KONTEXT:Wochenzeitung
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Dreht der Wind?

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Griechenland wird fast nur als abgebranntes Euroland wahrgenommen. Doch es gibt auch das andere Hellas: Junge Freiwillige betreuen Flüchtlingsfamilien und bauen, ganz unten, eine neue Gemeinschaft auf. Ein Blick auf bürgerschaftliches Engagement jenseits von Deutschland – im Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit.

Eigentlich sollte Ioanna Petritsi zu Hause am Schreibtisch sitzen und dringend eine Abendschicht einlegen. Die griechische Lehramtsstudentin mit den langen, schwarzen Haaren und dem Nasenpiercing studiert im sechsten Semester, eine Seminararbeit steht an. "Die muss warten", sagt die 21-Jährige, als sie sich auf der Strandpromenade von Thessaloniki durch die Menschenmasse zwängt. Neben ihr halten Bürger Transparente in die Luft: "Über unsere Zukunft entscheiden wir", steht darauf. Und: "Solidarität!" Aus der dichten Menge treten immer wieder Leute hervor und gehen an ein Mikrofon. "Es reichtDie griechische Lehramtsstudentin Ioanna Petritsi kümmert sich um Flüchtlingskinder. nicht aus, nur ein Ventil für unsere Empörung zu suchen", ruft eine Frau, "jeder sollte nachdenken, was er selbst tun kann." Sie schlägt vor, Bürgergruppen zu bilden, die in den einzelnen Stadtbezirken mehr Verantwortung übernehmen. Ioanna nickt heftig. "Es bewegt sich was, das habe ich hier noch nicht erlebt."

Die Bewegung entstand über Nacht, wie aus dem Nichts. Zuerst waren es die Akademiker von Thessaloniki, die sich am Weißen Turm an der Strandpromenade zu treffen begannen. Dann strömten, Abend für Abend, immer mehr Bürger zum historischen Wahrzeichen der Stadt, um über die extreme Schieflage und die Zukunft ihres Landes zu sprechen. Und um eine neue Form direkter Demokratie und Gemeinschaft zu üben. Die Polis bricht auf.

An diesem Frühsommerabend sind es 3000 Bürger, die das neue Ritual zelebrieren, bis tief in die Nacht: Reden, seine Meinung sagen, argumentieren – und zuhören, jeden einzelnen Bürger sprechen lassen und ihm konzentriert lauschen. Es gibt keine verbalen Einheizer, keine Galionsfiguren oder Profirhetoren. Und Politiker oder Gewerkschafter schon gar nicht. Die Berufsargumentierer sind hier ausdrücklich ausgeladen. Zu groß ist das Misstrauen der Bürger, zu groß der Wunsch und Wille, selbst etwas zu tun. Jeder Bürger, der öffentlich sprechen will, trägt sich in eine Liste ein und achtet selbst darauf, dass sein Vortrag nicht zu lang ausfällt. Jeder wird ernst genommen, keiner belächelt, wenn die nervöse Stimme stockt oder sich überschlägt. Ioanna kommt inzwischen jeden Abend hierher. "Ich habe mich in die Rednerliste eingetragen, aber die ist inzwischen so lang, dass es Tage dauern wird, bis ich drankomme." Lächelnd zuckt sie mit den Schultern. "So lange warte ich eben." Während sie das Redemarathon verfolgt, tanzen junge Paare nebenan Tango.

"Der Staat hat versagt, auf der ganzen Linie"

Am nächsten Morgen lässt die Lehramtsstudentin das Institut für Erziehungswissenschaft links liegen und geht durch die Straßen von Thessaloniki. "Mein Professor weiß, warum ich heute nicht komme, er findet es okay." Dichter Verkehr wälzt sich durch die Millionenstadt, Cafés und Restaurants sind gut besetzt. Lauer Wind, der vom Meer her weht, dämpft ein wenig die Schwüle. Im Park nahe der historischen Stadtmauer sitzen alte Männer im Schatten der Platanen und spielen Karten.

Alltag in der nordgriechischen Metropole. Erst auf den zweiten Blick sieht man ihr an, dass auch sie mit der Agonie kämpft: leere Schaufenster von Läden und Geschäften, die jetzt wie Zahnlücken im Bild der Innenstadt klaffen. Oder Frauen und Männer, die verstohlen in Mülleimern kramen. Die Arbeitslosigkeit wächst. Da wirkt das monumentale Reiterdenkmal von Alexander dem Großen an der Standpromenade fast wie ein surreales Relikt. "Der Staat hat versagt, auf der ganzen Linie, und alle müssen es ausbaden", sagt Ioanna.

Ihr Weg führt sie in eine kleine Nebenstraße. Vor einem alten, vierstöckigen Haus stehen schwarz gewandete Frauen mit ihren Kindern. Über der verwitterten blassblauen Tür prangt ein Schild, darauf das Emblem der Europäischen Union. Auch das nur noch ein Relikt. Im dunklen Treppenhaus riecht es muffig, an den Wänden blättert die lila Farbe ab, Elektrokabel hängen aus löchrigem Putz. Immer wieder öffnen sich Türen, Männer treten heraus, die meisten dunkelhäutig, einige mit scheuem Blick, manche mit leeren Augen. Rasch ziehen sie die Tür hinter sich zu.

