KONTEXT:Wochenzeitung
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Vorhang auf!

Vorhang auf!
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Eine Gruppe von Menschen wird von Corona besonders hart getroffen. Nicht, weil sie besonders gefährdet ist, sondern weil das Virus droht, sie in den Ruin zu treiben. Es sind die freien Kulturschaffenden, die keine Bühne mehr haben. Wir bieten ihnen jeden Tag eine virtuelle. In Folge 34 unserer Serie geht der "Vorhang auf" für Sylvia Winkler und Stephan Köperl!

"Interventionen im urbanen Raum" nennen Sylvia Winkler und Stephan Köperl einen Großteil ihrer mit Videos oder Fotos dokumentierten Kunstprojekte, und für manche Menschen mag sich diese Bezeichnung nach verkopfter, etwas dröger Konzeptkunst anhören. Eine solche Assoziation täte aber den beiden, seit 1997 privat und künstlerisch ein Paar, gröbstes Unrecht. Denn ihre Arbeiten haben einen herrlich spontanen, manchmal verspielten Charme, oft feine Ironie und manchmal auch einfach Lust an der Absurdität.

Solange Corona die Welt in Atem hält und die Bühnen, Ausstellungen und Konzertsäle im Land geschlossen sind, gibt es jeden Tag eine neue Folge des Kontext-Vorhangs. Alle Folgen der vergangenen Wochen sind hier zu finden.

"Grundsätzlich entwickeln sich unsere Projekte aus Beobachtungen vor Ort", schreiben die Winkler und Köperl auf ihrer Homepage, und das gilt auch für das vorgestellte Video "Medicare", das sie in Lijang in China aufgenommen haben, 2007 schon, lange vor Corona. Vier Projekte haben sie seit 1997 schon in China realisiert, nach Lijang waren sie damals aber eher durch Zufall gekommen. In Bangkog hatten sie einen jungen Amerikaner kennengelernt, dessen Vater in einem Dorf in der Nähe von Lijang ein Haus angemietet hatte, in das er immer wieder Künstler einlud. "Uns fiel auf, dass es in dem Dorf fast keinen Müll gab, nur Verpackungen von Medikamenten lagen herum. Und wir wollten herausfinden, was auf den Packungen draufsteht", erzählt Köperl. Sie hätten auch schon ein bisschen Chinesisch gekonnt, und komponierten so aus den Namen der Medikamente und ihren Anwendungszwecken ein einfaches Lied, das sie zum Klingelton ihres Handys in verschiedenen Apotheken in Lijang darboten. "Wir sind einfach rein, ohne zu fragen", erinnert sich Köperl, und Winkler ergänzt: "In chinesischen Apotheken konnte man damals viel machen, teilweise auch rauchen." Stress bekamen sie deswegen nicht, sorgten eher für Amüsement, wovon auch die kichernde Angestellte im Video zeugt.

Ein Vorgehen, dass sich auch bei anderen "Interventionen" rund um den Globus praktisch immer bewährte: "Wir haben nie um eine Genehmigung angefragt, sondern immer einfach gemacht. Die Hemmschwelle, einzugreifen, ist meist hoch", berichtet Winkler. Und Köperl ergänzt: "Wenn man dagegen etwas beantragt, klappt es meistens nicht, weil immer irgendjemand Verantwortung übernehmen muss." So blieben ihre Performances in Mexiko-City, Bangkog, Kairo, Chengdu oder Montreal meist ungestört – die mitunter heftigste Reaktion erfuhren sie ausgerechnet 2006 in Stuttgart, bei der Aktion "Aber den Kunden gefällt's doch!" in einem Supermarkt. Mit Videokamera und Cassettenrecorder betreten die beiden den Discounter und rappen, bis irgendwann der Marktleiter die Aktion abbricht – "glücklicherweise erst da, wo wir am Ende waren, es passt also perfekt", sagt Köperl.

