Ausgabe 9
Gesellschaft

Der Widerstand - im Kern gespalten

Von Josef-Otto Freudenreich und Martin Storz (Fotos)
Datum: 01.06.2011
Stuttgart 21 geht in die entscheidende Phase – und der Widerstand ist in seinem Kern gespalten. Das Aktionsbündnis und die Parkschützer driften immer weiter auseinander, keiner traut dem anderen mehr, eine gemeinsame Strategie ist nirgendwo erkennbar. Der frühere Kopf des Bündnisses, Gangolf Stocker (Bild), hat sich abgewandt. Die Grünen haben Grund zu großer Sorge.

Der Widerstand gegen Stuttgart 21 hat keine Führung mehr.
Der eine hat die nackten Füße in Trekkingsandalen, der andere die Porsche-Brille auf der Nase. Der eine hat so ziemlich alles durchlaufen, was verkniffen kommunistisch war, von der DKP bis zur PDS, der andere hat sich gegen alle Heilslehren aufgelehnt, nachdem seine Karriere als Oberministrant zu Ende war. Und beide sind Väter der Bewegung: Gangolf Stocker und Werner Wölfle. Die älteren Herren, 66 und 57 Jahre alt, waren es, die im Jahr 2007 das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 geschmiedet haben, jenen Kern des Protests, der die Stadt in der ganzen Welt berühmt gemacht hat.

Heute hockt Stocker im Cortijo hinterm Rathaus, lutscht seine Vivils, die er als junger Bursche mal selbst in einer Offenburger Fabrik gedreht hat, und schimpft wie ein Rohrspatz. Es ist ein Erlebnis, ihm zuzuhören, wie er über seine Nachkommen ablästert. Streng im Hintergrund, wie Journalisten zu sagen pflegen, wenn sie nicht zitieren können, aber doch vermitteln sollen, wie es im Inneren eines Gepeinigten aussieht. Der Spur nach könnte man danach behaupten, dass Stocker das Bündnis als toten Gaul, dessen Verwalter als Weicheier und deren Zeit als abgelaufen betrachtet. Kein Arsch in der Hose, keiner traut sich, auf den Tisch zu hauen, keiner schmeißt die Parkschützer raus, die nur noch ihr eigenes Ding drehen. Im Übrigen, sagt Stocker, habe er das Recht, beleidigt zu sein. Wie bekannt, ist der SÖS-Stadtrat nach der Landtagswahl aus dem Bündnis ausgestiegen, dessen Kopf er war. Sein neues Projekt heißt Volksversammlung auf dem Marktplatz. Der erste Gast ist Ministerpräsident Kretschmann.

Die gefühlsbewegte Basisdemokratie ist Stocker zuwider

Nun wäre es ein Leichtes zu sagen, hier sitzt ein verbitterter Vater, dem das Kind verloren gegangen ist. Aber so einfach ist das nicht. Keiner hat so lange gegen S 21 gebuddelt wie er, keiner hat so viele Prügel eingesteckt und ist trotzdem oben geblieben. Und wie viele Kröten muss dieser Mensch geschluckt haben, wenn er Stunden in seinem Debattierclub verbracht hat und schon zusammengezuckt ist, wenn die Grünen-Vertreterin zu einer ihrerGangolf Stocker, einst Kopf des Aktionsbündnisses, hat sich abgewandt. gefürchteten Reden angesetzt hat. Oder wenn ein unentwegter Friedensaktivist aus Tübingen angedroht hat, zur Gitarre zu greifen und Mikis-Theodorakis-Lieder zu singen. Letzterem hat Stocker, als er noch eine Autorität im Aktionsbündnis war, dann doch Bühnenverbot erteilt. Einem wie ihm, dem gelernten Politzentralisten, muss diese gefühlsbewegte Basisdemokratie verdammt schwer gefallen sein. Er sei ein Kontrollfreak, gesteht Stocker, und nachtragend sei er auch. Darüber hat er wohl den Blick verloren für den großen Einsatz der anderen, die eben nicht so cool sind wie er.  

