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Hände hoch!

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Dies ist eine kleine Erzählung über die Liebe und das Gefühl, so richtig pleite zu sein. Was tun, wenn die Angebetete kostet und in der Geldbörse gähnende Leere herrscht? Verzweifeln. Und dann? Genau. Eine Bank überfallen. Oder eine Tankstelle. Wie kürzlich in Waiblingen. Der Tankwart war etwas verwundert, weil er plötzlich vom Überfallenen zum Beichtvater wurde für einen etwas ungeübten Räuber.

Dies ist eine kleine Erzählung über die Liebe und das Gefühl, so richtig pleite zu sein. Was tun, wenn die Angebetete kostet und in der Geldbörse gähnende Leere herrscht? Verzweifeln. Und dann? Genau. Eine Bank überfallen. Oder eine Tankstelle. Wie kürzlich in Waiblingen. Der Tankwart war etwas verwundert, weil er plötzlich vom Überfallenen zum Beichtvater wurde für einen etwas ungeübten Räuber.

Dennis Friedrich wollte an diesem Samstagabend keinem das Leben versauen. Aber hey? Was hätte er machen sollen? Dennis Friedrich ist 18, ein schüchterner Typ, feines Gesicht, dunkle Augen, hellgrüne Chucks, den grauen Mantelkragen hochgestellt, Schiedsrichter beim Fußball, Landesliga Frauen, und Schüler am Berufskolleg. Nebenher jobbt er an der Shell-Tankstelle in Waiblingen, zweimal die Woche, einmal Tag-, einmal Nachtschicht.

Sein Chef hat ihn eingestellt, weil er ehrlich ist, da legt der Chef Wert drauf, und Dennis arbeitet gern hier, weil der Chef ein netter Kerl ist, da legt Dennis Wert drauf.

Die Tankstelle gibt es seit 28 Jahren an dieser Stelle, "Das goldene Dreieck" nennt es der Chef, Arbeitsamt, Post, Tanke, sie wurde schon dutzendmal, ach was, mehrere Dutzend Mal überfallen, vor allem in den Achtzigern von motorradbehelmten, pistolenbewaffneten Typen. Damals war Tankstellen-Überfallen so was wie eine Mode, sagt der Chef. Heute nicht mehr, jedenfalls ist die Statistik seit 2003 deutlich rückläufig, mit einem kleinen Anstieg 2008/2009, wegen der Wirtschaftskrise, meinen Spezialisten.

Da stand einer in der dunklen Ecke 

Wie dem auch sei. Es war jedenfalls an einem Samstag gegen drei nachts, so kurz vor vielleicht, da fand Dennis, der Papierhandtuchspender an der Lkw-Diesel-Zapfsäule sollte aufgefüllt werden. Eigentlich ist das verboten, nachts die Tankstelle zu verlassen, Vorschrift halt. Und so dringend war das auch nicht mit dem Papier, aber Dennis war neu in diesem Job und wollte ihn besonders gut machen. Er stand also an der Säule, mit dem Rücken zur Waschanlage. Die liegt tagsüber schon in einer dunklen Ecke, und nachts ist es da stockfinster.

Irgendwer war da unterwegs. Dennis sah ein Messer aufblitzte. Dennis guckte, dachte sich, wenn überhaupt, "der wird schon wieder verduften, der Kerl", und ging wieder rein. Der Kerl verduftete aber nicht. Stattdessen kam er plötzlich aus Richtung der Waschanlage um die Ecke gebogen. Dennis konnte ihn durch die Scheibe sehen. Er hatte eine dunkle Wollmütze übers Gesicht gezogen mit Löchern für die Augen, selbst rausgeschnitten, ungleich groß und ziemlich ausgefranst.

Nach einem Tankstellenüberfall wurde das Opfer für den Räuber zum Beichtvater. Fotomontage: Jo RöttgersEigentlich hätte Dennis in dieser Nacht auch den Nachtschalter auf- und die Türen zumachen können, damit keiner reinkommt. Aber das findet er grundsätzlich doof, da wird man wie im Löwenkäfig durch die Gegend geschickt, Cola, Snickers und dann doch noch eine Zeitschrift aus der anderen Ecke, ne, bei Dennis sind die Türen immer offen, und in dieser Nacht war es auch schon zu spät. Der Kerl kam immerhin gerade rein. Dennis wartete ab.

Geld her! Bitte.

Der Mann rollte die Maske mit den fransigen Augenlöchern vom Gesicht auf die Stirn. Er steckte das Messer in die Innentasche der Lederjacke und nahm eine Dose Red Bull aus dem Kühlregal, neue Kollektion – rote, silberne, blaue Dosen mit Cranberry-, Limetten- oder Heidelbeergeschmack. Der Typ entschied sich für Cranberry, rote Dose, und zahlte.

