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Flucht und Neuanfang

Julia

Flucht und Neuanfang: Julia
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Julia Malygina hatte in Moskau eine Anlaufstelle für queere Menschen geschaffen. Bis sie das Land verlassen musste, weil das russische Regime ihre Art zu lieben und zu leben unter Strafe stellte. Nun bietet sie in Stuttgart Beratungen und Events für russischsprachige Frauen an. Auch Ukrainerinnen kommen zu ihr.

Kürzlich erst haben sie bei diesem kaputten Bügeleisen eine Überbrückung ausgebaut. "Jetzt funktioniert's wieder", sagt Rita, und untermalt die Geschichte mit theatralischen Gesten. "Es kann jetzt nur noch eine Stufe: HEISS!" Die Gruppe Frauen, die um Rita herumsteht und eh schon am kichern war, prustet los, lacht sich scheckig, laut und herzlich. Wer braucht schon Bügelstufen für Seide oder Pflegeleichtes, wenn er Leinen und Baumwolle in Sekunden glatt kriegt? Umgerüstet hat Rita ihr Haushaltsgerät beim letzten Repair-Workshop mit Aljona, einer gutgelaunten Transfrau aus der Ukraine. In einem früheren Leben war sie mal Elektrotechnikspezialist und repariert nun regelmäßig alle möglichen Kleingeräte.

Aljona, Rita und die anderen Frauen sitzen an diesem Nachmittag um den großen Tisch im Café Sarah, einem der ältesten Frauenkulturzentren in Deutschland gleich hinterm Feuersee in Stuttgart. Rita kommt ursprünglich aus Kasachstan, Nina ist aus Tomsk, Sibirien. Manche sind lange hier, wie noch eine Anna, die Ukrainerinnen 2022 am Bahnhof empfangen hat, kurz nachdem Russland das Land angegriffen hatte.

Sarah Frauenkulturzentrum

Das Frauenkulturzentrum Sarah in der Johannesstraße 13 in Stuttgart wurde 1978 als autonomes Projekt von Frauen gegründet. Innerhalb von nur drei Monaten renovierten die Gründerinnen, zwei davon waren Architektinnen, das fünfstöckige Haus, in dem zuvor das Landeskriminalamt seinen Sitz hatte. Im Untergeschoss entstand das Café und Kulturzentrum Sarah, die Obergeschosse wurden zu Wohnungen umgestaltet. Noch heute gibt es im Keller eine gut ausgestattete Bibliothek zu Frauenthemen aller Art. Das Sarah, zu dem nur Frauen Zugang haben, ist das älteste noch bestehende Frauenkulturzentrum in Deutschland. Seit Jahrzehnten ist es Treffpunkt und Anlaufstelle, auch für Frauen mit Fluchterfahrungen. Regelmäßig bietet es Veranstaltungen zu Frauenthemen, Vorträge, Lesetreffs, Partys, Filmabende, Workshops, DIY-Angebote und Selbstverteidigung an.  (ana)

Julia Malygina gießt gerade Tee ein nach einer chinesischen Zeremonie. Tee ist ihre Leidenschaft. Bevor sie Russland verlassen musste, zelebrierte sie ihn regelmäßig in einer Teestube, ihr Ruhepol in einem kämpferischen Leben, das sie nach Deutschland gezwungen hat. Der schwarze, starke Tee fließt elegant wie Miniatur-Wasserfälle aus der Kanne in winzige Tassen für jede Frau am Tisch. Julia, 48 Jahre alt, hat den Treff im Sarah gegründet. Einen Kreis für Frauen aus russischsprachigen Ländern, aus der ehemaligen Sowjetunion, für Frauen aus der Ukraine, für lesbische Frauen. Sie ist eine kleine, drahtige Frau, die blonden Haare kurz, ein grober Wollpullover zu Jeans. Kaum etwas an ihr lässt vermuten, dass sie viele Jahre ihres Lebens gegen das russische Regime gekämpft hat. Sie lacht viel und herzlich und trotzdem ist da eine Schwere, die diese Frau auf den Schultern trägt. 

