Mieterin Brigitte Schulz: "Verraten und verkauft in Stuttgart." Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 221
Gesellschaft

Katastrophentag

Von Johannes Pimpl
Datum: 24.06.2015
Die Wohnungen im Nordbahnhofviertel haben zum zweiten Mal in drei Jahren den Besitzer gewechselt. Wie das ist, wenn einem das Zuhause immer wieder unterm Hintern wegverkauft wird? Die Mieterin Brigitte Schulz weiß es.

"Ich erinnere mich noch genau an den 14. Februar 2012: Da kam raus, dass meine Wohnung an die Patrizia verkauft werden sollte. Am gleichen Tag wurde im Zuge von S 21 der Park geschreddert. Ein richtiger Katastrophentag." Brigitte Schulz ist Sozialarbeiterin, 59 Jahre alt und lebt seit fünf Jahren in einer kleinen hübschen Wohnung in der Kleinstraße im Nordbahnhofviertel. "Früher konnte man hier sehr günstig wohnen. Die Gegend wurde gerne mal sozialer Brennpunkt genannt", erzählt sie. Durch den neuem Tiefbahnhof rückt das Viertel näher an das Zentrum der Stadt, und aus einem ehemaligen Randbezirk wird ein attraktives Viertel. "Ein Filetstückchen", sagt Brigitte Schulz. "Und die Patrizia hat es weggefressen."

Frau Schulz, wie sind Sie denn an diese schöne Wohnung gekommen?

Ich bin im Juli 2010 eingezogen. Zuvor habe ich sehr einfach gewohnt, und diese Wohnung habe ich über Immobilienscout gefunden. Da findet man die Südewo-Wohnungen auch heute noch. Als ich die Wohnung besichtigt habe, war das hier quasi noch Rohbau, weil die LBBW alles komplett renoviert hat.

Zwei Jahre später wurde Ihre Wohnung dann an das Immobilienunternehmen Patrizia verkauft. Wie fühlt man sich, wenn das eigene Zuhause plötzlich einer Gesellschaft gehört, von der man wahrlich nicht nur Gutes hört?

Verraten und verkauft in Stuttgart. So habe ich mich da gefühlt. Und die Hoffnung ist relativ gering, dass die Politiker irgendetwas tun, außer Sprechblasen zu produzieren. Wir hatten alle gedacht, dass die LBBW die Wohnungen an das Stuttgarter Konsortium mit Beteiligung der Stadt verkaufen würde. Deren Angebot hat die Patrizia ja nur knapp überboten – und damit den Zuschlag erhalten. Aber ich habe nie verstanden warum, es wäre so wichtig für die Stadt gewesen, diese Wohnungen zu haben. Alles was danach kam, Stichwort Erhaltungssatzung, ist nur noch Schadensbegrenzung.

Was hat sich denn durch den Eigentümerwechsel geändert?

Ich habe mich gefragt, ob ich nicht selbst Teil der Gentrifizierung bin: Denn weil meine Wohnung komplett renoviert war, war meine Miete, als ich einzog, schon vergleichsweise hoch. Deswegen waren die Erhöhungen in den fünf Jahren, die ich hier jetzt wohne, eher moderat. Bei anderen Mietern, die noch günstigere Mietverträge hatten, sind die Erhöhungen natürlich drastischer.

Wie viel bezahlen Sie denn? 

Bei meinem Einzug habe ich für 52 Quadratmeter 450 Euro Kaltmiete gezahlt und eine monatliche Pauschale von 41 Euro für Schönheitsreparaturen. Aktuell zahle ich 489 Euro, einer Mieterhöhung auf 521 Euro habe ich nicht zugestimmt, weil sie formal unwirksam ist. Aber was für Mieten da auf uns zukommen, sieht man an den Neuvermietungen: Ab August wird hier eine Dachgeschosswohnung vermietet, und zwar unrenoviert. Die ist mit meiner vergleichbar, kostet aber 640 Euro kalt. Das sind über elf Euro pro Quadratmeter.

Immerhin: Bis 2032 besteht Kündigungsschutz. Der wurde beim Verkauf an die Patrizia festgelegt.

Der besteht doch nur auf dem Papier! Was nützt uns der Kündigungsschutz, wenn wir die Miete nicht mehr zahlen können?

