem geht die städtische Wohnungsbaugesellschaft im Metzgergrün nicht über die ohnehin für Neubauprojekte geltende Vorgabe hinaus, mindestens 50 Prozent Sozialwohnungen zu errichten. Deshalb werden auf der Fläche der alten Siedlung insgesamt lediglich 150 der insgesamt 275 geförderten Wohnungen entstehen. Noch absurder: Im bereits fertiggestellten Bauabschnitt liegen die Mieten in den Sozialwohnungen im Durchschnitt bei circa neun Euro pro Quadratmeter. In der alten Siedlung mit ehemals 250 Wohnungen liegt die durchschnittliche Kaltmiete, obwohl die Wohnungen schon längst keine Sozialwohnungen mehr sind, bei nur 6,39 Euro pro Quadratmeter.

Der Abriss wäre nicht alternativlos

Da die noch stehenden Häuser im dritten und vierten Bauabschnitt gleichzeitig abgerissen werden sollen, müssten die dortigen Bewohner:innen der alten Siedlung, wenn sie im Quartier bleiben wollen, in den zweiten Bauabschnitt ziehen. Schon zu Beginn der Planung hatte eine Skizze der FSB bei einer Sitzung im Quartiersbüro für Aufsehen gesorgt. Dort war für die Häuser an der Güterbahnlinie zu lesen: "Lärmschutzriegel (Sozialwohnungen)", was bedeutet, dass ein Gebäuderigel, "größtenteils mit Sozialwohnungen", den Lärm vom restlichen Quartier fernhalten soll. Zum Ärger von Sophia Grässlin und ihren Nachbar:innen. "Es ist skandalös, nur interessiert sich dafür niemand", klagt sie.

Die noch nicht abgerissenen 168 Wohnungen im alten Metzgergrün stehen auf rund zwei Dritteln der Fläche der alten Siedlung. Hier wird sich die Zahl der Wohnungen nicht erhöhen. Doch nicht nur das. Etwa die Hälfte der Wohnungen, nämlich 83, sollen in diesem ruhigsten Filetstück des Viertels Eigentumswohnungen werden und nur 25 sozial gefördert. In den noch zu entstehenden "frei finanzierten" Wohnungen werden die zukünftigen Mieter:innen aufgrund des steigenden Mietspiegels mehr als die 13,60 Euro der bereits fertiggestellten Wohnungen zahlen müssen. Ob das unter die Kategorie "bezahlbar" fällt?

Einen Zwang zum Abriss dieser Häuser, die im ruhigsten Teil des Metzgergrüns Platz für zahlreiche Eigentumswohnungen machen sollen, gibt es nicht. Das stellte auch der renommierte Altbausanierer Willi Sutter bei der Podiumsdiskussion "Umbau statt Abriss" der Freiburger Grünen klar. "Es wäre erhaltbar gewesen. Ich habe mir das angeguckt. In den Erdgeschossen wäre das barrierefrei machbar. Die Häuser sind aufstockbar." Er widerspricht damit der Stadtbau, die Sanierung und Aufstockung schon 2013 als unwirtschaftlich abgetan hatte. BewohnerInnen hatten damals selber die Initiative ergriffen und sich für Sanierung und Aufstockung eingesetzt. An eine Kehrtwende von Stadt und FSB glaubt Sutter aber nicht. "Man muss mit seinem Nervenhaushalt so umgehen, dass man nicht ganz verzweifelt, und sich aus Dingen raushalten, die gegessen sind." Vier Tage nach dem öffentlichkeitswirksamen Spatenstich mit OB Horn fand im Quartier noch ein Rundgang mit der Gegenkandidatin Monika Stein statt. Im Wahlkampf hatte sie zwar die Abrisspolitik im Allgemeinen kritisiert, den speziellen Fall Metzgergrün aber auch als "gegessen" angesehen. Beim Ortsbesuch versprach sie dann doch den Mieter:innen, die Pläne noch einmal prüfen zu wollen. Die Wahl hat sie krachend verloren. Und mit noch mehr Krach werden bald die noch stehenden Arbeiterhäuser zusammenfallen, um teurem Neubau zu weichen.

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1 Kommentar verfügbar

  • Kurt
    vor 2 Stunden
    Antworten
    Haben sich die Verantwortlichen der kommunalen Wohnungsgesellschaft Freiburger Stadtbau (FSB) nicht sogar strafbar gemacht, wenn sie die bezahlbaren Mietwohnungen, die ihnen anvertraut sind, in Eigentum umwandeln und die Mieter daraus vertreiben lassen?

    Ist das die Strategie der Grünen für ihre…
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