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Die Welt ruft

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Existenz ist Konflikt, das Leben ein permanenter Wettstreit, folglich muss auch die Kunst kompetitiv sein. Wenigstens die CDU-Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat hat das erkannt, nein, verinnerlicht, spricht sie doch davon, wie im "nationalen und internationalen Wettbewerb" um die Gunst der Touristen "allein die Verfügbarkeit von kulturellen Attraktionen" nicht mehr ausreicht. "Vielmehr müssen Destinationen zur Sicherung von Wettbewerbsfähigkeit Synergieeffekte zwischen den Sehenswürdigkeiten einer Stadt und deren Region schaffen und sich einen Wettbewerbsvorteil durch 'Leuchttürme' schaffen." Und, schwups!, schon sind 1,5 Millionen Euro locker gemacht für "eine (temporäre) künstlerische Großinstallation von Weltruf z.B. am Schlossplatz". Hat ihnen OB Frank Noppers Riesenrad denn nicht genügt?

Im Kampf der Kulturen – wer hat den größten Besuchermagnet? – dient Stuttgart der vom Künstler Christo verhüllte Pariser Triumphbogen als Vorbild. Von dem seien "Millionen Bilder weltweit auf allen WhatsApp und Insta-Accounts geteilt" worden, wie die fancy Unions-Fraktion in ihrem Antrag zum kommenden Haushalt schrieb. Kurioser als dessen Inhalt ist allein der Umstand, dass ein Großteil des Gemeinderats dem Antrag tatsächlich zugestimmt hat. Dort gäbe es zwar nominell eine ökosoziale Mehrheit. Doch bei den aktuellen Haushaltsberatungen zogen Grüne und Rote ein Bündnis mit Gelben und Schwarzen vor. Die linken Stadträte, die sich etwa für kostenlosen ÖPNV oder bezahlbares Wohnen einsetzen, seien, so sagte es der SPD-Fraktionsvorsitzende Martin Körner, offenbar der Meinung, "dass im Rathaus eine Gelddruckmaschine steht. Das ist ein Irrtum und macht seriöse Haushaltsberatungen auf Augenhöhe unmöglich". Da ist eine Großinstallation von Weltruf doch weitaus seriöser.

Seriös angelegt sind da auch die 21 Millionen Euro, die Baden-Württemberg in die The-Länd-Imagekampagne investiert hat, um sich für ausländische Fachkräfte, aber auch Geldgeber aus solch vorbildlichen Rechtsstaaten wie China und den Arabischen Emiraten attraktiv zu machen. Ihr Kinderlein kommet – aber bringt gefälligst Kohle mit. "Eine Einladung an arme oder konfliktreiche Länder", wie er sie im Koalitionsvertrag der Ampel zu erkennen glaubt, das geht Baden-Württembergs Innenminister Strobl aber zu weit. Wer nichts für sichere Außengrenzen tut, so sagte es der CDU-Bundesvize als Gastgeber der jüngsten Innenministerkonferenz, der mache sich zum Schlepper des belarussischen Regimes und dessen autoritären Machthaber. Es sei, so Strobl, ein fatales Signal der Ampel, "alle Zeichen auf grün" zu setzen und so die Botschaft auszusenden: "Macht euch auf den Weg, wenn ihr es nur irgendwie schafft - auch illegal - nach Deutschland zu kommen, dürft ihr bleiben." Dabei steht im neuen Koalitionsvertrag: "Wir werden irreguläre Migration reduzieren", "Nicht jeder Mensch, der zu uns kommt, kann bleiben", "Wir starten eine Rückführungsoffensive", "Der Bund wird die Länder bei Abschiebungen künftig stärker unterstützen".

Aber es gibt auch positive Nachrichten. Für das Aktionsprogramm "Weltklima in Not – Stuttgart handelt" wurde Baden-Württembergs Landeshauptstadt jüngst mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Gefallen hat der Jury "der grundsätzliche Bau städtischer Gebäude im Plusenergie-Standard, die Verwendung eines Stuttgarter CO2-Preises für Wirtschaftlichkeitsberechnungen und eine umfangreiche städtische Förderlandschaft zu Energie und Klimaschutz" – aber auch, dass im Bereich Luftreinhaltung "entscheidende Fortschritte zu verzeichnen" sind (nachdem der Feinstaub- und Stickoxid-Ausstoß ein gutes Jahrzehnt über dem gesetzlichen Grenzwert lag). Weitere Preisträger in diesem Jahr sind übrigens Klimaqueen Ursula von der Leyen und der Popstar Billie Eilish.


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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 1 Tag 4 Stunden
Sehr interessant!




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