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Cool wie Juul

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Unsere Autorin kennt den Zinober um die Kindererziehung. Schließlich hat sie eine kleine Tochter, und der Dauerbeschuss der Ratgeber zermürbt Borjana Zamani schon seit der Zeit kurz vor der Geburt. Nun gibt es einen neuen Erziehungsgott – und alle rennen dem weisen Opa die Bude ein. Eine Selbstkritik.

Munterer Max, müder Vater: am Wochenende wird es manchmal hart für die männlichen Erziehungsberechtigten. Foto: Martin Storz

Eltern machen sich schrecklich viele Gedanken über die Erziehung ihrer Kinder. Eigentlich sollten sie mehr an sich und ihre Beziehung denken, rät Jesper Juul. Der Däne ist der neue Guru der Ratgeberszene.

Arbeiten ist mir lieber, stöhnen Väter sonntags und zweifeln im Wochentakt an ihren väterlichen Fähigkeiten. Grenzen ziehen, das Kind nicht verziehen, das Kind verwöhnen oder lieber nicht, spinnen, spielen, ausruhen, erziehen. Was denn nun? Beziehen! Sagt Jesper Juul, und wir halten verdutzt inne. Die Puste reicht uns sowieso nicht mehr. Und wir wissen ja, man muss langsam machen. Und wir wissen ja, eins nach dem anderen hilft immer. Und wir schaffen ja den Tagesplan. Dann, am Abend, steht wieder Erziehung auf dem Programm. Tief Luft holen und weiter geht's. Partner, Lehrer, Ratgeber, Großeltern, jeder drückt uns sein Geheimrezept für die beste Erziehung auf. Und unsere innere Stimme verstummt.

Wir haben es nicht leicht. 81 Prozent der Kinderlosen wünschen sich ein Kind, aber 70 Prozent von uns Eltern möchten kein weiteres. Warum? 67 Prozent meinen, Familie und Beruf ließen sich nicht gut vereinbaren. 233 000 Krippenplätze fehlen. 2010 haben fast alle Bundesländer viel weniger Krippenplätze geschaffen als im Vorjahr. Alleinerziehende schlagen sich tapfer durch das Leben, und manche Eltern leben weit weg von ihren Kindern. Eine aktuelle Studie über das Familienleben bestätigt, dass die fehlende Unterstützung der Großfamilie unseren Berufsausstieg mit bewirkt. Wir – Mütter und Väter – wollen oder müssen berufstätig sein. Wir wollen uns aber auch in die Erziehung einbringen. 34 Prozent von uns haben ein schlechtes Gewissen, dem Kind nicht genügend Zeit zu widmen.

Pädagogen sind sich einig, wir seien uns unsicher, weil der Erziehungsbegriff sich verändert habe. Früher habe es Normen und Werte gegeben. Aber wer bestimmt sie heute? Es gibt zahlreiche Erziehungstheorien, die nicht miteinander vereinbar sind. Es gebe einen Konsens, über den sich die verschiedenen Lager einig seien, sagt ein Gymnasiallehrer aus Sindelfingen, allerdings: "Sich einig zu sein ist nicht sexy. Deshalb wird über Randfragen stundenlang diskutiert. Das macht Eltern natürlich enorm unsicher."

Erziehungsidol mit beachtenswertem Bauch

Diese Unsicherheit verschafft uns gut 4000 Erziehungsratgeber auf dem deutschen Markt. Wir, die ratlosen Eltern, suchen aus und verzweifeln. Jesper Juuls Bücher schlagen aus den Bücherreihen. Er macht Werken wie "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" und "Jedes Kind kann schlafen lernen" Gegenwind, und wir feiern seinen Rat.

Auf tausend Plätzen in der evangelischen Bildungswerkstatt in Stuttgart fiebern wir unserer Erlösung entgegen, einige von uns müssen stehen. Die Rettung naht. Ein Meter achtzig entspannte Weisheit durchquert den Raum. Mit der Eleganz eines 63-jährigen Mannes trägt unser Erziehungsidol seinen beachtenswerten Bauch vor sich her, in blaue Jeans und schwarzes T-Shirt gepackt. Getuschel und aufgeregte Blicke bestätigen sich gegenseitig die Echtheit seiner Person. Endlich werden wir verstehen, wie man gelassen erziehen kann.

Georg Cadeggianini, ein "Brigitte"-Redakteur. moderiert das Gespräch. Er nennt Jesper Juul den Dänen, stellt ihn als Querdenker, Pädagogen, Familientherapeuten, Buchautor, Popstar der Ratlosen und als seine eigene Leitfigur der Erziehung vor. Juul bekommt einen Riesenbeifall. Er hat noch kein Wort gesprochen.

