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Radfahren befreit

Königin mit Rädern untendran

Radfahren befreit: Königin mit Rädern untendran
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Die Reaktionären machen es den Leuten madig, auf dem Rad zu fahren. Schon seit das Veloziped erfunden wurde. Aber Fortschritt lässt sich nicht aufhalten, findet unser Kolumnist. Vor allem, wenn mutige Frauen vorneweg radeln.

Dieser komische Ausdruck, wenn die Leute alleine radeln. Hast du vielleicht auch schon bemerkt. Beim Strampeln ziehen viele ihre Mundwinkel so komisch nach hinten. So als Mittelding zwischen Lächeln und Schnaufen. Denen siehst du förmlich an, wie sie Druck aufs Pedal geben. Weil ihr Gesicht mitradelt. Dabei entstehen diese Falten, nachgerade Windkanäle. Dieses typische "Bicycle-Face" hat bereits ein Journalist aus New York beobachtet, Ende des 19. Jahrhunderts. Im "Buffalo Courier" beschrieb er es als "eine Versammlung aller Gesichtszüge zur Mitte, eine Art physiognomische Implosion". Damals ein Top-Thema. Andere Kollegen wollten "vorgeschobene Unterkiefer und zurückgebogene Hälse, die wie Fischadler auf Beute lauern" bei den Radelnden entdeckt haben.

Keine 140 Jahre her, damals nehmen die Leute solche Gesichtswissenschaften für bare Münze. Das Radeln ist neu. Es bewegt die Gesellschaft. Es ist die Zeit, in der sich das Sicherheitsniederrad durchsetzt, auch Tretkurbel-Veloziped genannt. Also das Fahrrad, das wir heute kennen mit Pedalen, Kette und Ritzel am Hinterrad. Und weil plötzlich so viele Leute mit dem Ding auf den Straßen verkehren, ist es den Reaktionären überhaupt nicht geheuer. Wobei ich mir die Bemerkung nicht verkneifen kann: Das ist heute noch so. Schließlich gibt's eine Studie, die belegt, dass die meisten Radmuffel unter den AfD-Wählern zu finden sind. Da musst du nicht fragen, wo das Lastenrad-Bashing seinen Ursprung hat.

Damals ist das drohende Bicycle-Gesicht noch die harmloseste Verformung, die die Schwurbler ins Feld führen. Die Herren Mediziner erkennen die Gefahr eines sogenannten Bicycle-Gangs, wenn du die Beine beim Spazieren so hoch nimmst, als würdest du treten. Gefährlich auch der Bicycle-Buckel, also die Rückenkrümmung, die du sogar an deine Kids weitervererbst. Oder das kreuzgefährliche Bicycle-Zahnfleisch. Wenn kalte Luft über erhitztes Zahnfleisch streicht, purzeln am Ende die Zähne raus – noch während der Fahrt. Diese und weitere schockierende Diagnosen werden ernsthaft verzapft. Der schlimmste Fake-Fact aber ist das Märchen von der absoluten Unweiblichkeit des Radfahrens.

Es ist ja kaum zu fassen: Sogar Frauen erdreisten sich, auf den Sattel zu sitzen. Das gehört sich nicht! Das sind doch astreine Kampfansagen, diese Königinnen mit Rädern untendran. Erstmal: weibliche Natur bedroht, vom Outfit ganz zu schweigen. Geht mal gar nicht in einer anständigen Gesellschaft. Völlig klar, dass Radeln bei Frauen noch mehr Schäden verursacht als bei Männern. Erstens könnte das Jungfernhäutchen reißen, zweitens fahren die Damen ja nur wegen der Chance auf Selbstbefriedigung, also Libido im unermesslichen Bereich, und drittens macht Radfahren mindestens unfruchtbar, wenn nicht noch schlimmer. Muss doch jede und jeder einsehen: Allein die simple Tatsache, dass Frauen mit Korsett kaum atmen können, wenn sie treten, zeigt doch, wie unweiblich diese Angelegenheit ist!

