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Laugenpack

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Turners Wahlkampf ist in aller Munde. Wenn eine kompetent über Turners Brezelplakat urteilen kann, dann die Frau, die Laugenweckle zum Frühstück kriminalistisch aufarbeitet oder den Brezeltango tanzt. Elisabeth Kabatek entlarvt exklusiv für Kontext - das Brezelkomplott.

Turners Wahlkampf ist in aller Munde. Wenn eine kompetent über Turners Brezelplakat urteilen kann, dann die Frau, die Laugenweckle zum Frühstück kriminalistisch aufarbeitet oder den Brezeltango tanzt. Elisabeth Kabatek entlarvt exklusiv für Kontext – das Brezelkomplott.

Es war einmal: die Brezel. Die Brezel, wie sie jeder kennt. Klein, handlich, harmlos, in der kinderfreundlichsten Stadt Deutschlands selbst für Kleinkinder geeignet. Bisher.

Aber diese Brezel! 

Überwältigend. Gigantisch. Hochgehängt. Weit, weit oben hängt sie. Nachts, wenn die Sterne über der Heilbronner Straße funkeln, verliert sich unser Blick hinter ihr in den unendlichen Weiten des Weltalls. Bei Tage heben wir unsere Augen zu ihr auf in der strahlenden Sommersonne. In dieser unserer Stadt, in der es sonst immer nur ums Tieferlegen geht, auf einem Gelände, auf dem immer nur nach unten gebuddelt wird, ganz nah beim Bahnhof, streiten wir uns nun endlich nicht mehr, sondern blicken erst hinauf zur Brezel, dem Symbol unserer Versöhnung, und dann tief, tiefer und tiefer in die Augen des anderen. 

Es war einmal: Sommerloch. Und nun schlägt die Brezel ein wie eine Bombe. Eine Brezelbombe. Die heiße Phase des OB-Wahlkampfes wird von einer Riesenbrezel eingeläutet.

Das ist ergreifend. Und es ist schlau. Da ist ein echtes Cleverle im Weltstädtle zugange, denn heutzutage kann man Wahlkämpfe nur gewinnen, wenn man Gefühle weckt, und das haben das Cleverle und seine Berater längst erkannt, und deshalb zielt es, also das Cleverle, mitten ins Herz. Nicht etwa das neue Herz Europas, o nein! Viel, viel schlauer ist das Cleverle. Es zielt mitten in dein Herz, in mein Herz. Und nicht etwa unter die Gürtellinie! Denn in unserem Herzen tragen wir Stuttgarter alle die Brezel. Nein, nicht die erbärmliche Billigbrezel, die uns von einem unterbezahlten illegalen Einwanderer in eine viel zu dünne Tüte gesteckt wird, sondern die echte, die heimatliche, die liebevoll von einem schwäbischen Bäcker um vier Uhr früh handgeschlungene Laugenbrezel, noch warm.

Alle miteinander! Alle mit Turner!

Sind wir nicht alle ein bisschen Brezel, fragt Sebastian Turner treuherzig. Brezel-Patriotismus, im besten Sinne. Nichts symbolisiert so sehr das Lokale und Regionale wie die Brezel, und Maultaschen sind einfach zu glitschig, um emotional zu sein. Getroffen an unserem wundesten Punkt, der Liebe zu unserer Brezel, eilen wir aufeinander zu, küssen und herzen uns und verschlingen unsere Arme, als seien es salzbestreute Brezelärmchen, um sie fortan nimmermehr zu entwirren: Der Mercedesfahrer mit Hut und die passionierte Radlerin, der Hartz-IV-Empfänger im Unterhemd und die Frau mit der Perlenkette vom Killesberg, die überarbeitete Erzieherin und die kinderlose Karrieretussi, der Montagsdemonstrant und der Tiefbahnhofbefürworter. Miteinander! Mit Turner! Und Turner herzt auch, oder er hat schon geherzt, nämlich Tobias Fischer von der Schwäbischen Wohnungs AG, dem das Bauplätzle gehört, wo das Plakatständerle draufsteht. Sustainable Infrastructure.

