Ausgabe 113
Gesellschaft

Ein zerstörtes Leben

Von Jürgen Roth
Datum: 29.05.2013
Die russische Mafia im Büro von Honorarkonsul Klaus Mangold, einem früheren Daimler-Topmanager? Das klingt abenteuerlich. Ist es aber nicht, wenn man seine Sekretärin Elena R. zum Mafia-Mitglied macht. Wie die Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Die Geschichte eines zerstörten Lebens.

Es ist der 18. August 2006 auf der Autobahn A 8 nahe des Stuttgarter Flughafens. Ein schwarzer Mercedes wird von einem Spezialeinsatzkommando (SEK) gestoppt und auf den nächsten Parkplatz gelotst. In dem Auto sitzen Elena R. und ihr Ex-Ehemann Oleg. Sie kommt gerade von ihrem Arbeitsplatz, dem Honorarkonsulat der Russischen Föderation für Baden-Württemberg in Stuttgart. Die alleinstehende Mutter, in Moskau geboren, lebt seit 1990 in Deutschland und kümmerte sich bis dahin ausschließlich um die Förderung ihres Sohnes Alan, der eine hoffnungsvolle Karriere als Eiskunstläufer vor sich hatte. Mit ihrem Ex-Ehemann, einem Unternehmer aus Moskau, wollte sie ihren Sohn im Trainingszentrum in Garmisch-Partenkirchen besuchen.

Zur gleichen Zeit werden andernorts zwei weitere Männer verhaftet: Alexander Lust und Alexander Afansiev. Mit Letzterem war Elena R. im Jahr 1999 eine Scheinehe eingegangen, um ihm die Einreise nach Deutschland zu ermöglichen, für eine Operation durch einen Stuttgarter Orthopäden. Afansiev war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der zweifellos auch Verbindungen ins kriminelle Milieu hatte – sonst wäre ihm in Russland kein Erfolg gegönnt gewesen. 

Alexander Lust hingegen war in Russland Untersuchungsrichter. Er kam bereits in den achtziger Jahren auf die schwarze Liste des KGB und trat 1988 aus der Kommunistischen Partei aus. Im Jahr 1990 kündigte er seine Stelle aufgrund massiver Repressionen des KGB gegen ihn und kam zusammen mit seiner Ehefrau und den beiden gemeinsamen Kindern nach Deutschland. Da er keine Chance sah, hier als Jurist zu arbeiten, machte er eine kaufmännische Ausbildung und gründete 1994 eine eigene Firma.

Gegen alle Festgenommenen lag ein Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Stuttgart vor. Der schwere Vorwurf: Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Sie sollen der gefährlichsten russischen kriminellen Gang angehören, der "Ismailowskaja", für die sie in Baden-Württemberg Millionen Euro gewaschen haben sollen. Für die Ermittler des Landeskriminalamtes (LKA), die seit über zwei Jahren an dem Fall arbeiteten, schien es ein riesiger Fahndungserfolg zu sein. 

"Du musst dein bisheriges Leben vergessen"

Bereits auf der Fahrt zur Haftrichterin eröffnete ein LKA-Beamter der vollkommen verschüchterten Elena R., sie müsse nun mit einer langjährigen Haftstrafe rechnen. Es sei denn, sie kooperiere mit ihnen. Ihr Sohn Alan wurde zwischenzeitlich ins LKA nach Stuttgart gebracht. Ihm erklärten die Beamten: "Dein Vater hat falsche Freunde, und deshalb musst du dein bisheriges Leben vergessen. Du darfst nie wieder Eiskunstlaufen, deine Karriere ist damit beendet. Du gehst mit deiner Mutter ins Zeugenschutzprogramm."

Ziel der Operation: Von den Verhafteten erhofften sich die Ermittler Informationen über den steinreichen russischen Oligarchen Oleg Deripaska. Ihm werden von internationalen Polizeibehörden enge Beziehungen zur "Ismailowskaja" vorgeworfen. Gerichtsfest bewiesen werden konnte das nie, was wohl auch damit zu tun hat, dass Oligarchen wie er im Kreml unter Wladimir Putin geschützt wurden und werden.