Jetzt haben Sie mit der Deutschen Annignton schon wieder einen neuen Vermieter. Was kommt jetzt auf Sie zu?

Wenn sich zwei Miethaie streiten, sollte mir das ja eigentlich am Hintern vorbeigehen, um das mal deutlich zu sagen. Aber die Deutsche Annington wird die Preise diktieren können. Mit ihren vielen Wohnungen haben sie eine starke Marktstellung im von Wohnungsnot geplagten Stuttgart. Neulich war hier eine Wohnungsbesichtigung, da waren mindestens 20 Interessenten auf einmal da.

Die Deutsche Annington ist dann Ihr dritter Vermieter in drei Jahren. Ohne einmal umzuziehen. Wie fühlt sich das an?

Naja, mein Mietvertrag läuft ja weiter, das ist nicht das Problem. Auch personell wird sich wahrscheinlich wenig ändern. Ich denke, die Beschäftigten der Südewo werden gleich an die Deutsche Annington mit verkauft. 

Haben Sie denn Angst, dass die Deutsche Annington die Mieten noch weiter erhöhen wird, damit sich der Kauf für sie lohnt?

Damit es sich lohnt, müssten sie die Mieten überhaupt nicht erhöhen. Ich würde sagen, die haben hier gut und günstig eingekauft. Trotzdem werden sie das aber bestimmt tun. Im letzten halben Jahr haben wir eine Befragung von 500 Mietern zu Mieterhöhungen gestartet. Etwa 30 Leute haben uns geantwortet. Das ist eine ganze Menge, die Fragen waren ziemlich detailliert. Da musste man sich die Mühe machen, in seinen Unterlagen die Mietentwicklungen der vergangenen Jahre rauszusuchen. Besonders berührt haben mich die emotionalen Rückmeldungen, die wir erhalten haben: Ein Mieter hat von der andauernden Lärm- und Schmutzbelastung durch die Riesenbaustelle am Milaneo berichtet. Und trotzdem soll seine Miete wegen der "guten Lage" erhöht werden. Eine andere hat die Entwicklung ihrer Rente der Entwicklung der Miete gegenübergestellt. Vor allem durch Mieter, die schon lange hier wohnen, ist klar geworden: Es gibt zwar eigentlich einen weitreichenden Mieterschutz. Aber der wurde bei jedem Eigentümerwechsel weiter aufgeweicht.


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9 Kommentare verfügbar

  • Klaus M.
    am 30.06.2015
    P.S.: "Ich lebe in dieser Stadt und brauche dafür nicht das "Kontextle"."

    Och wie süß, eine Namensverballlhornung. In der Grundschule wird man dafür ausgelacht. Und wie Sie Kontext brauchen, schließlich können Sie sich hier nahezu ungehindert austoben und kräftig austeilend als moralische Instanz gerieren. Selbst- und Fremdwahrnehmung erkläre ich Ihnen jetzt besser nicht, Sie würden es eh nur als "Beleidigung" bezeichnen. Ihre 'Beiträge' hier muss man in Kauf nehmen, Sie sind so eine Art Maskottchen.
  • Klaus M.
    am 30.06.2015
    "Ach@Klaus.M.: Interessanter Beitrag ohne jeglichen Inhalt."

    Aber sicher. Warum verbringen Sie Ihre Tage eigentlich damit, hier Beiträge ohne Inhalt zu lesen? Haben Sie keine Freunde, kein anderes Hobby? Besteht Ihr Lebensinhalt wirklich darin, hier zu verachten, zu hassen, verbal zu randalieren?

    " - aber zumindest könnten Sie mir mal die € 39,-- in fünf Jahren als Mietwucher erklären."

    Erklären könnte ich Ihnen etwas, das ich geschrieben und Sie nicht verstanden haben. Da gäbe es einiges. Da ich aber nicht behauptet habe, 39 Euro seien "Mietwucher", kann ich Ihnen da auch nichts erklären. Haben Sie solche billigen Spielchen wirklich nötig? Sorry, rhetorische Frage.

    "Und bitte wieder keine inhaltslosen Beleidigungen."

