KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

"Recherche gegen Rechts" – Markus Frohnmaier

Der gefährliche Gernegroß

"Recherche gegen Rechts" – Markus Frohnmaier: Der gefährliche Gernegroß
|

Datum:

AfD-Hardliner Markus Frohnmaier möchte im März Ministerpräsident in Baden-Württemberg werden. Dabei scheint die internationale Bühne den Fan autoritärer Regime weitaus mehr zu interessieren.

Die neue Welt schaut auf ihn, den gedrungenen Mann aus Weil der Stadt, der im teuren Smoking in New York unbedingt eine gute Figur machen möchte. Markus Frohnmaier, AfD-Abgeordneter im Bundestag, strahlt über das ganze Gesicht, als er am 13. Dezember 2025 die Bühne des noblen "Young Republicans Club" betreten darf. Als Ehrengast nimmt der Landesvorsitzende der AfD in Baden-Württemberg den "Allen W. Dulles Award" der Trump-Jugend in Empfang. In seiner Dankesrede heroisiert Frohnmaier den früheren US-Diplomaten und späteren CIA-Direktor Allen W. Dulles als "großen Antikommunisten", der es verstanden habe, "einen totalitären Feind zu besiegen". Tatsächlich aber wird der Namensgeber des Preises unter anderem für Regierungsumstürze in Iran und Guatemala, tödliche Menschenversuche mit Drogen bei der CIA sowie die Ermordung Patrice Lumumbas, Vorkämpfer der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung und erster Premierminister des Kongo, verantwortlich gemacht. Dass ausgerechnet Hardliner Frohnmaier aus der etwa 20-köpfigen AfD-Reisegruppe aus EU-Parlament, Bundestag und Landesparlamenten die Auszeichnung erhielt, könnte an dessen Drang zu Höherem liegen. Frohnmaier, Wahlkreis Böblingen, kandidiert im März als Spitzenkandidat der AfD für das Amt des Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg. Ein Landtagsmandat in Stuttgart interessiert den außenpolitischen Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion nicht.

Markus Frohnmaier habe mutige Arbeit in dem "besonders unterdrückenden und feindlichen politischen Umfeld Deutschlands geleistet", zitiert die "Tagesschau" aus der Begründung zur Preisverleihung. Vor Trumps erneuter Machtübernahme war Frohnmaier eher als einer der "Kreml-Knechte", so wurde er von der CSU bezeichnet, wahrgenommen worden. Bei den Jung-Republikanern spielt Frohnmaier seine Rolle als deutscher Trump-Verbündeter mit Verve. Im prunkvollen Saal voller Gleichgesinnter legt er los: “Heute stehen wir vor einem neuen Totalitarismus.” Frohnmaier schwadroniert auf Englisch: "In meinem Heimatland Deutschland hat das herrschende Establishment den Verstand verloren. Sie haben mein Heimatland Deutschland, dieses große Land der Dichter und Denker, der Ingenieure und Krieger, der ehrenhaften Männer und Frauen, in ein Land der Staatsanwälte und Zensoren verwandelt." Dann ergänzt der vermeintlich politisch Verfolgte, was die Gastgeber allzu gerne hören: "Sie wollen meine Partei verbieten, genauso wie sie versucht haben, Präsident Trump vom Wahlzettel auszuschließen."

Meinungsfreiheit für Hass, Hetze, Holocaustleugnung?

"Das ist ein ganz gängiges, altes rechtes Narrativ, dass man politischen Gegnern – liberalen Institutionen, Parteien – einfach vorwirft, Freiheit und Meinungsfreiheit einzuschränken", erklärte Rechtsextremismus-Forscher Felix Schilk von der Universität Tübingen gegenüber dem MDR. "Ironisch wird's dann", sagt Schilk, "wenn man gleichzeitig eine Nähe zu Russland hat, wo Meinungsfreiheit natürlich überhaupt nicht existiert." Allerdings verachten zunehmend mehr Menschen in der westlichen Welt liberale Demokratien als schwächlich und den Polikrisen dieser Zeit nicht gewachsen. Jeder fünfte Deutsche zeigt sich offen für eine Diktatur, heißt es warnend in der Leipziger Autoritarismus-Studie von 2024. Die extrem rechte Trump-Regierung in den USA hat ein Interesse daran, antidemokratische Kräfte weltweit zu stärken, eine Art internationale MAGA-Bewegung voranzutreiben. Der vorgebliche US-Kampf für die Meinungsfreiheit kann als imperialistisches Mittel zum Zweck gesehen werden.

