Ausgabe 390
Medien

Hände aufs Lenkrad!

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 19.09.2018
Mit Felix Huby auf dem Balkon stehen, in den Berliner Grunewald gucken und sich vorstellen, Wolfgang Schäuble rolle vorbei, ohne Bodyguards. Aber so läuft der Plot nicht. Das Stück spielt im Baden-Württemberg der 70er-Jahre und handelt von Stammheim, Sartre, Filbinger und Wyhl. Es heißt "Spiegeljahre" und ist Hubys neuer Roman.

Im Garten hinterm Haus haben Wildschweine Löcher gegraben, daneben steht das Schwimmbad, eines aus der Sexbranche, und weiter hinten im Wald fährt Wolfgang Schäuble seine Runden im Rollstuhl. Auch Joschka Fischer hat hier eine neue Heimat in einer efeuumrankten Villa gefunden. Willkommen in Berlin-Grunewald, willkommen bei Felix Huby, bürgerlich Eberhard Hungerbühler.

Es gibt Salzgebäck und Kaffee, und der gebürtige Dettenhäuser (bei Tübingen) versichert, er fühle sich hier sauwohl, weil er mit dem Fahrrad gleich raus kann, 15 Kilometer strampeln, und mit der S-Bahn oder dem Fiat 500 in wenigen Minuten in Berlin-Mitte ist. Alles absolut altersgerecht, sagt er. In diesem Dezember wird der taz-Genosse achtzig, und weil er ohne Unterlass geschafft hat, sei ihm der gläserne Aufzug, der ihn nach oben bringt, auch gegönnt.

Huby auf seinem Balkon im Berliner Grunewald. Foto: Kontext
Huby auf seinem Balkon im Berliner Grunewald. Foto: Kontext

Der Grund des Besuchs hat nichts mit dem Geburtstag zu tun. Der Grund ist ein Buch, das er eigentlich nicht mehr schreiben wollte. Nicht dass er zu faul gewesen wäre oder nicht mehr frisch genug. Da sind die 18 Kuraufenthalte auf der Mettnau vor, unter anderem mit Claus Kleber vom ZDF, und einmal die Woche Qigong. Wäre es nach ihm gegangen, hätten die beiden Autobiographien, "Heimatjahre" und "Lehrjahre", gereicht, um das Leben des Eberhard Hungerbühler in Romanform abzuschließen. Aber Hubert Klöpfer, der Tübinger Verleger, wollte mehr. Und weil Hubys Herz für gebeutelte Leute schlägt, hat er zugesagt, nachdem er als Meister des Dialogs mit sich zurate gegangen ist. Trägt das Thema für einen Roman oder trägt es nicht? Er befand: es trägt. Das Buch heißt "Spiegeljahre" und fasst seine Zeit (1972 bis 1979) bei dem Hamburger Magazin zusammen.

Stücke aus einer Zeit, die finster war und autoritär

Die Geschichte könnte jetzt so gehen: Wenn die Linienmaschine nicht fliegt, nimmt der "Spiegel"-Redakteur den Learjet. Wenn er müde ist, das Fünfsternehotel, zum Frühstück wählt er Champagner und danach das Sturmgeschütz der Demokratie. Ja, so schön war das Leben beim einstigen Leitmedium, und die Alten erzählen ihre Heldentaten immer noch gerne. Die Damals-Geschichten aus den goldenen Zeiten. Zum Glück ist Huby kein nostalgischer Maulheld, auch wenn er ausweislich des neuen Buches des öfteren im Hotel Schlossgarten zugange war. Er belässt es dabei, zu sagen, der "Spiegel" von heute sei auf dem Weg zu einem "Unterhaltungsmagazin".

Das Filbinger-Kapitel aus Hubys "Spiegeljahren" gibt es bei Klick aufs Buchcover vorab.
Das Filbinger-Kapitel aus Hubys "Spiegeljahren" gibt es bei Klick aufs Buchcover vorab.

Die "Spiegeljahre" sind Baden-Württemberg-Jahre. Stücke aus einer Zeit, die finster war und autoritär, gewalttätig und voller Hass, aber auch schon den Keim des Umbruchs in sich trug. Huby folgt seinem Mentor Rudolf Augstein und schreibt, was ist, aber mit den Freiheiten des Schriftstellers, der ausschmücken darf und keine Gegendarstellung zu befürchten hat.

So nimmt uns sein Alter Ego Christian Ebinger mit ins Büro von Klaus Croissant, dem RAF-Anwalt, der es "total richtig" findet, dass Menschen endlich "aufstehen gegen diesen korrupten Staat." Er erzählt von Gudrun Ensslin, die er zum ersten Mal in der Tübinger Studentenkneipe "Tante Emilie" getroffen hat, "freundlich und sanft", wie er zum Autoverleiher für Jan-Carl Raspe wurde und Andreas Baader, den "ungebildeten Proleten" zum Kotzen fand. Er soll Ulrike Meinhof wahlweise eine "fette Sau" oder "blöde Fotze" genannt haben.

Nahezu gespenstisch ist der Besuch von Jean-Paul Sartre in Stammheim im Dezember 1974. Vor der internationalen Presse bezeichnet der französische Philosoph Baader als Dummkopf, was Dolmetscher Daniel Cohn-Bendit nicht übersetzt. Sartre spricht von Folter in weißen Räumen, Baader wird später berichten, die Situation sei völlig irre gewesen, er wisse nicht, ob er ihn überhaupt verstanden habe.

