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NSU: Maulkorb für Drexler

Wolfgang Drexler, der Vorsitzende des ersten und des zweiten NSU-Untersuchungsausschusses im Landtag, soll seine massive schriftliche Kritik am ARD-Film zum Mord an Michèle Kiesewetter vorerst nicht wiederholen. Der frühere SPD-Fraktionschef und Landtagvizepräsident hatte die Produktion, die am Montag ausgestrahlt wurde und für die der SWR mitverantwortlich zeichnet, als "grob falsch, unsachlich und anstößig" bezeichnet. Jetzt liegt der Landtagsverwaltung ein mehrseitiges Schreiben eines Rechtsanwalts vor, in dem Drexler zur Unterlassung etlicher Aussagen aufgefordert wird.

Drexler hatte sich per Pressemitteilung nach der Trauerfeier zum zehnten Jahrestag des Terroranschlags geäußert. Auf dieser habe er Kollegen getroffen, die wie er selbst den Fernsehbeitrag "mit Bestürzung" verfolgt hätten. Ein Punkt von vielen: Es sei suggeriert worden, die Polizistin habe selbst Heroin konsumiert und sei davon abhängig gewesen. Das verstoße "nicht nur gegen das Gebot journalistischer Sachlichkeit", sondern sei gerade zum jetzigen Termin "unpassend und für die Angehörigen belastend, wie etwa die ebenfalls verwendeten Bilder der grausam Ermordeten im Badeanzug". Er halte "derartige gänzlich unbewiesene Anwürfe für grob anstößig". Für Heroinkonsum hätten sich in der "intensiven mehrjährigen Aufklärungsarbeit" keine Hinweise ergeben.

Als "ähnlich perfide" bezeichnet der frühere Landtagsvizepräsident und SPD-Fraktionsvorsitzende die Versuche, "trotz ausführlicher Widerlegung, unmittelbare Kontakte zu Rechtsextremen zu unterstellen". Zudem irritiere, "dass die Verfasser sich offensichtlich nicht die Mühe gemacht hätten, die Protokolle oder wenigstens die Abschlussberichte der Untersuchungsausschüsse des Bundestags und des Landtags von Baden-Württemberg zur Kenntnis zu nehmen. Etwa wenn es um das Umfeld der beiden Opfer in ihrer Einheit gehe, auch würden die mittlerweile erfolgten teilgeständigen Einlassungen von Beate Zschäpe, die die Täterschaft von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos auch an der Tat von Heilbronn einräumt, vollständig ignoriert, ebenso wie etwa das Bekennervideo des NSU und seine Entstehung bereits bis Ende 2007". Mündlich wiederholen mochte der Ausschussvorsitzende seine Kritik einen Tag vor den nächsten Zeugenvernehmungen nicht. Die Landtagsjuristen prüfen gegenwärtig das Schreiben des Anwalts. (27.4.2017)


Offene Wunde in Heilbronn

"Wir hoffen alle, dass vielleicht doch noch mehr Licht in die Vorgänge kommt." Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat am zehnten Jahrestags des Anschlags auf Polizisten Michèle Kiesewetter und ihres Kollegen Martin Arnold genutzt, zumindest indirekt eine Fortsetzung der Ermittlungsarbeit zu verlangen. Der Heilbronner OB Harry Mergel (SPD) wurde auf der Gedenkfeier deutlicher: "Warum Heilbronn? Wieso Michèle Kiesewetter? Und weshalb der 25. April 2007?" Solange diese Fragen "nicht ausreichend beantwortet werden können, gibt es auch hier in Heilbronn eine offene Wunde".

