Ausgabe 441
Editorial

Zum Fremdschämen

Von unserer Redaktion
Datum: 11.09.2019

Im Gemeinderat von Frankenstein (Rheinland-Pfalz) schließen sich CDU und AfD zur Fraktion zusammen, in Altenstadt (Hessen) wählen SPD, FDP und Union einen NPD-Mann einstimmig zum Ortsvorsteher, und in Brandenburg fährt eine rechtsextreme Partei mit einem Neonazi als Spitzenkandidaten 24,5 Prozent ein. Für Medienschaffende stellt sich daher (hoffentlich) die Frage: Wie können wir verantwortungsvoll berichten über diese Entwicklungen? Als eine Moderatorin eine Zusammenarbeit zwischen AfD und CDU als "bürgerliche" Koalition ins Spiel brachte, zeigte der MDR jüngst bereits, wie man es nicht macht. Nachgezogen haben die "Stuttgarter Zeitungsnachrichten". 

Vergangene Woche brachten die Zwillingszeitungen StZ und StN ein Interview mit dem "als gemäßigt geltenden" (StZN) baden-württembergischen AfD-Landesvorsitzenden Bernd Gögel. Geführt von insgesamt vier RedakteurInnen – unter ihnen immerhin die ehemalige Berlin-Korrespondentin, ein Politik-Ressort-Chef und ein stellvertretender Chefredakteur. Da könnte man meinen, bei so viel Power und Erfahrung hat das journalistische Quartett den Gögel mal so richtig in die Mangel genommen. Stattdessen lieferten sie dem Landtagsabgeordneten Steilvorlagen, seine Partei von extremistischen Umtrieben freizusprechen.

Eine Kostprobe: "Für mich besteht die AfD zu 98 Prozent aus bürgerlichen Kräften, es gibt nur wenige Problemfälle", darf Gögel hier verbreiten. Und es folgen, seitens der zahlreichen FragestellerInnen, keine Widerworte, sondern Zuspruch: "Aber diese Problemfälle prägen das öffentliche Bild der AfD", merken die vier JournalistInnen an. Dazu passt dann auch die Überschrift des Interviews: "Das Grundgesetz gibt die roten Linien vor." Ohne Gegenrede darf Gögel behaupten, in Baden-Württemberg liefen "gerade einmal zwei Parteiausschlussverfahren – und zwar ausschließlich wegen parteischädigenden Verhaltens und nicht etwa wegen rassistischer, nationalistischer oder gar antisemitischer Tendenzen". Dabei läuft eines der Verfahren gegen Wolfgang Gedeon – bundesweit bekannt als bücherschreibender Holocaust-Leugner, der fraktionslos, aber als AfD-Parteimitglied im baden-württembergischen Landtag sitzt.

Auch schlimm ist das Leser-Frage-Antwort-Video, das die Zeitungen mit Gögel flankierend produziert haben ("Was wollten Sie den AfD-Landeschef schon immer mal fragen? Schicken Sie uns Ihre Frage bis ...", StZN online vom 30. August). Warum bekennt sich die AfD eigentlich nicht zum Antifaschismus?, will dort jemand wissen. Und Gögel sinniert darüber, dass sich seine Partei ja generell "immer und klar und auch heute jeden Tag distanziert vom Extremismus" und sich daher nicht auch noch von "allen Spielarten separat" lossagen müsse: "Alles, was nicht auf dem Boden unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen kann und stehen darf, akzeptiert die AfD nicht." Dass die StZN derart das Narrativ dieser rechtsextremen Partei bedient, ist mehr als beschämend.

Je öfter Medien den bereits jetzt schon vielzitierten Begriff vom "bürgerlichen" Anstrich der AfD wiederholen, desto besser verfängt er im Konsumentenhirn. Und dabei helfen nicht nur die "Stuttgarter Zeitungsnachrichten". Die "Badische Zeitung" zitiert Gögel in einem Interview von Ende August mit "Wir müssen unsere Programmatik so artikulieren, dass die Menschen nicht erschrecken", was letztlich sogar zur Überschrift wurde. In einem Gastbeitrag für die "Welt" darf Alexander Gauland, der stolz sein will auf die "Leistungen" deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen, ganz arglos fragen: "Wer bestimmt, was heute bürgerlich ist?" Der AfD sollten Medien diese Definition ganz bestimmt nicht überlassen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

4 Kommentare verfügbar

  • Ruby Tuesday
    vor 5 Tagen
    Zur gedruckten Ausgabe einer Tageszeitung greife ich noch, wenn mich die mit Sehnsucht verbundene Erinnerung packt. Nach raschelndem Papier, dem Duft nach Holz, Alkohol, fetter Druckfarbe und modrigem Wasser. Als Gesellschafterin beim Frühstück oder als Begleitung einer Bahnfahrt. Heute ist es meist die tageszeitung, auch kurz taz genannt.

