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Filbinger-Tochter kehrt aus

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Anständig wär's schon, sich am 8. Mai zu erinnern. An den 8. Mai 33 beispielsweise, den Tag der Bücherverbrennung, oder an den 8. Mai 1945. Der 8. Mai 33 ist für die Jüngeren so weit weg wie für die Älteren der Erste Weltkrieg samt Verdun. Dass der 8. Mai 45 ein Tag der Befreiung gewesen sein soll, wird allgemein bezweifelt. Hätten uns die anderen nicht besiegt – wetten, wir würden heute noch kämpfen! Dem Gegner verzeiht man alles, nur nicht, dass er gesiegt hat. Weil das alles so ist, streiten sich nicht nur Historiker, wer denn nun an dieser Niederlage schuld war.

Adolf Hitler, meinen die einen, die Generäle, meinen die anderen, Verrat in den eigenen Reihen, sagen die Dritten – oder das Versagen der zweiten Frontlinie, der Nachschub, die Italiener, Kamerad Schnürschuh, die Partisanen. Mit Letzteren hat man auf deutscher Seite allezeit kurzen Prozess gemacht – Derrick würde das wissen. "Immer vornehm, Robert", sagte meine Omi Glimbzsch in Zittau anerkennend, wenn sie das Risiko einging, in der DDR Derrick zu gucken. Aber auch das muss mal gesagt werden: Horst Tappert stand für deutsche Tugenden wie Gradlinigkeit und Glaubwürdigkeit, sagte der "Spiegel" – das war allerdings am 15. 12. 2008. Heute sagt's der "Spiegel" auch anders.

Aber hinterher sind wir alle schlauer, da geht's uns nicht anders wie der politischen Oberklasse im Bayerischen Landtag. Wenn die Abgeordneten geahnt oder gar gewusst hätten, dass das alles Unrecht ist, was sie da treiben, hätten sie natürlich die Finger von den Vettern gelassen. Der Abgeordnete als solcher ist ja auch nur ein Mensch, selbst wenn er für die Grünen oder die SPD in den Münchner Landtag gerutscht ist.

Und so gesehen trifft sich die ganze Mischpoke in den Zeiten der politischen Niederlagen vielleicht mal beim Weißwurst-Frühstück mit Susanne Filbinger-Riggert, die ihnen dann die Leviten liest: Was damals Recht war, konnte genauso gut Unrecht sein – weiß man's? Eine Tochter schaut unter den deutschen Teppich der eigenen Familie – Hut ab! Da kommt selbst Hans-Ulrich Rülke, der Fraktionschef der FDP im Stuttgarter Landtag, zu spät mit seiner Filbinger-Würdigung. Der war kein Naziverbrecher, urteilt der Liberale über den Nazi.

Und was die Töchter angeht – und die Söhne: Es stände uns gut zu Gesichte, nach 70, 80 Jahren auch die eigenen Teppiche zu lupfen. Kein Zweifel – Antifaschisten wurden nicht nur von Filbinger & Co. KG exekutiert, sondern auch von den eigenen Genossen. Mai 2013. Überfällig also ist das ehrende Gedenken an Tausende deutsche Kommunistinnen und Kommunisten, Antifaschistinnen und Antifaschisten, die in der Sowjetunion zwischen den 1930er- und 1950er-Jahren willkürlich verfolgt, entrechtet, in Straflager deportiert, auf Jahrzehnte verbannt und ermordet wurden. Viel Stoff für die Denk- und Lernorte der Zukunft.

Peter Grohmann ist Kabarettist und Gründer des Bürgerprojekts Die Anstifter.


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1 Kommentar verfügbar

  • Ulrich Schilling
    am 14.05.2013
    Antworten
    Hallo Herr Grohmann,

    hinterher ist man immer schlauer. Wie Sie - oder ich - mich unter den damaligen Umständen verhalten hätten - wissen wir beide nicht. Selbstgerechtigkeit aber ist schon ein sehr schlimmes übel. Auch der Hinweis auf Sowjet-Exzesse rechtfertigt nicht, dass man - aus einer…
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