Angestoßen wurde die Diskussion um neue Ermittlungen auch durch die Bundesanwaltschaft. Sie geht der Entstehung eines Graffito mit dem Kürzel "NSU" nach, das auf einer Mauer am Tatort aufgesprüht war. Bisher lautet die offizielle Version, dass das NSU-Trio für den Anschlag verantwortlich ist. Immer wieder und aufgrund zahlreicher anderer Spuren sind die Zweifel an dieser Darstellung nicht ausgeräumt. Bisher waren an Tatorten weder Bekennerschreiben des NSU noch andere Hinweise gefunden worden. Entdeckt worden waren die drei Versalien in schwarzer Farbe vom Filmemacher Clemens Riha beim Sichten von SWR-Archivmaterial. (25.04.2017)


AfD: Nichts wissen, nichts machen, nichts zahlen

Schon wieder hat AfD-Fraktionschef Jörg Meuthen ein Versprechen nicht gehalten. Aber wahrscheinlich kann er nicht mehr daran erinnern, dass er am 6. März zum ersten Mal seit dem Einzug in den Landtag zu einer regulären und nicht durch Skandale, Trennungen oder Wiedervereinigungen notwendig geworden Pressekonferenz geladen hat. Um mitzuteilen, dass seine Fraktion selbstverständlich der Ankündigung nachkommt, dem Landtag die Gelder zurückzuzahlen, die die vorübergehende Fraktionsspaltung gekostet hat. Sogar ein Datum konnten Meuthen und Fraktionsvize Rainer Podeswa nennen: den 11. März 2017, jenen Tag also an dem die Frist für die Rechnungslegung der Fraktionen ohnehin abläuft. Bis dahin sollten 257.000 Euro fließen. Insgesamt war von 425.000 Euro, einmal auch von 571.000 Euro die Rede.

Eingelöst wurde die Zusicherung nicht. Meuthen und die Seinen, die schon bei unvergleichlich geringeren Anlässen Zeter und Mordio schreien angesichts des Sittenverfalls der von ihnen sogenannten Altparteien, haben nach Auskunft der Landtagsverwaltung gar nichts zurückgezahlt. Jetzt verlangt der Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Ex-Innenminister Reinhold Gall, von der Landtagsverwaltung, eine "härtere Gangart" einzuschlagen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Vor allem auf Facebook, dem wichtigsten Kommunikationsmittel der AfD, hatte sich die Fraktion immer wieder dafür gerühmt, alle Gelder zu erstatten. Tatsächlich war das peinliche Finanzgebaren schon in der Plenarsitzung vom 9. Februar Gegenstand der Debatte, als FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke daran erinnert, dass "die operettenhafte Fraktionsteilung" viel Geld gekostet habe und konkret fragte: "Haben Sie zurückgezahlt?" Laut Protokoll rief der AfD-Fraktionschef: "Ja, natürlich!". Inzwischen will Meuthen die Äußerung auf die schon geflossenen Gelder bezogen wissen, ohne konkret zu sagen, um welche Summen es sich handelt. Wahrscheinlich hat er es nicht (mehr) gewusst. (21.4.2017)

Mehr zum Thema: "Sein Name ist Hase"


Kakteen lassen IHK-Vollversammlung platzen

Johannes Schmalzl, früher Zentralstellenleiter im FDP-geführten Justizministerium, dann Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz und Stuttgarter Regierungspräsident, ist am Donnerstagabend nicht wie geplant zum Hauptgeschäftsführer der IHK Stuttgart gewählt worden. Die kammerkritische Kaktus-Initiative hat die Vollversammlung platzen lassen. Zuvor fand der vorab angekündigte Antrag der IHK-Rebellen zur Änderungen der Tagesordnung allerdings keine Mehrheit. Darin war verlangt worden, Tagesordnungspunkte, die in der vorigen Vollversammlung nicht behandelt wurden, noch vor der Wahl abzuhandeln.

Nach der Abstimmungsniederlage zog ein Großteil der Initiative aus, während einer ihrer Sprecher mit Erfolg die Feststellung der Beschlussunfähigkeit der Versammlung forderte. Damit war die Vollversammlung beendet. Jetzt soll es zu einer Sondersitzung kommen, um Schmalzl vor der nächsten turnusmäßigen Sitzung im Juli zu wählen. Am Vorgehen der Kakteen gibt es Kritik – auch in den eigenen Reihen. Mehrere Mitglieder hatten die Versammlung mit ausdrücklichem Hinweis auf die demokratische Niederlage in der Abstimmung über die Tagesordnung nicht verlassen. Jetzt sollen interne Beratungen stattfinden.

