KONTEXT:Wochenzeitung
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Im Landtag unerwünscht

Im Landtag unerwünscht
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Anton Hunger hat für die "Stuttgarter Zeitung" und für Porsche gearbeitet. Jetzt rechnet er in einem Buch mit der "Journaille" ab. Als bekannt wurde, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt, hat der Landtag Hungers dort vorgesehene Buchpräsentation abgesagt.

Anton Hunger: Information ist das Schmiermittel. Foto: Joachim E. Röttgers

 

Herr Hunger, Sie wollten Ihr neues Buch "Blattkritik" im Landtag von Baden-Württemberg vorstellen. Dann hat man Sie wieder ausgeladen. Früher haben Ihnen die Mächtigen und weniger Mächtigen aus der Hand gefressen, heute beißen sie lieber zu.

Ach, aus der Hand hat mir noch niemand gefressen, und zugebissen haben die Mächtigen und weniger Mächtigen auch in früheren Jahren. Neu ist allenfalls die Chuzpe, die heutzutage an den Tag gelegt wird, wie man ja an der Ausladung des Landtages sehen kann. Der Verlag Klöpfer & Meyer kam mit der Landtagsverwaltung überein, das Buch im Foyer des Parlaments vorstellen zu lassen. Die Vizepräsidentin des Landtags, Brigitte Lösch, hat die Einladung ebenso unterschrieben wie der Verleger und der Geschäftsführer der Osianderschen Buchhandlung. 

Und was ist dann passiert?

Als dann bekannt wurde, dass ein Ermittlungsverfahren gegen mich eingeleitet worden ist, hat dies der Landtag zum Anlass genommen, uns wieder auszuladen. So viel zum Thema Unschuldsvermutung. Wir sind dann mit der Buchvorstellung in Stuttgarts neue Stadtbibliothek umgezogen und hatten dort eine gut besuchte und interessante Veranstaltung. Regierungssprecher Rudi Hoogvliet saß mit auf dem Podium. Chapeau. 

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Sie wegen des Verdachts der Beihilfe zur Marktmanipulation. Anton Hunger stünde mit einem Bein im Knast, wird seit Kurzem in Journalistenkreisen gewitzelt. Wie fühlen Sie sich dabei? Schließlich waren Sie, wie ich vermute, nur der Sprecher Ihres Herrn.

Für mich ist das Verfahren nicht nachvollziehbar. Da die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen mich zur gleichen Zeit eingeleitet hat wie die Ermittlungen gegen den gesamten damaligen Aufsichtsrat, könnte ich jetzt sagen: Endlich mal auf Augenhöhe. Aber im Ernst: Ich kann und darf mich zur Sache nicht äußern, was Sie hoffentlich verstehen.

Aber Porsche übernimmt die Anwaltskosten.

Auch dazu äußere mich nicht, weil ich zu allen Fragen, die Dritte betreffen, eine Erlaubnis einholen müsste. Gehen Sie aber davon aus, dass ich damals nicht als Privatperson gehandelt habe. 

In Ihrem neuen Buch "Blattkritik" lassen Sie an der Wirtschaftspresse kein gutes Haar, nennen die einstigen Kollegen "Nachplapperer" und werfen ihnen eine Doppelmoral vor, da sie sich mit Rabatten und diversen Gefälligkeiten vereinnahmen ließen. Dabei war doch das Ihr ureigenes Metier: Sie und ihre PR-Kollegen in den anderen Automobilunternehmen haben doch jahrelang zu teuren Reisen in den sonnigen Süden eingeladen und beim Autokauf hohe Rabatte gewährt – je höher der Journalist in der Hierarchie stand, desto mehr. 

Das Problem ist doch nicht, dass ein Journalist eine Einladung zu einer Veranstaltung eines Unternehmens einschließlich Abendessen und Übernachtung annimmt. Das Problem ist vielmehr, dass er das, was er für eine Selbstverständlichkeit hält, bei anderen – beispielsweise bei Politikern – kritisiert. Es geht um die unterschiedliche Wahrnehmungsfähigkeit, was ich als Doppelmoral bezeichne.

Es geht ja nicht nur um ein Abendessen und eine Übernachtung. 