Der dänische Erziehungsguru Jesper Juul. Foto: Vanja Vucovic

Was würde Jesper Juul tun, wenn er an einem einzigen Tag Gott der Erziehung wäre, fragt Cadeggianini. Juul lehnt sich im Stuhl zurück, greift mit Mühe über seinen Bauch hinweg zum Wasserglas, trinkt einen Schluck und antwortet mit einem Satz: An einem Tag würde er nicht erziehen, er würde sich ein anderes Hobby suchen. Der Saal jubelt.

Erziehung finde zwischen den Zeilen statt, am Beispiel des eigenen Familienlebens, wie man liebt, wie man trauert, wie man isst und genießt. Juul inszeniert seine Antworten zur Show. Als würde ihm alles gerade jetzt einfallen. Dabei kennen wir seine witzigen Beispiele aus der Presse, seine Bücher haben wir gewissenhaft studiert. Aber seine Performance live zu erleben entspannt und überzeugt. Es ist wie auf einem Konzert, man weiß, welche Songs kommen werden, und jubelt trotzdem wie beim ersten Mal.

Unsere Töchter wollen Hello Kitty sein. Wir wollen Jesper Juul sein. Er ist unser Popstar, der von Liebe und Schmerz mehr versteht als wir. Er sagt: Bestraft nicht. Und wir bestrafen nicht. Er sagt: Belohnt nicht. Und wir stecken die Gummibärchen wieder ein. Er sagt: Schaut euren Kindern in die Augen. Und wir entdecken unsere Kinder neu. Er sagt: Genießt euch doch mal, und wir haben uns lieb.

Das Orakel spricht: Auch Mütter haben ein Leben

Das Orakel spricht. Ein Fotoapparat knipst. Zahllose Stifte schreiben mit. Die Mamas auf den Stehplätzen hören gebannt zu, knien auf dem Boden, um zu schreiben: Verbote hätten nichts mit Erziehung zu tun; Eltern sollten sich auch um sich selbst kümmern; glückliche Eltern hätten glückliche Kinder; Familien sollten erziehungsfreie Tage einrichten, den Kindern mehr vertrauen; Mütter hätten auch ein Leben, auch Eltern hätten Grenzen; diskutieren mache wahnsinnig.

Flippige Studenten, schicke Späteltern, Omis, gestandene Pädagoginnen und Männer aller Altersgruppen saugen jeden Satz des Erziehungsstars auf. Nur ein Baby scheint heute Abend unzufrieden zu sein, wir rücken es nicht ins Zentrum, denn wer im Zentrum stehe, sei einsam, sagt Jesper Juul.

Chucks, Pumps, elegante Stiefel, Boots und Turnschuhe trippeln beschwingt in die Pause. Juul geht auch eine rauchen. Nur wenige trauen sich zu ihm, aber alle Augen schielen in seine Richtung. Eine Frau will ihm die Hand drücken. Sie erzählt ihm, sie selbst sei in seiner Theorie erzogen. Juul meint, das sei aber wohl nicht in Deutschland gewesen. Stimmt. Ein gewaltiger Lacher knallt aus seiner Brust heraus.

Opis Botschaft: Beziehung statt Erziehung

Nach der Pause dürfen wir Fragen stellen. Wir Mamis sind verlegen wie brave Schülerinnen, die versuchen zu verstehen, wie sie ihre Hausaufgaben noch besser machen können. Die Väter sehen ein wenig cooler aus und ein wenig enttäuscht, kein konkretes Rezept zu bekommen.

Bis in die Nacht lachen wir mit Juuls Geschichten, in denen wir selbst die tölpelhaften Hauptdarsteller spielen. Nicht nur seine Theorie der Entspannung, sondern auch seine Persönlichkeit und seine Gesprächskultur schenken wahnsinnig gewordenen Eltern Ruhe. Was er in seinen Büchern über den Umgang mit Kindern schreibt, praktiziert er mit uns Eltern. Er nimmt uns ernst und lässt uns ausreden. Er fragt und lässt uns entscheiden und leben. Es gebe kein allgemeingültiges Wertesystem mehr, das uns den richtigen Weg weisen könne, "man" sei tot. Wir als Eltern müssten selbst die Antworten finden.

Und doch flüstert uns der entspannte Opi seine klare Botschaft. Beziehung statt Erziehung. Juul ist unser Messias. Mindestens so lange, bis uns der nächste Halbgott wieder wachrüttelt.


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