Jürgen Klaffke, einer der führenden Kakteen, hatte im Vorfeld der Vollversammlung für die Verschiebung der Wahl plädiert. Sein Argument: Es könne nicht sein, "dass eine Findungskommission nach monatelanger Suche einen einzigen Kandidaten präsentiert". Da der Vertrag mit dem amtierenden Hauptgeschäftsführer Andreas Richter erst Anfang des nächsten Jahres ausläuft, sei genügend Zeit, das Verfahren für eine Kandidatensuche nochmals aufzurollen. Die Kaktus-Initiative, die unter anderem für die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft eintritt, hält ein Drittel der hundert Sitze. (20.4.2017)

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Besonders viele Evet-Sager in Stuttgart

Nur in Dortmund, Essen und Düsseldorf haben mehr Deutschtürken für Recep Tayyip Erdogans Präsidialsystem gestimmt als in Stuttgart. Mit 66,22 Prozent liegt die Landeshauptstadt nach den Zahlen der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auch über dem Deutschland-Schnitt von 63,2 Prozent. Das Ergebnis der Bundesrepublik ist international von besonderer Bedeutung, weil mit rund 1,4 Millionen Menschen nirgends mehr Auslandstürken wahlberechtigt waren. Auffallend ist das Abstimmungsverhalten in Berlin, mit 50 Prozent Nein-Sagern, in der Schweiz mit 70 Prozent und in den USA mit sogar einer 90prozentigen Ablehnung der Verfassungsreform. In den Vereinigten Staaten hat allerdings weniger als ein Prozent der Bevölkerung einen türkischen Pass.

Dass sich aus dem Anteil an türkischstämmiger Bevölkerung allein kein Zusammenhang zum Abstimmungsverhalten ablesen lässt, zeigen nicht nur Berlin und Stuttgart, sondern EU-weit auch Belgien und Österreich. In beiden Ländern gibt es mehr als 70-Prozent Evet-Sager. In Belgien haben rund zwei Prozent der Menschen türkische Wurzeln, in Österreich aber mehr als fünf Prozent. Im deutschen Zustimmungsranking deutlich hinter Stuttgart rangieren unter anderem Karlsruhe mit 61 Prozent, Hamburg mit 57 und Nürnberg mit 55 Prozent. Nach den Zahlen von Anadolu hat die Hälfte der Deutschtürken ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt.


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Landesflughafen Stuttgart. Foto: FSG

Landesflughafen Stuttgart. Foto: FSG

Ausgabe 159
Wirtschaft

"Der Flughafen müsste uns auf Knien danken"

Von Jürgen Lessat
Datum: 16.04.2014
Vor Kurzem noch forderte er eine zweite Start- und Landebahn, Kostenpunkt mindestens 600 Millionen Euro, weil angeblich immer mehr Menschen in die Luft gehen. Doch jetzt fehlen dem Stuttgarter Airport Flieger und Fluggäste: Flughafenchef Georg Fundel ist unsanft auf dem Boden der Tatsachen gelandet – der Traum vom grenzenlosen Wachstum ausgeträumt. Wie kaum ein anderer verkörpert Fundel den Größenwahn, mit dem prestigebehaftete Infrastrukturprojekte hierzulande meist in den Sand gesetzt werden.

