Ausgabe 240
Kolumne

Glaube, Liebe, Hoffnung

Von Peter Grohmann
Datum: 04.11.2015

Die absolute Mehrheit liegt auch in der Türkei immer noch deutlich unter 99 % - das ist kein Wahlbetrug, das ist reiner Glaube! Die Mehrheitswähler haben sich deshalb nach dem Stimmgang auch gleich beim lieben Gott bedankt. Die erdogansche Lehre heißt: Wer Chaos sät und auf Gewalt setzt, wer Kritiker ausbootet, einlocht, mundtot macht, kann Wahlen gewinnen! Hat doch geklappt. Die Türen in Rom, Berlin, London oder Paris stehen den Gewinnern immer offen, zu allen Zeiten.

Zugegeben, bei demokratischen Wahlen spielt auch das Geld eine gewisse Rolle: Wer nichts hat, kann nichts werden. Ein legitimer Stimmenkauf kommt fast überall auf der Welt ohne Wahlfälschung aus. Nur hin und wieder geht der Schuss nach hinten los - wie jetzt eben. Im Osten der Republik könnte die AfD aktuell, also wenn denn heute nochmal Wahlen wären, 15 Prozent der Stimmen erreichen, morgen vielleicht 20. Beim Supermatch auf allen Kanälen stünde dann Geld gegen Angst. Angst gewinnt. Komisch: Dort, wo die wenigsten Christen leben, ist der Wunsch, das christliche Abendland zu retten, am größten: In Sachsen.

Im Gegensatz zum Flüchtling Jesus, der alles teilte und erfreulicherweise sogar die Banker aus dem Tempel trieb, ansonsten aber eher als Gewaltfreier auffiel, würden die Retter des Abend- und Vaterlands am liebsten mit Feuer und Schwert an die Grenzen ziehen, um die Heimatvertriebenen aufzuhalten. Auch mein freundlicher Gemüsehändler von nebenan ist - außerdienstlich - für die AfD unterwegs. Etwa, wenn der Spargel nicht gestochen werden kann und der Pole noch auf sich warten lässt. Die Angst sitzt tief unten in den sozialen Feldern.

In den Nobelvierteln der Städte könnte keine Flüchtlingsunterkunft entstehen, in den Feinkostläden der Republik bleiben die besseren Kreise unter sich. Die da geh'n zu Penny. An den Fließbändern, bei den Minijobs, da, wo richtig malocht wird, fürchten die Menschen Lohndrückerei. In den Kindergärten für die ärmeren, die benachteiligten Menschen wird um jeden Platz gekämpft. Längst haben die Städte ihre Sozialwohnungen verhökert - nur wer richtig Kohle hinlegt, bleibt nicht im Regen stehen. Das ist nicht neu: Der Notstand trifft immer die Schwächsten der Gesellschaft. Und die kriegen dann, weil's die anderen nicht können, nicht wollen und weil's nicht anders geht, die Aufgabe, die neuen Heimatvertrieben zu integrieren. Es klappt. Glaube? Liebe? Hoffnung? Nein. Solidarität.


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