Der andere, Werner Wölfle, sieht das lockerer. Auf der Terrasse des Plenums, der Landtagsgaststätte, wirft er den Spatzen Brotbrocken zu und erzählt, was er in seiner Post so gelesen hat. Vom "Verräter" war da die Rede und vom "gnadenlosen Karrieristen". Das war, nachdem er es gewagt hatte, das intellektuelle Niveau der Redebeiträge auf einer Montagsdemo zu kritisieren, woraus er messerscharf geschlossen hat, dass Kritik sofort bestraft wird. Das kennt der ausgebuffte Sponti aus alten Zeiten, in denen er als Zaungast früherer revolutionärer Umtriebe gelernt hat, dass am Ende die Sektiererei droht, mit der entsprechenden Begrifflichkeit. Also warum sich aufregen, wenn ein Déjà-vu-Erlebnis das andere jagt. Das Rein-raus-Spiel ist Wölfle, grüner Stimmenkönig in Stuttgart und nach wie vor Fraktionschef der Grünen im Gemeinderat, vertraut. Heute scheinbar Sozialbürgermeister, morgen scheinbar Verkehrsminister und übermorgen keines von beiden. Politik ist halt so. Ein vermintes Gelände.

Das Aktionsbündnis ein desolater Haufen – aber keiner sagt es laut

Und weil das so ist, wählt auch Wölfle den Hintergrund. Bloß kein Öl ins Feuer gießen, bloß kein Zitat, an dem er später aufgehängt werden könnte. So lässt sich wiederum nur der Spur nach behaupten, dass er das Aktionsbündnis für einen desolaten Haufen hält, der dringend runderneuert werden müsste. Schluss müsse sein mit dem endlosen Debattieren, mit Werner Wölfle, der Grüne, der das Bündnis mit Gangolf Stocker aufgebaut hat, hält sich jetzt im Hintergrund.der alles entscheidenden Frage, wer auf der Bühne moderieren darf, und mit dem Umstand, dass alle mitredeten und dann verschwunden seien. Zurück zum BUND, zum Verkehrsclub Deutschland (VCD), zu Pro Bahn und zu den Parkschützern, deren Vertreter später sagen, so hätten sie's nun auch wieder nicht gemeint. 

Das mag dem einen oder anderen als willkommene Rhetorikschulung erschienen sein, als Pflege des Egos dienen, das auch bei Basisdemokraten vorhanden sein soll. Man denke an die vielen Fotografen und Fernsehkameras. Aber es ist nicht im Sinne ihrer Erfinder. Denn die Lage ist ernst und erfordert einen Plan. Niemand weiß, wie Stuttgart 21 ausgehen wird. Viele warten derzeit ab, wie sich die neue Regierung verhält, verbunden mit der Hoffnung, dass sie in ihrem Sinne handeln wird. Entsprechend sinkt die Zahl der Demonstranten. Zu Hause verfolgen sie die dünnen Nachrichten über den Stresstest, der vor der Sommerpause erledigt sein soll und nach ihrem Ermessen scheitern muss. Ob dem so sein wird, darf zumindest mit Zweifeln belegt werden, auch wenn dem neuen Verkehrsminister Winfried Hermann zugetraut werden darf, dass er alles dafür tun wird. "Am Ende", befürchtet Wölfle, "ist es eine Frage der Interpretation." Will sagen: die Befürworter, inklusive der betonharten SPD, werden das Ergebnis passend reden, die Gegner werden es als Beweis dafür heranziehen, was sie schon immer wussten. Dass S 21 eine Katastrophe ist.  

Der grüne Verkehrsminister wird die Parkschützer bald brauchen

Und dann kommt im Herbst die Volksabstimmung. Sie zu gewinnen dürfte ein Ding der Unmöglichkeit werden. Es sei denn, alle Parteien einigten sich auf eine Senkung des Quorums, wofür wenig spricht, oder der Protest nähme noch einmal so viel Fahrt auf, dass er das ganze Land erfasste und die Regierung zu entsprechendem Handeln zwänge. Es werde am Schluss, und darin sind sich die grünen Strategen einig, eine politische Entscheidung. Und eine solche fällt nicht im luftleeren Raum. Wenn Verkehrsminister Hermann die Parkschützer hofiert, dann liegt genau darin der Grund. Er wird sie, so das Kalkül, irgendwann brauchen. Matthias von Herrmann kocht mit seinen Parkschützern immer mehr sein eigenes Süppchen.Das Aktionsbündnis, in seinem derzeitigen Zustand, hilft da wenig. Von Montag zu Montag zu denken ist keine Strategie. Ob mit oder ohne Konstantin Wecker.

