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Fußball – eine kollektive Verdrängung?

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Ist Fußball und die Europameisterschaft ein Kontext-Thema? Die Frage wurde in der letzten Redaktionskonferenz durchaus kontrovers diskutiert. Das Ergebnis: gleich in zwei Texten taucht das derzeit meistbenutzte Wort auf – kritisch intoniert. Eine kollektive Verdrängungsleistung?

Ist Fußball ein Kontext-Thema? Die Frage wurde in unserer letzten Redaktionskonferenz durchaus kontrovers diskutiert. Das Ergebnis: gleich in zwei Texten taucht das derzeit meistbenutzte Wort auf – kritisch intoniert.

Der international renommierte Soziologe und Philosoph Oskar Negt zählt im Gespräch mit Kontext ("Die Risse des Systems aufdecken") Mega-Sportveranstaltungen wie die Fußball-Europameisterschaft zu den "unterhaltenden Verdrängungsleistungen", die ein "gewaltiges Ausmaß" angenommen hätten. Der "gesamte Produktions- und Lebensvorrat einer Gesellschaft" werde "warenmäßig organisiert". Superevents wie die EM dienten dazu, eine Gesellschaft zusammen zu halten, die durch ihre umfassende Kommerzialisierung von der Auflösung bedroht sei. Für "fatal" hält Negt, dass dabei "das Gewinner- und Verlierer-Syndrom eine so große Bedeutung hat". Die "kollektive Verdrängungsleistung von Problemen" vollziehe sich "in einem spektakulären Ausmaß". Es höre sich gelegentlich so an, als ob es "um Krieg und Frieden" ginge. So sei die niederländische Mannschaft gezeigt worden, "wie sie abzog mit gesenkten Häuptern, so, als ob eine Hinrichtung stattgefunden hat".

Kontext-Autor Joachim Hoell beleuchtet in seinem Beitrag "EM – Blut, Ball und Boden" den Zusammenhang zwischen Finanzkapitalismus und Fußball. Kein öffentlicher Ort, vom Kiosk übers Café bis zum Restaurant, könne ausscheren: "Wer Profit will, muss mitmachen und die Übertragung der Spiele anbieten." Das Medium Fernsehen nehme dabei als Übermittler, Organisator und Sponsor der Spiele eine "zentrale Rolle" ein. Im Verteilungskampf des globalisierten Sports mit seinen Milliardenumsätzen, bilanziert Hoell, sei der Fußball auch "ein Symbol für den Krieg zwischen Arm und Reich, zwischen Konzernen und Individuen geworden".

Vor der "brutalen Logik des Finanzkapitalismus" kapituliere "alles und jeder" – auch im Sport. Im Windschatten der EM – so Hoell – bauten die politischen Führer "die europäische Finanzarchitektur auf eine Weise um, dass einem schwindlig vor Angst und Schrecken werden müsste".

Wir wollen aber nicht heucheln. Auch Kontext-Journalistinnen und -Journalisten wurden schon als Zuschauer bei EM-Übertragungen beobachtet. Wir bleiben am Ball.

PS:

Am Freitag, 22. Juni um 19 Uhr, gibt es mit und in der Stiftung Geißstraße Stuttgart (Geißstraße 7) eine weitere Kontext-Veranstaltungsreihe "Wie Medien ticken". Dabei erklären und bewerten Journalisten und Journalistinnen die Rolle der Medien in gesellschaftlichen Konflikten. Diesmal sucht Dr. Wolfgang Storz, Mitautor der auch in der Kontext:Wochenzeitung publizierten Studie "'Bild' und Wulff – Ziemlich beste Partner" mit dieser medienkritischen Untersuchung nach neuen Antworten. Jerdermann ist willkommen, der Eintritt ist frei.

 


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