In den Interventionen der beiden geht es nicht immer, aber oft um kontroverse Themen, ob Gentrifizierung, Umweltverschmutzung, Armut, Konsum oder Mobilität. Sehen sich die beiden als politische Künstler? Zumindest nicht in ganz engem Sinne, sagen sie, wobei, ein gewisser emanzipatorischer Anspruch ist trotzdem oft dabei. Etwa bei einem ihrer neuesten Projekte, "Korrekturfahnen": Großformatig auf einer Wandtafel präsentieren sie die "Charta der Grundrechte der Europäischen Union". Mit BesucherInnen diskutieren sie diese dann nicht nur, sondern verbessern und ergänzen sie auch mit Rotstift um neue Formulierungen.

Präsentiert haben Winkler und Köperl die "Korrekturfahnen" schon 2018 beim Festival "The Future of Europe" in Stuttgart und 2019 bei der Generaldirektion Justiz der EU in Brüssel, in diesem Frühjahr sollten sie damit zu Europaschulen in Sachsen-Anhalt gehen. Daraus wurde wegen Corona nichts, "das wäre unser größtes Projekt in diesem Jahr gewesen, auch finanziell bedeutsam", sagt Köperl. Auch sonst sind wichtige Einnahmen wegen der Pandemie weggebrochen: Winkler arbeitet beim Figurentheater FITZ in Stuttgart, das ist momentan ebenso zu wie die Kunstschule in Fellbach, an der Köperl seit Herbst immer wieder unterrichtete. Ein Workshop im auch geschlossenen Kunstmuseum, wo ein Teil der Schriftarbeiten des Duos seit Februar ausgestellt ist, fiel ebenso flach. Für drei Monate ist immerhin die Künstlersoforthilfe des Landes sicher, und das künstlerische Arbeiten ist auch nicht ganz eingeschränkt. "Wir haben beide bei der Wagenhalle einen Ateliercontainer auf der Wiese", sagt Köperl, da kommt man nicht so schnell mit dem Mindestabstand in Konflikt – der bei vielen ihrer Interventionen wohl ein Problem wäre.

Mehr von und über Sylvia Winkler und Stephan Köperl hier: http://www.winkler-koeperl.net/heimseite.html

Virtuelle Bühne bei Kontext

Weil Corona den Kulturschaffenden ihre Bühnen nimmt, wollen wir als Medium eine virtuelle bieten. Wenn wir es schaffen, wechseln wir täglich die Stücke, damit möglichst viele ihren Auftritt bekommen. Den Auftakttext zum Projekt gibt es hier nachzulesen. Spenden bitte direkt an die KünstlerInnen.

Folge 33: Vorhang auf für Anna Teufel!


Sonntag, 3. Mai 

"Jedes Mal, wenn man mich anschaut, dann sieht man das. Dass ich gekekskrümelt bin. Aber ich finde das doof, sofort darauf reduziert zu werden. Die anderen setzen mir die Grenzen, nicht mein Krümel." Anna Teufel versetzt sich gerne in die Perspektiven ihrer Mitmenschen, beobachtet aufmerksam und lässt ihre Gedanken und Eindrücke in Texte einfließen, die nachdenklich sind, ohne hochtrabend daher zu kommen. Voller Lebensfreude und Selbstbewusstsein. Für unsere Vorhang-auf-Serie hat sie das einfühlsame Stück "Kekskrümelgedanken" bereitgestellt, aus der Sicht eines besonderen Kindes.

Getextet hat Teufel, sobald sie es konnte. 2015 trat ihr dann ihre Schwester in den Hintern, "damit ich mich endlich mal auf eine Bühne stelle". Das lief super erfolgreich, und schnell wurde aus dem Poetry Slam mehr als ein Hobby: In den vergangenen drei Jahren hatte Teufel über 350 Auftritte, in weniger pandemischen Zeiten lebt sie gut davon. Rechnet man die Klicks zusammen, wurden ihre Performances schon mehrere hundertausend Mal auf Youtube angesehen. Außerdem ist die 25-Jährige studierte Strahlenschutzingenierin. Wobei sie sich inzwischen lieber anderen Interessen zuwendet und gerade vertieft der Buchwissenschaft widmet.

