Sie haben es mitbekommen: Die ZDF-Sendung "Die Anstalt", für die der Autor dieses Textes seit fünf Jahren schreibt, hat mal wieder für Wirbel gesorgt. Ein Auftritt des Musikers Danger Dan wurde kurz vor Aufzeichnung seitens des Senders untersagt. Der geplante Song sei nicht mit den Programmrichtlinien vereinbar. Die Causa an sich will ich gar nicht kommentieren, jeder Mensch im Land hat sich bereits dazu geäußert. Mehr als alles ist gesagt.
Die Reaktionen auf den Song werfen aber eine größere Frage auf. Nämlich die, wie wir's jetzt eigentlich halten mit der wehrhaften Demokratie. Und wie wir publizistisch damit umgehen.
Häufig wird linkem Kabarett vorgeworfen, es spalte die Gesellschaft. Schön also, dass mit einem nicht gespielten Lied endlich mal das Gegenteil geglückt ist. Von FAZ und Youtube-Kommunist Fabian Lehr, von nd und "Junge Freiheit" über die World-Wide-Web-Wirtschaftsweisen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt bis zu Comedy-Ubiquist Micky Beisenherz und der "Süddeutschen Zeitung" waren sich alle in ihrem Urteil einig: daneben, übertrieben, Thema verfehlt.
Notabene: Um die ästhetische Kritik am Kabarett geht es mir an dieser Stelle nicht. Sie gehört im Feuilleton zum guten Ton. (Nur hinter vorgehaltener Hand räumt man ein, bisweilen doch ganz gern einzuschalten.) Zuvörderst Beisenherz wurde ob seiner Mäkelei ("Deutsches Kabarett ist rein performativ schon so schrecklich, da stören die Inhalte kaum mehr") von zahlreichen Internetnutzer:innen daran erinnert, dass er als RTL-Dschungelcamp-Autor womöglich selbst performativ fragwürdig auf die deutsche Öffentlichkeit einwirkt, aber geschenkt. Humoristen werden's niemals allen rechtmachen, das gilt für ihn, für mich und für jeden anderen. Mit geschmäcklerischen Einwänden können wir alle leben.
Keine Konzentrationslager, kein Problem
Vielmehr irritiert derweil die im Zuge des Aufregers auf allen Seiten zur Schau gestellte Gelassenheit gegenüber der AfD. Im Medienbetrieb scheint man der Aufforderung des Songs "Keine Angst" längst nachgekommen zu sein: Meinungsmacher links wie rechts haben offenbar überhaupt keine Angst vor Faschisten. Eher ridikülisiert man den Alarmismus der Bedenkenträger: Die täten ja grade so, als sei es "knapper als fünf vor zwölf" (FAZ). Welches Stündlein aber tatsächlich geschlagen hat, verrät uns niemand. Zehn vor zwölf? Viertel vor zwölf? Halb acht? Schlaft ihr noch?
Keine 100 Jahre nach Hitler haben wir in Deutschland Landesverbände, die als gesichert rechtsextrem gelten und kurz vor der absoluten Mehrheit stehen. Doch je mächtiger sie werden, desto entspannter wirkt die deutsche Publizistik. Mal machen lassen. Ganz normale Partei. Kann man doch als Experiment sehen. Schriftsteller Max Czollek beobachtete im Zuge der Debatte, "wie ignorant ein großer Teil der deutschen Öffentlichkeit gegenüber den Gefühlen ist, die die rechte Gefahr bei Menschen wie mir, meiner Familie und meinen Friends auslöst. Und wie abfällig sie mit ihnen umgeht."
Auch auf der Linken hat sich eine beunruhigende Ruhe eingeschlichen. Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt etwa, denen ich sonst nicht selten zustimme, urteilen in ihrer Stellungnahme zum Song: Die AfD habe ja "nicht vor, Lebensraum zu erobern. Die haben nicht vor, wieder Konzentrationslager aufzumachen und komplette Bevölkerungsgruppen auszurotten". Klar, die Messlatte für Faschismus liegt in Deutschland recht hoch. Erstens hatte aber auch die NSDAP den Holocaust nicht auf Wahlplakate gedruckt. Und zweitens mal ganz generell: Auch ohne industrielle Massenvernichtung können Faschisten die Hölle auf Erden lostreten. Mag ja sein, dass die Grobschlächtigkeit der Nazis unübertroffen bleiben wird. Aber mit den heutigen Möglichkeiten ergeben sich für einen skrupellos-irren Haufen, wie man ihn in der AfD in wirklich anderer Qualität als in der CDU findet, doch auch ganz andersartig düstere, etwa Black-Mirror-dystopische Handlungsspielräume, die ich ungern eröffnet wüsste.
Nur bisserl böser als Merz
Ein Stück weit räumt Ole Nymoen das zwar ein: "Um es noch mal unmissverständlich zu sagen, ein Sieg der AfD wäre schlimm, würde das Leben vieler Menschen hier zu Lande verschlechtern, wahrscheinlich auch von uns. Ja, wir werden sicherlich da noch mal, denke ich, als linke Publizisten andere Repressalien auch erfahren." (Unter uns muss ich einfach fragen: Verhöre bei Markus Lanz sind grausam, aber welche anderen Repressalien erfährst du derzeit als linker Publizist?) Dennoch kommt er bei seiner Betrachtung der AfD schließlich zu einem für mich erstaunlichen Fazit: "Das ist eine von dem, was jetzt als Politik gemacht wird, nur graduell verschiedene Partei." Zur Ehrenrettung der Gesamtlinken sei erwähnt: Ähnlich wie bei Beisenherz liest man auch unter dem Beitrag von Nymoen und Schmitt auffällig regen Widerspruch aus der eigenen Community.
