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Skandal! Skandal!

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Meistens ist das so. Medien vermelden eine Sensation, mindestens etwas Aufregendes, und am besten: einen Skandal! Egal ob es Lungenärzte sind, die für den Diesel streiten, oder Klimawandelleugner, die vor den Gefahren der Windkraft warnen. Die erste mediale Aufregung bleibt immer hängen, die erste Sau, die sprichwörtlich durchs Dorf gejagt wird, quietscht immer am lautesten. Und hinterlässt Spuren im Hirn. Deutlich und nachhaltig. Was danach passiert, die Auflösung, die differenziertere Betrachtung hinter dem ersten Anschein, interessiert dagegen kaum noch. Zu sehr haben die Lungenärzte da bereits die Hirnwindungen in Beschlag genommen, sie sitzen dick und fett auf den Synapsen, auf keinen Fall gewillt, auch nur einen Millimeter zu weichen für eine neue Information. Und so bedankte sich der amtierende Bundesverkehrsminister bei den, nun ja, "Forschern" für eine Versachlichung der Debatte, obwohl ihr pseudowissenschaftliches Positionspapier da bereits als hanebüchene Milchmädchenrechnung entlarvt war.

Gleich neben den vermeintlichen Dieselspezialisten hockt der "Asyl-Aufstand" aus dem Frühling 2018: als sich in Ellwangen untergebrachte Geflüchtete der Abschiebung eines Bewohners entgegenstellten. Das Medien-Echo: enorm! Die Aufregung: riesig! Der rechte Mob geriet nachhaltig in Wallung, als da schwarze Männer nicht sofort taten, was deutsche Polizisten wollten. Unverfroren! Erst herkommen, dem deutschen Michel auf der Tasche liegen, und dann auch noch Aufstand schieben?! Das ist jetzt zwei Jahre her. Was übrig geblieben ist vom "Aufstand" in Ellwangen? Fabian Kienert beschreibt es in dieser Ausgabe eindrücklich.

Mit dem Thema Aufregung beschäftigt sich auch unser neuer Kolumnist: mit der Aufregung um Dietmar Hopp und das "Hurensohn"-Banner im Stadion, das so viel mediales Echo und so viel Empörung nach sich zog, dass Bayern-Fans ein Transparent ausrollten mit der Frage: "Wen müssen wir beleidigen, damit über die EU-Grenzpolitik nachgedacht wird?" Über den sogenannten "Schutz" der Außengrenzen, der sich jedes Mal anhört, als stünde die feindliche Armee bis an die Zähne bewaffnet vor den Toren – und keine Achtjährigen mit Selbstmordgedanken oder Frauen und Männer, die nicht mehr nur von Grenzern, Polizisten oder Vollidioten aus dem Nachbarzelt verfolgt werden, sondern neuerdings auch noch von deutschen Neonazis und Identitären, die in Griechenland Europa verteidigen. Das ist so absurd und so schlimm, man möchte sich am liebsten in Grund und Boden schämen. Peter Grohmann hat es in dieser Ausgabe auf den Punkt gebracht: "Wir beten für sie, zuvörderst für die unbegleiteten Kinder (unter zehn), damit sie in den Himmel kommen. Natürlich nicht in unseren, der ist voll."

Aber: Klagen hilft ja nichts. Also weitermachen. Weiter aufrecht gegen rechts, so heißt die Diskussion, zu der Kontext am 23. März ins Theaterhaus einlädt. Eine mit prominent besetztem Podium! Georg Restle ("Monitor") wird da sein, Anja Reschke ("Panorama") und Georg Löwisch, der Chefredakteur der taz. Karten kosten fünf Euro und können direkt beim Theaterhaus bestellt werden.

Und wenn das auch nicht hilft, dann kommt eigentlich nur noch einer in Frage: Braco. Der Typ mit dem gebenden Blick, der am Wochenende bei Esslingen aufgetreten ist. Der Corona heilt mit seinem Hingucken ... nein, Scherz. Tut er nicht. Bevor Bracos Blick überhaupt irgendetwas Gutes tut, möchte der nehmende Angeschaute bitte erstmal eine Goldkette kaufen. Unsere Autorin jedenfalls fühlte den besonderen Blick nicht, sondern sich selbst bestenfalls ökonomisiert.

Nach dem Debakel

Was können demokratische Institutionen und Einzelpersonen tun, um rechtsradikalen Strategien, den Parlamentarismus in Deutschland zu sabotieren, etwas entgegenzusetzen? Nachdem sich der FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit Stimmen der rechtsextremen Höcke-AfD zum Thüringer Ministerpräsidenten wählen ließ, wird darüber an diesem Mittwoch, dem 11. März, im historischen Hotel Silber diskutiert. Auf dem Podium sitzen neben der langjährigen Kontext-Autorin Johanna Henkel-Waidhofer die Sozialpädagogin Suvi-Kristin Welt, der Leiter der Stabstelle "Demokratie stärken" bei der Landeszentrale für politische Bildung, Felix Steinbrenner, und der Historiker und Geschäftsführer des Gedenkstättenverbunds Gäu-Neckar-Alb, Martin Ulmer. Moderiert wird die Veranstaltung von Nina Ayerle, Redakteurin bei der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten". 


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1 Kommentar verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 11.03.2020
    Antworten
    Nö nee. Sind die Verantwortlichen bei KONTEXT jetzt unter die Marktschreier gegangen?
    Wer lauter schreit hat mehr Recht? „Skandal! Skandal!“

    Jetzt lässt sich durchaus als Skandal bezeichnen, wenn sich einer zur Wahl stellt, der, nachdem er gewählt ist, die Katze aus dem Sack lässt: „Naja, man…
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