Hinter dem Plakatständerle steht ein Gebäude, und darauf steht, auf einer Linie mit dem Plakat: "Wie wär's mit einem Date?" Will heißen: I will brezel you now, und wenn du dann im Rathaus sitza dusch, noo machad mir a Terminle ond noo brezelsch du mi halt au a bissle auf. Isch doch älles koi Problem, mir kenned doch mitenander schwätza, ond Hochdeitsch missa mr au kois kenna. Und mit Vetterleswirtschaft hat das nichts zu tun. Niemals!

Schließlich hat der Turner der Schwäbischen Wohnungs AG und der Ilg Außenwerbung, die das Plakat vermarktet, nur einen Gefallen getan, und nicht andersrum! So unter Freunden. Weil, der Fischer hat den Turner bei einer Veranstaltung kennengelernt und fand ihn nett, und der Turner fand den Fischer auch nett, und die allgemeine Buchungslage für Plakätle ist niedrig. Wegen Urlaubszeit und wegen der Olympischen Spiele, klar. Da wollen alle nur muskelbepackte Jamaikaner hundert Meter laufen sehen und keine Plakate an der Heilbronner Straße angucken. Und deshalb wollte niemand ein Plakat haben. Und deshalb ist es auch keine 39 500 Euro wert wie normal für zwei Wochen, wenn da am Tag 85 000 Autos vorbeifahren, sondern eigentlich gar nix!

Völlig sinnlos, das Plakat ...

Und in der Tat, die Heilbronner Straße am Dienstagvormittag, zehn Uhr: verödet. Zwei Spuren links, zwei Spuren rechts, kein einziges Auto. Die Ampeln gehen von Grün auf Rot, von Rot auf Grün, ohne dass es irgendein Schwein interessiert. Kinder werfen sich Bälle zu, ältere Herrschaften führen ihre Pudel spazieren, Patienten vom Bürgerhospital drehen eine Runde mit ihrem Besuch. Alle sind total mit sich beschäftigt. Völlig sinnlos, das Plakat. Die Bauarbeiter tief unten in der Grube, am Fuße des Plakats, bohren nach unten und würdigen das Plakat keines Blickes.

Wieso also die ganze Aufregung? Das ist doch bloß der böse politische Gegner, der die Riesenbrezel noch mehr aufblasen will. Ein Brezel-Komplott! Und jetzt auch noch mit dem Fairnesspakt kommen und mit der Beschränkung des Wahlkampfbudgets! Die sind bloß neidisch. Das Transparent ist schließlich transparent. Transparent und tadellos, wie Turner auf seiner Internetseite schreiben lässt. Man solle das doch alles, bitte schön, nicht so hochhängen. Brezelgate zerbröselt, steht da.

Bloß: eine richtige schwäbische Brezel bröselt nicht. So eine schwäbische Brezel, eine richtige, hat ein langes Leben. Erst wird sie weich. Und dann hart. Und dann steinhart. Und wenn sie dann bockelhart geworden ist, dann kann man auch über sie stolpern, vor allem, wenn es sich um eine Riesenbrezel handelt. Und dann wäre es vielleicht doch nicht so schlau gewesen, vorauseilend von Brezelgate zu sprechen, um das Brezelgate zu vermeiden.

 

Elisabeth Kabatek, geboren in Stuttgart, aufgewachsen in Gerlingen, studierte Englisch, Spanisch und Politikwissenschaft in Heidelberg, Salamanca und Granada. Seit 1997 lebt sie in Stuttgart und ist seit 2010 freie Autorin. 2008 erschien mit "Laugenweckle zum Frühstück" ihr erster Roman und begründete das Genre der regionalen Chick-Lit. Es folgten weitere Romane um die chaotische Heldin Pipeline Praetorius, "Brezeltango" und zuletzt "Spätzleblues." Alle drei Romane spielen in Stuttgart. Im September 2012 erscheint im Piper-Verlag die "Gebrauchsanweisung Stuttgart".


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5 Kommentare verfügbar

  • Hartmut
    am 18.08.2012
    Antworten
    Facebook war schneller als Schrorder. Dort lachen wir schon fast so lange über Stiefeltriemen Bills "Laugenpack", wie der Grund dafür vorhanden ist. Aber wie sagen die Werbeprofis so treffend, "there's no bad pulicity, there's just publicity". in diesen Sinne dürfte sich einer über diese kostenlose…
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