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Freundle

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Wo darf man rein und reden, selbst wenn einem soeben vom Bundesfinanzminister Schäuble im Bundestag bescheinigt worden ist, es fehle einem noch an guten Manieren? In die Berliner Landesvertretung Baden-Württembergs. Wo darf ein Peer Steinbrück (Bild) reden, der sich in den vergangenen zwei Jahren im Bundestag nur ein enziges Mal zu Wort gemeldet hat? Klar doch, in der Berliner Landesvertretung Baden-Württembergs.

"A guats Freundle braucht mer halt", das weiß man im Schwabenland seit Langem, und die Weisheit gilt auch im politischen Berlin. Im Fall von Peer Steinbrück heißt das Feundle Peter Friedrich, ist im grün-roten Kabinett Kretschmann Landesminister für Bundesrat und Europa, amtiert auch als Generalsekretär der südwestdeutschen SPD, saß für den WahlkreisPeter Friedrich, Vertreter des Landes in Berlin, ist ein wichtiger Spezl von Peer Steinbrück. Foto: Staatsministerium Konstanz bis vor Kurzem im Bundestag, wo er Sprecher des Kreises der jungen SPD-Abgeordneten ("Youngsters") war, und ist ein dicker Spezl des SPD-Landesvorsitzenden Nils Schmid, des Landesministers für Wirtschaft und Finanzen.

Wer solch einflussreiche Freunde hat, darf eben, was andere nicht dürfen. Etwa in der Landesvertretung ein "Impulsreferat" geben. Etwa aus Anlass einer Veranstaltung, die sich seit Jahren "politisches Rentrée" nennt und in der Vergangenheit vor allem dazu diente, Berliner Politiker und Journalisten am Ende der Sommerpause körperlich für den politischen Herbst aufzurüsten mit reichlich Gratis-Spätzle und noch mehr Umsonst-Trollinger. Daneben dient das Fest auch dem "Gedankenaustausch zwischen Persönlichkeiten des politischen Lebens und Medienvertretern". Aber noch nie hat es bisher beim Rentrée-Abend ein "Impulsreferat" gegeben.

An sich steckt in dem Wort eigentlich der Sinn verborgen, dass irgendjemand spontan das Wort ergreift und zum Publikum über ein brennendes Thema spricht. Nicht so an diesem Abend. Etliche Wochen früher war in der Einladung angekündigt worden, dass der SPD-Politiker Peer Steinbrück diesen Impuls verspüren werde. Und noch nie zuvor ist für einen baden-württembergischen "Impuls" jemals so intensiv bei den Berliner Journalisten um einen Besuch gebeten worden. Die Pressestelle der Landesvertretung war damit tagelang beschäftigt.

Statt einer historischen Stunde Spätzle wie immer

Aber mit "Impuls" war absolut nichts. Was stattfand, war eine offensive Werbeveranstaltung für den potenziellen SPD-Kanzlerkandidaten im Jahr 2013, Peer Steinbrück. Landesminister Friedrich hätte auch ein Werbeschreiben verschicken können, mit dem Text: Kommt alle, kommt Den Impuls, in der Landesvertretung in Berlin zu sprechen, hat Peer Steinbrück schon Wochen vorher verspürt. Foto: SPDunbedingt, denn wir präsentieren euch den Mann, mit dem die SPD nach meiner Meinung unbedingt in den Bundestagswahlkampf 2013 ziehen sollte.

Und es kamen auch alle Journalisten. Von der FAZ bis zur taz, vom "Stern" und vom "Spiegel". Mag gut sein, dass diese Medienvertreter die Landesvertretung erst per Navigationsgerät ausfindig machen mussten, weil sie früher noch nie dort waren. Es war ein Auftrieb, als wenn einige Medien befürchteten, Steinbrück könnte sagen: "Ich trete als SPD-Kanzlerkandidat an", und sie wären in dieser historischen Stunde nicht vor Ort gewesen.

Doch dergleichen gab es nicht einmal in Nebensätzen zu hören. Steinbrück spottete lediglich, er wisse genau, dass all die Journalisten nur gekommen seien, um zu hören, "welche Worte aus meinem Mund purzeln, und zu decodieren, was sie denn bedeuteten". Aber er machte niemand Hoffnung auf dergleichen. Er werde sich "nicht vergaloppieren" und auch "körpersprachlich" nichts bieten, was sich für oder gegen die Kanzlerkandidatur verwenden lasse.

So war's denn auch. Kein SPD-Knüller, kein SPD-Kanzlerkandidat. Aber Spätzle wie immer.

Die Netzwerker kämpfen für Steinbrück

Thomas Strobl, der neue CDU-Chef im Lande, und die kaltgestellte FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger, die herbeigeeilt waren, erfuhren nichts Neues und können daher weder der Kanzlerin Merkel noch dem FDP-Chef Rösler neue Erkenntnisse darüber liefern, ob der Mann, der neuerdings so populär oder sogar besser in den Umfragen daherkommt als Angela Merkel, nun im Machtkampf gegen Schwarz-Gelb antritt oder nicht.

