Ausgabe 9
Debatte

Vogeldreck

Von Zupfgeigenhansel Erich Schmeckenbecher
Datum: 01.06.2011
Das Volk soll wieder singen. Und zwar Volkslieder. Die richtigen, versteht sich, nicht die falschen. Auch wie es singt, muss wohlbedacht werden. Deshalb stellt der SWR jede Woche ein Volkslied vor. Reiner Kitsch, meint der Zupfgeigenhansel Erich Schmeckenbecher (Bild). Eine Polemik.

Durch das Vorhaben, so die SWR2-Musikchefin Dorothea Enderle, soll sich in Zukunft vieles ändern. Sie will die Geschichte hinter den Volksliedern zeigen, und was sie für uns bedeuten können. Damit das voll durchschlägt, sei das Projekt "sehr groß aufgestellt", nicht nur bei der Rundfunkanstalt, sondern auch mit "sehr vielen Zeitungen als Partner" (siehe www.liederprojekt.org).

Die Idee muss ein Opernsänger aus Stuttgart gehabt haben. Cornelius Hauptmann, so schreibt jedenfaErich Schmeckenbecher ist bekannt durch Schallplatten wie zum Beispiel die Jiddischen Lieder.lls "Zeit online", erzählt ergriffen von einem ausverkauften Wiegenlieder- Abend in der Stuttgarter Oper, bei dem 1200 Menschen gemeinsam gesungen und, ja, auch geweint haben. Und weiter: das schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl. So etwas suchen die Leute zurzeit offenbar, nicht nur beim Volkslied, sondern auch bei den Protesten gegen Stuttgart 21. Randnotiz: Auch Dorothea Enderle sucht offenbar nach so einem Zusammengehörigkeitsgefühl, denn ihr Name taucht in einer Unterschriftenliste weit vorne auf, allerdings für die Initiative "Wir lieben Stuttgart - Wir für Stuttgart 21.

Aber Frau Enderle will etwas gutmachen an der "unglaublich geschundenen Gattung", sagt sie, und äußert sich sehr selbstkritisch. Sowohl das Radio als auch das Fernsehen hätten aus dem Volkslied "etwas Verkitschtes, Schlagerartiges" gemacht.

Opernsänger und Chöre sollen das Volkslied retten?

So was muss man sich erst mal trauen: Jahrzehntelang betreiben Leute wie Enderle und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten den Untergang des Volksliedes dadurch, dass sie zum Beispiel nicht die 48er-Lieder von Hein und Oss Kröher spielen, nicht die Arbeiterlieder von Hannes Wader, sondern dass sie volkstümlichen Murks senden. Und jetzt wollen sie das Volkslied dadurch noch einmal retten, dass sie es von OpernsängerInnen und Chören vortragen lassen und den HausmusikantInnen die entsprechenden Materialien absatzfördernd zur Verfügung stellen. Ein Hundsfott, der Böses dabei denkt!

Und SWR-Moderator Thomas Ihm macht sogar eine Entdeckung: "Die Romantik, die die Wiege des deutschen Volksliedes war, war auch gleichzeitig die Wiege der Demokratie." Stimmt, allerdings sind für den guten Moderator nur diese romantischen Volkslieder die typisch deutschen, und das stimmt nicht. Denn die Romantik war nicht die Verklärung des Wirklichen zum ausschließlich Schönen. Hier wird die Romantik mit der heutigen Idylle verwechselt, wie das in konservativen und profitorientierten Kreisen, also bei den sogenannten Brotgelehrten (Schiller) allzu gerne getan wird. Idylle lässt sich halt besser verkaufen, philosophisch wie praktisch.

Zur Erklärung: Friedrich Schiller prägte den Begriff des Brotgelehrten 1789 in seiner Antrittsrede als Geschichtsprofessor in Jena. Brotgelehrte sind für ihn Wissenschaftler, die nicht für die Wissenschaft leben, sondern von ihr leben wollen. Es geht ihnen nur um Fürstengunst, Zeitungslob, Gold und ihren Marktwert. Schiller war durchaus Romantiker, und Männer wie Hecker, Fallersleben, Freiligrath, Herweg, Heine, Hölderlin, Hegel, Novalis, Marx und viele andere waren es auch, nicht nur Eichendorff, Claudius und Co. Und der Romantiker Hecker und andere 48er mussten, weil sie Demokraten waren, sogar um ihr Leben fürchten.