Zu lesbischen Themen gab es kaum Information

Julia ist Sozialarbeiterin, lesbisch und LGBTQ-Aktivistin. Mit ihrer damaligen Freundin und aus dieser Liebe heraus, hat sie in Moskau 2011 eine Gruppe gegründet, um LGBTQ-Personen eine Anlaufstelle zu bieten. Zu der Zeit gab es dort keine Hilfsstrukturen, keine psychologische oder medizinische Beratung für queere Menschen. Ein Jahr später wurde aus der Gruppe "Ressource", eine feste Einrichtung für sozialpsychologische und kulturelle Projekte, die später Fortbildungen für Psycholog:innen anbot, die ihr Wissen um LGBTQ-Themen erweitern wollten. "Wir hatten nur ein kurzes Zeitfenster", sagt Julia. 

1977 ist sie in Jekaterinburg geboren. "Ich habe Russland noch als freies Land erlebt." Als sie 18 war, erinnert sie sich, gab es dort über lesbische Themen kaum Information, die Gesellschaft war zwar freigeistiger, aber noch immer durchdrungen von Homophobie. Es war die Zeit der Perestroika, an Julias Universität luden neue, frische Autor:innen zu Lesungen ein, Tattoos wurden in, Popstars aus dem Westen kamen und gaben in russischen Städten Konzerte. 

2001, kurz nachdem Putin zum ersten Mal Präsident geworden war, zog sie nach Moskau und wurde Aktivistin für LGBTQ-Rechte, fotografierte queere Events und Demonstrationen. Fünf Jahre später verboten die ersten Regionen des Landes "homosexuelle Propaganda". 2013 trat das "Anti-Homosexuellen-Propaganda-Gesetz" russlandweit in Kraft, das offiziell die Verbreitung von Materialien gegenüber Minderjährigen bestrafte, die "nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen" zeigten. Tatsächlich zensierte es positive Meinungsäußerungen über Homo- und Transsexualität. 

Julia nahm an Demos gegen dieses Gesetz teil, beschrieb Transparent um Transparent, bis zum Burnout. "Damals dachte ich schon, ich kann diesen Kampf nicht mehr lange kämpfen", erzählt sie an einem Tisch im Café Sarah. Die Kräfte zu ungleich, "gegen ein ungerechtes System kann man nicht kämpfen." Also zog sie sich zurück, leistete mit ihrer damaligen Freundin Hilfe im Stillen, heimlich. "Wir hatten beschlossen, die Community von innen zu festigen." In geheimen Leseclubs, bei Musikabenden und Feiern mit Menschen, die zwar gleich tickten, von denen man aber nie wusste, ob sie so heißen, wie sie sich nennen. 

Die Fotoausstellung: zertrümmert 

Im russischen Fernsehen hieß es damals immer wieder, die Herzen von Schwulen müssten verbrannt werden. LGBTQ-Menschen seien Satanisten, Agenten des dekadenten Westens. 2016, erzählt sie, begannen die Überfälle auf "Ressource". Die gesamte russische LGBTQ-Community litt damals unter Gewalt. Einmal erlebte sie, wie zehn junge Männer die Fotoausstellung ihrer Freundin zertrümmerten und die Gäste verprügelten. Die Räume für queeres Leben wurden enger und enger. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat für den Zeitraum von 2010 bis 2020 insgesamt 1.056 Hassverbrechen gegen 853 homosexuelle oder Transpersonen zusammengetragen, 365 davon endeten tödlich. Viele aus der Community hätten Russland aus Angst verlassen, sagt Julia. 