Filbinger kannte die Parole des Gehörtwerdens noch nicht

Im Januar 1976 bekommt Ebinger von Gudrun Ensslin das Angebot, ein Interview mit den vier Stammheimer Angeklagten zu führen. Es wird ein schriftliches Hin und Her, bis es halbwegs lesbar ist. Anwalt Croissant besteht darauf, das verschriftete Gespräch persönlich nach Hamburg zu bringen, aber es gibt keinen rechtzeitigen Flug mehr, also ab in den Learjet. In der "Spiegel"-Kantine trifft sich Croissant mit Hellmuth Karasek, den er aus dessen Zeit bei der "Stuttgarter Zeitung" kennt, und alle warten auf Rudolf Augstein, der sich die Entscheidung vorbehält. Drucken oder nicht? Am Ende fragt er Ebinger und der rät zum Ja. Nachzulesen ist das "Gespräch" im Heft vom 26. Januar 1976.

Das sind die Geschichten, die Geschichte nochmals leben lassen. Erlebt und aufgeschrieben von einem, der dabei und schlagstockerfahren war, und ein feines Gespür dafür hatte, was um ihn herum geschah. Manchmal erschien es Christian Ebinger, notiert Huby, "als sei das ganze Land von einer Lähmung befallen, als sprächen die Menschen leiser und bewegten sich vorsichtiger". Nach der Schleyer-Entführung im September 1977 sowieso. Es war ratsam, beide Hände sofort aufs Lenkrad zu legen, wenn die Polizei anhalten sagte. Sonst hätte eine putative Erschießung erfolgen können.

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg hieß damals Hans Karl Filbinger. Zu jener Zeit kannte man die Parole des Gehörtwerdens noch nicht, da wurde gemacht, was die CDU ("Freiheit statt Sozialismus") befahl, und der Vorsitzende befahl gerne. Zum Beispiel das Atomkraftwerk Wyhl zu bauen, andernfalls gingen im Land die Lichter aus. Das haben die Winzer schon damals nicht geglaubt und so lange "nai gsait", bis Filbingers Nachfolger Lothar Späth befand, Wyhl sei politisch nicht durchsetzbar.

Huby 2002 mit "Bienzle" Dietz-Werner Steck. Foto: privat
Huby 2002 mit "Bienzle" Dietz-Werner Steck. Foto: privat

Aber daran ist Filbinger nicht gescheitert. Gestürzt ist er über den Schriftsteller Rolf Hochhuth und letztlich über den "Spiegel", die beide über den "furchtbaren Juristen" geschrieben haben, der noch nach Kriegsende den Matrosen Walter Gröger zum Tod verurteilt hat. Ebinger alias Huby alias Hungerbühler rückte mit dem Karlsruher Kollegen Rolf Lamprecht abends um acht auf Schloss Solitude an, um "Hitlers Marinerichter" als erste mit den Vorwürfen zu konfrontieren. Im Salon war gedeckt, Tee und Kekse, und dort fiel der entscheidende Satz: "Was damals rechtens war, kann heute nicht unrecht sein." Allein schon wegen dieses Kapitels lohnt sich das Lesen.

Mit Bienzle gegen den Terror des Neoliberalismus

Es ist das Ende des Buches und auch das Ende von Hubys "Spiegel"-Karriere. Er wäre noch gerne für das Magazin nach Ostberlin gegangen, aber da wollten sie einen abgebrochenen Abiturienten nicht haben. Also hat er das Krimischreiben zur Profession gemacht, die Kommissare Bienzle, Schimanski und Palu erfunden, Drehbücher für Tatorte und Serien verfasst, die kaum mehr zu zählen sind, und sich dem Verdacht ausgesetzt, im Keller eine Schreibfabrik zu haben, in dem namenlose Knechte in die Tasten hauen. Das war Quatsch, allein deshalb, weil keiner so schnell war wie Huby, der seine Zuarbeiter, so er sie brauchte, ordentlich benannt und bezahlt hat.

Richtig ist, dass der Schwabe, der nie behauptet hat, Grass oder Walser zu sein, Deutschlands bekanntester Drehbuchautor wurde und richtig viel Geld verdient hat. Ihm den Geschäftssinn vorzuwerfen, wäre allerdings auch blöd. Denn auf der anderen Seite muss man sehen, dass er mit seinem Bienzle eine Figur geschaffen hat, die sich bis 2007 gegen den Terror des Neoliberalismus gewehrt hat. Der "schwäbische Columbo" (SWR) hat stets den gleichen Trenchcoat getragen, immer Trollinger getrunken und in 25 Tatorten dasselbe Motto verfolgt: gucken, verstehen, verhaften und bloß nicht hektisch werden. Millionen haben die Früchtchen von diesem Baum der Erkenntnis genascht.

Und der Erfinder selbst hat immer für die SPD geworben, bei der er nur einmal ausgetreten ist, 1983 nach dem Nato-Doppelbeschluss. Bald danach ist er wieder rein und jetzt, mit fast achtzig, sagt er, geht man auch nicht wieder raus. Selbst wenn die Partei weh tut. Schöpfer und Schauspieler sind darüber eins geworden. "Kommissar Bienzle", schrieb die "Böblinger Kreiszeitung" einst, "wählt SPD".


Info:

Das Buch "Spiegeljahre" erscheint im Klöpfer & Meyer Verlag, kommt am 26. September in den Handel, hat 350 Seiten und kostet 25 Euro. Autor Huby beginnt seinen Lesemarathon am Montag, 24. September, im Literaturhaus Stuttgart, im Gespräch mit dem ehemaligen TV-Moderator Wieland Backes. Danach sind bereits 20 weitere Auftritte gebucht.


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