Wenn's schiefläuft, dann sind immer die anderen schuld. "Attraktive Winterzielgebiete vor allem in Ägypten sind aktuell nicht im Flugplan gewesen", erläutert Georg Fundel (60) jüngst vor der Presse, warum dem baden-württembergischen Landesflughafen die Passagiere fehlen. Auch steigende Ticketpreise hat der seit 1996 für Verkehr, Controlling und Finanzen zuständige Geschäftsführer der Stuttgarter Flughafengesellschaft im Angebot, wenn es um Gründe für den wirtschaftlichen Sinkflug des Schwaben-Airports geht. Nicht zuletzt kriegen auch die Gewerkschaften ihr Fett ab. "Die zahlreichen Streiktage bei den Piloten haben viele Passagiere vom Reisen abgehalten", beklagt der Flughafenmanager, was den Start ins aktuelle Geschäftsjahr versemmelt hat. Gerade mal 1 688 979 Passagiere wurden zwischen Januar und März auf dem Stuttgarter Airport gezählt. Das sind 4,6 Prozent weniger als im gleichen Quartal des Vorjahres (1 771 254). Noch dramatischer sank die Zahl der Flugbewegungen: Sie lag mit 18 818 Starts und Landungen um 6,2 Prozent unter dem Vergleichszeitraum (20 058 Bewegungen). Nur bei der durchschnittlichen Auslastung der Flüge ab Stuttgart gab es Lichtblicke. Sie stieg um 1,3 Prozent auf 68,9 Prozent.

Mit Prognosen auf Kriegsfuß: Flughafen-Manager Georg Fundel. Foto: FSG
Mit Prognosen auf Kriegsfuß: Flughafen-Manager Georg Fundel. Foto: FSG

Das "Tor zur Welt", so ein früherer Marketing-Slogan des Airports, kommt nicht mehr von Fleck. Dabei war schon 2013 ein bescheidenes Jahr für die Stuttgarter Flughafengesellschaft, an der Land und Landeshauptstadt hälftig Anteile halten. Mit 9,6 Millionen wurden in Stuttgart 1,5 Prozent weniger Passagiere als im Jahr 2012 gezählt. Die Zahl der Starts und Landungen sank sogar um 5,3 Prozent auf 124 588. Das sorgte dafür, dass der Umsatz des Flughafens 2013 um 2,3 Prozent auf 225,3 Millionen Euro zurückging. Der Gewinn sank sogar um mehr als ein Fünftel auf 23,8 Millionen Euro. Nach dem Fluggastaufkommen rangiert "STR" auf Platz sechs der größten deutschen Verkehrsflughäfen.

Noch vor Kurzem hatte Airport-Manager Fundel, der von 1982 bis 1989 unter dem damaligen Oberbürgermeister Manfred Rommel Wirtschaftsförderer der Stadt Stuttgart und danach bis zu seinem Wechsel in leitender Funktion bei der Landesgirokasse, heute LBBW war, in einer ganz anderen Welt gelebt. Und von ganz anderen Zielen und Zahlen nicht nur geträumt, sondern auch öffentlich gesprochen. Wachstum und Wohlstand, die üblichen Fortschrittsfloskeln, wollte er auf seinem Flughafen in die Tat umsetzen, mit einem massiven Ausbau des Luftverkehrsplatzes, der rund 25 Kilometer südlich der Landeshauptstadt mitten auf der inzwischen dicht besiedelten Filderhochebene angesiedelt ist.

Ein Gutachten lieferte hochfliegende Zahlen 

Anfang 2008 schien die Zeit dafür gekommen. Die neuen Billigflieger-Airlines hatten dem Stuttgarter Flughafen in Jahr zuvor mit erstmals über zehn Millionen Passagieren Aufwind beschert. "Neue Perspektiven" titelte damals die hauseigene Publikation "Flugblatt" über den möglichen Kapazitätsausbau, den das Münchner Beratungsunternehmen Intraplan Consult GmbH für die Flughafengesellschaft untersucht hatte. In den Ausbaugutachten prognostizierte Intraplan ein grenzenloses Wachstum am Himmel über der Republik: Die Nachfrage nach Flügen wird deutschlandweit steigen, so das damalige Studienfazit. Die Münchner Beratungsexperten sagten deshalb auch dem Stuttgarter Flughafen goldene Zeiten voraus. Stolze 17,3 Millionen Fluggäste würden im Jahr 2020 auf dem Landes-Airport abfliegen und landen. Allerdings nur, wenn der Flughafen seine Kapazitäten mit einer weiteren Betonpiste erweitert. "Baut der Airport nicht aus, finden nur 14,1 Millionen Fluggäste Platz", gab das "Flugblatt" die Warnung der Gutachter weiter.

