KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Mit der Zeitung Gassi gehen

Mit der Zeitung Gassi gehen
|

Datum:

Wie gründet man eine Zeitung, wenn man davon keine Ahnung hat? Und wie wird sie zwei Jahre alt, mit der Aussicht, noch viele weitere Geburtstage feiern zu können? Josef-Otto Freudenreich versucht es zu erklären.

Wer keinen Hund hat und trotzdem in aller Herrgottsfrüh Gassi gehen will, der sollte ein Projekt wie Kontext gründen. Er/sie schläft garantiert schlecht, kurz und gebeutelt von der Sorge, dass alles schiefgehen wird. Das treibt einen auf die Straße, um den Block, immer in der Hoffnung, der Puls möge sich beruhigen. Manchmal hat Baldrian geholfen.

Denn: Wer ist schon so bescheuert, im Internet eine Wochenzeitung machen zu wollen, mit langen Texten und ohne Single-Börsen? Altmodisch in die Zukunft. Der Spruch könnte von Scholz & Friends sein. Nur besoffen von der Idee, dass es irgendwie klappen würde, so wie die Bücher der Gründungstruppe funktioniert haben. "Wir können alles" und "Die Taschenspieler" – das wäre doch auch ein Netzprogramm, mit aller Doppeldeutigkeit. Nur öfter. Und das alles ohne Verleger, ohne Chefredakteur und ohne Anzeigenabteilung. Der Traum eines jeden Journalisten, der noch Leben im Leib hat.

"Avanti dilettanti" titelte im Juni 2011 die "Berliner Zeitung" und hatte ja so recht. Wie man Geschichten schreibt, wussten wir. Dieses Handwerk haben alle gelernt. Die meisten im Stuttgarter Pressehaus. Aber wie gründet man eine Zeitung? Das steht in keinem Lehrbuch. Am besten mit einem Verein, für den sieben Mitglieder benötigt werden, die eine halbe Stunde bevor dem Publikum verkündet wird, dass es jetzt losgeht, unterschreiben müssen. Das war am 6. April 2011 im Staatstheater, als Vincent Klink vor 500 Gästen in die Basstrompete blies.

Mit Augstein hat's nicht geklappt, dafür mit dem Ehepaar Schairer

Und wie bezahlt man eine Zeitung? Am besten mit Jakob Augstein, dem "Spiegel"-Erben, der mit Kontext liebäugelte, weil es ihm als Bühne für das grün-rote Labor Baden-Württemberg dünkte. Kontext in seinem "Freitag", das hätte er gut gefunden, aber dann auch wieder nicht mehr. Realistischer waren der Gehaltsverzicht und die Mäzene Hanne und Andreas Schairer, die an die Journalisten glaubten, obwohl die weder rechnen noch verlegen konnten. Die Sache war's, die sie überzeugt hat.

Und wie machen Journalisten eine Internet-Zeitung, die gerade mal kapiert haben, was Google ist? Am besten zusammen mit der taz, die netterweise angeboten hat, zu drucken, obwohl wir ihr sehr merkwürdig erschienen. Mit unserem Verein für ganzheitlichen Journalismus. Wir seien doch hoffentlich keine Steiner-Jünger, haben sie in Berlin gesagt. Aber wahrscheinlich hat die taz gedacht, wir würden die Geschichte mit dem Netz nie auf die Reihe kriegen. Und in der Tat: Was waren Meta-Elemente, Browser-Caches und QR-Codes für uns? Im Grunde die Chiffren für eine Welt, von der wir keine Ahnung hatten, nur den leisen Verdacht, dass es ohne sie nicht ginge. Papierjournalismus, das war's, was wir gelernt haben und das gute Gefühl gab, nicht in ein großes schwarzes Loch zu senden.

