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Projekt "Kunst Konsulat"

Das Territorium des Schönen

Projekt "Kunst Konsulat": Das Territorium des Schönen
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In der Johannesstraße im Stuttgarter Westen hat kürzlich ein neues Konsulat eröffnet. Es vertritt das Hoheitsgebiet der Kunst. Wer ein Visum beantragen will, sollte am besten einen Termin vereinbaren.

Es wird immer schlimmer. Man möchte gar nicht mehr den Fernseher einschalten, eine Zeitung aufschlagen, Radio hören. Hat Donald Trump schon Grönland besetzt? The Land of the Free: in der Hand eines Möchtegern-Diktators! Wie lange wird es noch dauern, bis seine ICE-Agenten auch vor unserer Tür stehen? Doch es gibt einen Ausweg. Eine Alternative. Eine Rettung: das Land der Kunst. Ein Land, in dem es friedlich zugeht, intelligent, in dem sich die Menschen mit Respekt und gegenseitiger Wertschätzung begegnen. Das Territorium des Schönen. Es hat kürzlich sein Konsulat in der Stuttgarter Johannesstraße Nummer 47b eröffnet, in den Räumen, in denen sich bis vor Kurzem das Konsulat der Republik Kosovo befand.

"Liebe Künstler*innen und Kunstfreund*innen", heißt es im Anschreiben. "Willkommen im Kunst Konsulat. Wir kümmern uns im Namen der Kunst um Ihre Anliegen: Hilfeleistungen; Visa/Asyl; u. v. a. m." Wer ein Projekt hat, das er oder sie auf dem Gebiet der Kunst verwirklichen möchte, oder eine Idee, oder wer generell dem, was sich im Land der Kunst ereignet, Interesse entgegenbringt, kann sich im Konsulat um ein Visum bemühen. Es empfiehlt sich, vorher einen Termin zu vereinbaren, denn der Andrang ist groß.

Die Kunst eine Tochter der Freiheit, das wusste schon Friedrich Schiller. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Freiheit auf ihrem Gebiet grenzenlos ist. Denn Freiheit kann auch missbraucht werden. Deshalb prüft das Konsulat Visa-Anträge daraufhin, ob ein wirkliches, genuines Interesse besteht. In jedem Fall geht dem Besuch ein Beratungsgespräch voraus und gegebenenfalls muss der Antrag noch einmal überarbeitet werden. Dennoch hat das Konsulat zugesichert, bei ernsthaftem Interesse werde kein Antrag zurückgewiesen. Wer sich um ein Visum bemühen möchte, sollte dennoch nicht allzu lange warten: Das Konsulat ist vorerst nur bis zum 29. Januar geöffnet.

Labor der Kunst und "Paradies der Leidenschaft"

Für den Fall, dass die Verwirrung überhand nimmt: Das Ganze ist eine Ausstellung der beiden Künstler:innen Julia Wenz-Delaminsky und Peter Franck, die hier als Konsul:innen Wenz De la Minsky und Franck-Oberaspach fungieren, und war eigentlich als Teil einer größeren Ausstellung unter demselben Titel geplant, die bereits im November dort stattgefunden hat. Nur waren die Räume des kosovarischen Konsulats da noch nicht frei, sodass sich die Eröffnung des Kunst-Konsulats ins neue Jahr verschoben hat. Vom Vorgänger-Konsulat (das auf der Homepage der Stadt Stuttgart fälschlicherweise noch immer an diesem Ort verzeichnet ist) konnten dankenswerterweise noch vorhandene Teile der Einrichtung übernommen werden. Als "Ort zwischen Institution, Raum und Experiment" wollen Wenz-Delaminsky und Franck ihr Konsulat verstanden wissen, "als Labor für zeitgenössische künstlerische Praktiken, das neue Formen von Öffentlichkeit, Arbeit und ästhetischer Forschung erprobt". 