Im Oktober 2025 sorgten Veröffentlichungen über interne Chats von "Young Republikans" für Aufsehen. Führende Nachwuchsfunktionäre der US-amerikanischen MAGA-Bewegung witzelten über Gaskammern, Sklaverei oder Vergewaltigung. Ein junger Spitzenpolitiker schwärmte gar: "Großartig. Ich liebe Hitler." Nicht verwunderlich also, wenn Frohnmaier bei deren Gala einen zunächst unauffälligen, doch folgenschweren Satz ausspricht: "Die Tage, sich für unser Erbe zu entschuldigen, sind vorbei. Lasst uns unsere Kultur zurückerobern." Den "Schuldkult" will die AfD brechen, eine ihrer zentralen Forderungen. Der Subtext der Rechtsextremen: Von dieser einseitigen Erinnerungskultur an die Shoa müsse sich das Land lösen. Franziska Schreiber schreibt in ihrem Buch "Inside AfD: Der Bericht einer Aussteigerin", auch die Frage einer mögliche "Heimkehr" der ehemaligen deutschen "Ostgebiete" sei noch nicht erledigt. AfD-ler:innen handeln laut Schreiber nach der Devise: "So etwas schreibt man nicht ins Parteiprogramm, das tut man, wenn man an der Macht ist." Bereits im Oktober 2015 verkündete Frohnmaier als Bundesvorsitzender der damaligen AfD-Jugendorganisation "Junge Alternative" in Erfurt: "Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet."

Der Weg des rumänisch-schwäbischen Aufsteigers

Der Mann, der im März die Regierungsgeschäfte in Stuttgart übernehmen möchte, wurde 1991 im rumänischen Craiova nahe der serbischen Grenze geboren und auf den Vornamen Cornel getauft. Ein deutsches Paar adoptierte ihn aus einem Kinderheim. Nach der Hochschulreife an einem Wirtschaftsgymnasium in Calw begann er ein Jurastudium in Tübingen, brach es aber ohne Abschluss ab. Dass ausgerechnet Scharfmacher Frohnmaier, der das oberste Amt in Baden-Württemberg anstrebt, keine Berufserfahrung hat, ist ein Tabuthema in der Partei. Offiziell wird das "Berufspolitikertum" verachtet und zum Beispiel Grünen-Politiker:innen gerne scharf angegriffen, sie hätten kaum berufliche Qualifikation für Ämter und Mandate. In der AfD-Bundessatzung, Paragraf 19 Absatz 5, heißt es: "Parteimitglieder sollen vor ihrer Kandidatur für ein Mandat mindestens fünf Jahre in einem Beruf tätig gewesen sein. Bezahlte Tätigkeiten in der Politik oder einer Partei gelten hier nicht als anrechenbarer Beruf."

Frohnmaier ist evangelisch, mit einer russischen Journalistin verheiratet und Vater von zwei Kindern. Mit seiner Unterschrift unter die Erfurter Erklärung der AfD 2015 unterstützte Frohnmaier den Aufbau des internen völkischen "Flügels" um Björn Höcke. Als ehrgeiziger Mitarbeiter im PR-Stab der ehemaligen AfD-Vorsitzenden Frauke Petry distanzierte er sich 2016 zunächst von der vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuften "Identitären Bewegung" (IB). Darüber echauffierte sich einer der wichtigsten deutschen "Identitären", Daniel Fiß, am 12. Juli 2016 auf Facebook und schrieb: "Jener Frohnmaier der bis vor einem halben Jahr noch mit Iblern auf JA Veranstaltungen einen gesoffen, und im Biergarten 'Heimat-Freiheit-Tradition' angestimmt hat".