Urlaube haben wir jedenfalls niemandem bezahlt, und der Presserabatt für ein Fahrzeug war mit zehn Prozent festgelegt. Und wenn ein Journalist Kost und Logis selbst bezahlen wollte, haben wir ihm eine Rechnung geschrieben. Das waren aber sehr wenige Journalisten, was ich aufgrund der rigiden Sparpolitik der Verlage sogar nachvollziehen kann. 

Zurück zu ihrem Buch oder besser zum nächsten Buchtitel: Wie wäre es damit? "Ich habe euch hinters Licht geführt – Vom Glanz und Elend eines Pressesprechers".

Dem Thema Public Relations widme ich in meinem Buch ein ganzes Kapitel. Und es gehören immer zwei dazu, jemanden hinters Licht zu führen. Es dürfte auch Ihnen nicht unbekannt sein, dass in den Medien ein großer Bedarf an Geschichten besteht. Die sauberste Antwort darauf ist die eigene Recherche ... 

... die kaum ein Verleger bezahlen will. 

Genau, das kostet Geld und ist aufwendig. Weniger kostspielig ist es, wenn ein Konfident den inkriminierenden Aktenordner auf den Tisch legt. Die Motive für dieses Verhalten mögen verschieden sein, das Ergebnis ist aber das Gleiche: Der Journalist hat seinen Scoop, seine Geschichte. Das einzige Schmiermittel jedenfalls, das zieht, ist die Enthüllungsinformation und nicht, wenn ein Journalist mal einen Porsche für eine Testfahrt gestellt bekommt oder zum Mittagessen oder zum VfB eingeladen wird. Ich schätze Journalisten nicht für so plump bestechlich ein. Man korrumpiert – und ich setze das Wort hier in Anführungszeichen – man "korrumpiert" einen Journalisten am leichtesten mit einer Geschichte. Das kann auch eine Geschichte über einen Wettbewerber sein. 

Und was ist mit den Reisen nach Thailand, Südfrankreich oder Spanien?

Porsche hat – jedenfalls zu meiner Zeit – nie Journalisten in exotische Länder eingeladen. Und wenn wir eine Veranstaltung in Spanien hatten, dann in aller Regel nur im Winterhalbjahr, wenn man in unseren Breitengraden wetterbedingt keine Fahrvorstellung durchführen konnte. Im Sommer war immer Deutschland Veranstaltungsort, schon, weil die ausländischen Journalisten verrückt waren nach der German Autobahn, auf der es ja bekanntermaßen kein generelles Tempolimit gibt. Wirtschaftsjournalisten sind übrigens oft mitgereist, weil bei den Veranstaltungen auch Vorstände zugegen waren, mit denen sie informell reden konnten.

Hunger: Ihre Gehaltsfantasien sind ja rührend. Foto: Joachim E. Röttgers

Unser Problem als Journalist ist doch, dass die Verleger meist keine Reisen bezahlen wollen.

Ich erkenne die Zwangslage des Journalisten, der dies nur widerwillig akzeptiert. Aber den einladenden Pressesprechern sollte man deshalb keine Vorwürfe machen. 

In Ihrem neuen Buch beschreiben sie "das Elend der Journaille". Beginnt dieses Elend nicht viel früher, bei Leuten wie Ihnen oder Ihrem damaligen Kollegen bei der "Stuttgarter Zeitung", Andreas Richter? Sie waren beide in der Wirtschaft gefürchtet – zumindest eine Zeit lang, weil Sie bei Ihren Recherchen nicht locker ließen. Später landeten Sie bei Porsche, wo Sie das Zehnfache oder noch mehr verdienten. Andreas Richter ging als Geschäftsführer zur IHK Stuttgart, wo er ein ähnlich hohes Gehalt bezieht.

Ihre Gehaltsfantasien sind ja rührend. Ich suchte nach 17 Jahren Journalismus eine neue Herausforderung und bin nicht wegen des Geldes oder der geilen Autos zu Porsche gewechselt.

Aber Sie fahren heute trotzdem einen Panamera?

Ja, ich bekomme das Fahrzeug weiterhin als Dienstwagen gestellt, so wie jeder Hauptabteilungsleiter, der in den Ruhestand geht. Es ist für mich fraglos eine sehr komfortable Angelegenheit. Und Porsche-Fahrzeuge sind ja unzweifelhaft technische Spitzenprodukte und ganz fantastische Autos.

