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Die Würde des Menschen

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Die Würde des Menschen ist unveräußerlich, heißt es in den Verfassungen der meisten Länder unserer Erde. Besitz, Freiheit und erst recht unser Leben können uns einfach genommen werden. Unsere Würde kommt uns nur abhanden, wenn wir selber das aktiv zulassen.

Somalia 1992: ein Kind stirbt den Hungertod. Foto: Uli Reinhardt

Baidoa, Somalia, 1992. Sanga Bilal Hussein liegt auf dem nackten Betonboden der Schule. Sie hat die Augen geschlossen. Dass sie noch lebt, erkennt man an ihren Rippen, die sich in unregelmäßigen Abständen heben und senken. Helfer versuchen, ihr etwas Flüssigkeit einzuflößen, doch Sanga stirbt in diesem Moment den Hungertod. So, wie alle anderen vierundsechzig Kinder und Jugendliche in diesem Raum noch in jener Woche sterben werden, an Krankheit und Hunger. Es ist unwirklich still. Die Gewalt dieses Augenblicks nimmt einem den Atem. Niemand sollte so sterben müssen.

Die Würde des Menschen ist unveräußerlich, heißt es in unserem Grundgesetz. Die Würde des Menschen wird geschützt durch die Deklaration der Menschenrechte, die ironischerweise Bestandteil der Verfassungen der meisten Länder unserer Erde sind. Unsere Würde ist also genauso geschützt wie beispielsweise unser Besitz, unsere Freiheit oder unser Leben. Und doch hat es was ganz Besonderes mit dieser Würde auf sich. Besitz, Freiheit und erst recht unser Leben können uns einfach genommen werden, und wenn es schlimm kommt, können wir nichts dagegen unternehmen. Unsere Würde aber kann uns nur abhandenkommen, wenn wir selber das aktiv zulassen.

Die innere Kraft, mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen

Ich habe Menschen in erniedrigender und zum Himmel schreiender Armut erlebt, Menschen in Gefängnissen, Menschen, von Krankheit gezeichnet und behindert. Welche in auswegslosen Situationen. Menschen mit Schuld am Pranger der Gesellschaft. Menschen am Ende ihres Lebens. Und genauso oft habe ich deren Aura gespürt, diesen letzten Verteidigungsring ihres Daseins, der nicht durchbrochen werden konnte. Dieses: "Mir geht es schlecht – aber ich bleibe bei mir."

Natürlich habe ich auch andere erlebt, oftmals ging es ihnen sogar gut, einige erlebten gerade ihren Erfolgshöhepunkt und gaben paradoxerweise genau in diesem Moment ihre Würde preis. Dies liegt also weniger an unserer Umgebung, nicht an einem mangelnden gesetzlichen Schutz, schon gleich gar nicht an unserer Habe, wenn uns die Würde abhandenkommt. Es liegt viel mehr an unserer inneren Kraft, mit den schlechteren oder gar schlimmen Widrigkeiten unseres Lebens umzugehen.

Das Gespür für Würde steckt in jedem von uns. Wir wissen genau, wenn wir sie veräußern. Nachdenkenswerterweise passiert das weniger denen im Elend auf der Schattenseite des Lebens. Wie Sanga Bilal Hussein und ihren Mitleidenden in jener Schule in Baidoa, Somalia.

Uli Reinhardt ist Fotojournalist und Mitbegründer der Reportage-Agentur Zeitenspiegel. Für den "stern" fotografierte er auch in Krisen- und Kriegsgebieten. Der 64-Jährige ist außerdem Vorsitzender des Kontext-Vereins für ganzheitlichen Journalismus. Die Ausstellung "Die Würde des Menschen" mit Bildern von Uli Reinhardt wird am Freitag, 6. Mai, um 20 Uhr im Kulturhaus Schwanen in Waiblingen eröffnet und ist zu sehen bis zum 1. Juni. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 16 Uhr, Montag bis Samstag 18 bis 22 Uhr, sonntags geschlossen.

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