Und heute? Heute sagt der taz-Geschäftsführer Karl-Heinz ("Kalle") Ruch, die gedruckte Zeitung könne man sich über kurz oder lang in die Haare schmieren, wenn das so weiter gehe mit den sinkenden Auflagen. Selbstverständlich sind wir anderer Meinung, aber so ganz trauen wir dem Bedrucken toter Bäume auch nicht mehr, was uns bewogen hat, den Netzauftritt etwas zeitgemäßer zu gestalten. (Siehe: "Wo der Online-Hammer hängt" in dieser Ausgab

Anfang 2012 war Kontext eigentlich tot

So sind zwei Jahre vergangen, in denen wir aus dem Staunen nicht herausgekommen sind. Nicht zu wissen, was der nächste Tag bringt, ist mächtig aufregend. Entnervte Kollegen, empörte Parkschützer, erregte Pressesprecher, endliche Fahnenstangen. Anfang 2012 war Kontext eigentlich tot. Die "Süddeutsche" sah uns vor dem Aus, "Spiegel online" ebenso. Wieder Baldrian. Ein Modell schien frühzeitig gescheitert, unvereinbar mit den Gesetzen des Marktes. Spendenfinanzierter Journalismus – eine idealistische Illusion. Selbst verwalteter Journalismus – eine altlinkes Trümmerstück. Unabhängiger Journalismus – eine wohlfeile Schimäre.

Da kommt der Mensch ins Grübeln. Ist es vielleicht doch nur Spinnerei? Aber dann sitzen wieder die Kollegen anderer Zeitungen auf dem Sofa und fragen, wann sie bei Kontext anfangen können. Sie hätten es satt, bevormundet zu werden. Ist es Größenwahn, zu glauben, gegen das Medienkartell anstinken zu können? Gegen den öden Mainstream? Aber dann sagen Fachleute, das bisher einmalige Experiment in Deutschland sei gaaanz wichtig, um einen dritten Weg zwischen Kommerzmedien und öffentlich-rechtlichem System aufzuzeigen. In den USA, in England und der Schweiz gelänge so etwas doch auch. Ist der Wunsch der Vater des Gedankens, anzunehmen, die Menschheit brauche so etwas wie Kontext? Irgend jemand scheint das zu meinen. Denn es stehen plötzlich 86 Kilo Kleingeld vor der Redaktion, sauber banderoliert und 10 000 Euro wert.

Aufgeweckte Bürger brauchen eine wache Zeitung

Hat nicht der "Spiegel" im März 2011 geschrieben, in Stuttgart, der Hauptstadt des Widerstands, müsse das gelingen? Wenn nicht hier, wo sonst? Aufgeweckte Bürger brauchen eine wache Zeitung. Stuttgart 21, Schwarzer Donnerstag, Häußler, Patrizia/LBBW, Sant'Anna, NSU – das sind Synonyme für Vorgänge, die auf den Tisch müssen. Eine neue Regierung nach 58 Jahren CDU, ein grüner Ministerpräsident, ein grüner Oberbürgermeister – da muss es doch rappeln in der Kiste.

Journalisten können sich keine besseren Zeiten wünschen. Und keine besseren Leser. Sie waren es, die Kontext gerettet haben, damals im Frühjahr 2012. Mit einer überwältigenden Solidaritätsaktion, die ein Ende einfach unmöglich, den Start in ein zweites Jahr zum Auftrag machte, fortzuführen, was bis dahin geschaffen worden ist: eine lebendige Zeitung.

Und das scheint geglückt. Viele Leser schreiben uns, sie freuten sich auf den Mittwoch (im Netz), auf den Samstag (im Druck), weil sie neugierig sind, Dinge zu erfahren, die ihnen sonst verborgen blieben. Weil sie des Immergleichen müde sind, stattdessen auf Überraschungen warten, auf Geschichten, die sie mit Recht erwarten können. Solche, die aufklären, solche, die kommentieren, solche, die zum Lachen sind.

Zugegeben: das sind immer noch zu wenig. Weil wir halt immer noch ein kleiner Laden sind, der nicht alles kann. Aber mit dem Rückenwind unserer Leser werden es immer mehr.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


1 Kommentar verfügbar

  • Susanne Jallow
    am 02.05.2013
    Antworten
    Alles Gute der Kontext - Ihr seid einfach spitze, unbezahl- und unverzichtsbar! - Tolle Komentarfunktion :-).
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!