Das meint auch Matthias von Herrmann, der Sprecher der Parkschützer. Der 37-jährige  Ex-Greenpeaceler mit dem Habitus eines Oberprimaners ist ein cleveres Kerlchen. Kein schlechtes Wort über die Faschingsgesellschaft Möbelwagen, deren Funkenmariechen über seinem Büro üben. Nichts Negatives über das Aktionsbündnis. Einmal war er dort, dann nie wieder. Seitdem hat er ein "gutes Verhältnis auf der Arbeitsebene", was in etwa so glaubhaft ist wie Stefan Mappus' Liebe zu Günter Oettinger. Von Herrmann lädt den Verkehrsminister an den Bauzaun ein, lobt ihn als besten Experten ever, in den sie "große Hoffnungen" setzten, und schon dankt Winfried Hermann  für "Ausdauer und Geduld" und sagt, die Parkschützer seien "frei, zu fordern". So schnell wie die Pressemitteilung des Chefpropagandisten raus ist, kann der Grüne gar nicht gucken. Selbst Gangolf Stocker, der den Jungen nicht verputzen kann, rühmt seine medialen Fähigkeiten.

Baumkletterer, Veganer und Perlenkettenwitwen vom Killesberg

Ein Kunststück ist das zweifellos. Zumal als One-Man-Show mit dissonantem Orchester. Man muss ja nicht von einer Stadtguerilla reden, wie Stocker das tut, und damit tief sitzende Ängste bedienen. Man muss nur in die Parkschützer reinschauen und wird schnell erkennen, dass hier keine straff organisierte Truppe am Werk ist. Baumkletterer, Attacler, Veganer, Perlenkettenwittwen vom Killesberg finden sich unter demselben Firmenschild mit Ingenieuren gegen S 21, Unternehmern gegen S 21, SPD-Linken gegen S 21 wieder und lassen von Herrmann sagen, was er sagen will. Das stört nicht weiter, weil auch die Vorgenannten machen, was sie wollen. Ein Aktionscamp im Calendula-Kräutergarten etwa, mit anschließenden Blockaden, deren Sinn niemand wirklich begreift, aber sei's drum. Weil jeder etwas macht, ergibt das eine Kraft, die dem Aktionsbündnis abhanden gekommen ist.

Wölfle & Co. wissen das und wollen deshalb die Parkschützer nicht verlieren. Mit Stocker ging es nicht. Für ihn waren und sind sie eine wild gewordene Meute, die auf Dächer steigt, Bauzäune einreißt, keine Verantwortung und Verbindlichkeit kennt und damit den Widerstand im Kern gefährdet: das Friedliche im Bürgerlichen. Jetzt soll es Stockers Ziehsohn und SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch richten, der ihm viele Jahre im Rathaus zugearbeitet hat. "Der Hannes glaubt, dass er im Bündnis noch etwas bewegen kann", erläutert der Altmeister, "ich nicht." Die Frage ist freilich: wie?

"Du sendest immer und empfängst nicht mehr"

Die Antwort kennt der Rotschopf Rockenbauch auch nicht. Ob da noch etwas zu retten ist, ob er das Standing hat, die Abtrünnigen zu überzeugen? Der Zweifel steht ihm in den grünblauen Augen. Er Hannes Rockenbauch, dem Ziehsohn Stockers, fehlen die Autorität und der Glaube, um das Bündnis zu retten. teilt nur die Einschätzung der grünen Altvorderen, die das Bündnis auf neue Beine stellen und die Parkschützer heimholen wollen. Im Sinne einer Zusammenarbeit, die auf die Politikfähigkeit der einen und die Action der anderen baut. Nun ist der 30-Jährige gewiss ein politisches Talent, rhetorisch beschlagen, den Menschen zugewandt und mit Feuereifer dabei. Aber einen Matthias von Herrmann einfangen, einen Gerhard Pfeifer vom BUND zum Durchsetzer machen? Das ist schon seinem Lehrherrn Stocker nicht gelungen.

