Ausgabe 26
Gesellschaft

Das Septemberland

Von Jean-Baptiste Joly und Martin Storz (Fotos)
Datum: 28.09.2011
Die "Landvermessung", die in der Kontext:Wochenzeitung heute startet, markiert zuerst einen Zeit-Raum. Baden-Württemberg im September: da ist die Abstimmung im Landtag über einen Gesetzentwurf, der bewusst scheitern soll, um das Volk über Stuttgart 21 abstimmen zu lassen. Da war aber auch das Volksbegehren über die Baden-Frage, damals, im Jahr 1956. Oder die Gründung der Ulmer Hochschule für Gestaltung mit ihrer Utopie einer transparenten Demokratie drei Jahre früher. Oder die Entführung von Hanns Martin Schleyer 1977 durch die RAF. Oder die Gründung des Landesverbands der Grünen 1979. Zum Auftakt unserer Serie schildert Jean-Baptiste Joly, Direktor der Stuttgarter Akademie Schloss Solitude, Baden-Württemberg als Septemberland. Eine Chronik voller aktueller Bezüge und Überraschungen.

Auf Schloss Solitude begann vor 191 Jahren die Vermessung des Königreichs Württemberg. Die Kontext:Wochenzeitung macht jetzt eine neue, andere Landvermessung.

Ausgerechnet im September beginnt die neue Reihe der Kontext:Wochenzeitung. Vor 191 Jahren, am 18. September 1820, nahm die Landesvermessung des Königreichs Württemberg unter der wissenschaftlichen Leitung des Tübinger Mathematikprofessors Johann Gottlieb Friedrich Bohnenberger ihren offiziellen Autor Jean-Baptiste Joly am sogenannten Nullpunkt der Vermessung.Anfang auf Solitude. Die Landesvermessung und die darauf folgende Kartierung dauerten gut 20 Jahre.

Leider wich die im September und Oktober 1820 physisch festgestellte Länge der Solitude-Achse um 10,30 Fuß von der mathematisch berechneten Länge ab. Der Fehler war auf die unterschiedlichen Messstangen zurückzuführen, die zwei Jahre davor bei einer ersten Messung in der Nähe von Tübingen verwendet worden waren. Für die Solitude-Messung hatte Bohnenberger eine Kopie der sogenannten Toise du Pérou aus Paris bestellt, die vor der Revolution von 1789 in Frankreich als Maßeinheit galt. Es sollte noch 52 Jahre dauern, bis endlich 1872 das metrische System in Württemberg eingeführt wurde. Vermessung hin oder her, als Erstes muss die Maßeinheit einfach stimmen!

September war es auch, als ich aus beruflichen Gründen vor 28 Jahren nach Stuttgart kam. Die spätsommerlichen Landschaften mit Streuobstwiesen und Herbstzeitlosen, das Morgengrauen im Nebel und der blaue Himmel "unverstellt", wie es so schön in Mörikes Gedicht "Septembermorgen" heißt, prägen seit dieser Zeit mein Bild von Baden-Württemberg. So idyllisch war dieser September 1983 auf dem Land auch wieder nicht: Auf der Mutlanger Heide protestierten zahlreiche Demonstranten gegen die Stationierung der Pershing-Raketen und blockierten drei Tage lang die Zufahrt zu den Bunkern. Bereits in den ersten Tagen meines Lebens in Baden-Württemberg durfte ich erleben, wie aufsässig die hiesigen Bürgerinnen und Bürger sein können, wenn ihnen eine politische Entscheidung missfällt.

Die Utopie einer transparenten Demokratie gelebt

Betrachtet man die Geschichte mit einer selektiven Brille, die ausschließlich den Monat September wahrnimmt, kommen sehr unterschiedliche Ereignisse zusammen, die wie im Zeitraffer beinahe 60 Jahre Baden-Württemberg aufrollen lassen: September 1953 Rücktritt von Ministerpräsident Reinhold Maier und erster Spatenstich für den Bau der Ulmer Hochschule für Gestaltung; September 1956 Volksbegehren über die Baden-Frage; September 1962 Besuch des französischen Präsidenten Charles de Gaulle in Ludwigsburg; September 1971 Aufnahme der Arbeit der Datenzentrale Baden-Württemberg und Verwaltungsreform; September 1977 Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer; September 1978 Erdbeben im Zollernalbkreis; September 1979 Gründung des Landesverbands der Grünen; September 1984 erste "Waldschadenserhebungen"; September 1988 Abbau der zwei ersten Pershing-Raketen auf der Waldheide bei Heilbronn; September 2010 Polizeieinsatz gegen Demonstranten im Stuttgarter Schlossgarten.

Mitten im unversöhnlichen Streit um Stuttgart 21 haben die meisten vergessen, dass es gar nicht so lange her ist, dass die letzte Dampflokomotive am 26. September 1967 den Stuttgarter Hauptbahnhof verließ.

Unter diesen September-Ereignissen denke ich gern an die Gründung der Ulmer Hochschule für Gestaltung im September 1953 zurück. In dem konservativen Bundesland Baden-Württemberg wurde 15 Jahre lang die Utopie einer transparenten Demokratie von den Lehrenden und den Studierenden der Ulmer HfG gelebt und praktiziert. Und genau weil sie an die Grenzen einer Demokratie gestoßen war, die sich schwertat, kritische Fragen zu ertragen, wurde die HfG im September 1968 geschlossen.