Klaus Mangold. Foto: Joachim E. Röttgers
Klaus Mangold. Foto: Joachim E. Röttgers

Durchsucht wurde auch Elena R.'s Büro im Honorarkonsulat der Russischen Föderation in Stuttgart. Hier arbeitete sie seit November 2005 als Sekretärin, war zuständig für den russischen Honorarkonsul. Sein Name: Klaus Mangold, früher Vorstandsmitglied der Daimler-Benz AG und Vorstandsvorsitzender von Debis. Mangold saß einst im Aufsichtsrat des österreichisch-kanadischen Zulieferers Magna, der zusammen mit der russischen Sberbank und dem Autohersteller GAZ dabei war, den Automobilkonzern Opel zu übernehmen. GAZ gehört mehrheitlich dem Oligarchen Deripaska. Über den Mann, den die baden-württembergischen Ermittler im Visier hatten, sagte Mangold nach Medienberichten: "Oleg reagiert unglaublich stark auf Menschen. Er weiß genau, wer Freund oder Feind ist".

Der Ex-Daimlermanager kennt den Oligarchen seit langem

Am 9. Oktober 2012 bestätigte Mangold dem Autor, Deripaska "seit vielen Jahren" zu kennen, insbesondere aus seiner Zeit als Vorsitzender des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft (2000-2010). Er sei allerdings nicht mit ihm befreundet und auch niemals gemeinsam mit ihm im Urlaub gewesen. Der frühere Daimler-Manager ist jetzt neben Ex-Weltbank-Chef James Wolfensohn und anderen als Honorarkraft für Deripaska unterwegs." (Manager Magazin online, 15. April 2008). Im gleichen Büro wie Elena R. arbeitete die Privatsekretärin von Mangold. Sie verwaltete und sah vieles, unter anderem den Terminkalender ihres Chefs, Geldüberweisungen für Vorträge, Daueraufträge und dergleichen mehr. Die beiden Frauen wunderten sich über für sie Unerklärliches und tauschten sich häufig darüber aus, wenn sie auf Namen wie Oleg Deripaska, Wladimir Putin, den inzwischen verstorbenen Boris Beresowski oder sonstige hohe Ex-Politiker stießen.

LKA-Beamte, die den beschlagnahmten Computer später ausgelesen hatten, wurden zum Schweigen verdonnert. "Wir waren doch ein wenig verwundert darüber, auf was wir alles gestoßen sind." Diese Aussage eines LKA-Beamten, der an den Auswertungen beteiligt war, bezog sich unter anderem auf einen ehemaligen hohen politischen Würdenträger in Berlin. 

Doch unterm Strich blieb die Frage: Waren die Verhafteten wirklich so kriminell und gefährlich, wie die Staatsanwaltschaft und die Ermittler glaubten? Und konnte die Justiz auf diesem Weg die transnationalen Praktiken der organisierten Kriminalität in Russland aufdecken? Massive Zweifel sind angebracht. Vorenthalten wurde der Öffentlichkeit zum Beispiel, dass dem späteren Hauptangeklagten Alexander Afansiev mehrfach die sofortige Freiheit angeboten wurde, sofern er Angaben über Geldwäsche des Oligarchen Deripaska und anderer dubioser Oligarchen machen würde. Dem Angeklagten Oleg R. boten die Ermittler bei entsprechender Kooperation die sofortige Freilassung an.