Rockenbauch will es mit einem breiteren Ansatz versuchen. Über den Bahnhof hinaus, hin zur Stadt, zur Zukunft des Gemeinwesens und zum Recht des Bürgers auf eine lebenswerte Welt. Darüber könnte ein Konsens mit den Parkschützern erzielt werden, hofft er, und sagt dann noch einen Satz, der für sein Alter ziemlich weise ist und für alle Beteiligten gilt: "Du sendest immer und empfängst nichts mehr." Der Satz könnte der Schlüssel für den Erfolg einer unglaublichen Geschichte werden. Wenn alle zuhören.


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9 Kommentare verfügbar

  • CultureVulture
    am 15.06.2011
    Was bitte ist der Grund für diesen Beitrag, und was sein Ziel? Ein bisschen schwafeln? Und dafür sollen wir uns Zeit nehmen?
    Dass es Differenzen gibt, ist normal und das weiß jeder, das hält hier niemanden von der Straße fern. Weil niemand für das Aktionsbündnis auf die Straße ging, sondern aus Überzeugung.
    Dass momentan immer weniger auf die Strasse gehen, hat viele andere Gründe, aber sicher nicht die Abneigung gegen irgendeinen der Menschen, mit denen Sie sich für den Artikel amüsiert haben.
    Auf der Strasse werden es auch wieder mehr. Auch ohne ein FriedeFreudeEierkuchenaktionsbündnis. Ich für meinen Teil ziehe den Hut vor den Menschen, die sich dort exponiert und verbrannt haben und noch immer bereit sind, dies weiter zu tun. Sogar Stocker, der wahrlich genug Gründe hätte, sich völlig zurückzuziehen.
  • eraasch
    am 13.06.2011
    Vielen Dank für den netten Artikel.Das gab es schn öfter, dass ich den Eindruck habe, eine Diskussion bewegt sich an der Oberfläche, ohne das zu wissen.
    Denn: Offensichtlich repräsentiert "der Widerstand" endlich einmal einen Querschnitt der Stuttgarter Bevölkerung. Da fängt ein schwäbischer Pfarrer mit einer Gruppe Punks an zu sprechen, Angestellte, Obdachlose und Attac Aktivister organisieren sich gemeinsam bei der Parkwache.Ein BWBanker und ehemaliger Proler dokumentiert mit seiner großen Spiegelreflex.
    Die Versplitterung ist ein erstes Abbild der Leute, die hier eben Leben, eine homogenere Zusammensetzung wäre künstlich.
    Will man das?
    Was wäre die Alternative? Eine Kaste von Berufspolitikern, Durchsetzern? Eine neue Volkspartei, organisiert wie die CDU? Die gibts schon in den Parlamenten, die haben seit die Bürgerbewegung groß geworden ist, ein gr0ßes Vertrauensproblem (gegen das Herr Kretschmann anarbeitet).
    Oder leninistische Berufsrevolutionäre, die die Sache mal richtig vorantreiben? Mit der ihr eigenen Inquisition?
    Auch nicht toll.
    Also: was will man eigentlich?
    Unter dem Gejammere steht vielleicht still und unerkannt die Sehnsucht nach dem lieben Führer, der die Kräfte bündelt und zum Ziel führt.

    Es ist sicher wünschenswert, eine handlungsfähige Organisation zu haben, aber die gibts nicht ohne fähige (Partei)funktionäre, die einen gewissen Machtinstinkt haben.
    Ich halte diese Option für eine zu zweischneidige Sache, die einer losen Bürgerbewegung nicht angemessen wäre und vielleicht auch nicht gut tut.