    Die überlasse ich Ihnen. Kommen ja bald neue Artikel, die Sie entsprechen besäfteln können.
  • Didi
    am 26.06.2015
    Ach@Klaus.M.: Interessanter Beitrag ohne jeglichen Inhalt. Und natürlich lese ich ihren Link nicht. Warum auch? Ich lebe in dieser Stadt und brauche dafür nicht das "Kontextle". Aber werde immer wieder Dinge anprangern, die einfach nicht schlüssig sind. Ganz neu ist mir allerdings, daß das Nordbahnhofviertel "im Dreck erstickt"? Sie können das sicherlich mit Messergebnissen belegen! Da wird allerdings nichts kommen - aber zumindest könnten Sie mir mal die € 39,-- in fünf Jahren als Mietwucher erklären. Und bitte wieder keine inhaltslosen Beleidigungen.
  • Blinkfeuer
    am 25.06.2015
    Was ist denn "Pauschale von 41 Euro für Schönheitsreparaturen"? Wird da regelmäßig tapeziert?
  • Didi
    am 25.06.2015
    Lieber/s Tillup! Bei einer Mieterhöhung - einfach mal linear gerechnet - von € 450,-- auf € 489,-- in fünf Jahren handelt es sich um eine Steigerung von 8.667%. Von 2010 bis 2014 betrug die Inflationsrate 7,6%. Sie können das gerne nachprüfen. Ich habe auch keine Ahnung, ob Sie in Stuttgart leben und mit dem örtlichen Mietmarkt vertraut sind. Eine grundrenovierte Wohnung mit 52 qm zu einem Mietpreis von € 450,-- - oder 5 Jahre später für € 489,-- - werden sie auf dem Markt normalerweise niemals finden. Das ist die Realität in Stuttgart. Und ihr Beispiel mit Strom, Gas, Müllabfuhr und weiß der Geyer was - was hat dies mit dem Vermieter zu tun? Es geht in diesem Artikel um einen Miethai! Und das sollten Sie widerlegen. Die Kontext hat sich zumindest wieder einmal bis auf die Knochen blamiert - sind Sie da zumindest meiner Meinung?
  • Klaus M.
    am 24.06.2015
    "Mit diesem "Artikel" hat sich das Kontext-Blättle mal wirklich selber übertroffen."

    Ach "Didi", Sie hingegen halten das 'Niveau' Ihrer Beiträge konstant. Konstant niedrig. 9,40 pro qm sind natürlich ein 'Schnäppchen' - für eine Wohnung in einem Viertel, das erst sozialer Brennpunkt war und jetzt im Baustellendreck erstickt... gelle? Vielleicht bilden Sie sich mal ein bisschen (die Hoffnung stirbt ja zuletzt) und lesen zum "Verständnis" den Parallelartikel, bevor Sie vor Mitleid für die Immobilienkonzerne zerfließen:

    http://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/221/schoen-hier-zu-wohnen-2969.html
  • Tillupp
    am 24.06.2015
    Nachtrag: und bei einer Mieterhöhung von jährlich 5% (Danke SPD für so viel Mieterschutz) ist die Miete in 10 Jahren (Faktor 1,05E10=1,629) schon bei knapp 800 Euro und bis zum Kündigungsschutzende 2032 bei Gewinnmaximierung auf stattliche 1120 Euro angestiegen sein könnte (Faktor 1,05E17=2,29).
  • Tillupp
    am 24.06.2015
    @Didi, 24.06.2015 00:47
    Ich finde 9,40 Euro pro qm (zur Erinnerung für die Älteren das entspricht 18,39 DM pro qm bzw. 956 DM für 52qm) auch nicht wenig. Das Problem ist aber doch nicht die Mieterhöhung von 10% in 5 Jahren (Anm.: was trotzdem mehr als die Inflationsrate in der Zeit ist) sondern, dass eben auch der Strom, das Wasser, das Gas, die Müllabfuhr, das Brot, das Benzin teurer wurde, und bei vielen der ausgezahlte Arbeitslohn sogar weniger wurde (höhere Sozialabgaben, kalte Progression, Steuern, etc.).
  • Didi
    am 24.06.2015
    Nur zum Verständnis! Die Dame zahlt für eine grundrenovierte Wohnung mit 52 Quadratmeter beim Einzug € 450,-- Kaltmiete und jetzt - 5 Jahre später € 489,--? Und dann spricht die Dame von Miethaien? Die "Miethaie" verdienen sich sicherlich dumm und dusselig an dieser exorbitanten Miete. Mit diesem "Artikel" hat sich das Kontext-Blättle mal wirklich selber übertroffen.

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