Lieder deutscher Demokraten ganz hinterfotzig diffamiert

Aber um diesen Bereich des deutschen Volksliedes macht SWR2 einen weiten Bogen. Und zwar ziemlich raffiniert: Die Volkslieder der Nazis werden abgelehnt. Zu Recht. Die Volkslieder der DDR werden in den gleichen totalitären Pott geschmissen. Zu Unrecht. Und die Lieder deutscher Demokraten werden dadurch diffamiert, dass man willkürlich eines davon hernimmt und als typisches und abschreckendes Beispiel zitiert. Moderator Thomas Ihm macht das geradezu hinterfotzig:

"Heckerlied. Schmiert die Guillotine mit Tyrannenfett, schmeißt die Konkubine aus dem Pfaffenbett. Das sind doch kräftige Volkslieder, die kann man doch mal singen?"

Klar kann man die singen – bis man einen sogenannten seriösen Musiktätigen, hier Direktor Mettler vom badischen Chorverband, fragt. Der lehnt das Heckerlied selbstverständlich ab: "Ja, nun. Die sind natürlich weit ab vom Schuss. Da wird sich jeder Christ mit Grausen abwenden, und da sind natürlich kirchliche und religiöse Bedenken da."

Zur Erinnerung: Friedrich Hecker schrieb am 5. März 1848: "Ich will die Freiheit für alle, gleichviel in welcher Staatsform sie zu erreichen ist. Aber keine Freiheit nur für die Privilegierten oder für die Reichen; ich bin, wenn ich es mit einem Wort benennen soll, Sozialdemokrat." Weit ab vom Schuss? Religiöse Bedenken? Da lach ich aber.

Und was meint Dorothea Enderle eigentlich, wenn sie zeigen will, welche interessante Geschichte Volkslieder haben und was sie für uns bedeuten können?

Ein schönes Liebeslied wird schnell zum Antikriegslied

Nehmen wir das Lied "Wenn ich ein Vöglein wär". Der Text, berichtet Wibke Gerking vom SWR, sei von Herder. Dem ist schon mal nicht so. Der Text steht zwar unter Herders "Volksliedern" aus dem Jahre 1778 in der heutigen dreistrophigen Form und wird als der erste Druck des Liedes bezeichnet. Tatsächlich aber findet man ihn schon 1756 mit fünf Strophen auf einer Flugschrift mit dem Titel "Vier Weltliche schöne Lieder". Herder als Urheber passt jedoch besser in den Kram, den Moderator Thomas Ihm wie folgt erläutert:

"Dieses Volkslied (...) ist so wie viele ein Werk von Akademikern, wie überhaupt die ganze Gattung des Volksliedes in gewisser Weise von Akademikern erfunden wurde. Allen voran der Dichter Johann Gottfried Herder, der im 18. Jahrhundert lebte. Damit ist das typisch deutsche Volkslied weder volkstümlich noch völkisch, sondern, zugespitzt gesagt, der Gesang von Dichtern und Denkern."

Gott sei Dank, zugespitzt gesagt. Es ist besser, dass nicht wenige Volkslieder von Dichtern und Denkern sind, längst verstorbenen, versteht sich, als von volkstümlichen Heinis und völkischen Heinos. Aber Vorsicht: Dichter und Denker, besonders die heutigen, sind subversiv. Sogar so ein harmlos daherkommender Text wie "Wenn ich ein Vöglein wär" ist in Wahrheit, SWR-Frau Gerking hat es herausgefunden, ein Antikriegslied.

Donner und Doria! Ich hatte es schlicht für ein schönes Liebeslied von Handwerksburschen gehalten, das allerdings in den 70ern häufig mit einem leicht veränderten Text gesungen wurde:

"Wenn ich ein Vöglein wär
und auch zwei Flügel hätt,
flög ich zu Dir.
Weil's aber nicht sein kann:
vögle ich hier."

Sicher, der Originaltext gefällt mir auch besser, selbst wenn die Änderung den Nagel auf den Kopf trifft. Aber die damaligen Zeiten waren unfrei, in den 70ern des vorigen Jahrhunderts waren sie schon etwas freier. Allerdings ist in dem Lied nichts von einer Antikriegshaltung drin. Da gibt es ganz andere, klare, unverschlüsselte. Und jetzt: Alle mitsingen!