Feministische Freiheitsmaschine

Die Gegenbewegung ist kräftig. Die amerikanische Frauenrechtlerin Susan B. Anthony notiert bereits 1895: "Das Bicycle hat zur Emanzipation der Frauen mehr beigetragen als alle Bestrebungen der Frauenbewegung zusammen." In Deutschland fegt der Fahrradboom der Vorkriegszeit die wertkonservativen Einwände weg. Trotz gewaltiger Widerstände. Überraschung: Obwohl die unerhörten Fahrräder im heiligen Stadtbild allgegenwärtig sind, geht die Welt nicht unter. Im Gegenteil. Räder sind plötzlich Hype, vor allem bei der modernen Frau. Viele Damen, vor allem die aus der besseren Gesellschaft, lassen sich mit ihren schicken Maschinen fotografieren. Fahrrad wird Statement. Man sieht die Fotos in Mode-Magazinen. Radclubs für Frauen werden gegründet. Sogar Fahrradmagazine erscheinen, speziell für Frauen. Der Rückenwind kommt von allen Seiten, zumal sich der weibliche Teil der Gesellschaft seinen Platz auf der Straßen mitunter freischlagen muss.

Das Magazin "Draisena" berichtet im Jahr 1897 von den Waffen der Frau im angewandten Einsatz. Die Zeitschrift erzählt, dass "eine Dame einen so pöbelhaft attackierenden Mann in die Flucht trieb, indem sie kurzentschlossen vom Rad sprang, dem Verblüfften ein paar Hiebe mit der Hundepeitsche gab und dann davonfuhr." Wobei man erwähnen sollte, dass eine Peitsche damals als Standardausrüstung empfohlen wird, wenn man ungestört bleiben will. Wegen allerlei bösartigen Hunden. Einige Jahre später bestätigt der Autor Georg Hermann: "Das Fahrrad holte die Haustöchter vom Strickstumpf und hinter dem Kochtopf weg und führte sie mit Bruder oder Freund hinaus in die frei Natur, machte unsere Mädels frei von der ständigen Aufsicht der Mütter und Tanten und erzog sie zu selbständigem Handeln." Sachlich zwar richtig, Herr Hermann. Doch eine sprachkritische Anmerkung sei erlaubt, auch mit einem Jahrhundert Verspätung: Es ist nicht das Fahrrad. Es sind die Frauen selbst, die althergebrachte Vorstellungen über den Haufen fahren. Es sind mutige Frauen wie Gertrude Rodda, die neulich vom Hamburger Historiker Lars Amenda wiederentdeckt wurde. Was die gemacht hat, ist so erstaunlich, das muss ich dir kurz erzählen.

Wie man heutzutage nach Rom reist

Absolute Extremsportlerin, die Gertrude. Im Sommer 1898 radelt sie nach Rom und wieder zurück. Einfach mal so. Die in England geborene Rodda lebt in Hamburg, sie ist Mitglied des Damen-Radfahr-Verein St. Georg "Wanderlust". Sie bricht allein auf. Ob du es glaubst oder nicht: in Pumphosen. Im ersten Etappenort Einbeck vermuten die Leute, sie gehöre zum Zirkuspersonal.

Mal ganz abgesehen vom Mut und dem feministischen Aspekt: Die rund 230 Kilometer der ersten Etappe von Hamburg nach Einbeck spult Miss Rodda in einem Tag herunter. Wobei sie im Reisebericht beiläufig erwähnt, dass sie "in Hannover eine dreistündige Mittagsrast hielt". Jetzt stell' dir mal die Straßen von damals vor. Da war alles dabei: Schlaglöcher, tiefer Sand und allerlei spitziges Geröll. Also alles außer Asphalt. Würdest du auf solchen Pisten heute mit dem Gravelbike fahren, du würdest fluchen und das nächste Mal das Mountainbike nehmen. Schalten geht ja auch nicht. Fixie würdest du heute ein Fahrrad Marke "Panther" nennen. Also nur ein Gang. Ritzel wechseln kannst du nur, wenn du das Hinterrad abschraubst. Als Gertrude ihren Panther über den Brenner nach Südtirol hinunter hoppeln lässt, notiert sie: “Ich war darauf vorbereitet gewesen, den Brenner hinauf harte Arbeit und thalwärts sehr schwieriges Fahren zu haben, als ich aber jemand fragte, wie weit ich noch bis zum Brenner hätte, fand ich, dass derselbe bereits überschritten war.”

