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Beschwerde wegen Palantir

Die Zeit läuft

Beschwerde wegen Palantir: Die Zeit läuft
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Schon nach einer Woche im Amt wird Baden-Württembergs neuer Innenminister Manuel Hagel (CDU) mit einer Fachaufsichtsbeschwerde zum Einsatz der Palantir-Software Gotham konfrontiert. Das Thema könnte sich schnell zu einem größeren Konflikt zwischen Grünen und CDU auswachsen.

Genaues will Manuel Hagel noch nicht sagen, als er bei seinem ersten Auftritt als Innenminister in der traditionellen Pressekonferenz nach der allwöchentlichen Kabinettssitzung ausführt, worum es beim geplanten Einsatz der Software Gotham des US-Konzerns Palantir geht: "Anschläge zu verhindern, Straßen, Bahnen, Flughäfen, öffentliche Plätze sicherer machen und die Menschen in unserem Land zu schützen mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen." Dabei ist derzeit keineswegs klar, ob die Software unter juristischen Aspekten tatsächlich zur Verfügung steht. Oder ob es sich nicht, wie das Aktionsbündnis "Kein Palantir BW" kritisiert, um eine "strukturelle Rechtswidrigkeit" handelt. Nach dessen Ansicht ist eine verfassungsrechtliche Frage aufgeworfen, die nicht abstrakt, sondern konkret sei wegen der "fortgesetzten und ausgeweiteten Nutzung eines bereits als problematisch erkannten Zustands".

Der Palantir-Deal

Im vorigen Jahr hatte der CDU-Staatssekretär Thomas Blenke im Innenministerium von Thomas Strobl (CDU) die Palantir-Software Gotham im Alleingang für 25 Millionen Euro gekauft – ohne den Koalitionspartner einzuweihen. Der Kauf ist auch deshalb umstritten, weil eine Abhängigkeit von dem US-Konzern Palantir befürchtet wird, dessen Gründer – und Trump-Unterstützer – Peter Thiel für seine rechtslibertären und demokratiefeindlichen Ansichten bekannt ist. Die Grünen machten nach anfänglichem Murren dann aber doch mit, auch weil es 1.500 Hektar mehr für den Nationalpark Schwarzwald gab.  (lee)

Und deswegen hat Steffen Schnürer für das Aktionsbündnis "Kein Palantir BW" eine Fachaufsichtsbeschwerde gegen das Handeln von Hagel und vom Polizeipräsidenten Thomas Berger erhoben. Das Ziel einer solchen Beschwerde ist, "eine Überprüfung des beanstandeten Verwaltungshandelns zu erreichen", wie es beim "Legal Wiki" der Kanzlei MRT Legal grundsätzlich heißt. Sie sei ein Rechtsbehelf, "mit dem sich Bürgerinnen und Bürger oder auch andere Beteiligte gegen das Verhalten oder die Entscheidungen von Behörden wenden können". Im Mittelpunkt stünden nicht das persönliche Fehlverhalten einzelner Amtsträger, sondern die sachliche Richtigkeit und Zweckmäßigkeit der behördlichen Entscheidung oder Maßnahme.

Auf der Seite Service-Portal Baden-Württemberg wird der Ablauf erklärt: "Die Behörde prüft, ob sie eine andere Entscheidung in der Sache treffen kann. Ist das der Fall, erhalten Sie eine Information über die geänderte Entscheidung." Und wenn nicht, ginge die Beschwerde eventuell an die nächsthöhere Behörde. Wie lange die Behörden sich selbst prüfen dürfen, wird nicht erläutert.

Der Fall ist der zweite seiner Art. Im April war noch Thomas Strobl, inzwischen Landtagspräsident, der Adressat einer entsprechenden Beschwerde. Das Innenministerium bestätigt auf Kontext-Anfrage den Eingang dieses ersten Schreibens, aber nicht den des zweiten an Strobls Nachfolger Hagel. Das liege noch nicht vor. Steffen Schnürer macht für das Aktionsbündnis jedoch seinen Inhalt öffentlich. "Ich bitte um Prüfung im Rahmen der Fachaufsicht und um Darlegung, welche Maßnahmen zur Herstellung eines verfassungskonformen Zustands ergriffen werden", schreibt der Tübinger Aktivist mit einem Verweis auf seine vorige Fachaufsichtsbeschwerde, auf die er noch keine Rückmeldung erhalten habe.