Wendelin Wiedeking hat am Ende seiner Porsche-Karriere eine extrem hohe Abfindung erhalten, über 50 Millionen Euro. Die Schweizer haben sich kürzlich in einer Volksabstimmung gegen die Abzockerei in der Wirtschaft ausgesprochen. Brauchen wir entsprechende Regeln auch für Deutschland?

Ich kann dieses Unbehagen in der breiten Öffentlichkeit nachempfinden, weil die Gehaltsunterschiede doch beträchtlich sind. Aber ich bin kein Freund davon, alles gesetzlich zu regeln. Nehmen wir den jüngsten Streit, den über das Gehalt des VW-Chefs Martin Winterkorn ...

... er erhält 14,5 Millionen Euro als Jahressalär. 

Viele Menschen stören sich an dieser Summe und ganz generell an der Höhe der Managergehälter, kaum aber jemand am Gehalt eines teuren Fußballspielers, und überhaupt niemanden stört es offensichtlich, wenn der Kapitalist immer vermögender wird. Man übersieht ganz gern den Vermögenszuwachs von denen, denen die prosperierenden Unternehmen gehören.

Also sollten wir die Porsches und Piëchs enteignen?

Quatsch. Es geht mir um die falsche Wahrnehmung der Medien und damit der Öffentlichkeit. Die Schweizer wollen ja künftig die Managergehälter von den Aktionären festlegen lassen, was ich für einen Treppenwitz halte. Aktionäre sind an steigenden Kursen und hohen Dividenden interessiert, nicht an hohen Managergehältern und anständigen Löhnen für Arbeiter und Angestellte. Hohe Löhne und Gehälter stehen nämlich in Widerspruch zu hohen Dividenden. Ich kritisiere die Kapitalbildung bei den Eigentümern nicht, ganz im Gegenteil. Aber Managergehälter reichen in aller Regel bei Weitem nicht an den Vermögenszuwachs der Eigentümer heran, auch nicht die Gehälter von Wiedeking oder Winterkorn. Und ohne gute Manager gäbe es keinen Vermögenszuwachs für die Unternehmenseigner. An den Dividenden stört sich erstaunlicherweise niemand. 

Sie sitzen auch im Beirat von Kontext. Und ich mache hier für Kontext ein Interview. Ist das ein Problem? Kann dies unabhängiger Journalismus sein? 

Sie würden das Interview mit mir nicht führen, wenn Sie nicht wüssten, dass Sie die Freiheit hätten, es in die Mülltonne zu kippen, wenn es Ihnen nicht zusagt. 

Hunger: Da wäre ich nicht päpstlicher als der Papst. Foto: Joachim E. Röttgers

Als Vorstandsmitglied der Wiedeking-Stiftung haben Sie sich dafür eingesetzt, dass der Kontext-Verein eine Spende von 10 000 Euro erhält. Innerhalb der Redaktion gab es deshalb zum Teil heftige Kritik. Der Kollege Meinrad Heck, der zu den Kontext-Gründern zählt, hat die Redaktion wegen dieser Spende im vergangenen Herbst verlassen. (Siehe unseren Bericht über die Mitgliederversammlung.) Kann Kontext unter solchen Bedingungen noch als unabhängig gelten? 

Die Kritiker halte ich für scheinheilig. Ihr Blatt war in einer existenzbedrohenden Situation. Das sollten Sie sich von Ihren Kollegen erzählen lassen.

Ich war damals für Kontext ausschließlich als Autor tätig und habe die Diskussionen nur teilweise und nachträglich mitbekommen.

In einer Krisensitzung rang man nach Lösungen. Ein Vorschlag aus den Reihen der Redaktion und des Beirates – nicht von mir – lautete, sich an Stiftungen zu wenden. Man sprach von der Bosch- und der Leibinger-Stiftung.

Die Leibinger-Stiftung hatte bereits ein Jahr zuvor 10 000 Euro für die Bildungsaktivitäten des Kontext-Vereins locker gemacht. 