Schlecht fürs Ansehen

Trotz aller Höchstleistungen dauert es nur wenige Jahre, bis sich Gertrude Rodda vom sportlichen Radfahren verabschiedet. Bis ins Jahr 1900 taucht sie in den Ergebnislisten einiger großer Rennen rund um Hamburg auf. Sie tritt mehrmals an beim frühen Klassiker Hadersleben–Hamburg (250 km), an dem sie als einzige Frau teilnimmt und im Feld der besten Männer mit der zwölftbesten Zeit ins Ziel kommt. Als Gertrude in einer anderen Ausgabe des Rennes stürzt und sich trotzdem ins Ziel kämpft, sackt sie danach vor lauter Erschöpfung in sich zusammen. Prompt notiert die "Norddeutsche Allgemeine Zeitung": "Viele Bravorufe erstickten bei diesem widerwärtigen Bilde, welches gewiss nicht geeignet war, das Ansehen des Radsports und des Weibes zu heben." Manches ändert sich wohl nie: Wenn sich Männer so auspowern, dass sie hinter der Ziellinie zusammenfallen, sagen alle: toller Typ, ein echter Kämpfer. Wenn eine Frau nach dem Rennen vor lauter Erschöpfung auf dem Boden liegt: ojeoje! Schön ist das nicht.

Und dann kommt es, wie es kommen muss. Im Jahr 1900 schließt der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) Frauen von Radrennen aus. Reine Frauenrennen hatte der Verband schon vier Jahre vorher verboten. Andere Radverbände ziehen nach. Traurig, aber wahr: Der Radsport ist damit am Anfang des 20. Jahrhunderts auf der Höhe der Zeit. Der Autor Martin Krauss beschäftigt sich in seinem Buch "Dabeisein wäre alles" ausführlich mit der Geschichte der sportlichen Teilhabe. Krauss resümiert: "Frauen waren von Anfang an bei fast jedem Sport dabei, und pünktlich mit ihren Erfolgen begann die Ausgrenzung." Dazu kommt: In jenen Tagen um die Jahrhundertwende heiratet Gertrude. Ihr Mann, Max Eisenmann, verkauft Fahrräder, Motorräder und später Autos. Auch Gertrude steigt um. Im Motorsport wird sie endgültig ein Star. Extrem schade aus Sicht aller Radfahrenden. Ich bleib noch kurz beim Thema, also Radsport. 

Aktuell entwickeln sich die Rennen der Frauen rasant – also mit rund hundert Jahren Verspätung. Seit 2022 gibt es endlich eine Tour de France femmes, die den Namen wirklich verdient. Von den fünf großen Eintagesrennen des Rennkalenders bieten immerhin vier eine weibliche Ausgabe. Nächstes Wochenende beim Frühjahrsklassiker Mailand–Sanremo gehen Frauen erstmals an den Start. Nur bei der Lombardei-Rundfahrt bleiben die Männer unter sich. Vorerst. Frauenradsport boomt – im professionellen Bereich, bei den Amateurinnen und in den Radsportclubs. Demi Vollering, Pauline Ferrand-Prévot oder Marianne Vos. Wenn du mich fragst, echte Superstars.

All das bedeutet natürlich nicht, dass der Quatsch aus der Kaiserzeit komplett verschwunden ist. Beispiel: Pauline Ferrand-Prévot, praktisch Gertrude Rodda der Neuzeit. Vielleicht hast du letztes Jahr die große Diskussion mitbekommen nach ihrem Sieg bei der Tour. Stichwort Magersucht. Also viel zu dünn, die Pauline – und überhaupt unweiblich. Sowas wird dann in Blogs und Zeitungen in aller Welt verhandelt. Während sich um Jonas Vingegaard keiner Sorgen macht. Der hat ja auch zweimal die Tour gewonnen, als Typ aus Haut und Knochen. Aber beim Jonas kein Problem mit der Figur. Nur bei Pauline. Schön ist das nicht.

Wenn wir schon beim Vingegaard sind: Dem siehst du schon die fehlenden Kilos an, wenn du ihm ins Gesicht schaust. Wie der immer traurig guckt bei seinen Interviews. Rechts und links der Mundwinkel die tiefsten Falten. Aber das Bicylce-Gesicht gibt's nicht. Da sind die Experten schon vor 130 Jahren zurückgerudert. Eine Zeitung aus Boston hat 1896 festgestellt: Der Gesichtsausdruck der Radfahrenden habe sich deutlich entspannt. Jetzt im O-Ton: "Das Kinn ist an seinen bescheidenen Platz unter der Nase zurückgekehrt, statt wie ein Bugspriet nach vorne zu stoßen. Von den Radlern, die heute auf den Boulevards ausschwärmen, hat nicht einer von 10 die mürrischen und unmenschlichen Gesichtszüge, wie man sie letztes Jahr bei jedermann sah."


Weiterlesen? Mehr über Gertrude Rodda beim Netzwerk Fahrrad/Geschichte.

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Danke Oettle. Genau so war es

Ausgabe 780 / Danke, Hagel! / jjkoeln / vor 4 Tagen 17 Stunden
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