Ausgabe 430
Kolumne

NSU. Fortsetzung morgen früh

Von Peter Grohmann
Datum: 26.06.2019

Ist es jetzt ein Mordfall oder ein politisches Attentat? Der Ball wird beim rechten Terror schon immer flach gehalten. Vom aufgeweckten Schläfer über den verirrten Einzeltäter bis zum Mörder ist es nur ein Klick mit Schallschutz. 25 000 Namen stehen auf rechtsextremen "Feindeslisten“: Richter, Politikerinnen, Journalisten, Leute, die sich öffentlich einmischen. Aber all das kann doch einen Seemann nicht erschüttern.

"Ich trau der Polizei nich' übern Weg", sagte meine Omi Glimbzsch aus Zittau gelegentlich. Sie ist zu oft bei Rot erwischt worden. Sie weiß: Die rechte Geschichte von 45 bis heute hält bemerkenswerte Stichworte für die Demokratieschule bereit – von der Durchflutung und Durchblutung der Justiz und Ministerien, von Medien und Militär, Ämtern, Behörden und anderen Lehranstalten mit alten, einflussreichen Kameraden über die Wehrsportgruppe Hoffmann, vom Oktoberfest-Attentat zu rechten Netzwerken, vom NSU zu den fast 500 gesuchten, freilaufenden, aber leider unauffindbaren, unauffälligen kriminellen Übelkrähen: Die Attentäter von morgen sind glaubensstark und autonom und lassen den Worten Taten folgen: 229 Morde, 123 Sprengstoffanschläge, 2173 Brandanschläge, zwölf Entführungen und 174 bewaffnete Überfälle. Hätten Sie's gewusst? Gezählt wurde nur, was eindeutig zuzuordnen war – die Dunkelziffer ist hoch. 

Dass es besonders viele Linksradikale bei der Polizei gibt, kann man weiß Gott nicht behaupten. Denn Linke sind bekanntlich eher gewaltfreie Revolutionsträumer (Bella Ciao), aber zur Verteidigung der bürgerlichen Freiheiten schlecht geeignet, weil ihre Träume weit, weit in die Zukunft, weit über diese Republik hinausreichen. Rechte sind pragmatischer. Für sie ist eher die Polizei der rechte Platz, dort, wo es häufig eine große Affinität zu rechten Einstellungen gibt, wo man Pegida und Co für harmloser hält als die Jungs vom Jugendzentrum. Ist es aus der Luft gegriffen, dass sich alle Dienste, die aufpassen sollen, dass dem Land nichts passiert, zu oft etwas schwer tun mit Juden und Schwulen und Linken? Irritiert es nicht, wenn mehr Toleranz gegen Rechte (und ergo, Deine Versicherung: weniger gegen Linke) gefordert wird? Öffentliche Planspiele über rechte Koalitionen AFD – CDU oder DDR (Duldung durch rechts) zeigen, wie an Morgen gedacht wird. Die Zeit ist günstig, Herr Gauck.


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1 Kommentar verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 02.07.2019
    Fortsetzung wie gehabt! Tagesschau.de 02.07. um 02:20 Uhr Von Klaus Hempel, ARD-Rechtsredaktion
    NS-Vergangenheit der Bundesanwaltschaft | Eine belastete Behörde https://www.tagesschau.de/inland/gba-ns-vergangenheit-101.html
    Anfang 2018 beauftragte die Bundesanwaltschaft Wissenschaftler damit, die NS-Belastung der Behörde zu prüfen. Heute werden erste Ergebnisse vorgestellt - die Details sind brisant.


    Nun, es gibt in _allen_ Ministerien, im Bundestag, den Landtagen, den Behörden und… eine "Erhaltungskultur" der Völkerrechteverweigerung, was leicht daran zu erkennen ist, dass der Vorrang der Völkerrechte (GG Art. 25), ja die 30 Artikel Völkerrechte selbst, keine Erwähnung den genannten WERT ist!!!

    08.05.2019 Deutschlandfunk Von Henry Bernhard Erinnerungskultur in Zeiten des Rechtspopulismus
    Die Zukunft der Vergangenheit https://www.deutschlandfunk.de/erinnerungskultur-in-zeiten-des-rechtspopulismus-die.724.de.html?dram:article_id=448267 Audio 18:52 Min.
    Die AfD erringt regelmäßig mit Aussagen zur deutschen NS-Vergangenheit Aufmerksamkeit, bezeichnet zum Beispiel die Beschäftigung damit als „Schuldkult“. Geschichtsdidaktiker und Gedenkstätten reagieren mittlerweile mit dem Abbruch von Führungen – oder mit dem Ausschluss der AfD von Veranstaltungen und Gremien.

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