Selbstlos und edel arbeiten über 100 KünstlerInnen mit, um dieses Projekt zu unterstützen. Selbst wenn man in Betracht zieht, dass die Gema dafür zahlt und die Reputation keineswegs darunter leidet, dass man mal wieder im Radio war und in der Zeitung stand, ist es doch wirklich schön, dass es immer noch Leute gibt, die das deutsche Volkslied retten wollen. Auf den Tonträgern findet man als "Anreger" zum Nachsingen zu 98 Prozent KünstlerInnen aus den Bereich der sogenannten E-Musik, also OpernsängerInnen, Vokalensembles, Chöre et cetera. Da wird hauptsächlich am Klavier, aber auch zur Gitarre im feinsten Belcanto um die Wette geknödelt. Was soll der Quatsch? Warum müssen OpernsängerInnen auch Volkslieder singen? Ich singe ja schließlich auch keine Opern.

Künstlich und gestelzt, kreuzbieder und langweilig

Mir drängt sich die Frage auf, ob die Verantwortlichen Drogen nehmen, die glauben, dass man mit so einem Angebot die Leute, vor allem die jungen Leute dazu bringen kann, wieder Volkslieder zu singen. So künstlich und gestelzt, kreuzbieder und langweilig habe ich das arme und geschundene Volkslied lange nicht mehr gehört. Und wenn ich mir die Frage nach der Droge selbst beantworte, dann kann es nur die Droge der Heuchelei sein, mit deren Hilfe das Singen von "wahren Volksliedern" insbesondere den jungen DemokratInnen einmal mehr ausgetrieben werden soll, denn auch die real existierende Demokratie geht noch viel demokratischer.

So weit wird es aber nicht kommen, wenn, wie es der Direktor eines Chorverbands ausgedrückt hat, ein Chor den "Lindenbaum" singt oder "In einem kühlen Grunde", das mehr wie das klingende Chormuseum als wie ein lebendiges Volkslied aus der Mitte des Volkes heraus klingt. Also hat von diesem Chorgesang nur der Carus-Verlag was, der mit im SWR-Volkslied-Boot sitzt und auf Literatur für Chöre spezialisiert ist. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Schließlich hat der Verlagsgründer 2009 von Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen, und sein Sohn, Dr. Johannes Graulich, ist auch in der Verlagsleitung tätig und kann als Facharzt für Kinderheilkunde nur bestätigen, wie gesund das Singen von Wiegen- und Volksliedern für die Kleinen ist.

Und noch ein Gedanke sei zum Abschluss erlaubt: Wenn das typisch deutsche Volkslied der Gesang von Dichtern und Denkern ist, wo ist dann der Gesang dieser Dichter und Denker heute? Oder gilt die fast schon senile Auffassung, dass ein Volkslied mindestens 50 Jahre alt sein muss und sein Dichter und Denker am besten schon tot ist? Bleibt zu hoffen, dass in Baden-Württemberg nach der Wahl bald ein anderer Wind weht, zum Beispiel einer, der sich aus einem kühlen Grunde aufmacht und den falschen VolksliedretterInnen die eigene Vögleinscheiße um die Ohren fetzt.

Erich Schmeckenbecher (58) und sein früherer Partner Thomas Friz haben mit "Zupfgeigenhansel" Musikgeschichte geschrieben. Als erfolgreichstes Folkduo Deutschlands in den 70er-Jahren  haben sie eine Million Tonträger verkauft. Ein Klassiker ist ihr Liederbuch "Es wollt' ein Bauer früh aufstehn". Schmeckenbecher ist heute solo unterwegs (www.polkart.de).


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4 Kommentare verfügbar

  • Markus Schüßler
    am 24.07.2014
    „ … Bleibt zu hoffen, dass in Baden-Württemberg nach der Wahl bald ein anderer Wind weht, zum Beispiel einer, der sich aus einem kühlen Grunde aufmacht und den falschen VolksliedretterInnen die eigene Vögleinscheiße um die Ohren fetzt.“

    Es lässt sich nicht besser ausdrücken ... außer, dass man vielleicht noch anmerken sollte, dass dieser Wind sich hoffentlich nicht nur auf Baden-Württemberg beschränkt …

