Foto: Joachim E. Röttgers

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Ausgabe 115
Gesellschaft

Stachel im welken Fleisch

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 12.06.2013
Es gibt noch linke Sozialdemokraten. Albrecht Müller gehört dazu. Der 75-Jährige hat Karl Schiller, Willy Brandt und Helmut Schmidt gedient und danach den Glauben an die SPD verloren. Aber er ist immer noch in der Partei, als Stachel in ihrem welken Fleisch. Auch deshalb kommt er als Hauptredner zu den S-21-Gegnern.

Man muss nicht unbedingt der Sohn eines Zündholzgroßhändlers sein, aber es hilft. Beim Blick auf die Wirtschaft. Und schon sind wir bei Albrecht Müller. Als 16-Jähriger, das ging damals, hat er seinen behinderten Vater im Opel Kapitän zu den Konferenzen gefahren und aufmerksam zugehört, worüber die Herren geredet haben. Über den Markt, der bei den Zündhölzern noch weniger ein freier war, als bei den anderen Waren, die in den 50er-Jahren gehandelt wurden. Damals, sagt der in Meckesheim bei Heidelberg Geborene, habe er mehr gelernt, als später im Studium der Volkswirtschaft. Über Herren und Knechte und die Tritte unterm Tisch.

Müller ist Sozialdemokrat seit 50 Jahren. Für Wirtschaftsminister Karl Schiller hat er die Reden geschrieben, für Willy Brandt und Helmut Schmidt die Planungsabteilungen geführt, von 1987 bis 1994 im Bundestag gesessen, und danach hat er gelitten. An seiner Partei, die eigentlich nicht mehr seine war, die mit half, den Reichtum von unten nach oben zu verteilen, die mit in den Krieg zog und den Menschen erzählte, dass dies alles notwendig sei, um Frieden und Wohlstand in Deutschland und Europa zu erhalten. "Die neue Strategie der SPD war", bilanziert der heute 75-Jährige, "sich zu opfern".

Aber wofür und warum? Da mischen sich Politik und Psychologie. An die Macht kommen, sie erhalten, gute Staatsbürger sein, den Aufstieg aus dem Kleinbürgertum schaffen, bei den Großen dabei sein, das scheinbar Schlimmste verhindern - Müller hat das alles erlebt. Über einen Gerhard Schröder, den Vater der Agenda 2010, wundert er sich nicht. Auch nicht über den früheren Arbeitsminister und späteren Versicherungslobbyisten Walter Riester, der sein Rentenmodell versilbert. Ein "absolut schräger Vogel", sagt der linke Sozialdemokrat. Müller wundert sich eher über einen Erhard Eppler, der jene Agenda gut findet, die, so sein bitteres Urteil, den Arbeitnehmern und ihren Gewerkschaften das "Rückgrat gebrochen hat".

Für die FAZ ist er ein Ewiggestriger

Nun hätte sich der rote Großvater in sein Haus im pfälzischen Pleisweiler zurück ziehen und Privatier spielen können. Aber dazu steckt zu viel Leben, zu viel Widerstandsgeist in dem Kurpfälzer, der es heute noch ablehnt, beim Absingen des Badnerlieds aufzustehen. Der Zündholzhändlersohn , der im Gespräch gerne die Fäuste ballt, ist ein Einmischer geblieben, einer, der auf die Wucht des Wortes vertraut, egal, wie stark ihm der Gegenwind die weißen Haare zerzaust. Für die FAZ ist er ein Ewiggestriger, der noch an den Wohlfahrtsstaat glaubt. Getrieben von "ohnmächtiger Wut", wenn er schreibe, die Eliten stünden nicht mehr auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Der diplomierte Volkswirt erlaubt sich halt auch Fragen wie: Warum sind alle Banken systemrelevant und Opel, Karstadt und Schlecker nicht? Und seine Bücher kommen auch nicht staatstragend daher. Sie heißen "Reformlüge", "Machtwahn", "Meinungsmache" , "Der falsche Präsident" (Gauck) und stehen - woran's wohl liegt? - auf der Bestsellerliste des "Spiegel", der ihn dann fragt, ob er eigentlich "nur negativ" könne.

Positiv ist der Mainstream. Positiv ist, wenn die Jungen in die private Rente einzahlen, weil ihnen das von den Riesters, Raffelhüschens und Rürups eingehämmert wird. Negativ ist, wenn offen gelegt wird, dass diese "unabhängigen Experten" auf den Payrolls jener Unternehmen stehen, die mit dieser Altersvorsorge fette Gewinne einfahren. Gut ist der Neoliberalismus, der jeden zum Schmied seines eigenen Glücks macht. Schlecht die staatliche Fürsorge, die uns, verführt von der "perfekten Meinungsmaschine" Müller, "zurück in die Siebziger" (FAZ) wirft.