Die Experten ermittelten auch, wohin sich die dann fehlenden 3,2 Millionen Passagiere verdrücken würden. Ergebnis: Wird die Nachfrage nicht in Stuttgart befriedigt, wird trotzdem geflogen. "Die Fluggäste weichen zum großen Teil nach München, Frankfurt und Zürich aus (rund zwei Millionen)", deutlich weniger Passagiere würden statt Stuttgart den Baden-Airpark zwischen Karlsruhe und Baden-Baden nutzen. "Das Wachstum bleibt dann nicht im Land", zitierte das "Flugblatt" Flughafenchef Fundel in der gleichen Ausgabe, "denn Flughäfen sind wichtige Wirtschaftsfaktoren für eine Region". Garniert wurde die Titelgeschichte mit den üblichen Segnungen, die ein derartiges Großprojekt bescherten. Global vernetzte Firmen seien auf einen nahe gelegenen Airport angewiesen, zitierte die Hauspostille Fundel. "Gerade in Baden-Württemberg, der Exportregion Nummer eins in Deutschland." Zudem bringen die Passagiere Arbeitsplätze – pro eine Million Fluggäste entstehen etwa 1000 Stellen.

Eine neue Piste brauchte das Land, aber dringend

"Die Gutachten haben gezeigt, dass wir für die Zukunft nur gerüstet sind, wenn wir eine zweite Start- und Landebahn bauen und unseren Betriebsbeginn auf fünf Uhr vorverlegen", so Fundel. Am Rande wurden auch die möglichen Kosten erwähnt. Bis zu 600 Millionen Euro sollte eine zweite Piste nördlich oder südlich der bisherigen Start- und Landebahn kosten. Sollten sich die politischen Gremien zeitnah zum Bau entschließen, wäre eine Inbetriebnahme im Jahr 2015 möglich, versprach das "Flugblatt".

Filderebene aus der Vogelperspektive: Beton und Bauwerke auf fruchtbarem Ackerboden. Foto: FSG
Filderebene aus der Vogelperspektive: Beton und Bauwerke auf fruchtbarem Ackerboden. Foto: FSG

Doch aus den hochfliegenden Pistenplänen Fundels wurde nichts. Nach deren Bekanntwerden entbrannte ein Proteststurm auf der Filderhochebene, die bis vor wenigen Jahrzehnten noch ein landwirtschaftlich geprägter Kulturraum war. Der Flughafen, die Landesmesse, großflächige Zersiedelung durch Industrie und Gewerbe, Wohnungsbau und Verkehrswege haben die fruchtbaren Böden, auf denen das berühmte Filderkraut gedeiht, inzwischen zum knappen Gut werden lassen. "Keine 2. Piste", kämpfte die "Schutzgemeinschaft Fildern" kompromisslos gegen weiteren Landverbrauch und zusätzlichen Lärm, den der Fundel'sche Flughafenausbau bedeutet hätte. Auch Umweltorganisationen und die damalige Opposition im baden-württembergischen Landtag aus Grünen und SPD stellte sich gegen die Ausbaupläne. "Die Flughafen-Gesellschaft schreibt die rasanten Fluggast-Zuwächse der letzten 20 Jahre einfach bis 2020 fort und begründet damit den Ausbaubedarf. Solche Prognosen sind blanker Unsinn. Das enorme Wachstum der Flug-Branche in den letzten Jahren wurde durch Kampfpreise ('Fliegen zum Taxipreis') angefacht. Die kräftig steigenden Ölpreise und der wegen zahlreicher Fusionen verringerte Konkurrenzkampf zwischen den Flugkonzernen werden zu deutlich höheren Ticketpreisen führen", kritisierten die Landtags-Grünen mit ihrem damaligen verkehrspolitischen Sprecher Werner Wölfle. Fundel bestritt dies damals. Tatsächlich ist es aber genau so gekommen.