Ein Flüchtlingsheim in Selbstverwaltung

In diesem zerfallenen Haus leben Menschen, deren Schicksal und Zukunft schon brüchig waren, bevor Griechenland in Depression verfiel. Flüchtlingsfamilien aus Kriegs- und Krisenregionen: Afghanistan, Palästina, Irak, Nordostafrika. Eigentlich gibt es sie gar nicht, der Staat erkennt sie nicht an, sperrt sie in Lager, sobald sie das Land betreten haben, über die türkisch-griechische Grenze oder die Inseln. Hier, ganz unten, arbeitet Ioanna, freiwillig und zum Nulltarif, seit eineinhalb Jahren, als das Athener Gesundheitsministerium von einem Tag auf den anderen das einzige Flüchtlingsheim in Nordgriechenland geschlossen hatte. Bis dahin war es von einer Nichtregierungsorganisation geführt worden. Und bis dahin waren Gelder der EU in die Einrichtung geflossen.

Flüchtlinge und ihre Betreuer besprechen neue Projekte.

"Als ich von der Schließung erfuhr, wollte ich mithelfen, dass das Flüchtlingsheim weiterexistieren konnte", erzählt Ioanna. "Ich bot zunächst Griechischunterricht für die Kinder an – dann blieb ich hier." Sie fährt sich durch die schwarzen Haare. "Es war für mich eine Herausforderung. Wir wussten, dass wir schnell was machen und Verantwortung tragen müssen." Ihre Stimme wird energischer. "Es war eine Sache der Gemeinschaft." Seitdem kommt sie jeden Tag hierher.

"Wir", damit meint sie die 50 jungen Menschen, die sich inzwischen wie sie im Flüchtlingsheim engagieren. Und gleichzeitig die rund 60 Flüchtlinge, die hier leben. Gemeinsam haben sie etwas Neues geschaffen: ein Flüchtlingsheim in Selbstverwaltung.

Flüchtlinge kochen für soziale Einrichtungen

Wie hält man eine solche Einrichtung am Leben, ohne jegliche finanzielle Unterstützung? Allein der Strom kostet monatlich 1000 Euro. "Wir gehen betteln", sagt Ioanna, "wir gehen zu Supermärkten und betteln um Nahrungsmittel für die Flüchtlinge, wir gehen zu Vereinen und bitten sie um Geld. Oder wir sammeln Sachen zusammen und verkaufen sie auf Flohmärkten." Die angehende Lehrerin ist für den Finanzsektor zuständig. Es herrscht eine kreative Arbeitsteilung bei den jungen Freiwilligen, die sich im improvisierten Besprechungszimmer treffen.

Paris, 23, Brille, Dreitagebart, ist der Mann fürs Praktische. Der studierte Techniker, der bei der Luftwaffe arbeitet, repariert Schäden aller Art. Im Moment grübelt er, wie man das Haus mit warmem Wasser versorgen kann. Es gibt kein Heizöl mehr, zu teuer. Am liebsten würde er den ganzen Staat reparieren. "Er hält die Flüchtlinge quasi gefangen. Die ganze Welt steht auf dem Kopf, ich möchte mithelfen, sie wieder auf die Beine zu stellen." Effi, 29, Sozialpädagogin, arbeitet schon seit einigen Jahren mit Flüchtlingen. "Ich bin das Mädchen für alles", sagt sie und zeigt mit ernster Miene auf die Frauen, die das Besprechungszimmer betreten: "Viele sind durch die Flucht traumatisiert, sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder. Immer wieder werden sie krank, manche leiden an Angstattacken oder epileptischen Anfällen." Timos, 31, ist Betriebswirtschaftler, vor allem aber ein klasse Clown, der die Kinder zum Lachen bringen kann. Was in diesem Haus nicht immer gelingt. "Es ist schwierig, mit ihnen das gemeinsame Spiel einzuüben. Sie kämpfen gerne gegeneinander, sind sehr lebendig und voller Energie, die irgendwie rausmuss."

Besprechung im selbst verwalteten Flüchtlingsheim. Zuerst sind die Männer gekommen, sie setzen sich auf die wackligen Stühle, ihre Frauen folgen nach, nehmen am Rand Platz, setzen ihre Kinder auf ihren Schoß. Es geht um ein neues Projekt, das bei der letzten Montagsversammlung beschlossen wurde: "Die Schöpfer des Heimes" – Flüchtlinge kochen für soziale Einrichtungen der Stadt, die geben ihnen dafür etwas Geld. Auch Yusuf wird den Schöpflöffel schwingen. "Ich koche mit, um danach für meine Kinder etwas kaufen zu können", sagt der 48-jährige Mann, der vor vier Jahren aus Afghanistan geflüchtet war, "mit zwei Frauen und drei Mädchen." Das vierte Kind, zwei Jahre alt, ist hier geboren. "Sie hat offiziell keinen Namen, sie existiert nicht."