BB Stiftung

"Wir ermöglichen Menschen Wachstum und persönliche Entwicklung, indem wir in den Bereichen Kunst und Kultur, Jugendhilfe sowie Bildung aktiv werden", so erklärt die BB Stiftung ihren Stiftungszweck. "Die Kunst soll dabei im Mittelpunkt stehen." Mit einem Tauffest an der Wagenhalle, musikalisch untermalt von der Akademischen Betriebskapelle, trat sie 2023 erstmals ans Licht der Öffentlichkeit. Im folgenden Jahr unterstützte sie das Pfffestival des Studio Vierkant, das mit internationalen Streetart-Künstler:innen bisher zwanzig Murals, großformatige Wandgemälde, realisiert hat. Im Moment befindet sich die Stiftung in einer Findungsphase und bereitet die Renovierung des Gebäudes in der Johannesstraße vor.  (dh)

"Paradies der Leidenschaft", steht auf der Fahne vor dem Fenster im zweiten Stock des Altbaus im Stuttgarter Westen: das Motto des exterritorialen Landes. "Wir sind das Land der Kunst, der Freiheit, des Friedens", erläutert Konsul Franck-Oberaspach, "technologisch nach vorn gewandt, während wir gleichzeitig das Alte bewahren." Das ist sozusagen die Antithese zu den dystopischen Verhältnissen in den USA, die Franck-Oberaspach und Wenz De la Minsky gleichwohl stark beschäftigen, da sie die Vereinigten Staaten wiederholt besucht haben, insbesondere die Stuttgarter Partnerstadt St. Louis im Bundesstaat Missouri. 2016 waren sie dort, kurz bevor Donald Trump erstmals zum Präsidenten gewählt wurde. Die Entwicklung zur heutigen Situation begann sich bereits abzuzeichnen.

Bekanntlich hat Trump den Ostflügel des Weißen Hauses abreißen lassen, um dort, angeblich aus eigenen Mitteln und Spenden, einen Ballsaal, den State Ballroom zu errichten, der 900 Gäste fassen soll. So etwas wäre im Land der Künste nicht möglich, da sich dieses dem Gedanken der Repräsentation längst abgewandt hat und stattdessen der Freiheit des oder der Einzelnen höchste Bedeutung beimisst. Entscheidungen von oben herab sind dort verpönt.

Wer nun eines der begehrten Visa zu erlangen trachtet, muss zuerst im Vorzimmer des Konsulats Platz nehmen, auf Sitzgelegenheiten, die etwas zu klein geraten sind. In einem Nebenraum stehen Sektgläser und Kaffeetassen für Empfänge bereit. Doch vorerst heißt es warten. Um die Zeit zu verkürzen, kann man aus einer Glaskugel ein zusammengerolltes Papierstückchen ziehen, auf dem ein Sinnspruch steht, wie sie sich im Land der Kunst – die Fahne zeigt es – so großer Beliebtheit erfreuen.

Vor dem Visum steht ein Beratungsgespräch

KI-generierte Stimmen in mehreren Sprachen geben Instruktionen. Fachpersonal ist schwer zu finden, was auch bedingt, dass sich die Renovierung des Hauses verzögert und auch die Räume des Konsulats vorerst einen eher nüchternen Eindruck hinterlassen. Die Ausstattung ist spärlich. Ein Globus steht für die weltumspannende Macht der Kunst. Fotos und ein Modell des Weißen Hauses erinnern an die Reisen des Konsuls und der Konsulin in die USA.

Dafür wird der oder die Antragsteller:in, wenn er oder sie denn endlich zu einem der beiden Schalter vorgedrungen ist, mit einem intensiven und sachkundigen Beratungsgespräch belohnt. Denn darum geht es: ins Gespräch, in Austausch zu kommen, schließlich steht das Visum am Beginn einer Reise in ein neues, unbekanntes Territorium, auf das der Besucher oder die Besucherin an verschiedenen Stellen des Konsulats schon einmal einen Vorgeschmack bekommt.

Auch an unerwarteten Orten: Wer während der zu befürchtenden langen Wartezeit das Bedürfnis verspüren sollte, große Geschäfte zu verrichten, auf den wartet eine kleine Aufmerksamkeit: Im stillen Kämmerlein kann er oder sie sich den Allerwertesten mit einem Porträt des amerikanischen Präsidenten abwischen.
 

"Das Konsulat" ist noch geöffnet bis zum 29. Januar in der Johannesstraße 47B, 70176 Stuttgart-West. Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag 11 bis 17 Uhr, Mittwoch 14 bis 18 Uhr. Terminvereinbarung unter 0157 36692311 oder per E-Mail:  franck.wenz--nospam@gmx.de. Ein Termin dauert ca. 30 Minuten.

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