Höhlen sind unterirdische Welten. Hier: Der "Drachenfelsgang" in der Vetterhöhle. Foto: Markus Boldt

Höhlen sind unterirdische Welten. Hier: Der "Drachenfelsgang" in der Vetterhöhle. Foto: Markus Boldt

Ausgabe 138
Politik

Maulkorb für Höhlenforscher

Von Susanne Stiefel
Datum: 20.11.2013
Die Schwäbische Alb ist ein Paradies für Höhlenforscher – auch weil die Deutsche Bahn gerade dort gräbt. Doch die Höfos dürfen nicht ausplaudern, was sie beim Bau der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm entdecken. Das soll ein Vertragsentwurf regeln, der ihnen das Sprechen bei Strafe verbietet. Noch zögern die Speläologen mit ihrer Unterschrift.

Höhlenforscher sind ein besonders Volk. Sie graben sich durch kleinste Spalten, um unterirdische Welten zu erforschen. Sie zwängen sich ohne Platzangst durch enge Röhren, um zu schauen, was dahinter alles kreucht und fleucht und gedeiht. Sie sind Wissenschaftler ohne wissenschaftliche Ausbildung oder seit ihrer Kindheit fasziniert von Höhlen und haben dann Geologie studiert. Auf der Schwäbischen Alb ist diese Spezies Mensch besonders häufig anzutreffen, weil es dort im Karst 2800 Höhlen gibt – und das sind nur die registrierten. Der Traum jedes Höhlenforschers ist es jedoch, neue, noch unerforschte Höhlen zu entdecken. Es ist der Traum vom märchenhaften Mörikedom, dem riesigen Hohlraum unter dem Blautopf.

Die Bahn ist eine besonderes Unternehmen. Nicht nur, weil sie außer dem Bahngeschäft in Deutschland auch einen Weinberg in Australien unterhält und in London den Stadtbusverkehr betreibt. Sondern auch, weil sie ungeachtet explodierender Kosten mit unerschütterlicher Beharrlichkeit den Stuttgarter Bahnhof tiefer legen und ihn schneller mit dem Ulmer Münster verbinden will. Seit Mai 2010 baut die Bahn bereits an der wenig umstrittenen Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm, deren Kosten inzwischen auf 3,25 Milliarden Euro geklettert sind. Über die neue Trasse von knapp 60 Kilometer sollen die Züge einmal mit 250 Sachen über die Schwäbische Alb brausen. Deshalb gräbt sich die Bahn in Tunneln in das Gebirge, baut Brücken, legt Röhren und hofft, dass ihr Zeitplan nicht in lästigen Karstspalten versinkt. Denn was für die Höhlenforscher ein Traum ist, ist für die Bahn ein Horror: Auf eine Geisterbahn mitten durch eine Höhlenlandschaft aus Tropfsteinen hat beim Bauherrn keiner Lust – auch wenn die Projektleitung und die Bauüberwachung darüber gerne mal Witze reißen.

Auf Erkundung: Höhlenforschrin Petra Boldt in der Vetterhöhle bei Blaubeuren. Foto: Holger Döhmann
Auf Erkundung: Höhlenforschrin Petra Boldt in der Vetterhöhle bei Blaubeuren. Foto: Holger Döhmann

"Höhlen sind ein Hindernis, verzögern den Bau und sind teuer", sagt Bahnprojektleiter Stefan Kielbasse, der den Streckenabschnitt von Widderstall nach Ulm zu verantworten hat. "Wir freuen uns über jeden Hohlraum, der bei den Bauarbeiten gefunden wird und den wir erforschen können", sagt Baden-Württembergs oberste Höhlenforscherin Petra Boldt.

Die einen wollen möglichst schnell weiterbauen, die anderen so lange wie möglich forschen – wie soll das zusammengehen?

Und auf beiden Seiten ist diese Allianz nicht unumstritten. Von drei DB-Projektleitern der Neubaustrecke, kurz NBS genannt, hat sich nur Stefan Kielbassa von einer Zusammenarbeit überzeugen lassen. Im Landesverband der Höhlenforscher wird ebenfalls heftig diskutiert, ob man sich auf einen Pakt mit der Bahn einlassen soll. Seit wenigen Tagen liegt nun ein fingerdickes Papier vor, von der Bahn juristisch geprüft und von Kielbassa unterschrieben. Derzeit wirft ein Anwalt der Höhlenforscher seinen Blick drauf, ob sich dahinter juristische Fallstricke verbergen. Alles dreht sich um die Verschwiegenheitsklausel. Und das nicht nur wegen der Höhe der Strafe, die den ehrenamtlichen Albforschern droht, sollten sie ihre Forschungsergebnisse öffentlich machen. Alles ist so geheim, dass schon vor Vertragsunterzeichnung keiner darüber reden will. 