Auch die Träume Fundels, Stuttgart zum Interkontinental-Airport auszubauen, erwiesen sich als unrealistisch. Zwar seien im innereuropäischen Verkehr immer mehr Direktverbindungen entstanden, gleichzeitig gab es aber im Interkontinentalverkehr eine deutliche Konzentration auf nur wenige Umsteigepunkte ("Hubs") in Europa, zu denen große, voll ausgelastete Langstreckenjets fliegen. "Diese Entwicklung wird sich noch verstärken, wenn der Airbus A 380 und der Boeing-Dreamliner erst einmal in großen Serien ausgeliefert sein werden. Zwischen den beiden großen deutschen 'Hubs' in Frankfurt und München ist für die Stuttgarter Träume kein Platz", prophezeiten damals die Grünen. Sie scheinen damit richtiger zu liegen als der verantwortliche Flughafenchef.

Die Politik kassierte Fundels Pistenpläne

Letztlich beugte sich auch Günther Oettinger dem Widerstand gegen den Pistenbau auf fruchtbarem Ackerland. Im Juni 2008 verkündete der damalige CDU-Ministerpräsident im Landtag, dass eine zweite Start- und Landebahn am Stuttgarter Flughafen nicht erforderlich ist. Im Vorfeld der Regierungserklärung hatte allerdings der damalige Verkehrsstaatssekretär Stefan Mappus für den Bau der zusätzlichen Piste plädiert.

Doch Zweifel am Pisten-Moratorium kamen bereits kurze Zeit später wieder auf. Erneut ausgelöst durch Flughafenchef Fundel, der Anfang 2010 wiederum laut über eine Kapazitätserweiterung nachdachte, kaum dass sich die Passagierflaute im Gefolge der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 etwas gelegt hatte. Diesmal ließ Stefan Mappus, der gerade zum Oettinger-Nachfolger als MP aufgestiegen war, dementieren. "Die Landesregierung hält an den Aussagen des damaligen Ministerpräsidenten, wonach eine zweite Start- und Landebahn nicht zwingend notwendig ist, uneingeschränkt fest", antwortete die damalige Verkehrsministerin und Mappus-Vertraute Tanja Gönner auf eine Anfrage der SPD.

Dass die Antwort so eindeutig ausfiel, ist auch einem weiteren Großprojekt zu verdanken, für das gerade der Startschuss gefallen war. Unter wütenden Protesten Tausender Demonstranten hatte die schwarz-gelbe Regierungsmehrheit im Land, freundlich unterstützt durch die Genossen, im Februar 2010 den Baustart für den Tiefbahnhof Stuttgart 21 gefeiert. Ein weiteres umstrittenes großes Verkehrsprojekt wäre dann doch zu viel des Guten gegenüber den großprojektkritischen Bürgern gewesen.

Airlines auf Sparflamme: weniger Maschinen auf dem Vorfeld. Foto: Lessat
Airlines auf Sparflamme: weniger Betrieb auf dem Vorfeld. Foto: Lessat

Für Flughafenchef Fundel blieben die krassen Fehleinschätzungen zur Entwicklung des Flugverkehrs bislang ohne Folgen. Sein Vertrag als Geschäftsführer läuft noch bis 2016. Und den will er laut eigener Aussage erfüllen. Als wäre nichts geschehen, hält er auch weiter als Honorarprofessor Vorlesungen am Institut für Eisenbahn- und Verkehrswesen der Universität Stuttgart, unter anderem über Luftverkehr und Flughafenmanagement. Dort befindet er sich in guter Gesellschaft, zumindest was die Relativität gutachterlicher Prognosen betrifft. Leiter des Instituts ist Professor Ullrich Martin, der im Auftrag der Deutschen Bahn dem geplanten Tiefbahnhof Stuttgart 21 eine höhere Leistungsfähigkeit als dem bestehenden Kopfbahnhof attestierte, freilich auf der Grundlage unrealistisch kurzer Haltezeiten im geplanten Durchgangsbahnhof und unter Nichtberücksichtigung begrenzender Faktoren auf den Zulaufstrecken.