    Es ist immer die gleiche "Kultur-von-oben-ist-besser-als-Kultur-von-unten“-Denke, die seit Beginn des 19. Jh. - Sichwort: „nation building“ - in Deutschland bis heute von den „Eliten“ praktiziert wird. Innerhalb des eigenen Kulturraums lässt sich bezüglich dieser Ungleichbehandlung von sogenannter „Hochkultur“ und bäuerlicher „Volkskultur“ (oder „Arbeiterkultur“) noch von Bildungsdünkel sprechen. Im Vergleich mit anderen Kulturen - hier Hochkultur, dort primitive Kultur - wird daraus etwas, was mir ganz und gar nicht gefällt; und hier denke ich besonders an unsere eigene unrühmliche Geschichte, im Verlauf derer man das Wort „minderwertig“ nicht nur in kultureller Hinsicht gerne missbraucht hat. Vielleicht meint man ja deswegen nun die Parameter genau andersherum justieren zu müssen, daß es eben nicht mehr zu einer barbarischen Kulturpolitik wie im Dritten Reich kommt. Aber sind wir heute hier nicht auf andere Weise ebenso barbarisch? Wie ist es beispielsweise zu erklären, dass es kaum ein Mundart-Schriftsteller geschafft hat, in einer der gedruckten Bibliographien deutschsprachiger Literatur aufgeführt und mit seinen Werken erwähnt zu werden? Wo findet man diese weit über 10.000 (!!!) deutschsprachigen Schriftsteller? Welchen kulturellen Wert misst man ihnen in der „Kulturnation Deutschland“ bei? Man könnte fast meinen, alles was nicht „hochdeutsch“ ist, sei demzufolge nicht „niederdeutsch“, sondern eher „minderdeutsch“ und damit kulturell minderwertig? Was in anderen Ländern Hand in Hand geht (wie z. B. Literatur und Bauernsprache oder Kunst und Volksmusik), das geht in Deutschland scheinbar bis heute kulturell nicht ohne weiteres zusammen, sei es nun aufgrund einer elitär oder intellektuell-akademisch geprägten Sichtweise auf die eigene Kultur, oder aber durch den Missbrauch des Kulturbegriffs im Dritten Reich.

    Natürlich findet eine solche direkte Bewertung von „oben“ und „unten“, „wertvoll“ und „weniger wertvoll“ in dieser Form öffentlich nicht statt und wird schon gleich gar nicht mit Worten so definiert. Unterschwellig finden solche Unterscheidungen jedoch sehr wohl statt. Nicht nur "oben" und "unten", sondern auch alles was politisch zu weit "links" ist, hat scheinbar ebenfalls nicht den kulturhistorischen Stellenwert und gehört darum auch nicht zur sogenannten „Hochkultur“, damit schafft man es in Deutschland allenfalls bis in die „Kleinkunst“-Abteilung. „Kleinkunst“; auch wieder so eine Bewertung von Kultur, der sich als Begriff, als eigene Kunst- oder Kulturgattung bereits so bei uns eingebürgert hat, dass hier schon keiner mehr einen (ab)wertenden Beigeschmack vermuten würde. Dieser unausrottbare deutsche Komplex, Dinge immer nach bestimmten Erfolgs- oder Qualitätsparametern zu bewerten, macht es von vorne herein unmöglich nach Kriterien zu urteilen, die nicht messbar oder anderweitig belegbar sind. Wie lässt sich der Wert von Kultur messen? Ist eine Kultur erst wertvoll, wenn sie Umsatz- oder Prestigeträchtig ist? Wenn sie progressiv aufrührerisch ist oder doch eher, wenn sie das Volk diszipliniert? Oder ist wertvolle Kultur immer nur das, was politisch gerade gewollt ist?

    Kein Wunder, dass Leute, die in solchen Kategorien denken, auf die Idee kommen, in Volksliedern müsste sich ja wohl auch dieses „wertvolle“ unbedingt wiederspiegeln und sich auf die Suche nach Liedern machen, die ihren Kriterien diesbezüglich entsprechen und von akademisch ausgebildeten Sängern und Musikern interpretieren lassen, wahrscheinlich mit dem absurden Hintergedanken, dass sie spätestens dadurch die wohl bislang noch fehlende Aufwertung erfahren, die sie zur „Kunst“ erheben und den Hörer darum auch in stärkerem Maße als bisher ansprechen, gewissermaßen mit einer Art Qualitäts-Volkslied à la „Made in Germany“. Ich denke jedoch, das Gegenteil wird bewirkt. Diese Volkslieder, die zwar aufgrund der großen schriftlichen Verbreitung im 19. Jh. und dem hochdeutschen Text erst zu großer Bekanntheit gelangten und zu Volksliedern wurden (und nicht wie viele andere Volkslieder, die allein durch die Popularität im Volk, von Mund zu Mund weitergetragen und demgegenüber in ihrer ungekünstelten Volkspoesie aber leider nur selten in dieser Form auch schriftlich überliefert wurden), entfernen sich durch diesen Versuch der „Aufwertung“ noch mehr von der großen Masse - oder besser: dem gemeinen Volk - das man damit ja vielleicht auch erreichen und beglücken wollte. Das sage ich auch vor dem Hintergrund, dass aufgrund des sicher optimalen Marketings bei diesem „Projekt“ eine sicher hohe Auflagenzahl erzielt werden konnte, weil viele dem Konzept auf den Leim gegangen sind. Oder war das Projekt von vorneherein ohnehin nur auf ein Publikum zugeschnitten, das ansonsten gerne eher klassische Musik hört?

