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Und noch eine Hagelei

Und noch eine Hagelei
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Weil ihm die Zigarre rauchenden Haifischmaden fehlen, hat der Käpt'n-Blaubär-Erfinder Walter Moers einmal bekannt, dass ihn die Realität langweilt. Und wahrscheinlich gibt es in jeder Schulklasse so einen Kandidaten, der Fakten und Fiktion kombiniert, die Wirklichkeit aufhübscht mit ein paar fantasievollen Details. Manche von ihnen zeichnen später Comics, schreiben Romane – andere wollen Ministerpräsident werden. Jüngst etwa Manuel Hagel (CDU), der mindestens so sehr Dichter ist wie Denker. Der 37-Jährige beklagte nach dem verpassten Wahlsieg in Baden-Württemberg eine grüne Schmutzkampagne. Und seitdem dieses Video mit den "rehbraunen Augen" die Runde gemacht hat, seien er und seine Familie in Gefahr. Hagel selbst und sogar seine Kinder (drei Buben) erhielten jetzt Morddrohungen, erklärte der Politiker im Gespräch mit "The Pioneer".

Vielfach griffen Medien die Behauptung auf, als handle es sich um eine Tatsache. Doch eine Recherche der "Welt" weckt Zweifel, wie akut die Bedrohungslage für Familie Hagel wirklich ist. Die Zeitung wollte eigentlich erfahren, welche Schutzmaßnahmen die Sicherheitsbehörden nun ergreifen – und fand so heraus, dass weder Polizei noch Staatsanwaltschaft irgendwelche Beweismittel vorliegen. Hagel hat die Drohbriefe offenbar nicht aufgehoben und auch keine Anzeige erstattet. Auf Anfrage der "Welt" wollte sich der Spitzenkandidat der CDU nicht zum Fall äußern. 

Dem Artikel zufolge sei es nach Einschätzung erfahrener Ermittler "sehr ungewöhnlich, dass ein Politiker von Morddrohungen gegen sich berichtet, aber weder Anzeige erstattet noch die Schreiben aufbewahrt". Geschrieben wird hier also nicht explizit, dass es eine Lüge war – aber es klingt doch sehr nach einer typischen Hagelei. Vom "Diplom" auf seiner Visitenkarte über den Titel als Sparkassen-"Direktor" bis zu zufälligen Treffen mit Promis, die ihm anekdotische Evidenz für seine politischen Positionen liefern – was der Wäregern-Regierungschef von Baden-Württemberg so erzählt, sollte man nicht einfach für bare Münze nehmen: Es könnte durch Übertreibung verfremdet oder auch frei erfunden sein. Die Kontext-Autor:innen Josef-Otto Freudenreich und Johanna Henkel-Waidhofer widmeten Hagel daher in Ausgabe 779 ein Porträt mit dem Titel "Der Drauflosfabulierer"

Eine Stuttgarter Heldin

"Umweltheldin des Jahres" ist Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die für ihren Einsatz gegen erneuerbare Energien gewürdigt wi… halt, nein. Ganz so bizarr ist die Welt noch nicht, das war nur ein Scherz (muss man ja dazu sagen, inzwischen). Die echte "Umweltheldin des Jahres" ist, völlig verdient, Angelika Linckh! Die Deutsche Umwelthilfe verleiht erstmals den Preis "Druck machen – Für die Umwelt!" und ehrt die Stuttgarter Ärztin für jahrzehntelanges Engagement: Unter anderem war Linckh Mitgründerin des Feministischen Frauengesundheitszentrums in Stuttgart, ist seit über 15 Jahren auf Montagsdemos gegen Stuttgart 21 aktiv und kam auch schon in dem ein oder anderen Kontext-Artikel vor. Die Laudatio zur Preisverleihung am vergangenen Freitag hielt die Umweltaktivistin Luisa Neubauer, nachzusehen hier

"Druck. Machen." ist schon seit geraumer Zeit das Motto der Verdi-Ortsgruppe in Konstanz, die zusammen mit der örtlichen Volkshochschule, dem Bündnis "Konstanz für Demokratie" und dem kritischen Onlinemagazin "Seemoz" zur Diskussion laden. Um zu prüfen, inwiefern auch seriöse Medien als Wegbereiter der Rechtsextremen fungieren, ist Kontext-Mitgründer Josef-Otto Freudenreich am heutigen Mittwoch zu Gast im Astoria-Saal der VHS Konstanz. Los geht es um 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei.

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Ausgabe 780 / Danke, Hagel! / Peter Peh / vor 4 Tagen 13 Stunden
Danke Oettle. Genau so war es

Ausgabe 780 / Danke, Hagel! / jjkoeln / vor 4 Tagen 15 Stunden
AfD = Agitation-für-Dumme


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