    Die 50 000 und mehr, die nach dem 30 09 auf der Straße waren, waren echt. keine bezahlten, gepressten, angekarrten Fähnchenschwenker. Und das soll auch so bleiben. Die Leute sollen ganz von selber kommen.
    Ganz im Sinne von Kretschmanns/hanna arendts Freiheit.
  • Infoliner
    am 07.06.2011
    Liebe Kommentatoren, 2 mal schrieb hier jemand, daß dieser komische U-Bahnhof doch eh gebaut würde. Ich verstehe nicht, warum. Ist Euch denn nicht bekannt, daß es das Bewußtsein ist, was über diese Dinge entscheidet? Wenn ich etwas nicht will, so wird es nicht geschehen. Meditiert da mal drüber ;) Organisationen braucht es dazu übrigens keine, es reicht, wenn jeder Mensch sich selbst organisiert. Und wer doch etwas organisiert, den soll man das in Frieden tun lassen, man kann ja selbst etwas anderes auf die Beine stellen. Albern, da auf Differenzen herum zu reiten. Alle, die sich dem Ziel einer Rettung des Stuttgarter Bahnhofes verschrieben haben, atmet mal tief ein und sagt es laut: "Der Untergrund-Bahnhof wird nicht gebaut." Wird er übrigens auch nicht ;)
  • planb_
    am 04.06.2011
    Stichwort Leithammel eines vorherigen Kommentars:
    Richtig erkannt!
    Die verschiedenen Richtungen/Meinungen des Widerstands sind kein Hindernis sondern ein Vorteil!
    Leithammel werden nicht benötigt!
    Im Chaos liegt die Kraft!
    Toll wenn die Parkschützer was anderes machen als Stocker, so sind die Projektbetreiber ständig damit beschäftigt mehrere Baustellen zu befrieden. Haha ich finds toll, der Widerstand braucht nur einen gemeinsamen Nenner: Oben bleiben. Alles andere ist zweitrangig.
  • AufrechterGang
    am 03.06.2011
    Solche plakativen Portraits und Situationsbeschreibungen haben immer etwas Richtiges und etwas Falsches. Auch wenn das medial immer aufgebauscht wird, kann eine so vielfältige Bewegung auch ihre Wirkung haben, wenn sich einzelne Gruppen nicht grün sind. Natürlich finde ich es nicht gut, dass der Widerstand auseinanderfällt. Andererseits war es von vorneherein bei einer so heterogenen Mischung illusorisch zu glauben, dass ein monolithischer Block des Widerstands bis zum Ende erhalten bleibt. Im Moment kann man zumindest noch auf eine konstruktive Diskussion der einzelnen Gruppen hoffen. Es gibt zum Glück nicht nur Selbstdarsteller und Fanatiker, sondern auch differenzierte und vernünftige Stimmen zum Umgang miteinander, wie die Gedanken von Dora Asemwald dazu: http://asemwald.wordpress.com/2011/06/01/schisma/
    Dass der Tiefbahnhof am Ende gebaut wird, kann an der Selbstzerfleischung der Bewegung und an der kindischen, unkonstruktiven Streitlust und an persönlichen Überempfindlichkeiten einzelner Protagonisten liegen. Deshalb ist es um so wichtiger für alle, die es können, mal einen Schritt zurückzutreten und das gemeinsame Ziel wieder in den Blick zu bekommen.
  • Hofnarr
    am 02.06.2011
    Es gibt verschiedene Akteure dieses Widerstandes, die im Wettbewerb stehen; das ist gut so. Solange die Bahn nicht den Südflügel angreift, hat Stocker die Nase vorne (das war im August anders und am 30.9. war zum Glück dann der sogenannte Widerstand formiert, sonst stünden da heute keine Bäume mehr).

    Hoffen wir dennoch, dass mehr Geist, wie von Stocker auf dem Marktplatz initiiert, diesen Wettbewerb interessant macht. Hier die Kostprobe einer fiktiven Befragung des Ministerpräsidenten:

    Bürgerfrage: Wie wäre es, wenn Sie eine Kommission, die nicht parteipolitisch gebunden ist, ins Leben rufen würden, die unglaubwürdige Behauptungen von welcher Seite auch immer bewertet und öffentlich macht? Wenn ich von einer jungen Nachbarin höre, sie sei für S 21 wegen besserer Zugverbindungen, dann ist dies eins der Beispiele.

    MP Kretschmann: (...) Die Schlichtung hat gezeigt, es gibt einfach nicht so etwas wie Lüge und Wahrheit. Wenn das so einfach wäre, hätten wir uns nicht nächtelang vorbereiten müssen, was wir in der Schlichtung sagen. Wer die Schlichtung verfolgt hat, hat gesehen, jede Seite hat gute Argumente, d.h. jeder kann die Argumente nachvollziehen. Und ob sie richtig oder falsch sind, ist umstritten, und es gibt darüber nicht einfach einen Richter, sondern wir haben einen Schlichter gehabt, der hat dafür gesorgt hat, dass jeder seine Argumente ordentlich vorbringen kann. Aber die Vorstellung, es gäbe in der Demokratie eine Instanz, die sozusagen über der Demokratie entscheiden kann, was wahr und falsch ist, ich bitte Sie, verabschieden Sie sich davon. Demokratie heißt Streit (...).