Für Hagels Team im neuen Haus spricht, dass all diese Umstände noch einmal grundsätzlich analysiert werden sollen. Praktisch ausgeschlossen erscheint jedoch, dass die noch nicht angelaufene Einführung tatsächlich gestoppt wird. Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) hofft, dass daran selbst ein ablehnendes Votum im anstehenden Mitgliederentscheid, den Palantir-kritische Grüne auf den Weg gebracht haben, nichts ändern würde. Noch rettet er sich ebenfalls mit allzu allgemeinen Hinweisen. Etwa: Er sitze bekanntermaßen nicht im Landesvorstand der Grünen Baden-Württemberg. Oder: "Es gelten Verträge und nicht Parteitagsbeschlüsse."

Gemeint ist der neue Koalitionsvertrag, in dem sich die Landesregierung wachsweich darauf verständigt hat, digitale Souveränität "anzustreben" und sich "weiterhin aktiv und intensiv dafür einzusetzen, dass spätestens bis zum Jahr 2030 eine europäische Alternative zu Palantir bereitgestellt wird". Die bereits auf den Weg gebrachte Entwicklungskooperation werde das Land "unter Einbindung von weiteren qualifizierten Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft zielorientiert und zügig vorantreiben".

Dabei gibt es europäische Lösungen

So weit war Hagels Vorgänger jedoch auch schon. Thomas Strobl hatte schon vor zehn Monaten öffentlich erklärt, "dass eine eigene europäische Lösung bereits im Entstehen ist" und "der deutsch-französische Technologiemotor aus Airbus und Schwarz Digits das Potenzial hat, die technologische und sicherheitspolitische Souveränität Europas entscheidend voranzubringen". Lange wird sich Hagel mit der Einarbeitungsphase nicht aufhalten und konkrete Fragen mit allgemeinen Antworten umschiffen können.

Zumal sich die Rahmenbedingungen in den vergangenen Wochen entscheidend verändert haben. Zum einen entfernt sich Palantir-Chef Alex Karp mit seinen Thesen, die in kurzer Zeit etwa 35.000 Mal geliked wurden, von demokratischen Verhältnissen auf der Welt immer weiter. Als Kündigungsgrund beim für Baden-Württemberg abgeschlossenen Vertrag kann das sicher nicht ins Feld geführt werden. Zum anderen aber könnte das Vorgehen anderer Behörden zumindest die Haltung der hiesigen Akteure zu Gotham verändern. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hat sich jüngst gegen den US-Konzern entschieden und wird auf die französische Datenanalyse-Software ChapsVision zurückgreifen. Argumentiert wird ausdrücklich mit europäischer Souveränität. Sollte sich die Bundespolizei – die Entscheidung steht noch aus – ähnlich verhalten, bleiben allein die Länder Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen, die Gotham bereits nutzen.

Der neue baden-württembergische Innenminister führt schon mal vorsorglich "unterschiedliche Anforderungsprofile" ins Feld, die zu den unterschiedlichen Entscheidungen in verschiedenen Behörden führen könnten. Eine Erklärung, die in Bälde konkret nachgebessert werden muss, denn Strobl hatte gerne prinzipiell mit dem Abgleich der vorhandenen Riesendatenmengen argumentiert. Das dauere derzeit Stunden, Tage, Wochen, in bestimmten Fällen sogar Monate und verlange noch einer dreistelligen Zahl von Polizisten, die diese Arbeit verrichten müsste. Der Einsatz einer Analysesoftware, die gleiches in wenigen Sekunden schaffe, sei "äußert hilfreich". Die Behauptung der Alternativlosigkeit aber ist widerlegt. Und das Festhalten an Gotham steht deshalb unter immer stärkerem Druck.

Und noch vor der Sommerpause wird das Ergebnis des Grünen-Mitgliederentscheids zum Verzicht auf Palantir klar sein. Sollte der erfolgreich verlaufen, kommt es für Özdemir zum Schwur. Ausgerechnet übrigens vor der üblichen 100-Tage-Blianz einer neuen Regierung im August. Vor 15 Jahren mussten – damals – Grüne und Rote bereits jede Menge schauspielerisches Talent aufbringen, um ihre Gegensätze zu übertünchen. Und die Zeiten sind nicht leichter geworden im Miteinander, sondern sehr viel härter.

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2 Kommentare verfügbar

  • Stefan weidle
    vor 14 Stunden
    Antworten
    Ich will eine derartige tiefgreifende Übergriffigkeit grundsätzlich nicht, Teile davon, die wenn es sie überhaupt braucht, sollte es ausschließlich in europäischem Rahmen geben, niemals aus den USA und schon gar nicht Palantir von Herrn Thiel.
    Allerdings immer beachten, auch europäische Lösungen…
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