Zeugenschutz gegen belastende Aussagen

Und Elena R. wurde, in einer Mischung aus einer angeblichen Bedrohungssituation und dem Versprechen auf ein künftig sorgenfreies Leben, in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen - im Tausch gegen belastende Aussagen. Versprochen wurde ihr unter anderem, dass sie nicht vor Gericht erscheinen müsse. Selbst der zuständige Stuttgarter Oberstaatsanwalt Michael Wahl hielt eine Einstellung des Verfahrens gegen sie für richtig. Als alle Vernehmungen zu Ende waren, verlangte sie die Einlösung der Versprechungen – und plötzlich lösten sich alle Zusagen in Luft auf. Deshalb stieg sie im Februar 2007 aus dem Zeugenschutzprogramm aus.

Stuttgart, 16. Oktober 2007, Saal 2 des Landgerichts – der erste Tag eines zwei Jahre dauernden Gerichtsverfahrens vor der 5. Großen Strafkammer des Landgerichts Stuttgart. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft gegen die Angeklagten, denen man zuvor Straffreiheit oder Straferlass angeboten hatte, lautete: "Die Angeschuldigten verwalteten zwecks Schaffung einer nicht nur vorübergehenden Einnahmequelle Gelder der russischen kriminellen Vereinigung Ismailowskaja und legten sie in Deutschland als vermeintlich aus legal erwirtschafteten russischen Vermögen stammende Gelder an." Von der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, wie sie noch im Haftbefehl stand, war plötzlich keine Rede mehr. Womöglich war bis nach Stuttgart durchgedrungen, dass es die "Ismailowskaja" seit Anfang 2001 nicht mehr gab. Deren führende Figuren waren inzwischen international auftretende Oligarchen, mit denen deutsche Manager bis heute blendende Geschäfte machen.

Ein dubioser Russe wird zum Kronzeugen der Ermittler

Zentral für das spätere Urteil gegen die vier Angeklagten waren Ermittlungsergebnisse des FBI und Berichte von Europol/Interpol, sowie die Aussagen eines Kronzeugen. Das war der russische Unternehmer Dschalol Haydarow. Er sollte über die "Ismailowskaja" und die Beziehungen der Angeklagten zu dieser Organisation aussagen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart triumphierte: "Die Feststellungen zu den Geschehnissen in Russland wurden dadurch erreicht, dass ein Zeuge, der in die Geschehnisse in Russland involviert war, diese glaubhaft geschildert hat, seine Aussagen durch die von der Verteidigung benannten Zeugen nicht erschüttert werden konnten und so zur Grundlage des Urteils wurden." (Zitiert nach Kai Laufen: "Die Unterwelt: Was tun gegen die organisierte Kriminalität?" SWR 2, 23. Juni 2012).

Wer ist dieser Kronzeuge? Haydarow flüchtete im Jahr 2000 nach Israel, weil ihm Strafverfolgung in Russland drohte. Als ihn die israelischen Behörden beschuldigten, 643 Millionen Euro gewaschen zu haben, belastete er russische Mafiakreise und insbesondere seinen ehemaligen Geschäftspartner: Oleg Deripaska. In ein Zeugenschutzprogramm wurde er in Israel jedoch, entgegen seiner Behauptungen, nie aufgenommen. Denn die Angaben, die er im Jahr 2001 machte waren, so die israelischen Behörden, teilweise schlicht erfunden und von einem extremen Belastungscharakter gegen seine ehemaligen Geschäftspartner geprägt. Also unglaubwürdig. Wirklich ernst genommen wurde er von der Staatsanwaltschaft in Stuttgart. Hier fand er zum ersten Mal eine Justizbehörde, die ihm glaubte.

Russland-Fans 2006 bei der IHK München: Klaus Mangold, Wladimir Putin, Edmund Stoiber und Metro-Chef Erich Greipl (von links). Foto: Andrea Schneider-Leichsenring
Russland-Fans 2006 bei der IHK München: Klaus Mangold, Wladimir Putin, Edmund Stoiber und Metro-Chef Erich Greipl (von links). Foto: Andrea Schneider-Leichsenring

Und so kam es zu dem für die Angeklagten verheerenden Urteil am 29. Oktober 2009. Alle vier – Alexander Lust, Alexander Afansiev, Oleg und Elena R. – wurden wegen des Verstoßes gegen den Geldwäschetatbestand des § 261 StGB zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, da sie Gelder aus Russland transferiert haben sollen, die der kriminellen Organisation "Ismailowskaja" gehörten. Und das hätten sie gewusst. Also schuldig.