    Moderatorfrage: Warum treten Sie hier so engagiert auf, Herr Kretschmann?

    MP Kretschmann: Es gibt einen Satz von Hanna Arendt: Der Sinn von Politik ist Freiheit. Und das sollten wir nicht vergessen. Sie hat nicht gesagt, der Sinn von Politik ist Wahrheit. Das hat etwas mit meiner Biografie zu tun, mit meiner linksradikalen Vergangenheit als Student, wo ich auch dachte, das ist jetzt die Wahrheit. Und irgendwann erkennt man, dass so etwas in der Politik gefährlich ist. (...)

    Moderatorfrage: Wenn es nicht um die Freiheit, sondern um den Interessensstreit geht, möchte ich wissen, wie Sie die (Gewinn)Interessen bei dem Projekt S21 einschätzen.

    MP Kretschmann: Es ist ein Problem des Streits in einer Demokratie, dass die, die stark und mächtig sind und die viel Geld haben, die viele Verbindungen und Netzwerke haben, im Vorteil sind, und das ist die Aufgabe der Regierung, dass sie das ändert, dass wir das verschieben, dass in der Zivilgesellschaft Leute, die außer ihrem Verstand und ihrem Engagement und ihrer Leidenschaft nichts einzubringen haben; ich sage aber: das ist sehr viel, und das macht eine lebendige Demokratie aus. Wir müssen diese Kräfte gleichrangig in Stellung bringen eben gegen die mächtigen Interessen in dieser Gesellschaft. Ich kann für mehr Bürgergesellschaft kämpfen, aber ein Bürgerparadies kann ich leider auch nicht machen.
  • Wissenslust
    am 02.06.2011
    Zuerst wäre ich dankbar, wenn man in Zukunft auf die künstlich herausgearbeiteten Gegensätze von der "Perlenkettenträgerin" aus der Stuttgarter Halbhöhenlage und den "Baumbesetzern" verzichten würde. Die eine habe ich bis dato kein einziges Mal in 18 Monaten getroffen, bei dem anderen handelt es sich zumeist nicht um ureigene Parkschützer, sondern Mitglieder anderer Organisationen, die den Widerstand gegen S 21 mittragen und unterstützen. Das Bild ist flach, abgenutzt, platt, und wird der Situation nicht im mindesten gerecht. Schlechte Recherche.
    Darüber hinaus zeigt es eine zynische Sichtweise auf ganz unterschiedliche Menschen, die sich gemeinsam (nach wie vor, auch ohne Herrn Stocker) für ein Ziel einsetzen und immer wieder neu ihre Rolle im Widerstand suchen müssen. Schließlich ändern sich die Rahmenbedingungen auch ständig. Wenn Herr Stocker schmollen möchte, dann soll er das tun, das ist in Ordnung. Aber er sollte nun auch aufhören, andere engagierte Menschen (die durchaus bürgerlicher als er selbst sein können), schlechtzumachen. Sein neues Projekt vor dem Rathaus ist ja sehr erfolgversprechend angelaufen und dafür alles Gute.
    Was seine Ansagen und Äußerungen auf den Montagsdemos angeht, so konnte ich diese auch in den wenigsten Fällen gutheißen, weil ich die Dinge anders sehe. Aber es war in Ordnung, weil das die Position am anderen Ende des Bündnisses zeigt. Da blieb nur eins: mit Fassung tragen.
    Man muss eben eine große Spanne an Toleranz mitbringen, wenn so viele unterschiedliche Menschen am Widerstand teilnehmen. Ich halte das für gesund und wichtig. Doch vielen scheint die Fähigkeit abhanden gekommen zu sein, diese Art von Spannung auszuhalten. Aber nur so funktioniert Demokratie. Auch Parteien sind dafür ein gutes Beispiel, immer schön zur Mitte, immer schön konform nach außen. Diese Parteien werden in Zukunft Trauer tragen, weil die Menschen spüren, dass das nicht ehrlich ist. Es braucht Konflikte, Zerreißproben und die Ränder, und zwar innerhalb JEDER Partei. Genau DAS repräsentiert das Spektrum einer Gesellschaft. So wird es auch im Bündnis sein: Der Erfolg wird daran gemessen werden, wie man mit diesen Konflikten umgeht. Schmollen ist EINE Lösung, aber es gibt bessere.
    Noch ein Wort zu den Parkschützern:
    Ich schätze klare Aussagen und Positionen sehr, davon gibt es viel zu wenig, viele Menschen haben es verlernt, zu etwas zu stehen. Die aktiven Parkschützer haben eine klare Haltung zu dem Projekt und sie sind aktiv. Prima! Natürlich gefällt das nicht allen, muss es auch nicht! Alle anderen, die zu Kompromissen bereit sind, sind ja schon wieder auf dem Sofa und hoffen auf die Politik.
    Das gefällt mir nicht. Muss es auch nicht!