Bei den Behörden heißt es: Wir haben euch nicht eingeladen

Yusuf klingt verbittert. Früh schon habe er einen Asylantrag gestellt. "Doch keiner hat sich damit bisher beschäftigt." Die Anerkennungsquote tendiert in Griechenland sowieso gegen null. Als der griechische Staat das Flüchtlingsheim geschlossen habe, sei ihnen gesagt worden: "Wir haben euch nicht eingeladen."

Yusuf wünscht sich vor allem eines: einen festen Job. Damit er seine Familie selbst versorgen kann, damit er ein normales Leben führen kann, draußen. "Ich suche nach Arbeit, aber es ist sehr schwierig, was zu bekommen." Vor Kurzem habe er etwas gefunden, als Straßenkehrer. "Aber die sagten,Yusuf hofft auf den Weg nach vorne. du hast ja keine Papiere." Yusuf blickt auf den Boden. Dann sagt er: "Die jungen Menschen hier geben ihr eigenes Leben ein wenig auf, um für uns da zu sein. Dafür bin ich dankbar." Wie wird das Leben seiner Familie weitergehen? "Ich hänge in der Luft, bin abhängig vom Wind – ich hoffe, er treibt uns ins Gute."

Athanasios Mavrakis schüttelt den Kopf. "Wie der griechische Staat mit den Flüchtlingen umgeht, ist unmenschlich", sagt der 49-Jährige. Mehr als 40 000 Flüchtlinge gebe es in Griechenland. Im Moment würden neue Lager gebaut. "Viele Familien betteln um Reis oder Windeln für ihre Kinder. Manche verhandeln mit den Kommunen, um Zugang zu einer Müllhalde zu bekommen. Eine humanitäre Katastrophe." Athanasios ist Psychologe – und ein politischer Kopf. In Tübingen hat er studiert und promoviert, heute arbeitet er als Dozent an der Aristoteles-Universität von Thessaloniki, im Institut für Erziehungswissenschaft. "Das Schicksal dieser Flüchtlinge ist ein europäisches Problem", betont er, "die türkisch-griechische Grenze ist das einzige Loch, das noch offen ist." Daher müssten auch die anderen EU-Länder auf dieses brennende Problem schauen.

"Wir wollen, dass der Staat aufwacht"

Griechenland habe keine Zivilgesellschaft, meint Athanasios. Der Konsumboom in den vergangenen zwei Jahrzehnten habe die Gesellschaft stark individualisiert. Jetzt kämpften viele gegen ihre Privatverschuldung. "Solidarität muss sich erst wieder aufbauen." Umso wichtiger sei daher die Arbeit der jungen Freiwilligen. Der Dozent unterstützt sie, koordiniert die Flüchtlingsbetreuung mit, versucht Türen zu öffnen. Den deutschen Konsul hat er schon durch das Flüchtlingsheim geführt. "Jetzt hoffe ich, dass sich die deutsche Gemeinde engagiert." Als Ioanna den Flüchtlingskindern über den Kopf streicht und mit ihnen zu spielen beginnt, schaut ihr Athanasios zu. "Du machst das gut. Und deine Seminararbeit wird rechtzeitig fertig sein, da bin ich mir sicher." Er ist ihr Prof.

Abends steht Ioanna wieder in der Menschenmenge am Weißen Turm. Hört zu, was die einzelnen Bürger sagen. Zum Desaster des griechischen Staates, vor allem aber zur neuen Gemeinschaft, die entstehen soll, von unten. Auf der Rednerliste steht sie immer noch ziemlich weit unten. Aber bald, in den nächsten Tagen, wird sie mitreden. Und auf das Schicksal der Flüchtlinge aufmerksam machen. Dass man sie unterstützen sollte. Sie hat ihre Rede schon im Kopf. Den Begriff "Volunteer" möge sie nicht, sagt sie. Das seien diejenigen, die das machen, was der Staat nicht mehr mache. "Wir wollen aber, dass der Staat aufwacht!" Es klingt energisch, fast trotzig: "Ich bin kein Volunteer – sondern politisch."

Die griechische Studentin stellt sich in den kühlen Wind, der vom Meer her weht, streicht sich durch die verstrubbelten Haare. Sie hofft, dass er sich dreht.

2011 ist das Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit. In Stuttgart gab es dazu am 20. und 21. September eine Konferenz in der Liederhalle. Autoren und Fotografen der Weinstädter Reportageagentur Zeitenspiegel haben sich in den vergangenen Monaten auf den Weg durch Europa gemacht, um in verschiedenen Ländern Projekte der Freiwilligenarbeit zu recherchieren und mit deren Protagonisten zu sprechen. Ein Projekt in Kooperation mit Fachkräften des Bürgerengagements beim Städtetag Baden-Württemberg. Dazu zählt auch dieser Beitrag.


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