Zweieinhalb Jahre Gefängnis für Elena R.

Elena R. wurde zudem wegen gewerbsmäßiger Schleusung – das betraf ausschließlich ihre Scheinehe mit Alexander Afansiev – zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Der Staatsanwalt hatte bei ihr auf anderthalb Jahre Gefängnis auf Bewährung plädiert.

Bereits am 24. Dezember 2011 richtete Elena R. ein Gnadengesuch an den baden-württembergischen Justizminister Rainer Stickelberger (SPD). "Nie zuvor hatte ich Kontakt mit der Polizei und der Justiz", schrieb sie, "ich bin seit mehr als zwanzig Jahren alleinerziehende Mutter, habe mich nicht um Politik, Geschäfte oder gar kriminelle Angelegenheiten gekümmert. Seit fünf Jahren leide ich an diesem Prozess, allein eine Gnadenbewilligung kann verhindern, dass durch den Haftantritt für mich (insbesondere meinen sicheren Arbeitsplatz) und meinen Sohn (dessen einziger Halt ich bin) alles zur absoluten Katastrophe wird. Die Polizei riss mich aus meinem Leben, beendete die Sportlerkarriere meines Sohnes und brachte mich in ein Zeugenschutzprogramm, weil sie mein Leben als gefährdet einstuften."

Über dreieinhalb Jahre sind seit dem Urteilsspruch vergangen, und Elena R. wartet immer noch auf eine Entscheidung. Die hoffnungsvolle Karriere ihres heute 23-jährigen Sohnes wurde von einem Tag auf den anderen zerstört. Alan studiert inzwischen Rechtswissenschaft, obwohl er nicht mehr so richtig an den Rechtsstaat glauben mag. Sein Vater Oleg R. ist psychisch krank und obdachlos. Für ihn hat der renommierte Kölner Anwalt Ulrich Sommer jetzt einen Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens gestellt. Alexander Lust ist inzwischen an Lungenkrebs verstorben. Alexander Afansiev hat Deutschland verlassen und lebt vereinsamt in einem kleinen Dorf in der Nähe Moskaus.

Jetzt kann nur noch Minister Stickelberger helfen

Ungeklärt bleibt, warum Beamte des LKA Stuttgart, die den Computer des russischen Honorarkonsuls Mangold in Stuttgart durchsuchten, große Angst haben, darüber zu sprechen, auf wen und was sie dabei gestoßen sind. 

Jetzt ist Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) gefragt. Nur er kann die Haft von Elena R. noch verhindern – durch einen positiven Bescheid ihres Gnadengesuchs. Darf sie auf Humanität und Gnade bei ihm hoffen? Oder will man offensichtlich begangenes Unrecht weiter mit allen Mitteln verteidigen? Das wird auch ein Lackmustest für die grün-rote Landesregierung sein, ob die Gnadenlosigkeit der Justiz der Vorgängerregierung in diesem Fall fortgesetzt wird oder nicht.

Auf Anfrage von Kontext ließ das Justizministerium jetzt wissen, dass der Vorgang im Hause anhängig sei. Die Gnadenordnung sehe jedoch vor, dass solche Gesuche vertraulich seien. "Weitergehende Auskünfte", so die Behörde, "sind uns daher nicht möglich".

 

Der Publizist Jürgen Roth gilt als einer der besten Kenner der Organisierten Kriminalität. Zu dem Thema hat er eine Vielzahl von Büchern geschrieben, zuletzt "Spinnennetz der Macht" (Econ 2013), in dem er den Machtmissbrauch einer gesellschaftlich destruktiven Elite beschreibt. Der Fall Elena R. ist ein Teil davon.


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