Sollen hier Höhlen- und Naturschützer mundtot gemacht werden? Und wie reizvoll ist eine solche Vereinbarung für die unterirdischen Alberforscher, wenn sie zwar in Hohlräume klettern, aber über ihre Entdeckungen nicht sprechen dürfen?

Markus Boldt beim Aufbau einer Messeinheit in der Bärentalhöhle bei Schelklingen-Hütten. Foto: Holger Döhmann
Markus Boldt beim Aufbau einer Messeinheit in der Bärentalhöhle bei Schelklingen-Hütten. Foto: Holger Döhmann

Petra Boldt ist nicht nur die Landesvorsitzende der baden-württembergischen Speläologen und damit diejenige, die den Vertrag unterschreiben wird, wenn der Anwalt grünes Licht gibt. Die 57-jährige schlanke Frau leitet auch eine Schul-AG, geht mit den Schülern in Höhlen und backt mit den kleinen Höhlenforschern zur Weihnachtszeit gerne mal Ausstecher in Fledermausform. Wer sie in ihrem verwinkelten "Felsenhäusle" auf der Schwäbischen Alb besucht, wird an einem beleuchteten Glasschrein mit Stalakmiten und Stalaktiten vorbei in eine gemütliche Küche mit Eckbank gebeten. An der Wand hängt ein Vesperbrett, in das der Gangverlauf der Vetterhöhle eingebrannt ist, ein Geschenk der Tochter. Die Höhlen der Schwäbischen Alb, das ist das Leben der gelernten Buchhändlerin aus Blaubeuren. Ihre Augen leuchten, wenn sie erzählt, wie sie mit ihren Mitgräbern in der Vetterhöhle einen neuen Hohlraum bei Blaubeuren entdeckt hat, oder von ihrer Forschung in der Knöpfchensinterhöhle. Ihr Mann Markus Boldt, eher der Naturwissenschaftler im Boldt-Duo, ist ein ebenso überzeugter Hobbygräber. Kein Wunder, dass sich die beiden in einer Höhle kennengelernt haben.

Wenn Petra Boldt über den Vertrag mit der Bahn spricht, leuchten ihre Augen nicht mehr so doll. Zu sehr haben die jahrelangen Verhandlungen an den Nerven gezehrt, zu bürokratisch und mit so vielen juristischen Klauseln versehen ist der Vertrag, den sie nun als Landesvorsitzende prüfen und unterzeichnen soll. Aber die Geheimhaltungsklausel wirkt schon heute. Was drinsteht, darüber will Petra Boldt keine Auskunft geben. Einen Blick hineinzuwerfen ist schon gar nicht drin. Nur so viel: Wer plaudert, muss zahlen. Wie hoch der Betrag ist – Schulterzucken und verhaltenes Lächeln. So hoch wie die 500 000 Euro Strafe, die den ausgewählten Personen drohen, die Zugang zu den Informationen aus der "Geheimkammer" der Bahn haben, wenn sie etwas ausplaudern? "Kein Kommentar", lautet die Antwort. Nur so viel: Der Betrag liegt im fünfstelligen Bereich. Petra Boldt blickt misstrauisch auf ihr Gegenüber. 

Dienen die Höhlenforscher nur als Feigenblatt? Will die Bahn potenzielle Kritik von Höhlenforschern und Naturschutzexperten mit dem Gebot der Verschwiegenheit zum Verstummen zu bringen?

DB-Projektleiter Stefan Kielbassa. Foto: Martin Storz
DB-Projektleiter Stefan Kielbassa. Foto: Martin Storz

Die Büros der Bauüberwachung liegen nicht weit entfernt von der Tunnelbaustelle Widderstall, im Industriegebiet von Merklingen. Funktionelle Kasten, schnell aufgestellt, der verdreckte Flur zeugt davon, dass hier Geologen und Arbeiter aus und ein gehen. Die Tische weiß, die Neonbeleuchtung grell, auf dem Tisch und an den Wänden nüchterne Pläne. Projektleiter Stefan Kielbassa sitzt am Konferenztisch, eigene Büros hat er in Ulm und in Stuttgart, der Mann ist dauernd unterwegs. Die Augen des Ingenieurs leuchten, wenn er anhand eines Plans den Streckenabschnitt zeigt, für den er verantwortlich ist: von Widderstall nach Ulm, übersetzt in die Projektsprache heißt das PFA 2.3, 2.4 und 2.5a1. Wenn er zeigt, wie die Bahn parallel zur Autobahn-Erweiterung baut, damit die Autofahrer nicht länger als nötig im Baustellenstau stehen müssen. Ober wenn er berichtet, wie das verschmutzte Wasser gereinigt wird und dass das abgetragene Gestein vor Ort weiter verwendet wird – etwa, um Karstspalten zuzuschütten. Der Mann ist überzeugt von dem, was er da tut auf der Albhochfläche. Und einer der wenigen bei der Bahn, der auch darüber spricht: mit der Presse und mit den Höfos, wie sich die Höhlenforscher selbst nennen.