    Schon in den frühen Tagen der Republik hatten manche Zeitungen Beinamen wie Intelligenz- oder Wurschtblatt. Wobei das Wurschtblatt (viel später BILD) den Wünschen seiner Leserschaft, vornehmlich aus dem Milieu des Metzgerhandwerks, der Gastronomie oder des Taxigewerbes, sehr entgegenkam, indem es deren rechtslastige Sicht- und Denkweise oder politische Haltung besonders herausstellte.

    Schaut man sich in den Tiefen heutiger Nachrichtenhändler oder Verlagsunternehmen um, dann findet man sehr schnell jene konspirativen Propagandaabteilungen, die schlicht und ergreifend dem Ruf des Mammon folgen.

    Die dpa rühmt sich „sämtliche PR-Inhalte seiner Kunden“(dpa) auf presseportal.de: „Einem der reichweitenstärksten PR-Portale Deutschlands (IVW: rund 11 Millionen Zugriffe pro Monat) [zu veröffentlichen].“ Weiter wird von dpa mitgeteilt: „Somit werden weltweit alle relevanten Multiplikatoren erreicht, von Redakteuren, über digitale Influencer bis hin zu fachspezifischen Bloggern und interessierten Verbrauchern.“
    (dpa-presseportal).
    https://www.dpa.com/de/produkte-services/public-relations-marketing/#pressearbeit

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die AfD solche Angebote entgehen lässt, zumal ja berichtet wurde, dass die AfD „zu 98% aus bürgerlichen Kräften“ besteht und deren finanzielle Parteiförderung auch mal aus der Schweiz kommt. Eine Nachricht die eher den Applaus bürgerlicher Kräfte findet, als dass sie bei ihnen Abscheu und Kritik hervorruft.

    Stuttgarter Zeitung, Südkurier oder Schwäbische Zeitung vermitteln als Kaufzeitung den Eindruck eines Eiland unabhängiger Berichterstattung in Medienunternehmen. Umspült von einem Meer aus TV – Sendern, Blogs, Anzeigenblättern und PR-Sonderdrucken.

    Abonnement - oder Kaufzeitungen hatten bezüglich Glaubwürdigkeit einen gewissen Stellenwert, als sich der Beruf Journalist noch mit Redakteuren wie Egon Kisch oder Peter Panter verbinden ließ – KONTEXT RedakteurInnen zu nennen verkneif ich mir heute. Man musste auch etwas dafür hinblättern. Heute bleibt wenig objektive Berichterstattung in Printmedien, für die es lohnend wäre dafür zu bezahlen.

    Wer nachstehende Internetseiten aufruft, wird indessen von Fassungslosigkeit ergriffen: https://www.suedkurier-medienhaus.de/ oder https://www.schwaebisch-media.de/medien-und-marken/dienstleistungen/contur
    Kurioserweise stellt das Südkurier Medienhaus einem Werbespot, der sich an junge Menschen richtet, die an einem Volontariat interessiert sind, den Hashtag #käuflich voran: https://karriere.suedkurier-medienhaus.de/einstieg-nach-karrierelevel/berufseinsteiger/volontariat-berufseinsteiger/volontaere_einblick/

    Die Quelle jener AfD geneigten Berichterstattung ausfindig zu machen wäre eine ebenso mühsame wie überflüssige Freizeitbeschäftigung, die nur in das Dienstleistungszentrum eines Medienkonzerns führt. Diese Zeit könnte man besser mit dem Aufruf von Blogs wie:
    seemoz, Forum Langenargen, Satiresenf (nahe dem Bodensee), was das Thema Rechts betrifft: https://allgaeu-rechtsaussen.de/ oder KONTEXT Wochenzeitung nutzen.
  • Andrea K.
    vor 1 Woche
    In Baden-Württemberg hat man halt auch seine Geschichte. Die Filbingers und Häusslers wurden doch hofiert und für großartig befunden - das bisschen dunkle Geschichte wurde immer gerne ausgeblendet.