Dass rechte und linke Beobachter die AfD schlafmützig beäugen, hat selbstredend unterschiedliche Gründe. Rechte delektieren sich an inhaltlichen Schnittmengen; Linke hingegen halten die Rechtsextremen einfach nur für a bisserl böser als Friedrich Merz.
Bezeichnend ist ein Satz des erwähnten Fabian Lehr, der mit seinen mitunter ja zutreffenden Analysen durchaus an Einfluss auf die innerlinke Debatte gewinnt und in seinem Video zum Song erklärt: "Die radikale Rechte ist heute die dominante Form bürgerlicher Politik." Denn: "Wir leben heute in einer BRD, in der nichtproduktive Schichten der Bevölkerung eigentlich von allen Großparteien relativ offen als Parasiten betrachtet werden, die eigentlich keine Überlebensgrundlage haben, die man eigentlich ausmerzen sollte im Sinne der Volksgemeinschaft, dass es allgemeiner Konsens ist, dass selbst die Sozialdemokratie der Todesstrafe für freche Arbeitslose zustimmt, die dreimal nicht zum Jobcentertermin gekommen sind." Mit Verlaub, frecher Fabi, in so einer BRD leben wir bei aller angebrachten Kritik nicht.
Sicher: Lars Klingbeil strebt offensichtlich nicht die klassenlose Gesellschaft an. Und als Satiriker ist mir das Stilmittel der Übertreibung nicht fremd. Aber zum einen versteht sich Lehr meines Wissens nicht als Witzbold. Zum anderen hilft es der Linken auch nicht, sich Übertreibung für Übertreibung in eine Wahnwelt zu reden, zu der ein rechtsextremes Regime dann keine wesentliche Verschlechterung mehr sein soll.
Die radikale Rechte runterzuspielen, während man Parteien wie die SPD dämonisiert, ist als Strategie erwiesenermaßen nicht zielführend. Die Sozialfaschismusthese, die, um mit Stalin zu sprechen, Sozialdemokratie und Faschismus als Zwillingsbrüder begreift, wurde nicht ganz zufällig im Jahr 1935 von der Komintern ad acta gelegt. Man hatte recht schnell begriffen, dass zwischen bürgerlicher Demokratie und Nationalsozialismus eben nicht nur ein feiner, sondern ein fundamentaler Unterschied liegt. Ich bin bekanntlich auch kein Fan gegenwärtiger Zustände, aber ab und zu muss man auch als Linker mal Gras anfassen gehen.
Verbot hilft gleich doppelt
Wo man sonst endet, zeigt sich auf der anderen Seite. Dort, wo man Friedrich Merz für einen Linksextremisten hält. Wo Kabarettist Uwe Steimle sich im Vierten Reich wähnt, neben Tino Chrupalla uralte Werner-Finck-Witze recycelt und nach Ultima Ratio ruft: "Wenn ich Friedrich Merz sehe, frage ich mich manchmal: Wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht?" Allein: Im Gegensatz zu Finck, der jederzeit rasch und kompromisslos im KZ landen konnte, wo er zwischenzeitlich auch war, könnte Steimle auch ganz ohne Witzelei die Ermordung des Bundeskanzlers fordern und dürfte trotzdem in einem rechtsstaatlichen Verfahren darlegen, warum er den Tyrannenmord für unumgänglich hält. Das wäre dann echt mal lustig.
Erleben werden wir's allerdings eher nicht. Zwar ermittelt die Staatsanwaltschaft. Eine Strafe gilt aber als unwahrscheinlich. Auch das im Übrigen ein vielleicht mehr als gradueller Unterschied zwischen der jetzigen und einer von der AfD umgebauten Justiz. Laut Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt plant man etwa einen "Schutz für das Deutschtum", der dreijährige Haftstrafen für die Verunglimpfung deutscher Bürger vorsieht.
Einen anderen Blick auf die Verschiedenheit von CDU und AfD hat übrigens das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt: Laut dessen Daten überlegen 80 Prozent der Migrantinnen und Migranten, Sachsen-Anhalt zu verlassen, wenn die AfD die Regierung übernimmt. In diesen Kreisen, die auch wieder mal auffällig selten zu Wort gebeten wurden, ahnt man, dass der Unterschied gar nicht so nuanciert daherkäme. Dazu nochmal Czollek: "Wenn die eigene Familie von Nazis vernichtet wurde, dann fühlt sich das eben auch anders an, wenn Nazis zurückkommen."
Was also tun? Hilfreicher als Beschwichtigungen ist der Fokus auf das, wovor die AfD Angst hat, nämlich vor einem Verbot. Und zwar gleich doppelt: Sie fürchtet nicht nur, logisch, verboten zu werden. Sondern schon die bloße Debatte. Das zumindest schreibt die Partei selbst in ihrem geleakten Strategiepapier unter dem Punkt "Akzeptanzumfeld vergrößern": Allein die Diskussion über ein Verbot schade, weil sie Wähler abschreckt. Förderlich dagegen seien Gespräche über Anschlussfähigkeit, über die angebliche Normalität der Partei, weil diese das Gegenteil bewirken. Schon allein deshalb sollte man anerkennen, dass es möglicherweise etwas gibt, was noch deutlich schlimmer ist als CDU und SPD. Ich weiß: schwer vorstellbar. Aber wir kriegen das hin. Von Fabian Lehr bis Micky Beisenherz. Stellt euch einfach vor, es gehe gegen das deutsche Kabarett.




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