So ist es. Ich habe in dieser Sitzung darauf hingewiesen, dass die Mühlen der Stiftungen langsam mahlen und die Gefahr bestünde, dass Kontext das Geld vorher ausgeht. Deshalb habe ich angeregt, bei der Wiedeking-Stiftung anzufragen, was einstimmig von den damals anwesenden Redaktionsmitgliedern und dem Beirat gutgeheißen wurde. Die Wiedeking-Stiftung hat aus satzungsrechtlichen Gründen ausschließlich einen Zuschuss für die gemeinnützige Bildungsarbeit des Kontext-Trägervereins genehmigt, nicht für die Zeitung. 

Ist die Unabhängigkeit von Kontext damit gefährdet? Besteht die Gefahr, dass Kontext nicht mehr kritisch über Porsche, Wendelin Wiedeking oder Anton Hunger berichten kann? 

Porsche hat mit der Spende nichts zu tun. Wiedeking im streng juristischen Sinn auch nicht, sondern ausschließlich die Stiftung, die er mit dem Geld seiner Abfindung ausgestattet hat, die seinen Namen trägt und bei der er der Vorsitzende ist. Immerhin gilt im Vorstand der Stiftung das Mehrheitsprinzip. Und dem Vorstand gehören noch fünf weitere Mitglieder an.

Das sind neben Ihnen und Wiedeking dessen Frau Ruth, Claus Böckenholt als Finanzvorstand, der frühere Stuttgarter IG-Metall-Chef und Porsche-Aufsichtsrat Hans Baur sowie Uwe Hück, der Konzernbetriebsratsvorsitzender und stellvertretender Porsche-Aufsichtsratschef ist.

So ist es. Das Problem ist aus meiner Sicht nicht eine kritische, sondern eine unfaire Berichterstattung. Wenn Kontext unfair über Wiedeking oder Hunger berichten sollte, könnte dies allenfalls die Konsequenz haben, dass der Verein beim nächsten Anklopfen eben keine Spende mehr bekommt.

Was zumindest nach heutigem Stand verkraftbar wäre, denn vom gesamten Spendenaufkommen macht die der Wiedeking-Stiftung gerade einmal 5,66 Prozent aus. 

Ich halte Kontext für ein lohnenswertes Experiment, eine hochspannende Sache in der Medienlandschaft. Aber die Macher des Blattes müssen noch eine verdammte Durststrecke überstehen. Das wird sehr mühsam werden, weil das Experiment im Moment nur durch die Selbstausbeutung der Akteure funktioniert. Ergo müsst Ihr unbedingt darauf bedacht sein, mehr finanzielle Mittel zu generieren. Das Beste und Überzeugendste wäre es, wenn sehr viel mehr Leser als heute die Lektüre von Kontext bezahlen würden. Bis es so weit ist, braucht der Verein Spenden. Und da wäre ich nicht päpstlicher als der Papst.

Also die Vatikanbank.

Okay. Falscher Vergleich mit dem Papst. Kontext kann Geld von Stiftungen annehmen und auch von Unternehmen, wenn erkennbar keine unlauteren Absichten dahinterstecken. 

 

Anton Hunger, Jahrgang 1948, arbeitete 17 Jahre als Journalist für die "Stuttgarter Zeitung" und das Münchner "Industriemagazin", um dann in die Pressestelle von Porsche zu wechseln, die er 2009 verlassen hat. Er ist Autor mehrerer Bücher ("Das Davidprinzip", "Gebrauchsanweisung für Schwaben" und ganz aktuell "Blattkritik: Vom Glanz und Elend der Journaille", Verlag Klöpfer & Meyer, März 2013, 19,50 Euro), schreibt für das "Medium-Magazin" und Kontext. Hunger ist Mitgesellschafter beim Wirtschaftsmagazin "brand eins" und Kuratoriumsmitglied der Zeitenspiegel-Reportageschule.

 


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5 Kommentare verfügbar

  • RainerNuebel
    am 18.03.2013
    Antworten
    Da die Kontext-Redaktion Transparenz erklärtermaßen groß schreibt, möchte ich als Mitglied des Kontext-Vereins, der bisher Bildungsprojekte umgesetzt hat, auf Folgendes hinweisen: Anton Hunger hat als Beiratsmitglied Anfang 2012 – als die finanzielle Lage der Kontext-Redaktion prekär und ihr…
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