Kein Manager, der eigene Fehler eingesteht

Aktuell erwartet selbst Fundel 2014 einen weiteren Rückgang der Passagiere und Flugbewegungen in Stuttgart. "Jetzt wird immer deutlicher, dass der Flughafen in seinem Wachstumswahn mit seinen Prognosen dramatisch danebenlag und dass die Schutzgemeinschaft, wie auch viele kluge Gutachter, diese Stagnation voraussahen", kritisiert Steffen Siegel, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Filder, die Selbstgefälligkeit des Airportmanagements. Ohne den Widerstand der Schutzgemeinschaft, vieler Bürger und Kommunen auf den Fildern hätte man heute gigantische Baustellen und eine zweite Betonpiste quer über fruchtbarste Filderfelder, erwähnt er. "Der Flughafen müsste uns auf Knien danken, dass wir ihn vor diesem teuren, zerstörerischen und völlig sinnlosen Projekt bewahrt haben", sagt Siegel. Doch an seine Luftnummern erinnert sich der Flughafenchef anscheinend nicht mehr. "Nirgends ist auch nur ein zartes Wort der Entschuldigung von den Verantwortlichen gegenüber der Filderbevölkerung zu hören, die durch ihren jahrelangen, zeit- und nervenraubenden Widerstand den Flughafen vor einem nie wieder gut zu machenden Fehltritt bewahrt hat und die Filder vor weiterer Zerstörung", so Siegel.

Fundel jedenfalls glaubt weiter an eine positive Entwicklung des Stuttgarter Flughafens, wenn auch in der ferneren Zukunft. "Rund 1,2 Millionen Fluggäste mehr" erwartet der Honorarprofessor, sobald dank Stuttgart 21 nicht nur S-Bahnen, sondern auch Regional- und Fernverkehrszüge am Landesflughafen halten. Wann es soweit sein wird, steht quasi noch in den Sternen über den gläsernen Terminals: Der Bahn fehlt neben Milliarden für das Tiefbahnhofprojekt auch noch die entscheidende Baugenehmigung für den Filderabschnitt.

Das ficht Fundel, der während der S-21-Schlichtung im Herbst 2010 aufseiten der Projektbefürworter saß, nicht an. "Wenn Stuttgart 21 fertig ist, dann freue ich mich heute schon, mit dem Zug zum Flughafen zu kommen und die weiten Umwege, die bisher notwendig waren, nicht mehr zu haben", flötet er in einem Werbevideo des Bahnprojekts.

Es ist ein teurer Zubringerservice. Für den neu zu bauenden Schienenanschluss muss der Airport-Betreiber tief in die eigenen Taschen greifen: "Wir als Flughafengesellschaft bezahlen rund 359 Millionen Euro für Stuttgart 21, das für die Region einen enormen Standortvorteil bedeutet und das den Landesflughafen zu einem intermodalen Verkehrsknotenpunkt macht", verkündete Fundels Geschäftsführer-Kollege Walter Schoefer während der Bilanzpressekonferenz 2013. Die Kostenbeteiligung liegt damit um etliche Millionen über der Summe, die bislang immer als Flughafen-Obolus genannt wurde. Auf den offiziellen Seiten des Bahnprojekts sind es bis heute 227,2 Millionen Euro, die die Bauherrin Deutsche Bahn als Zuschuss von der FSG kassiert. 

Ob mit neuem Flughafenbahnhof samt Hochgeschwindigkeitsanschluss tatsächlich Millionen Passagiere mehr mit der Bahn zum Flughafen Stuttgart anreisen – oder die neuen Verbindungen dazu nutzen, schneller und bequemer direkt zu den großen Flugdrehkreuzen in München und Frankfurt zu gelangen, wird sich wohl erst nach Inbetriebnahme von Stuttgart 21 zeigen. Schließlich stammen die Zuwachsprognosen durch das Bahnprojekt aus früheren Gutachten. Und deren Prognosen müssen nicht immer eintreffen, wie inzwischen auch Flughafenchef Fundel erfahren konnte.


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