2022, mit Beginn des Ukraine-Kriegs, floh auch ihre Freundin vor dem Regime, das sie als "ausländische Agentin" eingestuft hatte. 2023 stufte Russlands Oberster Gerichtshof die LGBTQ-Bewegung vollständig als extremistisch ein, seitdem ist queeres Leben verboten und die Szene verschwand fast vollständig im Untergrund. Immer wieder wurden und werden auch heute noch getarnte schwule Clubs attackiert, heimliche queere Partys gesprengt, die Gäste verprügelt, weil doch irgendwer geplaudert hat. 

Julia schloss das Beratungszentrum und folgte ihrer Partnerin nach Deutschland. Die Beratungen hielten die beiden aufrecht, online, mit Experten aus der Schweiz, aus Italien und Deutschland. Sie kamen nach Stuttgart, schlossen sich dem queeren Zentrum Weissenburg an und boten dort in Zusammenarbeit mit dem Frauenberatungszentrum Fetz Beratungen für Migrant:innen, Hilfe bei sexueller Gewalt oder LGBTQ-Themen für russischsprachige Frauen an.

Mittlerweile treffen sich die Frauen auch außerhalb der Beratungsgruppen, oft im Frauenkulturzentrum Sarah. Zum Speed-Dating, zu Workshops, Hexenparty, Winterfest, Frauentag.

Auch Elena Ivanova (Name geändert), 56 Jahre alt und Ukrainerin, kommt gerne. Sie ist in Russland geboren, studiert hat sie in Leningrad. Eine starke Frau mit geradem Rückgrat, Englisch-Lehrerin. Anfang des Jahres sitzt sie in der Kontext-Küche und weint. Als der Krieg in der Ukraine ausgebrochen sei, habe sie es nicht glauben können. Bis heute ist sie überzeugt davon, dass die ersten russischen Soldaten, die in ihren Heimatort einmarschierten, ein schlechtes Gewissen hatten. 

Manchmal träumt sie von zu Hause

Ihre Tochter studierte in Berlin als der Krieg begann. Sie bekniete ihre Mutter, es ihr gleich zu tun. Elena Ivanova kam schließlich mit fünf Freunden nach Deutschland. Aber kurz nach ihrer Ankunft beschloss die Tochter, wieder in die Ukraine zurückzukehren. Um als Filmemacherin die Schrecken des Krieges zu dokumentieren. Elena Ivanova ihrerseits kam nach Stuttgart und lebt heute in einem sehr kleinen Zimmer. Manchmal sitze sie da, schaue an die Wände, die so nah sind, und frage sich, ob es das jetzt war, ob das alles gewesen sein kann. "Als ob mein früheres Leben gestorben wäre", sagt Ivanova. Sie knetet die Hände mit den sauber lackierten Fingernägeln, sie sind mit Punkten und Streifen darauf gestaltet. 

Heute gibt sie online Englisch-Kurse für Ukrainer und Russen. Sie habe versucht Freunde zu finden in Stuttgart, aber das habe nicht geklappt. "Als ich dann Julia getroffen habe, habe ich gemerkt, dass wir in einem fremden Land alle dieselben Probleme haben." Deshalb sei es auch egal woher die Frauen in Julias Gruppen kommen. Manchmal träumt sie davon, wie sie in ihre Heimat zurückkehrt. Aber was für ein Land wird die Ukraine dann sein? 

Zwei Wochen später: Julia kommt gerade vom "Demokratischen Forum" in Vilnius, einem Treffen von Exilruss:innen aus Armenien und Georgien, auch Menschen aus Serbien und Litauen waren dabei, etwa 70 Leute insgesamt. Sie sei von Wehmut erfasst, sagt sie, dass Treffen wie dieses so wenig bekannt seien, das generell so wenig bekannt sei, dass nicht alle Russ:innen für den Krieg sind. "Dabei wäre es so wichtig, darüber zu sprechen", sagt sie, die Stimme dieser Leute zu sein. Viele progressive Russen fühlten sich isoliert. "Russland ist ein terroristischer Staat und sie nennen uns Extremisten. Für das Wort Frieden kommt man ins Gefängnis, Denunziantentum ist erwünscht, schlimmstes Verhalten wird zum Standard", sagt Julia. 