Weshalb also hat Peter Friedrich diesen Peer Steinbrück so spektakulär eingeladen, obwohl der zugab, nicht einmal zu wissen, was unter einem "Rentreé" verstanden wird, sondern nur das Wort Rencontre kenne? Ganz einfach: Weil es seit Langem ein Herzenswunsch des Landesministers ist, dass dieser Steinbrück 2013 die Macht für die SPD im Bund zurückerobert. Und weil dies ebenso ein roter Herzenswunsch des SPD-Landesvorsitzenden Nils Schmid ist. Friedrich wie Schmid sind seit Langem überzeugte "Netzwerker", wie ihre Gruppe in der SPD genannt wird. Diese Netzwerker machen den SPD-Kreisen "Die Linke" und "Die Seeheimer" schon länger Konkurrenz, indem sie massiv Werbung betreiben für Steinbrück und Stimmung machen gegen einen Kanzlerkandidaten Steinmeier oder gar Sigmar Gabriel.

Zum Netzwerk gehören rund 40 jüngere SPD-Abgeordnete im Bundestag. Gegründet wurde es nach der Bundestagswahl 1998 von jüngeren SPD-Abgeordneten, ihr lange Zeit führender Kopf war der SPD-Generalsekretär Hubertus Heil. Jetzt hoffen sie, mit einem Kanzlerkandidaten Steinbrück die Bundestagswahl gewinnen und sich selbst gute Posten in der dann rot dominierten Bundesregierung sichern zu können. Was sie politisch wollen, hat einmal die frühere, kläglich gescheiterte baden-württembergische Landesvorsitzende Ute Vogt gesagt: "Wir wollten wegkommen von einem Staat, der die Bürger rundum versorgen will." Das ist genau die Linie, die auch Steinbrück gerne vertritt und in der Zeit unter dem Kanzler Gerhard Schröder eifrig vertreten hat.

Der Redner verspricht: "Kein rasanter, fulminanter Lanzenangriff"

Friedrich fördert Steinbrück, wo immer er kann. So durfte der auf seine Einladung hin auch schon einmal beim "Sichelhenke" genannten Volksfest in Singen-Bohlingen auftreten, wo sich 1200 Zuhörer zum Auftakt des Wahlkampfs 2009 drängelten. Und Steinbrück wusste, was von ihm erwartet wurde: Er versprach den Singenern, dass das Hauptzollamt in der Stadt bleiben werde. Riesenbeifall. Die Kooperation von damals wird jetzt auch von Nils Schmid eifrig unterstützt. Er sagt: "Wenn Steinbrück Kanzlerkandidat würde, wäre das eine gute Lösung für die SPD." Und er redet so, wie Friedrich bereits handelt: "Ich würde ihn unterstützen." Die Netzwerker träumen von einem Wahlkampf, in den sie mit dem Motto "Auf den Kanzler kommt es an" ziehen könnten. 

Mit Steinbrück, so hoffen Friedrich und Schmid, lasse sich Baden-Württemberg zum Musterland für gute Arbeit machen. Dem soll auch ein gemeinsam mit den Gewerkschaften ausgearbeitetes Positionspapier dienen, das vor allem einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn fordert und prekäre Beschäftigung auch in Baden-Württemberg wieder zurückdrängen soll.

Aber natürlich wäre die SPD nicht die SPD, wenn sich ihre Politik-Macher wenigstens in dieser Frage einig wären. Die bekannte Ulmer linke SPD-Abgeordnete Hilde Mattheis schimpft massiv über die Steinbrück-Promotion von Friedrich und Schmid. "Selbstausrufungen haben in der SPD keinen Platz", hat sie schon gelästert. Ihr Argument gegen Steinbrück: der sei wesentlich beteiligt gewesen an den arbeitnehmerfeindlichen Aktionen des Kanzlers Schröder bei der Umsetzung der Agenda 2010 und der damit verbundenen Ausrufung der Rente mit 67. Bis heute leide die SPD, so Mattheis, unter diesen Aktionen. Sie befürchtet, eine "Glaubwürdigkeitslücke" zwischen dem Kurs der Partei und einem Kanzlerkandidaten Steinbrück. Das dürfe es auf keinen Fall geben.

Das scheint auch Steinbrück selbst zu beachten. Er sagte in der Landesvertretung gleich zu Beginn, er werde sich nicht zu einem "rasanten, fulminanten Lanzenangriff" hinreißen lassen. Er geht jetzt erst einmal zusammen mit Altkanzler Helmut Schmidt auf Buchwerbetour quer durch die Republik und macht Reklame für das Werk, das er zusammen mit dem Altkanzler verfasst hat. Danach kann er ja immer noch Kanzlerkandidat werden und als solcher auf dem nächsten Rentreé im Jahr 2012 sprechen.


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