Ausgabe 39
Schaubühne

Lebenslänglich

Von Chris Grodotzki (Text und Fotos)
Datum: 28.12.2011
Ein Leben hinter Gittern – die schwerste Strafe, die in unserer Gesellschaft für einen Menschen vorgesehen ist. Für Zehntausende Tiere ist es Normalität. Sie leben in Zoos und Tierparks als Anschauungsobjekte und unfreiwillige Entertainer einer naturfremden, urbanisierten Menschheit.

Leben hinter Gittern.Ein Leben hinter Gittern – die schwerste Strafe, die in unserer Gesellschaft für einen Menschen vorgesehen ist. Für Zehntausende Tiere ist es Normalität. Sie leben in Zoos und Tierparks als Anschauungsobjekte und unfreiwillige Entertainer einer naturfremden, urbanisierten Menschheit.

Dank dem Hype um kuschelige Tierbabys wie den Eisbären Knut, Flocke oder Wilbär und Fernsehserien wie "Elefant, Tiger & Co" ist das Interesse an Zoos in den letzten Jahren wieder stark gestiegen. Für die Besucher sind Zoologische Gärten und Tierparks ein unterhaltsames Ausflugsziel mit exotischem Touch. Für Elefant, Tiger & Co hingegen ist das Leben im Zoo weniger unterhaltsam.

Sie verbringen ihr Leben hinter Glas und Gittern. Ein Leben, das von der Natur ihrer Spezies kaum weiter entfernt sein könnte. Aus der grünen Tiefe der afrikanischen oder indonesischen Urwälder in "artgerecht" gekachelte und mit Edelstahl-Spielgeräten versehene Lebens-Räume: Ob unsere nächsten Verwandten hier glücklich werden? Wo soll ein Orang-Utan sich ein Nest in luftiger Höhe bauen, wenn nach oben nur knappe vier Meter Platz sind? Wie soll ein Eisbär, der in der Natur ein riesiges Territorium für sich beansprucht, seinen Bewegungsdrang in einem Gehege von wenigen Quadratmetern stillen?

In dieser unnatürlichen, auf Besucherattraktivität ausgelegten Umgebung etwas über das Wesen, gar das natürliche Verhalten der Bewohner erfahren zu wollen ist, mit etwas Abstand betrachtet, absurd. Kaum ein Tier kann im Zoo seinen natürlichen Habitus ausleben. Im Gegenteil, manche zeigen sogar schwere Verhaltensstörungen.

Und der Artenschutz? Diese große, ehrenvolle Aufgabe der Zoos entpuppt sich bei genauerem Hinsehen eher als Imagepolitur: Ausgewildert wird selten – eher werden überschüssige Tiere untereinander oder gar an Tierhändler verscherbelt.

So bleibt vom Sinn und Zweck des Zoos nur der Unterhaltungswert übrig. Während Tierversuchslabore, Massentierhaltung oder Zirkusse mit Wildtieren oft im Kreuzfeuer der Öffentlichkeit stehen, genießen Tiergärten einen glänzenden Ruf als Tier- und Artenschützer. Doch hinter den schön bemalten Wänden der pseudonatürlichen Biotope bröckelt die Fassade. Zootiere, und ganz besonders die Publikumslieblinge Elefant, Tiger & Co, fristen ein Leben im goldenen Käfig – ohne Chance auf Bewährung.

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1 Kommentar verfügbar

  • Rincewind
    am 07.01.2012
    Die Zoos in Deutschland und noch mehr anderenorts sind sicherlich nicht der Hort der Seeligkeit, weder für die Tiere noch für die besuchenden und dort arbeitenden Menschen. Doch betrachten wir mal die Alternativen unabhängig von dafür anfallenden Kosten:
    1. Alle Tiere in die Wildnis freilassen:
    Zum einen könnten die Tiere dort nicht bzw. nicht lange überleben, zum anderen wo befindet sich noch die Wildnis? Die Meere sind voll mit Plastikmüll, in geschützten, "unberührten" Wildnissen in Afrika wird auf Grund von zu hoher Tierbevölkerungsdichte wieder Populationsmanagment (Tötung oder Verfrachtung von Tieren aus ihrer gewohnten und sozialen Umgebung) betrieben. In der "echten" Wildnis werden Straßen gebaut, um Holz, bush meat, Rohstoffe oder "nur" Land für die lokale Bevölkerung zu gewinnen.
    2. Die Zoos ganz abschaffen
    Sie haben neben dem Unterhaltungswert und dem Artenschutz zwei weitere Aufgaben der Zoos vergessen! (?) Die Zoos müssen nach EU Bildungseinrichtungen sein, durch Führungen, Zooschulen, Beschilderung, etc. werden im Idealfall die Besucher an Natur- und Artenschutzproblematiken und an die Besonderheiten der Tiere herangeführt. Die Frage ist zu diskutieren, ob dazu lebende Anschauungsexemplare nötig sind, aber ich denke, es wird in der Wirkung dadurch verstärkt.
    Die zweite weitere Aufgabe ist die wissenschaftliche Forschung. Von vielen bedrohten Tierarten weiss man sehr wenig, die Tiere in den Zoos können also idealerweise helfen, ihre Artgenossen in der Wildnis besser schützen zu können, in dem man mehr über ihr Verhalten herausfindet, auch wenn es nur eingeschränkt nutzbar ist, weil nicht in natürlicher Umgebung.
    3. Mehr Auswilderung
    Auswilderung ist schwierig, teuer und langwierig, zudem würde in einem eh immer mehr begrenzten Lebensraum der Populationsdruck noch künstlich verstärkt und dadurch die Population insgesamt geschwächt. Deshalb setzen heute viele Zoos auf den Schutz der Artgenossen der im Zoo vorkommenden Arten. Und fördern mit Forschung, Werbung um Spenden, aktiver Hilfe und gegebenenfalls auch manchmal mit Tieren Projekte in den Herkunftsländern der Tiere, um die dort noch vorkommenden Tiere besser zu schützen.

    Ich sehe die Zoos und deren Bewohner/"Gefangenen" als Botschafter einer Welt in Gefahr, um den hier lebenden Menschen ein kleinen Einblick von dem Leben in einer fremdgewordenen Natur zu eben und sie von der Artenvielfalt und dem Einfallsreichtum der Natur zu faszinieren. Dies ist in den verschiedenen Zoos aus unterschiedlichen Gründen mehr oder weniger umgesetzt, aber im Verlauf der ca. 20 Jahre selbstbestimmten Zoobesuchs in mehr als 40 unterschiedlichen Zoos kann ich sagen, es hat sich in den meisten Zoos zum in meinem Sinne Besseren entwickelt.

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