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Bonbon unterm Kopfkissen

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Die wollen nicht nur spielen, auch wenn ihnen das von etablierten Parteien unterstellt wird. Die "Stadtisten" wollen das Stuttgarter Rathaus erobern und auch mal schräg denken. "Wir sind ein Demokratie-Experiment", sagen sie selbstbewusst.

Draußen vor der Imme, einer Kiezkneipe im Stuttgarter Heusteigviertel, steht ein Buchstabe auf einem Blumenkasten: d - das Logo der Stadtisten. Es ist klein und himmelblau, nicht so fett wie bei den etablierten Parteien, die im Mai ins Stuttgarter Rathaus einziehen wollen. Die Bescheidenheit ist kein Zufall. Die Stadtisten haben nur ihre Stadt im Blick. Deren Veränderung, sagen sie, darf ruhig im Kleinen beginnen.

"Wir wollen vor der Haustür Politik machen", sagt Thorsten Puttenat, der sich im Schneidersitz auf dem Asphalt vor der Imme niedergelassen hat, um einen Teller mit veganen Nudeln und Linsen zu essen. "Putte" ist einer der umtriebigsten Politaktivisten Stuttgarts und der bekannteste der neuen Truppe. Der 39-jährige Musikkomponist hat das Internetfernsehen "Flügel TV" mit initiiert, das bis heute von den Protestaktionen gegen den Tiefbahnhof berichtet. Im April 2013 gründete er mit den beiden unabhängigen Bürgermeisterkandidaten Wolfram Bernhardt und Ralph Scherten die Stadtisten: erst als geschlossene Facebook-Gruppe, in der über Stuttgarter Zukunftsfragen diskutiert wird. Dann als öffentliche Plattform für Bürgerbeteiligung.

Puttenat ist ein Netzwerker, Idealist und pilzköpfiges Kind der Subkultur. Er kann gut damit leben, dass einige Stadtisten auch für das Bahnprojekt Stuttgart 21 sind. "Wir sind ein Demokratie-Experiment", sagt er. Experimente können auch schiefgehen. Dieses hier passe aber zu einem gesellschaftspolitischen Zukunftslabor wie Stuttgart, wirft Christine Blankenfeld ein. Die Sozialwissenschaftlerin war früher bei den Grünen. Nun darf sie wie Puttenat und der freiberuflicher Grafiker Martin Zentner für die Stadtisten sprechen.

Es ist eine ermutigende Geschichte, die sie erzählen. Sie handelt von einem Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Politik, das sich im Widerstand gegen Stuttgart 21 und der Abwahl der Mappus-Regierung in einen kinetischen Impuls zu bürgerschaftlichem Engagement gewandelt hat. Zentner, der für die Stadtisten im Netz vor allem als ironische Kunstfigur "Dora Leatitia Asemwald" unterwegs ist, gibt das entscheidende Stichwort: Den Stadtisten geht es um Selbstermächtigung. 

Sogar eine Dame von der Jungen Union schaut vorbei

Drinnen in der Imme herrscht an diesem Samstag im März die Euphorie einer Graswurzelbewegung, die sich für den Moment noch nicht fragen muss, ob sie einmal zu einem Baum heranwächst oder nicht einmal die Eisheiligen überlebt. Stadtisten mittleren Alters, die bislang nur via Facebook miteinander diskutiert haben, lernen einander erstmals "offline" kennen. Auch einige Nichtmitglieder sind gekommen, ein Grüner und eine Dame von der Jungen Union schauen vorbei. Als der einhundertste Wahlberechtigte auf jener Liste unterschreibt, wegen der sie alle hier sind, brandet Jubel auf. 

Die Wählervereinigung braucht 250 Unterschriften, um zur Gemeinderatswahl am 25. Mai zugelassen zu werden - keine wirkliche Hürde für eine Idee von Politik, die im Netz nach wenigen Wochen bereits ein vielfaches an Sympathisanten hinter sich weiß. Schwieriger war es schon, die notwendigen 60 Kandidaten für die Wahlliste zu finden. 30 Frauen und 30 Männer stehen jetzt darauf. Ihre Berufsgruppen weisen die Stadtisten als Mittelschichts-Phänomen aus. Die Bewerber auf den vordersten Plätzen der Liste glauben auch fest daran, dass sich die Stadtpolitik über das Kommunalparlament sinnvoll gestalten lässt - so zäh Ausschusssitzungen zu Abfallbeseitigung, Energie- und Wasserversorgung auch sein mögen. 

Es sind Menschen wie der Elektroingenieur Ralph Scherten, der beim Thema Mobilität neue Impulse setzen will. Der Verwaltungsangestellte Ralf Peter Maier, den die soziale und kulturelle Teilhabe armer Menschen in Stuttgart besonders umtreibt. Oder der Fachjournalist Sebastian Erdle, der im Gespräch grundsätzlich wird: "Stuttgart liegt in einem Talkessel. Da kann man nicht immer nur linear denken. Es muss auch mal schräg gehen." Um einen Sitz im Gemeinderat zu ergattern, sind etwa 1,7 Prozent der abgegebenen Stimmen nötig.

