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Sekundenbruchteil

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Als "das Auge Oberschwabens" war der Fotograf Rupert Leser 35 Jahre lang das stille Gewissen einer ganzen Region. Als Sportreporter hat er die Zeit angehalten. Immer genau in den Bruchteilen von Sekunden, die sein Bild später zu einer Ikone des Fotojournalismus machten.

Verfolgungsfahren bei den Württembergischen Radrenn-Meisterschaften in Wangen im Allgäu, 1973. Foto: Haus der Geschichte, Sammlung Rupert Leser

Als "das Auge Oberschwabens" war der "Bildberichter" Rupert Leser 35 Jahre lang das stille Gewissen einer ganzen Region. Als Sportreporter hat er die Zeit angehalten. Immer genau in den Bruchteilen von Sekunden, die sein Bild später zu einer Ikone des Fotojournalismus machten. Wenn der "Bildberichter" Rupert Leser von Oberschwaben aufbrach und um den halben Globus flog, um die Zeit in diesen Hundertstelsekunden einzufrieren, nahm er sich die Freiheit, auf eigenes Risiko loszuziehen. Seine "Schwäbische Zeitung" hätte ihm solche Trips nicht bezahlt, also nahm er Urlaub.

Rupert Leser hat zwölf Olympische Spiele gesehen, auf fast allen Kontinenten. Sechs im Winter und sechs im Sommer. Der Sportfotograf war in jungen Jahren selbst Kunstturner gewesen. Er wusste, wann der entscheidende Sekundenbruchteil da war.

Der Salto des Reck-Akrobaten Eberhard Gienger war weltberühmt. Im Lehrbuch stehen die zwei spektakulären Sekunden seines Abgangs ganz unspektakulär als "Vorschwung und Salto rückwärts gebückt mit halber Längsachsendrehung". Das Flugelement war so berühmt, dass es als Plakat verewigt wurde. Bei der Kunstturneuropameisterschaft 1979 in Essen hing es überdimensional an der Hallenwand, und dem Fotoreporter Rupert Leser gelang ein besonderes Kunststück. Er fror die Szene exakt in dem Moment ein, als Gienger genau die Flugposition einnahm, die auch auf dem Plakat im Hintergrund zu sehen war.

Für solche Schüsse haben ihn die Magazin-Redakteure geschätzt. Legendär sein Foto der rumänischen Kunstturnerin Nadia Comaneci bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau. Die 16-Jährige landete während ihrer Kür mit dem Kopf auf dem Hallenboden. Tatsächlich hatte Rupert Leser die Kür der Rumänin in allen Einzelheiten gekannt und nur die Sekunden abgewartet, bis sie ihre Pirouette auf dem Kopf drehte. Der Hamburger "stern" machte daraus ein Titelfoto und, ohne dass Leser es ahnte, eine Beinahe-Katastrophe, die angeblich gerade noch mal gut gegangen war.

Der bald 78-Jährige hat ein paar Dutzend Bücher fotografiert und die wichtigsten Preise der Branche eingesammelt. Für sein Sportfoto des Jahres 1973 brauchte er besonders viel Geduld. Auf der ständigen Suche nach dem etwas anderen Motiv war ihm bei den Württembergischen Radrenn-Meisterschaften eines Sonntags eine Dame aufgefallen. Sie radelte im Sonntagskleid zum Gottesdienst in die Kirche und zufällig auf der Strecke, wo sich das Mannschafts-Verfolgungsfahren abspielte. Leser musste nur noch warten, bis das nächste Team heranjagte und die gemütlich radelnde Dame überholte.

Rupert Leser hat Sportgeschichte fotografiert. Und seine Bilder sind Sportgeschichte geworden. Das Stuttgarter Haus der Geschichte widmet seinem Lebenswerk noch bis zum 11. September eine opulente Ausstellung. mh

WEITER ZUR FOTOGALERIE

Zum Teil eins: "Das Auge Oberschwabens"

 

Zur Ausstellung im Haus der Geschichte


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