    Ich hätte lieber einen fundierten Artikel zu dem nicht eingehaltenen Baustopp gelesen als eine gewollt aufgebauschte Möchte-gern-Analyse zur Situation des Aktionsbündnisses mit viel Schnee von gestern.
    Ich denke, dass sich manche Menschen nach einem "Leithammel" sehnen, und wenn dieser nicht greifbar ist, werden sie nervös. So auch der Autor dieses Artikels?
    Im übrigen hätte ich einen Vorschlag, wer eine integrierende Wirkung in der Witerentwicklung des Bündnisses haben könnte, auch wenn hier eigentlich nur Männer erwähnt werden, obwohl gerade sehr viele Frauen in Stuttgart aktiv sind: Frau Birgit Dahlbender vom BUND, die in der Schlichtung nicht nur durch ihr Fachwissen glänzte und dem Bündnis schon viele gute Dienste getan hat, wäre die erste Wahl!
    Sie war auch übrigens wieder glänzend auf der letzten Montagsdemo,... vielleicht hat´s Herr Wölfle ja gehört :-)?
  • MCBuhl
    am 01.06.2011
    Ich möchte in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass sich W. Kretschmann schon vor dem Schwarzen Donnerstag als allzu kompromissbereit gezeigt hatte - erst der Widerstand gegen sein Gesprächsangebot an St. Mappus ließ ihn zurückrudern. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war der Widerstand gewarnt und Aktionen der Politik wurden kritisch beäugt. Vielen ist eins klar: einen Kompromiss kann es nicht geben, wozu also miteinander schwätzen, wenn das Ergebnis (es wird aber gebaut) schon feststeht?
    Ich empfinde dieses Verhalten, dieses nicht eindeutige Stellung beziehen wollen bei einem Streit, der nur Hü oder Hott kennt, als Grundübel, das zur Spaltung führen musste.
  • canislauscher
    am 01.06.2011
    Man kann die Spaltung sogar recht genau datieren: am 15. Oktober 2010 stiegen die Parkschützer während der Vor-Konsultationen zur Schlichtung aus, weil es keinen konsequenten Baustopp während der Schlichtung geben würde.

    Ob das wohl richtig war? Zwar wurde diese Spaltung euphemistisch als Doppelstrategie verkauft (wir verhandeln - ihr protestiert), aber jedem halbwegs Wachen war klar, was das bedeutet.

    Eigentlich hätte allen Beteiligten klar sein müssen, dass nach dem 30.9. und spätestens, als bekannt wurde, dass Heiner Geißler mit großem Bahnhof in die Stadt einreitet, höchste Gefahr im Verzug war.

    "Hätt' der Hund nicht gesch..., hätt' er den Hasen gekriegt." Wenn der Widerstand nach dem 30.9. gestanden hätte 'wie eine Eins' (z.B. indem er sich nicht auf den recht durchschaubaren Politikzirkus eingelassen hätte, bevor nicht die für den 30.9. Verantwortlichen festgestellt und zur Rechenschaft gezogen würden), hätte nach ein paar Tagen mehr vielleicht der Innenminister Rech zurücktreten müssen - weil etwa der öffentliche und mediale Druck auf ihn so groß gewesen wäre, dass MP Mappus ihn als untragbare Belastung für den anstehenden Wahlkampf empfunden hätte.

    Diese Spaltung (die erst nach der Wahl ganz offen zu Tage trat) nun wieder zu überwinden, kann nur gelingen, wenn man vorbehaltlos die o.g. Geschehnisse aufarbeitet; nicht um 'die Schuldigen' zu finden, sondern um daraus zu lernen. Und um dann wieder neu und mit frischem Mut gemeinsam Widerstand gegen S21 zu leisten/für K21 zu streiten.

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