Die Einmischung in die konkrete Rathauspolitik soll aber nur eine Säule der Stadtisten sein, sagt Thorsten Puttenat, der nicht für den Gemeinderat kandidiert, weil er sich mehr als Aktivist denn als Hinterbänkler versteht. Denn man will eben keine Partei sein, die sich im politischen Wettbewerb zwischen Lagerdenken und Fraktionszwängen aufreibt. Weil man sich in erster Linie als Beteiligungsplattform versteht, hat man auch kein Wahlprogramm aufgeschrieben, sondern beruft sich lediglich auf ein "stadtistisches Manifest", in das sich auch politische Aphorismen geschlichen haben: "Das Unkonventionelle haben wir zu Fuß durchquert, der Utopie legen wir ein Bonbon unters Kopfkissen."

Die Grünen und die SÖS sind nicht amüsiert

Die Stadtisten stellen der Stuttgarter Politik die Charakterfrage: Wem gehört sie eigentlich, die Stadt? Dem Bürger, wie in dem putzigen Lego-Video der Wählervereinigung? Oder doch den Investoren, die mit seelenlosen Konsumtempeln nicht nur einen Ausverkauf des Stadtbilds betreiben? Sie bedrohen im Kleinen auch eine alternative Begegnungsstätte wie das Café Galao am Marienplatz, für dessen Erhalt sich einige Mitglieder einsetzen. Zu sechs Themenfeldern wie Raum, Mobilität oder Konsum haben die Stadtisten auf ihrer Homepage "Haltungen" formuliert, die im Kern kapitalismuskritische, egalitäre und wertkonservative Gedanken auf die sanfte Tour miteinander verbinden. Kein Wunder also, dass die Stadtisten insbesondere von den Grünen und der Wählergruppe "Stuttgart Ökologisch Sozial" (SÖS) nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen wurden. Dort fürchtet man, dass bei der Gemeinderatswahl letztlich die Stuttgarter CDU von einer Zersplitterung des linken Lagers am meisten profitiert.

Am stärksten erinnern die Stadtisten mit ihrer Online-Affinität, dem emanzipatorischen Ansatz und hierarchiefreien, dynamischen Strukturen jedoch an die Piratenpartei und ihre Vorstellung von Schwarmintelligenz. "Wir sind die mit den Fragen" hatten die Berliner Piraten 2011 auf ihre Wahlplakate geschrieben. Am Ende waren sie für die Öffentlichkeit nur noch die mit den Streitereien. Wer garantiert, dass es die Stadtisten als Korrektiv der großen Politik besser machen? Thorsten Puttenat lacht. Landes- und damit machtpolitische Ambitionen haben die Stadtisten nicht. Karrieristen brauchen es also erst gar nicht bei ihnen versuchen. "Das Sprungbrett haben wir vorsorglich angesägt", sagt der Musiker. Ein Engagement bei den Stadtisten wird sich also stets im ehrenamtlichen Rahmen bewegen.

Jenseits ihrer Vision zur Stadtentwicklung haben die Stadtisten bislang die Initiative "Occupy Villa Berg" unterstützt. Sie will, dass die ehemaligen Fernsehstudios - derzeit noch in Hand eines Immobilieninvestors - in ein öffentliches Kulturzentrum umgewandelt werden. Weitere Aktionen zeigen: Eine humanere Flüchtlingspolitik und die Neuordnung städtischen Raums zur Förderung von Subkultur und urbanem Gartenbau liegen den Stadtisten zur Zeit besonders am Herzen. Zudem setzen sie sich für eine Politik der kleinen Gesten ein: etwa für den "Suspended Coffee", den Besitzer der Bonuscard in möglichst vielen Stuttgarter Cafés bald umsonst bekommen sollen, wenn ein Gast zuvor auf freiwilliger Basis für zwei Tassen bezahlt hat. 

Was für eine Karriere das himmelblaue d in der Stuttgarter Kommunalpolitik machen wird, ist momentan ungewiss. Dass sich hinter den Stadtisten jedoch ein Modell für die Bürgerbeteiligung der Zukunft verbergen könnte, ist zumindest in Ansätzen erkennbar.

Die Stadtisten im Netz: die-stadtisten.de

Christoph Dorner (30) hat ein Herz für Kleinparteien. Seine Magisterarbeit hat er über die Piraten geschrieben.


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25 Kommentare verfügbar

  • CharlotteRath
    am 25.03.2014
    Antworten
    Wir sind mitten in einem großen Experiment:
    Können wir Bürgerinnen und Bürger politische Gestaltungsmacht zurückholen, die die Parteien für sich okkupieren?
    Bringen wir Vertreter von Massenmedien dazu, ihr bequemes Schubladen-Denken zu verlassen?
    Auf welchen Wegen, mit welchen Strategien gelingt…
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