Xenia kommt aus der Hafenstadt Mykolajiw im Süden der Ukraine, weil da die Front verlief, ist sie erst nach Odessa geflohen, dann nach Deutschland. Ein Kapuzenpulli-Kleid schmiegt sich um den schmalen Körper, die schwarzen Haare trägt Xenia kurz. In der Ukraine war die 54-jährige Sozialarbeiterin und Beraterin in einer queeren Organisation und hat ein Gesundheitsprogramm für Schwule geleitet. 

Erst der Krebs, dann die Flucht

Sie schlägt die Beine übereinander, die Hände im Schoß gefaltet und erzählt von der Chemotherapie, die sie gerade erst hinter sich hatte, als sie fliehen musste. "Ich war noch nicht mal klar im Kopf", sagt sie. "Mehr wie ein Fisch, ich hatte ein Bewusstsein für fünf Minuten. Vielleicht hat mir das geholfen." Jedes Jahr einmal fährt sie zum Check-up in die Ukraine, weil sie hier als austherapiert gilt und keinen bekommt. Im Sarah ist sie oft. Sie geht mit anderen Frauen zu Konzerten, zum Gay-Film-Festival nach Esslingen, ins Kino oder tanzen. Zu Julias Gruppe kommt sie, weil sie da sein kann, wie sie ist, sagt sie. 

Auch Anna kommt zu den Treffen von Julia. Sie ist 53, Ukrainerin und seit 29 Jahren in Deutschland. Sie stand am Bahnhof in Stuttgart und half, als vor allem Frauen und Kinder hier ankamen auf der Flucht vor dem Krieg. Alte, mit kaum Gepäck, weil sie so schnell weg mussten. Junge, völlig verzweifelt. Sie erinnert sich an eine alte gebückte Frau, die kaum ein geschenktes Nachthemd annehmen konnte, weil sie Zeit ihres Lebens für sich selbst gesorgt hatte. An eine verzweifelte Hochschwangere, Anna brachte sie gerade noch in einem Hotelzimmer unter, dann kam schon das Baby. Zahnpasta war damals knapp, erinnert sie sich, Flipflops gab es kaum noch, Socken waren Mangelware. "Es gab Tage, da habe ich 500 Asylanträge ausgefüllt", erzählt sie von damals. Und davon, wie schlimm das alles war, wie der Schmerz und die Trauer oft erst nach Feierabend kamen, weil am Tag keine Zeit war für eigene Gedanken. Damals tauschten sich in Internetforen deutsche Männer aus, die dann am Bahnhof warteten, um sich Ukrainerinnen abzugreifen, die nicht ein noch aus wussten und eine Unterkunft für die Nacht brauchten. "Ja, die gab es", sagt Anna. Einen davon hat sie persönlich weggejagt.

Der Tee, den Julia ausgeschenkt hat, ist längst getrunken. Im Sarah wuseln Kinder über den knarzenden Holzboden, an einem Tisch strickt und häkelt eine Handvoll Frauen, Julias Gruppe sitzt im Nebenzimmer im Kreis, heute geht es um Gewalterfahrungen. Es darf dort über alles gesprochen werden, erzählt Julia später. Und wenn der Hass auf Russland aus einer der ukrainischen Frauen herausbricht, sei das auch okay. "Ich selbst", sagt Julia, "kann keinen Hass empfinden. Ich bin Bürgerin dieses Landes." Sie habe ja einen russischen Pass. "Meine Aufgabe als Russin ist es, diesen Hass auf mich zu nehmen und die Verantwortung dafür zu tragen."


Ein herzlicher Dank geht an Rita Pauls, eine wunderbare Frau, gelernte Opernsängerin und regelmäßige Besucherin des Sarah in Stuttgart. Sie war bei allen Gesprächen als Übersetzerin dabei und hat für mich, die Autorin, nicht nur die Sprachbarriere überwunden, sondern oft auch zwischen den Kulturen übersetzt.


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