Der Mann war neununddreißig, unrasiert im Gesicht und grauhaarig unter der Mütze. Ein Taxifahrer, der seine Geschichte lieber nicht selbst erzählen möchte, weil er Angst hat, seine Mutter könne davon erfahren.

So um kurz nach drei fragte er Dennis, was Dennis hinter seinem Tresen machen würde, würde er, der Typ mit Maske, sagen, er hätte gerne das Geld aus der Kasse. Dennis wusste nicht so genau. Was antwortet man da auch? Er beobachtete den Mann, die Innentasche seiner Jacke mit dem Messer darin.

Der Liebe wegen zum Räuber geworden

Das Geld, sagte Dennis schließlich nüchtern, sei weggeschlossen in einem dieser neuen Kassensysteme. Geld oben rein, wird automatisch gezählt, fällt in einen Tresor, ist unknackbar eingesargt. Der Mann mit der Maske guckte hinter den Tresen. Graue "icash"-Kasse von Wincor-Nixdorf, mit integrierter Echtgeldsensorik, Überfallmeldeanlage, Tintensicherung und zwölf Millimeter dicken Tresorwänden. Außer den Männern vom Geldtransport, die den Safe immer abholen, komme da keiner ran, sagte Dennis und zuckte mit den Schultern.

Dann faltete sich dieser kräftige Kerl irgendwie zusammen. Er habe ausgesehen, als habe da grade einer sein Leben zerstört, wird Dennis später erzählen.

Er habe sich verliebt, sagte der Mann plötzlich. In eine dieser Prostituierten im Erospark Waiblingen. Sie sei wunderschön. Er habe sie besucht, Dutzende Male, habe immer Geld bezahlt, um sie zu sehen. Aber nun sei es ihm ausgegangen. Was blieb: ein gebrochenes Herz, mehrere tausend Euro Schulden im Puff, mehrere Tausend Euro Schulden auf der Kreditkarte.

Er verdiente eben nicht so viel, dass er sich jeden Tag eine Hure leisten konnte, aber was soll einer machen, der sein Herz verloren hat?

Auch im Fast-Food-Restaurant hatte er kein Glück

Eigentlich, sagte der Mann, habe er ja eine Bank überfallen wollen. Aber die sei nachts schon zu. Und ob Dennis von diesem Rapper gehört hätte, diesem, na, diesem ... "Xatar", diesem Gangster-Rapper. Der habe ja auch mal einen Goldtransporter überfallen und Gold im Wert von 1,7 Millionen geklaut. Das hatte er sich auch überlegt, einen Geldtransporter, Mensch, das wär was. Aber, naja, die Fahrer solcher Geldtransporter seien ja immer so gut ausgebildet und geschult, geschult, um solche wie ihn abzuwehren. Und er sei ja eher ein ungeübter Räuber. Keine Option also.

Der Mann riss seine Red-Bull-Dose auf. Trank, stellte sie auf den Tresen neben die "icash"-Kasse von Wincor-Nixdorf. Er wolle das Geld für sein Mädchen heute Nacht besorgen, das habe er sich vorgenommen. Damit das endlich vorbei sei. Kurz vor seinem Besuch in der Tankstelle hatte er sich schon einmal ein Herz gefasst und war in dieses Schnellrestaurant reingeschlappt, nur ein kleines Stückchen entfernt vom Puff, bestellte einen Kaffee. "Noch was?" fragte die Bedienung. "Ja, das Geld aus der Kasse." Großes Gelächter. Der Mann mit dem gebrochenen Herzen trank seinen Kaffee. Und ging. Auch nichts.

Also die Tankstelle, das hatte er sich so einfach ausgemalt. Wer hätte auch wissen können, dass gerade diese hier eines dieser neuen Kassensysteme hat? Dennis beobachtete. Jedes Mal, wenn es so aussah, als fasse der Mann gleich in die Innentasche und hole sein Messer raus, zuckte Dennis ein bisschen zusammen.

Nur eine karge Ausbeute 

Naja, tschüss, sagt der Mann mit Maske so gegen Viertel nach drei. Er schlurfte aus dem Geschäft zu seinem Wagen und brauste davon. Zu seiner großen Liebe in den Puff, um auch diese Sache endlich zu klären. Dennis rief bei der Polizei an. Der Mann, sagte Dennis ins Telefon, sei offensichtlich nicht arg gefährlich, aber man solle trotzdem mal nach ihm sehen.

Und das Ende der Geschichte? Einen Kaffee im Fastfood-Laden, ein Red Bull an der Tanke, Hausverbot im Puff, ein paar Minuten in Polizeigewahrsam. Und die Angst, dass die Mutter doch irgendwann einmal herausbekommt, dass ihr Sohn so ein verdammt schlechter Räuber ist.

Dennis Friedrich ging am Morgen noch etwas verwirrt nach Hause. Geschlafen, sagt er, habe er trotzdem gut.


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