    Fazit: Auf diese elitäre Sichtweise auf das deutsche Volkslied kann ich jedenfalls liebend gerne verzichten. Es ist ein zum x-ten Male aufgewärmter alter Käse. Und der wird dadurch dass man ihn nun durch besonders gute Sänger retten will nicht besser. Denn wenn man das Volkslied retten will, darf man es nicht auf eine kleine Hörerschaft zuschneiden, die gerne Klassik hört, sondern muß es auf die Hörgewohnheiten einer weitaus größeren Hörerschaft ausrichten. Das bedeutet darum nicht weniger Qualität, sondern andere Qualitäten; vielleicht auch z. T. die Suche nach ganz neuen Qualitäten. Die Zweifel sind jedoch auch bei mir sehr groß, dass die hier genannten Volksliedretter wirklich offen wären für eine andere Sicht auf dieses Thema. Mich würde es daher freuen, wenn der Kulturbegriff als solches (und insbesondere die Definition dessen was denn nun „Deutsche Volkslieder“ sind und wie sie zu klingen haben), in Deutschland von Grund auf neu überdacht und vielleicht in Zukunft weniger vordefiniert würde. Denn jede Form von Vorfestlegegung auf die Förderung oder Bevorzugung einer bestimmten Art von Kunst oder Kultur, ist de facto eine Art Zensur.

    Vielleicht war das Projekt, das vordergründig mit dem Anliegen angetreten ist Volkslieder zu retten, aber auch nur ein gut eingefädeltes Marketing-Konzept mit dem Anschein des Engagements für eben diese „gute Sache“, mit Hilfe dessen man sich finanzstarke Sponsoren an Land ziehen konnte, die auch über die entsprechenden Möglichkeiten verfügten, Werbung publikumswirksam zu platzieren. Die Masse macht ja schließlich ja auch den Umsatz, respektive den Gewinn. Das wäre dann aber ja wieder ein Motiv, das sich gut nachvollziehen lässt weil sich damit in Deutschland ja so ziemlich alles rechtfertigen lässt – es rechnet sich wirtschaftlich und es sichert Arbeitsplätze, also ist es gut. Ich hoffe jedoch, das ist nicht der einzige Impetus deutscher Kultur, denn das wäre dann doch ziemlich primitiv.
  • Tengteng
    am 18.06.2011
    Einige Fragen/Anregungen zum Thema:
    • Gibt es eine Definition der Prinzipien der Liedauswahl - thematisch, wie zeitlich? Sie erscheint doch eher willkürlich
    • Müsste man sich bei einem solch komplexen Thema nicht wissenschaftlich-tiefer mit den historischen, kulturellen und sozialen Hintergründen des Volkslieds beschäftigen. Zu klären wären z. B. hier auch Abgrenzung bzw. Überschneidung in Bezug auf Kunstlied sowie politisches Lied.
    • Wenn wir Bürger zum Singen der wunderschönen Lieder angeregt werden sollen, warum sollen uns das dann ausgerechnet ausgebildete Klassik-Sänger nahebringen? Das wirkt doch wohl eher hemmend. Warum greift man nicht auf Amateure oder aber Chanson- bzw. Volksliedsänger zurück?
  • Antipasti
    am 12.06.2011
    Klasse! Absolut Klasse ist dieser Artikel! Schade eigentlich, ich glaubte, dass der SWR 2 etwas diffenzierter und besser recheriert. Aber anscheinend machen die jetzt auch einen auf "bürgerliche Mitte".
  • enderle
    am 08.06.2011
    Lieber Herr Schmeckenbecher,

    Ihre Polemik in allen Ehren - aber an einer Stelle geht dann doch das Klischee mit Ihnen durch. Ihre "Randnotiz" muß ich jedenfalls klarstellen. Möglicherweise findet sich in den Unterschriftslisten "Wir lieben Stuttgart - Wir für Stuttgart 21" der Name Dorothea Enderle. Ich lege allerdings wert auf die Feststellung, daß dies nicht meine Unterschrift ist. Auch wenn es so schön in Ihr Bild passen würde.

    Dorothea Enderle
    Leiterin SWR2 Musik

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