Komischerweise ist der vermeintliche Retro-Rentner gefragt. Wie Blüm und Geißler, die anderen aus der Altherrenriege, die immer herhalten müssen, wenn die Westerwelles zu öde werden. Alle schreiben und touren sie, weil sie, jeder auf seine Weise, noch etwas zu sagen haben. Nicht in diesem verschwiemelten Deutsch, das zudeckt, was klar sein muss. Ohne die Angst, sich mit einem kritischen Satz die Karriere zu vermasseln. Mit einer Grundhaltung, die glaubhaft ist. Müller kann gar nicht anders, als seine Botschaft zu verkünden, die da heißt: "Wir haben keine demokratischen Verhältnisse mehr".

Ideologie-Placement: Aus Scheiße Marmelade machen

Wie er darauf kommt? Als Planungschef und Wahlkampfleiter bei Brandt und Schmidt hat er gelernt, wie Politik gemacht und medial vermittelt wird. Begriffe prägen, Themen setzen, das war schon damals so, wenn auch leichter. Um sein "Modell Deutschland" haben sich zwei Fernsehanstalten und gedruckte Zeitungen gekümmert. Heute ist die Medienlandlandschaft unübersichtlicher, was nicht bedeutet, dass sie inhaltlich vielfältiger wäre. "More of the same" heißt das in der Branche, und das liegt auch an elitären Denkfabriken wie der Bertelsmann-Stiftung oder der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, einer Einrichtung des Metallarbeitgeberverbandes, die Themen langfristig vorbereiten und zum öffentlichen Dogma werden lassen. Müller nennt das Ideologie-Placement oder volkstümlicher: "Aus Scheiße Marmelade machen". Die Finanzkrise braucht den Rettungsschirm des Steuerzahlers, der demografische Wandel die Riesterrente, die Wirtschaft Hartz IV - alles alternativlos. Von "Bild" bis zum "Spiegel". Eine Lüge werde glaubhaft, sagt der Medienkritiker, wenn sie aus verschiedenen Ecken komme.

Foto: Joachim E. Röttgers
Foto: Joachim E. Röttgers

Müller mag das bisweilen etwas holzschnittartig sehen, aber dadurch wird es nicht falsch, und daraus hat er seine Konsequenzen gezogen. Zusammen mit dem Schwaben Wolfgang Lieb, einem Juristen und Ex-Staatssekretär, hat er vor zehn Jahren die "Nachdenkseiten" gegründet. Ein Onlineportal, das täglich 60 000 Besucher hat und vieles sammelt, was woanders nicht zu lesen ist. Eine Fundgrube für alle, die noch immer der Ansicht sind, dass ihr Kopf auch andere Meinungen aushält.

Sein Portal versteht er als Gegenöffentlichkeit, mit der er, faktengestützt, gegen den Strom schwimmt, nicht nur gegen die herrschende (Merkel-)Meinung, gerne auch gegen die eigene Partei. Sarah Wagenknecht gegen Peer Steinbrück, das liest sich gut auf den "Nachdenkseiten". Wer kriegt das schon in seinem Heimatblatt geboten? Die Aufforderung an die SPD, die "absurde Blockade" gegen die Linke aufzuheben - welcher Medienmensch sagt so was noch? Müller macht's und kündigt an, den Sozialdemokraten den Rücken zu kehren, wenn sie kein rot-grün-rotes Bündnis schließen.

Signale an die Parteifreunde Schmiedel und Schmid

Und jetzt gegen Stuttgart 21. Volker Lösch, der Querschläger vom Stuttgarter Staatstheater, hat ihn gebeten, zu reden. Das übernimmt Müller gern, weil er den Demonstranten mitteilen will, dass ihm das alles sehr vertraut ist. Die Korruption bei Großprojekten. In den siebziger Jahren beim Schnellen Brüter (der dann doch nicht kam), in den achtzigern bei der Einführung des Privatfernsehens und das Desaster danach. Auch Sozialdemokraten müssten gegen das "Wahnsinnsprojekt" antreten, fordert er, und sich endlich fragen, ob sie je einen Gedanken daran verschwendet haben, wie sozial verträglich, vernünftig und zukunftsfähig Stuttgart 21 ist? Und, ob sie sich den undemokratischen Eliten weiter andienen wollen? Er denkt dabei an seine Parteifreunde Schmiedel und Schmid.

Auch für Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat er noch einen Ratschlag parat: Der Grüne solle sich nicht hinter der Volksabstimmung, der Mehrheit der Voten verstecken, sondern für eine Mehrheit kämpfen. "Wenn Willy Brandt wie Kretschmann gehandelt hätte", sagt Müller, "hätten wir keine neue Ostpolitik gekriegt". Die Älteren werden sich noch an das Springer-CDU-Feuer erinnern, durch das der SPD-Kanzler gehen musste, bis er die breite Zustimmung fand.

Gerade Kretschmann, der Bürger-Hörer, weiß, dass nichts in Stein gemeißelt ist, dass neue Tatbestände neue Gedanken bringen. So war's Ende der 80er-Jahre, als Daimler-Chef Edzard Reuter für die bemannte deutsche Weltraumfahrt warb. Wenn er sich heute an die Begegnung erinnere, grinst Müller, falle ihm die Magistrale Paris - Bratislava ein. Doch nichts, außer dem Tod, ist unumkehrbar und alternativlos. Reuter gehört inzwischen zu den Gegnern von Stuttgart 21 und Genosse Müller lässt ihn schön grüßen.


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