Dass nun erst einmal alle Live-Auftritte auf nicht genau absehbare Zeit gecancelt sind, trifft sie hart, und Teufel ist gerade auf der Suche nach Alternativjobs. Doch ein kleiner Trost ist es nicht nur, dass es viele ihrer Stücke als Aufzeichnung im Netz zu finden gibt. Diesen Februar ist zudem eine Sammlung ihrer Bühnentexte als Buch erschienen. Mit vielen Illustrationen, unter dem Titel "Schimmer" und "krass, da steht mein Name drauf", freut sich die Autorin, die alle Exemplare handschriftlich signiert. Zum Lieferumfang gehört außerdem eine Audio-CD, die sie selbst eingesprochen hat. Optimistisch zu bleiben, das ist Teufel trotz der Krise wichtig. "Keep calm & tragt eure Masken", rät sie allen, denn "irgendwann wird das auch wieder".

Anna Teufel ist auch bei Instagram und Facebook. Und ja, sie wird oft auf ihren Namen angesprochen.

Folge 32: Vorhang auf für Vitaliy Kyianytsia!


Samstag, 2. Mai

"When It Rains": Der Titel, den Vitaliy Kyianytsia vorträgt, stammt von Brad Mehldau – und das Video aus Südafrika. Im Januar hat der Pianist am Unisa-Jazz-Klavier-Wettbewerb in Pretoria teilgenommen. Die University of South Africa (Unisa), die größte des afrikanischen Kontinents, hat erstmals 1982 einen Klavierwettbewerb veranstaltet. Getragen von einer Stiftung, kam 2015 ein Jazz-Wettbewerb hinzu, den Kyianytsia nun zwar nicht gewonnen hat: Die drei Preise gingen an zwei Amerikaner und einen Italiener. Doch überhaupt eingeladen zu sein, bedeutet schon viel. Und Kyianytsia kam in den vier Runden des Wettbewerbs, verteilt über einen Zeitraum von zehn Tagen, immerhin unter die ersten sechs.

Kyianytsia selbst stammt aus Kiew. Er hat dort Klavier und Komposition studiert, dann ein Masterstudium in Stuttgart angehängt und nebenbei an der Internationalen Ensemble Modern Akademie in Frankfurt wertvolle Erfahrungen sammeln können. Denn der Pianist spielt keineswegs nur konventionellen Jazz, sondern auch Free Jazz und Neue Musik. Als das Ensemble Lux NM – NM steht für Neue Musik – im vergangenen Jahr einen Pianisten suchte, bewarb er sich, mit Erfolg. Seither lebt Kyianytsia in Berlin.

Im Moment sind alle Konzerte abgesagt. Auch unterrichten geht nur noch online, in der Regel fallen die Klavierstunden aus. Kyianytsia ist auf staatliche Unterstützung angewiesen. In Berlin gestaltet sich das etwas holprig: das erste Paket, das der Berliner Senat beschlossen hatte, war schnell ausgeschöpft. Inzwischen können Betriebsmittelzuschüsse, also Ausgaben für Materialien und Miete, aus dem Bundesprogramm beantragt werden, die aber nicht die unmittelbaren Lebenshaltungskosten abdecken.

Langweilig wird es dem Pianisten so schnell nicht. Im Moment ist er hauptsächlich mit Komponieren beschäftigt, vor allem für Solo-Klavier. Einige seiner Werke sind auf seiner Soundcloud-Seite zu hören, neben solchen von Komponisten wie Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen oder Brian Ferneyhough, Jazzstücken und Free-Jazz-Improvisationen. Das Ensemble Lux NM hat vor kurzem sein zehnjährigen Bestehen gefeiert: mit einem Online-Konzert. Einige Stücke, die neueren mit Kyianytsia, sind auch auf unten der Website des Ensembles zu sehen und zu hören. 

Folge 31: Vorhang auf für Pola Polanski!


Donnerstag, 30. April

Wer 18 Jahre in Werbeagenturen gearbeitet hat, kommt womöglich zu dem zwingenden Schluss, dass es Abgründe sind, die einen am meisten interessieren. Das würde Annette Haug, Künstlername Pola Polanski, Jahrgang 1966, so wohl nicht stehen lassen. Für die dunkle Seite des Lebens interessiere sie sich schon, als sie 16 war und Psychologie studieren wollte, erzählt die gebürtige Ulmerin. Daraus wurde freilich nichts, wegen der Statistik-Quälerei, die ihr das Studium nicht zielführend erschienen ließ.

