Ausgabe 343
Editorial

Schleyer und das Soziale

Von unserer Redaktion
Datum: 25.10.2017

Er hat's getan. Der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, Stefan Wolf, erinnerte tatsächlich an Hanns Martin Schleyers "Vergangenheit in der Zeit des Nationalsozialismus", an diesen "unauslöschlichen Teil" seiner Biographie, mit der er eine "Angriffsfläche" geboten habe. So ganz einfach war das nicht zu sagen vor der Männer-Versammlung, die sich zum 40. Todestag in der Alten Reithalle eingefunden hatte. Der ermordete Schleyer war einst ihr Präsident, mit einer Vita, die erst 1956 begonnen hat, als er bei Daimler eingestiegen war. Und fortan galt er als überzeugter Demokrat. Kontext hat darüber berichtet

Folgt man dem Gedenkredner Wolfgang Clement, 77, war Schleyer noch weit mehr. Einer der "bedeutendsten Wirtschaftsführer – auch für das Soziale". Da muss man wohl Ex-Genosse und Kuratoriumsvorsitzender der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) sein, um zu solchen Einschätzungen zu gelangen. Oder Gedächtnislücken haben und sich nicht an die Aussperrung von 320 000 Metallarbeitern im Jahr 1963 erinnern.

Das "Soziale" nahm dann, das Schleyersche Wirken fortschreibend, einen breiten Raum bei der Veranstaltung ein. Hans Peter Stihl, Sägen-Patriarch und inzwischen 85 Jahre alt, befand, die soziale Marktwirtschaft sei "außerordentlich lebendig". Die Menschen hätten eine "auskömmliche Bezahlung". Walter Riester, früher IG Metall-Vize und SPD-Arbeitsminister, später teurer Gastredner der Versicherungswirtschaft, sah auch die Gewerkschaften im Boot. Er erkenne beim IGM-Vorsitzenden Jörg Hofmann "wenig ideologische Verharrung", sagte der 74-Jährige, und er habe auch immer ein "sehr gutes Verhältnis" zu Arbeitgeberchef Dr. Hundt gehabt.

In der Ideologieproduktion des Kapitals firmiert das unter Sozialpartnerschaft, wobei es der FAZ-Redakteurin Heike Göbel vorbehalten blieb, davor zu warnen, dass das "Soziale" nicht so selbstverständlich sei, wie ihr es bisweilen dünkte, wenn sie die Menschen reden höre. Denn dazu müssten auch die Voraussetzungen geschaffen sein. Zum Beispiel der Schutz der Eigentümerrechte. Will sagen, die Reichen können nur verteilen, wenn sie auch etwas haben. Also übt euch mal schön in Bescheidenheit. Geschlossen wurde die Veranstaltung mit Loup de Mer und Riesengarnele.

PS: Auch Thomas Strobl hat gesprochen. Wie erinnerlich ist der stellvertretende Ministerpräsident und Schäuble-Schwiegersohn ein Vertreter von Recht und Ordnung. Jetzt ist auch klar, warum. Er habe im Herbst 1977 erlebt, verriet Strobl, wie Lehrer "Sympathie für den RAF-Terror" bekundet hätten. Das habe ihn tief geprägt. Zum Schutz seiner Bürger habe er neue Sicherheitsgesetze verabschiedet.


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4 Kommentare verfügbar

  • Jörg Krauß
    am 31.10.2017
    Naja, wer hätte aber auch gedacht, das 2017 die strammen Rechtskonservativen und Ihre verlässliche Entourage nichts mehr zu feiern hätten. Und wenn es eben in Gegenwart und Zukunft nichts zu feiern gibt, wird eben die glorreiche Vergangenheit hochgehalten. Ich war nicht dort in der Alten Reithalle. Ist auch besser so.
  • Rolf Steiner
    am 25.10.2017
    Steinmeier hat das Guantanamo-Folteropfer Kurnaz an der Backe, der Schmidt-und Genscher-Intimus von Dohnany die von den argentinischen Militärs ermordete Elkiusabeth Käsemann und die von Flugzeugen abgeworfenen Daimler-Betriebsräte. Schleyers bedenkliche Nähe zum Nazi-Verbrecher Heydrich wirft auch ein äußerst bedenkliches Licht auf diesen Daimler-Manager und dessen „Heldenverklärung“. Nachdenken darüber ist erlaubt. Doch Nachforschen………
  • Alfred Blumberg
    am 25.10.2017
    Hans Globke, der für mich definierte, dass ich mich als Blumbergs Bankert noch ein Viertel-Jude nennen lassen muss, wäre sicher ebenso gern der Einladung zu Hanns Martin Schleyers Lebenswürdigung gefolgt, wie Ernst Achenbach und Heinz Reinefarth.
    In bester brauner Gesellschaft. Und voller Freude hätten wir mit Bernt Engelmann und dem Schriftstellerverband vor der Alten Reithalle die Flugblätter zum "Großen Bundesverdienstkreuz" verteilt und dem Herrn Hachmeisrer vielleicht doch noch die eine oder andere Akte aus dem Stasi- Archiv über den Großen Sozialisten Schleyer als historisch belegt und wahrhaftig unter die Nase geschoben. Und was hat sich Freudenreich gemüht, uns den Spiegel der Geschichte vor die feinstaubgerötete Nase zu hängen, aber so hoch, dass niemand mehr das Spieglein an der Wand befragen kann, wer denn solche Seelen heute noch strafe.?Wer begriffen hat, dass all die Nazis nach 1945 in der Politik und den Parteien der BRD über Schleyer , Filbinger und Gauland , Höcke...eine braune Geschichts- Linie darstellen, hat den ersten Test über demokratisches Handeln bestanden.
    Vielleicht lernt dann auch der Südwestrundfunk, dass eine Abschlussfeier der großen Schlagerparade seit Jahren in der "Schleyer-Halle" ihren Abschluss findet, ein ekelhafte Sache ist. Der Sender hat bis heute noch nie eine Antwort auf die jährlich wiederholte E-Mail geschickt. Das ist äbä! Keine Post ins Studio. Das versendet sich. Nr.550 der Hitparade gegen vier Uhr: "Gehn wir Tauben vergiften im Park"
  • Wolfgang Zaininger
    am 25.10.2017
    Da könnte man/frau meinen in der Alten Reithalle habe ein neuer Sozialisten-Kongress stattgefunden. Clement, Stihl, Riester, Strobel ... lauter lautere Soziale. Über allen eine Ikone der Sozialpartnerschaft, der nun leider eine "Angriffsfläche" geboten hatte. Aber das wusste man ja, wie bei so vielen anderen N-Sozialen, nicht so genau. Schon Adenauer empfahl doch mit der Nazi-Schnüffelei aufzuhören und sich wichtigerem zuzuwenden.

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