Trotz des Unvereinbarkeitsbeschlusses der AfD traf sich Markus Frohnmaier als JA-Vorsitzender im April 2017 mit dem Kopf der IB Martin Sellner zum Gespräch. "Provozieren, Handlungsspielräume erweitern, Normalisieren. Das ist Frohnmaiers Masche – und die seiner JA", urteilte der "Tagesspiegel" damals. Eine vergleichbare Drohkulisse gegen Geflüchtete wie von der IB aufgebaut vermittelt auch die muslimfeindliche, gewaltbereite "German Defence League" (GDL) aus dem Dunstkreis der Hooliganszene. Ein leutseliges Foto zeigt den rechtsextremen ehemaligen AfD-Landesschiedsrichter und Rechtsanwalt Dubravko Mandic mit dem Lorbeerkranz-Symbol der GDL auf dem Shirt. Neben ihm lachend Frohnmaier, der den Kragen seines weißen T-Shirts weit hinunterzieht und das gleiche Logo als Tattoo auf der Brust entblößt. Dem "Stern" sagte er 2017, einmal bei einem GDL-Stammtisch gewesen zu sein. Am 1. Januar 2026 postet Frohnmaier bei X: "Man muss sich nicht mehr dafür entschuldigen, weiß zu sein", dann zeigt er mit einer Hand das bei rechten Jugendlichen beliebte rassistische White Power-Zeichen: Daumen und Zeigefinger bilden einen Kreis, die restlichen Finger werden ausgestreckt.

Für den 14. Januar kündigt die AfD "das große Gipfeltreffen unserer Ministerpräsidenten-Kandidaten" in Karlsruhe an, mit dabei: Markus Frohnmaier und Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt. Die AfD in Baden-Württemberg liegt Umfragen zufolge bei 21 Prozent. Frohnmaiers X-Account und sein Telegram-Kanal haben weniger als 30.000 Abonnenten. Bei Instagram folgen ihm 32.400 User. Siegmund dagegen hat dort 312.000 Follower, sein Landesverband liegt bei knapp 40 Prozent.

"Friedrich Merz ist mein bester Wahlkämpfer", prahlt Frohnmaier auf dem Youtube-Portal "Aktien mit Kopf" eines Personaltrainers. "Schmerz für Merz heißt es am 8. März", so der AfDler, der hofft, die CDU bis zum Stichtag noch zu überholen. Seine Chancen, tatsächlich zum Ministerpräsidenten gewählt zu werden, "gehen gegen Null", glaubt Politikwissenschaftler Marc Debus. Im Gespräch mit dem SWR betont Debus aber, die AfD könne womöglich noch zulegen und die Grünen hinter sich lassen. Sie habe gelernt, attackiert man Politik, Justiz, Wissenschaft und Medien nur lange genug, wächst das Misstrauen im Staat. Die Parteien der Mitte machen auch noch den Fehler, die Rechtsextremen mit ihren eigenen Themen bekämpfen zu wollen. Damit werden sie scheitern und Hass und Hetze Vorschub leisten. Antidemokraten reißen die Macht nicht mit Gewalt an sich, sondern nutzen demokratische Instrumente für den Umsturz.

