Ausgabe 342
Editorial

Jahrestage im Herbst

Von unserer Redaktion
Datum: 18.10.2017

Immer wieder aufschlussreich, wenn scheinbar in verbindliche Deutungsschubladen abgelegte Historie wieder nach draußen drängt, Debatten befeuert, anfängt zu jucken. Aktuell zu beobachten an empörten Reaktionen auf die aktuelle "Tatort"-Folge "Der rote Schatten", in dem es um die RAF ging, um jahrzehntelang vom Staat gedeckte V-Leute und nicht zuletzt um den Tod der in Stammheim inhaftierten Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der Nacht zum 18. Oktober 1977.

"Brandgefährlich" sei dieser Tatort, darunter machte es die "Bild"-Zeitung nicht in ihrer Vorab-Kritik, denn er befeuere "wilde Verschwörungstheorien". Und daher dürfe er nur gezeigt werden "mit einer Dokumentation danach oder zumindest einer Erklärung im Abspann": Dass das, was der Zuschauer gerade in einer seit Jahrzehnten als fiktionales Format bekannten Reihe gesehen hat, tatsächlich Fiktion war. Das legt eine interessante Vorstellung von der Urteilskraft der Fernsehzuschauer nahe, aber gut.

Was den Furor der "Bild" und manch anderer Medien besonders befeuerte, war eine in dokumentarischem Stil gedrehte Szene, die nahelegte, dass es sich bei den Toden von Stammheim um Mord gehandelt haben könnte. Zugeben, eine überaus suggestiv geratene Szene, aber auch innerhalb der von Regisseur Dominik Graf verantworteten "Tatort"-Folge nur eine von mehreren angesprochenen Deutungsvarianten der Ereignisse dieser Nacht. Denn das ist der springende Punkt: Bis heute gibt es für jede dieser Varianten nur Indizien, auch für die gewissermaßen als gesamtgesellschaftlicher Konsens gehandelte Selbstmord-These. Und egal, für wie plausibel man die halten mag: Polizei und Bundeskriminalamt und Staatsanwaltschaften haben, ob mit Schludrigkeit oder Vorsatz, dazu beigetragen, dass Zweifel an dieser Version immer wieder laut werden.

Klar geworden ist jedenfalls einmal mehr, was in Kontext schon 2013 anlässlich der RAF-Ausstellung im Haus der Geschichte stand: Die RAF ist kein Fall fürs Museum, ihre Geschichte noch nicht vollständig geschrieben. Weswegen auch wir uns anlässlich von 40 Jahren "Deutschem Herbst" mit ihr befassen wollen, zumal es trotz der verlässlich im Fünfjahrestakt stattfindenden Veröffentlichungsflut noch einige bedenkenswerte Aspekte gibt.

Etwa den merkwürdigen Umstand, dass nach dem Mord an Hanns Martin Schleyer dessen NS-Vergangenheit plötzlich weitgehend tabu war. Und für viele bis heute ist. Oder den Film des Filmemachers Alexander Kluge, der zu den schlauesten Dokumentaristen der jungen Bundesrepublik zählt und auch zum Deutschen Herbst bemerkenswerte Werke geschaffen hat – zu sehen momentan in einer Ausstellung in Stuttgart. Und schließlich Stammheim selbst, dieses zum Symbol gewordenen Gefängnis, "Knast der Knäste", dessen Hochsicherheitstrakt, in dem die RAF-Terroristen einsaßen, heute ungenutzt ist. Unser Wetterer Peter Grohmann hat Gudrun Ensslin mehrmals persönlich getroffen, und auch Andreas Baader, wobei er diesen schnell als "Großkotz" erkannte. Einmal drängte sich Baader in die kleine Druckerei Grohmanns. Er wollte, dass der ihm Geld drucke.

Über dieses Treffen, und auch den Grund, warum "der Terror von mir verschont" blieb, gibt es einen Text, so herrlich lakonisch und voll charmantem Witz geschrieben, wie es nur Grohmann kann. Ein Grund, aber längst nicht alles, weswegen wir der Meinung sind: Wenn es Peter nicht gäbe, man müsste ihn erfinden. Nun wird er, dieses ewig junge Schlitzohr mit der dröhnenden Stimme, demnächst kaum fassbare 80 Jahre alt. Kontext-Redaktonsleiterin Susanne Stiefel hat ihm ein paar schöne Glückwunschgirlanden geflochten und die besten seiner Kolumnen zusammengetragen. Und auch der Rest der Redaktion singt aus vollem Halse: Happy Birthday, Peter!


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2 Kommentare verfügbar

  • Rolf Schmid
    am 18.10.2017
    Nachdem sie 11 Menschen ermordet haben sollen, um sich danach - vor Gram, Freude über diesen Erfolg oder Schuldbeweusstsein, wer weiss das schon - im Wohnmobil selbst anzuzünden und sich scheinbar freiwillig ums Leben zu bringen, oder, in einem anderen Fall, ein gefesselt Eingesperrter sich ohne Feuerzeug auf einer feuerfesten Unterlage selbst angezündet haben soll, ist wirklich jede, auch die abstrudeste Begründung z.B. für plötzlich tote oder getötete RAF-Mitglieder in einem sog. "Hochsicherheitsgefängnis" nicht mehr absurd, sondern Bestandteil geheimdienstlich oder polizeilich überwachter oder zumindest beobachteter erfolgreicher UND sogar "gerichts-fester" Vorkommnisse!
  • David Sohn
    am 18.10.2017
    Wieviel Morde der RAf sind bis heute aufgeklärt? Laut ex Minister Goll kein einziger :-)
    Parallelen zum den sogenannten "NSU Morden" plus den angeblichen Selbstmorden sind natürlich nicht beabsichtigt. Dabai haben wir hier viel mehr geleakte Akten als bei der RAF. Bin mal gespannt wenn der neue Schorlau im TV kommt. Vielleicht schaft es der eine oder andere Lesefaule danach den eigenen Verstand nach Kant zu benutzen ;-)

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