Stattdessen landete sie an der Stuttgarter Merz-Akademie in der Abteilung Grafik-Design, danach an der Kunstaka, wo noch Malerei und Performance dazu kamen. Verstörende Bilder, fast nur Frauen und Kinder, manchmal schön, manchmal Fratze. Ihre Kunst, sagt sie, soll „bitter-süß“ sein, bloß keine Landschaften oder Blumen. In der „Schwäbischen Zeitung“ stand einmal, man könne eine Nähe zu dem Cartoonisten Manfred Deix erkennen.

Nebenbei hat sie Kurzgeschichten geschrieben, der lange Atem für Romane hat dabei zunächst noch gefehlt. Seit vier Jahren nun, seitdem sie als freischaffenden Künstlerin, Grafikerin und Schriftstellerin in Stuttgart arbeitet, bringt sie die Dinge zu Ende. Zum Beispiel ihren ersten Roman „Abschied“, in dem es, natürlich, um Beziehungsdramen geht. Elisabeth lernt den verheirateten Jonas nach einer zerbrochenen Ehe kennen …

Ein Buch ist wie ein Kind, ein erstes sowieso, das man zeigen will. Im Kunstverein Fellbach wäre es im März so weit gewesen. "Genießen Sie einen Abend in soziokulturell anregender Atmosphäre", versprach der Veranstalter. Was daraus wurde, ist bekannt. Dass ihre Brotjobs als Grafik-Designerin für Galerien und Kunstinstitutionen genauso ausfallen wie die Pressearbeit für den Verband Bildender Künstler, liegt auf der Hand. Dass sie aber nicht aus ihrem Erstling lesen kann, darf nicht sein. Kontext hat Pola Polanski um eine kleine Kostprobe gebeten.

Mehr unter http://polapolanski.de

Folge 30: Vorhang auf für Max Osswald!


Mittwoch, 29. April

Max Osswald hat kürzlich mal nachgeschaut und festgestellt: "Aha! Die Welt ist am Arsch." Also hat er beschlossen, den Beruf zu wechseln und reich zu werden. Um die Dächer von Autos abzusägen, um Blumentöpfe draus zu machen, das Konzept "to go" wird abgeschafft und technische Geräte werden hergestellt, damit sie lange funktionieren. Das Leben wird zur 20 Stunden Arbeitswoche und radikal zwangsentschleunigt – für die Umwelt, für die Seele. Zeit für Kochen, Zeit für Sex, Zeit für Sex nach dem Kochen ... Im Oktober vergangenen Jahres war dieser Gedanke noch so unrealistisch weit weg, dass er das Publikum vor der Bayreuther Poetry Slam-Bühne zum Lachen brachte. Heute wissen wir, dass zuviel Zeit den Menschen offenbar auch nicht glücklich macht.

Auch Max Osswald, der 27-jährige Münchner, hat das gelernt. Früher hat er mal beim Fernsehen gearbeitet, seit 2018 steht er auf der Bühne, seit einem Jahr macht der Poetry Slammer Comedy hauptberuflich und steht im Moment, wie die meisten Kulturschaffenden, ohne Bühne da, ist "zwangsarbeitlos". "Ich improvisiere gerade", sagt er und erzählt, dass er seit ein paar Wochen personalisierte Gedichte verkauft, was zwar erstaunlich gut funktioniere, "aber auch nicht ewig geht."

Für unsere virtuelle Bühne hat er uns einen Auftritt in Bayreuth zum Thema Klimaschutz geschickt.  "Das ist ein Thema, das uns alle extrem beschäftigt und auch weiterhin sehr beschäftigen wird", sagt er. Das sei wie bei einem Herzinfarkt, je länger man den nicht behandelt, desto mehr irreversible Schäden trägt die Welt davon. "Je mehr wir jetzt kaputtmachen, desto mehr Probleme haben wir in der Zukunft." Dass er da mit seinen Auftritten nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein kann, weiß er natürlich. "Aber wenigstens ist es ein Tropfen." Osswald sagt es mit den Ärzten: "Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt."

Web: www.max-osswald.com


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Ausgabe 494 / Ganz normale Leute / Annette Ohme-Reinicke / vor 1 Tag 4 Stunden
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