Ausgabe 349
Editorial

Tacheles reden

Von unserer Redaktion
Datum: 06.12.2017

Es lohnt sich, die Rede von Hannes Rockenbauch nachzuhören, die er auf der 396. Montagsdemo gehalten hat. Wegen der Empörung. Der Stuttgarter Stadtrat berichtet von den Zetteln, die Kinder an den Christbaum im Rathaus gehängt haben. Ein Mädchen wünscht sich eine Tasche für den Kindergarten, ein anderes ein paar Hausschuhe. Dafür kann man spenden.

Die Bahn schreibt keine Zettel, sie stellt Rechnungen. Eine Milliarde Euro mehr, wenn man ihrem Gutachten glauben darf. Oder sind es vielleicht zwei oder drei? Das muss bezahlt werden.

Rockenbauch erzählt die Geschichte, weil sie so symbolisch und zeitgleich Thema im Gemeinderat ist. Wie reagiert der? Oberbürgermeister Fritz Kuhn fürchtet die Mehrkosten und um die Internationale Bauausstellung, die SPD um den Wohnungsbau, die grüne Fraktion um die Überzeugungskraft der Volksabstimmung und die CDU um die Anbindung an den Flughafen. Von der Unsinnigkeit des Projekts, vom Wohl der BürgerInnen spricht nur die Fraktionsgemeinschaft SÖS-Linke-Plus.

Als zweiten Beitrag empfehlen wir die Diskussion auf SWR 2, die unter dem Titel "Das Drama um Stuttgart 21" zu hören ist. Im Studio waren der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim, der Journalist Jürgen Waibel vom SWR, und, zugeschaltet aus Hamburg, "Stern"-Autor Arno Luik. Nicht dass dabei neue Argumente aufgetaucht wären. Brettschneider sah die Schlichtung als Leuchtturm der Demokratie und die Gräben zugeschüttet, Waibels Freude an S 21 ist über die Jahre einer gewissen Ernüchterung gewichen; er würde heute, wie Ex-Bahnchef Grube, so nicht mehr bauen. Und Luik erinnerte daran, dass er bereits 2011 von Kosten in Höhe von zehn Milliarden Euro und einer Bauzeit bis 2024 geschrieben hat.

Interessanter war, was Luik wie gefragt hat. Ob die Herren akzeptieren, was da gelaufen ist? Er nannte es den "größten anzunehmenden Unfug", das "zertrümmerte Herz" Stuttgarts, das "ständige Ärgernis", das immer noch zu stoppen ist, und er machte damit etwas deutlich, was man offenbar nicht mehr macht: Tacheles reden, sich richtig aufregen. Im Stuttgarter SWR-Studio blieben die Diskutanten ganz cool. Staatstragend öffentlich-rechtlich. "So läuft das System eben", schloss Journalist Waibel, und 2024 sei der neue Bahnhof ein "Wahrzeichen" mit seinen "unglaublichen, nie gesehenen Kelchstützen". Kontext lassen die Kelchstützen kalt. Wir halten's mit Luik und Volker Lösch: "Abgrundtief dämlich" ist dieses Projekt.


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