Pläne fürs Regieren

Frohnmaier gibt sich siegessicher. Als Ministerpräsident wolle der Mann mit Migrationshintergrund laut einem Posting vom 1. Januar 2026 "direkt zu Beginn" ein "großes Abschiebe-Programm" starten. Das Bundesverfassungsgericht solle laut Recherchen des "Südkurier" vom 16.6.2020 nach einer Machtübernahme durch parteitreue Richter ersetzt werden. "Die Rechtsextremen verheimlichen ihre faschistischen Fantasien kaum, im Gegenteil: Sie machen sie lustvoll öffentlich", warnen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey hinsichtlich der internationalen Entwicklung in ihrem Buch "Zerstörungslust – Elemente des demokratischen Faschismus", jüngst erschienen im Suhrkamp-Verlag. "Träume vom Umsturz oder radikale Maßnahmen" seien keine reinen Hirngespinste mehr. Eine zukünftige rechte Regierung dürfe Deutschland aber nicht isolieren, weil globaler Handel "böse" sei, warnt Frohnmaier in seinem ersten, ohne Verlag erschienenen Buch die Kameraden: "Die Vergewohltätigung: Linke Lügen, Massenmigration und korrupte Eliten". Es gebe romantische Vorstellungen in der politischen Rechten, "sich mit eigenen Ziegen und Hühnern, mit hauswirtschaftender Ehefrau und mindestens fünf blondhaarigen Kindern auf einem Selbstversorgerhof in Mecklenburg" niederzulassen. Daran findet Frohnmaier als "eigene Lebensstilentscheidung nichts auszusetzen", auch nicht "als politische Notfallmaßnahme gegen eine irre linke Regierung", doch es entspreche keiner funktionierenden Industriegesellschaft. 

Vage kritisiert Frohnmaier den völkischen Rückzug aufs Land. Gegen die vorherrschende Politik der "Deindustrialisierung" sei "eine komplette Gegenposition" einzunehmen. In seinem Buch geht Frohnmaier noch einen Schritt weiter und plädiert für ein invasives Modell sogenannter "Charter Cities" des US-Wissenschaftlers Paul Romer. "Charter Cities" sind demnach als Sonderverwaltungszonen entworfene Städte, deren Territorium ein Entwicklungsland freiwillig zur Verfügung stellt und in dem von einem Industrieland Recht gesetzt wird. Es zeige sich, dass ehemalige Kolonien wie Hongkong "von der Auferlegung fremden und höher entwickelten Rechts, das oftmals fortschrittlicher, wirtschaftsfördernder und effizienter als das einheimische Rechtssystem war, profitieren konnten", so Frohnmaier, das solle man "bei aller Dämonisierung des Kolonialismus" nicht übersehen. 2021 scheiterte die AfD mit einem Antrag "Charter Cities" zu einem Bestandteil der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zu machen. Eine Vertreterin der Fraktion Die Linke nannte die "Charter Cities" eine "autoritäre Dystopie", die die nationale Souveränität der Zielländer verletze. Die Fraktion der Grünen sprach von einem "absurden Vorschlag". Doch in Zeiten von Trump und Tech-Milliardären werden gefährliche Utopien immer mehr zur bedrohlichen Realität.

AfD-Außenpolitiker Frohnmaier scheint genau der Richtige, wenn es darum geht, auf internationaler Bühne die autoritär gesinnten Mächtigen nicht mit eigenen konstruktiven Forderungen und Belangen zu langweilen. Er bedient allzu gern diejenigen, die progressiven europäischen Demokratien den Kampf angesagt haben. Aus einem 2019 veröffentlichten, bereits zwei Jahre zuvor entworfenen Strategiepapier der Präsidialverwaltung von Putin ging hervor, wie die russische Einflussnahme in Europa und auf den aufstrebenden AfD-Politiker geplant sei. Laut Recherchen des "Spiegel" und weiterer Medien hieß es darin im Hinblick auf Frohnmaier: "Im Bundestag wird es einen Abgeordneten geben, der zu uns gehört und den wir absolut unter Kontrolle haben." Markus Frohnmaier bestreitet wenig glaubhaft, jemals im Sinne des Kreml tätig geworden zu sein.
 

Karikatur: Oliver Stenzel

Dank einer Vielzahl von Spenden konnte Kontext das Projekt "Recherche gegen Rechts" ins Leben rufen. Seit Ausgabe 762 und bis ins Frühjahr 2026 werden im Wochentakt Veröffentlichungen erfolgen, die rechtsextremen Strukturen nachgehen, mit einem Schwerpunkt auf Baden-Württemberg. Alle bisherigen Veröffentlichungen der Serie finden Sie hier

Die Kontext:Wochenzeitung bleibt spendenfinanziert und werbefrei. Damit wir unsere Arbeit dauerhaft fortsetzen können, sind wir auf finanzielle Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Möglichkeiten dazu gibt es hier.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Write new comment

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer Mittwoch morgens unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!