Lothar Späth: Der regierenden CDU war das unheimlich

In einem Interview mit Stipendiaten der Akademie Schloss Solitude kam Lothar Späth auf die Rolle zu sprechen, die er bei der Schließung der Ulmer HfG als Berichterstatter im Finanzausschuss des Landtags gespielt hatte: "Ja, das war ein Schlüsselerlebnis, das mich lange umgetrieben hat. Die CDU war damals, 1968, entschlossen, die HfG in Ulm aufzulösen, obwohl sie eine ziemlich wichtige Aufgabe hatte – auch in der Nachkriegsdiskussion und in ihrer Verbindung zu den Geschwistern Scholl. Die HfG war etwas, das man nicht fassen konnte. Das war so ähnlich wie hier auf Solitude – vielleicht in der Art noch ein bisschen anders. Max Bill und viele Künstler sind dort einfach hingekommen, haben sich getroffen und Ideen und Konzepte entwickelt. Das waren nicht immer nur Kunstkonzepte, sondern teilweise auch politische Konzepte. Der regierenden CDU war das alles, was da in Ulm stattfand, ein bisschen unheimlich." (Things Beyond Control like Love and Art, Jahrbuch 10 der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart, 2010).

Eine Bodenplatte markiert den Nullpunkt.

Lothar Späth gab in diesem Gespräch auch zu, dass er die Gründung des Zentrums für Kunst und Medientechnologie, der Karlsruher Hochschule für Gestaltung und der Akademie Schloss Solitude, die durch einen Beschluss der Landesregierung vom 26. September 1988 als Stiftung errichtet wurde, als eine Art Wiedergutmachung für die Schließung der Ulmer HfG verstand. Alle drei Institutionen, so unterschiedlich sie auch sind, sehen sich in der Tradition der Ulmer Hochschule für Gestaltung und zeugen für die Brüche und die Kontinuität, die die hiesige Kultur- und Hochschulpolitik auszeichnen.

Mit welchem politischen Ereignis wird der September 2011 in die Chronik des Landes eingehen? Zweifelsohne mit dem Gesetzentwurf, der die Regierung befähigen soll, den Finanzierungsvertrag für das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21 zu kündigen. Ein Gesetz bewusst im Landtag scheitern zu lassen, um das Volk darüber abstimmen zu lassen, das geschieht nicht alle Tage. Damit betritt die Landesregierung eindeutig Neuland und schreibt auch Geschichte.

In der Opposition hat die CDU früher die Volksabstimmung geschätzt

Überraschend dabei ist nicht nur die Haltung der gespaltenen grün-roten Regierung, sondern auch die der Opposition. Bei dem Thema Volksabstimmung könnte man an die Anfänge des Landes Baden-Württemberg anknüpfen: In den 18 Monaten, die die CDU bis September 1953 auf der Oppositionsbank verbrachte, damals wie heute stärkste Fraktion im Landtag, sah sie in Volksabstimmungen das ultimative Mittel, um dem Kurs der damaligen Regierung entgegenzuwirken. Im Vergleich zu dieser kämpferischen Haltung hört sich die Aussage des neuen Landesvorsitzenden der Christdemokraten, "Wir haben keine Angst vor der Volksabstimmung", erstaunlich vorsichtig und defensiv an.

Was könnte man sich für den September 2012 noch wünschen? Anlässlich des 50. Jahrestages von de Gaulles Rede an die deutsche Jugend im Hof des Schlosses Ludwigsburg darf man von einem neuen französischen Präsidenten oder noch besser einer neuen Präsidentin träumen, die es versteht, den apathisch gewordenen deutsch-französischen Beziehungen einen neuen Impuls zu geben.

Auch wenn ich de Gaulles Rede nicht erlebt habe, so bewundere ich den persönlichen Einsatz eines Politikers, der im hohen Alter nochmals Deutschstunden nahm, um das deutsche Volk und die deutsche Jugend direkt ansprechen zu können, und dem es auch über alle Maße gelang. Dabei denke ich auch an den Altbundespräsidenten Theodor Heuss, den wunderbaren Helfer im Hintergrund, der "mit seiner dumpf grollenden Stimme soufflieren musste, als sich am Satzende nicht gleich das richtige Verbum fand" ("Schwäbische Zeitung" vom 11. September 1962, zitiert nach Thomas Schnabel, Geschichte von Baden-Württemberg, 1952–2002, Stuttgart 2002).

Deutsch-französische Beziehungen als Verpflichtung

Durch seine Geschichte und seine geografische Lage hat Baden-Württemberg noch mehr als andere Bundesländer eine besondere Verpflichtung gegenüber den deutsch-französischen Beziehungen und sollte sich in Zukunft wieder verstärkt damit befassen. Konkrete Vorschläge gibt es genug: Um das Einzigartige dieser gemeinsamen Geschichte nach außen zu tragen, könnte man jungen Menschen aus Deutschland und Frankreich ermöglichen, an sozialen und Gemeinschaftsprojekten international mitzuwirken. Die Idee wurde bereits mehrfach vorgeschlagen, aber kein Politiker, keine Regierung hat diese Herausforderung angenommen und als ihre Aufgabe erkannt. Warum nicht Baden-Württemberg im September 2012?

Jean-Baptiste Joly, 1951 in Paris geboren, ist Direktor der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart seit deren GründungAkademiechef Jean-Baptiste Joly vor dem Schloss Solitude. im Jahr 1989. Zuvor hatte er sechs Jahre lang das Institut Français in Stuttgart geleitet. Der Literatur- und Kunstexperte lebt seit 1983 in Stuttgart. Er ist Mitglied im Stiftungsrat des Kunstmuseums Stuttgart und gehört dem Deutsch-Französischen Kulturrat an. Joly ist zudem Professor an der Kunsthochschule Weißensee, der Hochschule für Gestaltung in Berlin.

Der Autor möchte Frau Prof. Dr. Paula Lutum-Lenger und dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg für ihre Hilfe bei der Suche nach historischen Informationen herzlich danken. Ohne ihre Unterstützung wäre diese September-Chronik nie zustande gekommen.


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