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Rotz und Wasser ...

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Die Zugvögel sind nicht mehr, was sie einmal waren – wie die hiesigen Sinti und Roma. Letzteren geht es ja dort, wohin sie Landtag und Kretschmanns Regierung nun "zurück"schicken wollen, so gut, dass Peter Grohmann ein mehrfaches "Hoch" wettert.

... hätte meine Oma Glimbzsch aus Zittau geheult, wenn sie das noch hätte erleben müssen: den Niedergang der Bayern. Ihr Vater, Oberschlesier, hatte noch in den Dortmunder Gruben arbeiten müssen, harte Zeiten unter den braunen Zechenherren, ein Ewigkeitsschaden, aber in Zittau, hätte sie gesagt, isses ooch nich besser. Die eine gute Nachricht der letzten Woche ist der Sieg der Dortmunder, die andere die Niederlage der Bayern. Was dem einen sin Uhl ist, kann dem anderen sin Nachtigall werden. Und selbst die Zugvögel sind nicht mehr das, was sie mal waren – sie bleiben zunehmend selbst im Winter im gefühlskalten Deutschland, meiden den weiten Flug in wärmere Gefilde, ja, fühlen sich sauwohl in München und bei den Borussen! Wie die Sinti und Roma.

Letztere können jetzt wieder nach Hause geschickt werden, hat Kretschmanns Landtag relativ einhellig beschlossen: Man weiß ja, die Mehrheiten sind knapp! Der Landtag hat sogar eine Kommission in den Balkan geschickt, die dort nachgeschaut hat, was Sache ist, also wie es Zigeuner so geht, wenn der Tag lang ist. Und die Kommission hat goarnix gesehen – ehrlich: Alle Roma leben noch. Hoch, hoch, hoch, dreimal hoch!

Ehrlich, also wahr ist aber auch: Sinti und Roma wurden verfolgt, gejagt, ermordet. Das Romanes-Wort Porajmos ("das Verschlingen") bezeichnet den Völkermord an den europäischen Roma in der NS-Zeit, Höhepunkt einer langen Geschichte von Diskriminierung und Verfolgung. Die Zahl der Opfer ist nicht bekannt. Nach unterschiedlichen Schätzungen ist sie bei einer großen Spannbreite jedoch sechsstellig. Aktuell, mitten in Europa, werden auch heute noch Roma verfolgt, gedemütigt, verletzt, vertrieben, diskriminiert, nicht zuletzt von Behörden. Im Frankreich des Sarkozy, in Italien leben sie in Isolation, Unsicherheit und Angst vor Abschiebung, in Ungarn, Rumänien, Tschechien und im Kosovo fehlt ihnen der Schutz der Behörden und der demokratischen Öffentlichkeit.

Peter Grohmann.Wahr ist also auch, dass der Stuttgarter Landtag samt grün-roter Regierung die Wiederaufnahme der Abschiebungen von Roma in den Kosovo beschloss. Denn dort gäbe es gar keine Diskriminierung von Roma, jedenfalls nichts tagsüber, als die Kommission dort war – und somit auch keine Abschiebehindernisse.

Heimat, zu Hause. Das ist dort, wo du geboren bist. Die Heimgeschickten sind hier auf die Welt gekommen, im Ländle. Zum Kotzen, Herr Major, hätt meine Oma gesagt.

Zittau klatscht.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Gründer des Bürgerprojekts Die AnStifter.


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1 Kommentar verfügbar

  • Shoobidoo
    am 16.05.2012
    Antworten
    Zum Thema (bulgarische Roma in Dortmund): http://www.wdr.de/tv/monitor//sendungen/2012/0329/armut.php5
    Zitat Els de Groen, EU-Abgeordnete aus Holland: "Ich denke, dass die Wirtschaftsinteressen wichtiger waren als die Menschenrechte."
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