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Rechte Spuren

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Die NSU ist besorgt: So ein guter, alter deutscher Markenname wird in den Dreck gezogen! Die ganze Welt verbindet mit NSU jetzt eine Mörderbande! Keiner redet mehr von dem echten deutschen Markenzeichen und dass das Unternehmen vor 140 Jahre in Riedlingen gegründet wurde – da, wo jetzt der Atommüll hinkönnte.

Damals, 1873, gab's natürlich noch keine Nazis, nicht mal in Neckarsulm, wo sich am 6. Juli Menschen zur Theresienwiese Heilbronn aufmachten, um an Michèle Kiesewetter zu erinnern. Sie erinnern sich? Die Polizistin wurde vor sechs Jahren hingerichtet, und es brauchte viel Kraft, viel Aufwand, um die befassten Landesbehörden auf die rechte Spur zu bringen.

Kein Wunder – die allgemeine Aktenlage war schlecht, um nicht zu sagen: fast bundesweit geschreddert, und man tappte im Dunkeln. Deswegen war man eben in der Politik und Justiz so total überrascht, als alles rauskam, auch das, was nicht rauskommen sollte.

Zugegeben, die meisten Verfassungsschützer und Geheimdienstler sind natürlich gar nicht alt genug. Und an das Oktoberfest-Attentat 1980 können sie sich erst recht nicht erinnern – 30 Jahre her. Geschweige denn, da in der einen der anderen Weise beteiligt gewesen zu sein wie vielleicht in Heilbronn oder sonstwo. Und bei der Ausbildung spielen solche alten Sachen ja auch keine Rolle mehr. Fragen? Fragen kann man heut ja niemanden mehr, die Münchner Zeugen sind ja alle tot. Höchstens Wolfgang Schorlau ("Das München-Kompott"): Der Kontext-Freund hat Dengler gründlicher ermitteln lassen als die Polizei erlaubt – im Roman.

Die Realität ist da viel grausamer. Der Öffentlichkeit ist kaum bekannt, dass den Behörden 123 Tote fehlen – weg, verschwunden, aus die Maus. Und das kam so: Die Kriminalstatistik der Polizei geht von 60 Todesopfern im Zeitraum von 1990 bis 2011 aus. Die Amadeu-Antonio-Stiftung hingegen knallt eine inoffizielle Liste raus, gleicher Zeitraum, aber 183 Todesopfer. Fehlen 123.

Weder die Zeugen noch die Opfer des Oktoberfest-Attentats sind da mitgerechnet. Wissen Sie, 1980 – das ist einfach viel zu lange her. Da könnte man genauso verlangen, sich an 1933 zu erinnern.

Baden-Württemberg ist irgendwie der weißeste Fleck auf der Landkarte, was den rechten Terror angeht. Nun gut, so lange ist unsere neue Regierung ja ooch noch nich im Amte. Doch nun wird sie, hörte man, eine eigenen NSU-Untersuchungsausschuss einrichten, wegen der vielen offenen Fragen. Man hört viel, wenn der Tag lang ist, meinte meine Omi Glimbzsch aus Zittau.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Gründer des Bürgerprojekts Die Anstifter.


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3 Kommentare verfügbar

  • weisse Flecken
    am 10.07.2013
    Antworten
    auf weisser Weste.
    Sieht man gar nicht.
    Streng geheim .
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