    Nun hat man aktuell wenige Nachfolger in "unauffälligen" Parteien, da muss man dann die "echten Rechten" gut dastehen lassen. Wahrscheinlich schaut man ganz neidisch nach Bayern, wo die anerkannt bürgerliche CSU von Obergrenze bis Lager alle Positionen besetzt, die man hier eben der Afd überlassen muss.
  • Verena Saidl
    vor 1 Woche
    Eigentlich wäre es ganz einfach: Die AfD ist eine Nazi-Partei. "Nazi" ist weder legitime Weltanschauung, noch fällt das unter Meinungsfreiheit - weil es schlicht illegitim, illegal und kriminell ist (das haben die West-Alliierten den Müttern und Vätern des GG sogar in Selbiges diktiert, Art. 5 II GG; im StGB wird das eindeutig formuliert, §130 IV StGB; und von Gerichten auch genau so ausgelegt, BVerfG, 04.11.2009). Ein Verbrechen also. Dafür sind zunächst Gerichtsbarkeiten zuständig, nicht Medien. Punkt.
    Das sollte sehr selbstverständlich der Konsens, der modus vivendi aller (Medien, v.a.) sein im Umgang mit diesen Kriminellen und ihren Vereinigungen - wenn denn Grundgesetz mehr sein soll als Folklore.

    Selbstverständlich könnte, dürfte, sollte und müsste man weiterhin öffentlich - und auch natürlich in den Medien - fragen und diskutieren, wie es zu diesen neuerlichen Verbrechen kommen konnte. Sehr schnell würde man zu den Verursachern und Ermöglichern vordringen. Und feststellen, dass es ausgerechnet diejenigen sind, welche nun am vernehmlichsten schreien: Eben jene, immer sehr um rechtschaffene Bürgerlichkeit Bemühte aller Farben, die den Gang der Welt im Kleinen wie im Großen der, sagen wir mal: letzten 30 Jahre von Kapitals Gnaden bestimmen durften.

    Jetzt läuft das aber beileibe nicht so. Warum wohl?..
    -Müsste man vielleicht und u.a. mal den Verfassungsschutz fragen. :-)

    Aber mal Ernst beiseite. Die "Peinlichkeit" aus Hessen nimmt doch lediglich antizipierend vorweg, was ohnehin Planspiele sind. Nur war dieser Basis-Gehorsam wahrscheinlich doch etwas zu vorauseilend und damit bloßstellend zu diesem zu frühen Zeitpunkt.

    So wie der Plebs, das Stimmvieh, in homöopathischen Dosen eines Gemisches aus Lügen und Faktenschafferei des politisch-medialen Komplexes - etwa über "kriegsähnliche Zustände", über "Sozialschmarotzer" und "systemrelevante Banken", über "faule Griechen", oder eben auch über S21 an Dinge gewöhnt wird, welche, statt zu lieben richtigerweise zu hassen wären, testet man, was 'geht'. Was an Unsagbarem bereits wieder sagbar ist, was an Verbrechen widerstandslos in aller Öffentlichkeit schon wieder hingenommen wird. So geht das, im Augenblick noch, besser. Die Stuttgarter Wurst-Blätter machen es vor.

    Aber worum geht es hier? Es geht zuvorderst darum, den verdammten status quo, die in jeder Hinsicht dreckige kapitalistische Wirtschaftsweise um jeden Preis und bis zum bitteren Ende aufrecht zu erhalten. -Grün anpinseln will nicht so recht klappen? Na dann eben Braun.

    Das findet, stimmt der Geschmack und der Geruch (Braun darf natürlich nicht so riechen, stinken, wie es es tatsächlich tut: das wäre nicht salonfähig, nicht bürgerlich!) da bin ich mir sicher, auch der Deutsche Steuerzahler mehrheitlich wieder gut. Der wird sich doch nicht wegen eines Vogelschisses davon abhalten lassen.

    Mal schauen, was demnächst passiert, wenn die Rote Null, die die Schwarze beerbt hat und nachdem die Zentralbanken offensichtlich ihr Pulver verschossen haben, von den dann ein-gebürgerten "A"fD-"Politikern" zu öffentlichen Investitionen gedrängt werden...

    Aber so isser halt, der Kapitalismus.
    Viel Spaß noch damit.
    (PS: Die Alternative wäre, sich von diesen Kriminellen diesen dreist geklauten, umgewerteten und in eine glatte Lüge verdrehten Begriff zurück zu holen - und über eben solche Alternativen zum Kapitalismus dann wirklich mal ernsthaft, öffentlich und laut nachzudenken. Aber das müssen wir wohl vorerst alleine machen; auf die real existierende Politik und Medien warten wir da umsonst, denke ich - ich meine, wenn denen nichts anderes als "Nazi" einfällt, ist das wohl mehr als deutlich.).
  • Waldemar Grytz
    vor 1 Woche
    Bei so viel "Qualitätsjournalismus" aus Möhringen dürfte sich der Gründungsherausgeber der Stuttgarter Zeitung (heute plus StN) Erich Schairer im Grabe drehen. Der hatte nämlich nicht nur was gegen Nazis sondern auch solche in Nadelstreifen und völkische aus dem bürgerlichen Lager.

Neue Antwort auf Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!