NBS-Großbaustelle auf der Albhochfläche bei Merklingen. Foto: Martin Storz
NBS-Großbaustelle auf der Albhochfläche bei Merklingen. Foto: Martin Storz

Seine Augen leuchten etwas weniger, wenn er von diesen Spalten spricht. Drei haben sie bisher gefunden. Der zuständige Geologe der Bauüberwachung arbeitet an einem Sanierungskonzept, noch fehlt der Stempel der zuständigen Naturschutzbehörde im Landratsamt des Alb-Donau-Kreises. Baustopp also? "Nein, wir bauen eben in die andere Richtung weiter", sagt Kielbassa. "Kommen Sie, ich zeig Ihnen das mal." Warnweste übergestreift, Helm auf, Gummistiefel angezogen.

Bagger graben sich neben der Autobahn metertief in den Grund, Presslufthammer lockern den Karst, Laster transportieren den Schutt ab. Weiter vorne ist eine Anlage aufgebaut, in der die Betonröhre gegossen werden soll, durch die einmal der Zug flitzen soll. Die Menschen wirken neben den riesigen Maschinen wie Ameisen, die aufgerissene Erde klebt wie Blei an ihren Gummistiefeln. Trotz geologischer Voruntersuchungen ist man beim Bauen im Karst vor Überraschungen nicht sicher. Eine Spalte ist mit Brettern abgedeckt, sie ist etwa 12 Meter tief, 2,5 Meter lang und einen Meter breit. "Frau Boldt würde sich da reinzwängen", sagt Kielbassa lachend. Doch die hat keiner gefragt. "Erst wenn der Vertrag unterschrieben ist", sagt Kielbassa. Er hat sich zwar von einer Zusammenarbeit mit den Höhlenforschern überzeugen lassen, weil er als Projektleiter wissen will, wie groß der Hohlraum ist, um sicher und schnell weiterbauen zu können. Dabei können die Höhlenforscher helfen, die sich durch kleinste Ritzen zwängen und wissen, wie man einen Hohlraum vermisst. Und wenn Frau Boldt weiterforschen will? "Dann müssen wir sie eben mit der Leine aus der Spalte ziehen", sagt Kielbassa grinsend. Für ihn sind die Höhlenforscher ein "Nice to have". Aber gebaut wird auch ohne sie.

Spalt im Karst: Tunnelbaustelle Widderstall. Foto: Martin Storz
Spalt im Karst: Tunnelbaustelle Widderstall. Foto: Martin Storz

Bei den Bohrungen zum Abaufstieg wurden 45 Hohlräume gefunden, der größte maß 300 Kubikmeter und wurde zugeschüttet. Das haben die Boldts wie alle anderen eher zufällig erfahren. Der für diesen Streckenabschnitt zuständige Projektleiter Matthias Breidenstein will, anders als Kielbassa, nicht mit ihnen zusammenarbeiten. Schade? Schulterzucken. Höhlenforscher sind ein geduldiges Völkchen. Dabei haben sie noch mehr schlechte Erfahrungen mit der Bahn gemacht. Etwa bei den Bauarbeiten für die ICE-Strecke Nürnberg–Erfurt. Dort wurde bei Bauarbeiten 2008 die Bleßberghöhle entdeckt, die die Bahn sofort versucht hat mit Beton zu verfüllen. Erst nach Anzeigen des BUND ließ die Bahn die Thüringer Forscher in den Untergrund. Doch darüber will der Vorsitzende des Thüringer Höhlenvereins heute nicht mehr reden. "Das waren zu viele Emotionen", sagt Jens Leonhardt. Und wie sieht es bei den Höhlenforschern im Land aus? Sind alle mit einem Vertrag mit der Bahn einverstanden? "In unserem Verein gibt es wie überall in der Bevölkerung S-21-Befürworter und -Gegner", sagt Petra Boldt. "aber der Landesverband ist unpolitisch." Dabei können Hohlräume schnell zu einem Politikum werden. 

Am vergangenen Dienstag, 19. November, wurde am Widderstall gesprengt, damit sich die Bagger tiefer in die Alb graben können. Petra Boldt hat nur zufällig davon erfahren. Ob dabei neue Spalten entdeckt wurden, weiß sie nicht. Am liebsten noch in dieser Woche will sie ihre Unterschrift unter den Vertrag mit der Bahn setzen – wenn denn die Höhlenvereine zustimmen.


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