Ausgabe 330
Editorial

Alarm im Autoland

Von unserer Redaktion
Datum: 26.07.2017

Das Lob kommt aus berufenem Mund. "Ich bin froh, dass die Bewegung gegen Stuttgart 21 nicht untergegangen ist, und auch gegen andere Missstände auf die Straße geht", sagte Jürgen Resch bei der 378. Montagsdemo. Der Chef der Deutschen Umwelthilfe (DUH) würdigte damit das hartnäckige Engagement der S-21-GegnerInnen, das weit über die Kritik am unterirdischen Bahnhof hinausgeht. Rund 800 waren es, die am vergangenen Montag gegen die Dobrindt'sche und die grün-schwarze Verkehrspolitik und für einen sauberen ÖPNV demonstrierten. Gegen die Kartellpolitik der Autokonzerne und für eine Stadt ohne Feinstaub. Denn das Geld, das hier "im dümmsten Großprojekt Deutschlands" verbuddelt wird, so Resch, fehlt an anderer Stelle.

Wenn die Lage beschissen ist, hilft oft nur schwarzer Humor. Resch plädierte für Städtepartnerschaften mit Neapel und Palermo. Die seien einerseits die Müllhauptstädte Italiens, wobei Stuttgart locker mit schmutziger Luft mithalten könnte. Und andererseits: "Stuttgart kann man seit vergangenem Freitag auch ungestraft als die heimliche Hauptstadt der organisierten Kriminalität bezeichnen", so Resch und spielte damit auf das grandiose Kartell der deutschen Autobauer an. Dazu passt der Text von Dietrich Krauß ("Die Anstalt"), den Moderator Joe Bauer vortrug. Diese Realsatire ("Der schwarze Motor-Block"), die den Bogen schlägt von den Hamburger Autonomen zu den Stuttgarter Autonamen (kein Rechtschreibfehler!) wollen wir unseren LeserInnen nicht vorenthalten. Manchmal bringt Satire Politik besser auf den Punkt als jeder Hintergrundartikel.

Dieselgate, Kartellvorwürfe, Fahrverbote: Alarm im Autoland Baden-Württemberg. Das beschäftigt auch das Stuttgarter Verwaltungsgericht, das am kommenden Freitag urteilen wird, ob die versprochenen technischen Nachrüstungen der Automobilindustrie reichen, um die Luft so sauber zu machen, wie die EU es fordert. Jürgen Lessat hat sich den Prozess angeschaut und die Versprechungen der Autoindustrie. Johanna Henkel-Waidhofer fächert in "Dialog mit Schlagseite" auf, wie die grün-schwarze Koalition allen Skandalen, Umwelt- und Gesundheitsschäden zum Trotz der Autoindustrie die Stange hält. Und unser Politcomic versetzt den Ökodiktator Kretschmann samt grünem Daimler vor die Akropolis, wo er ein Menschenopfer plant, um aus der Diesel-Tragödie aussteigen zu können.

Doch zurück zur Montagsdemo. Natürlich ging es auch um den tiefergelegten Bahnhof. Schließlich hat der Verkehrsexperte Winfried Wolf sein neues Buch vorgestellt: "Abgrundtief und bodenlos. Stuttgart 21 und sein absehbares Scheitern" heißt es und schon am ersten Tag waren 400 Exemplare verkauft.

Auch wir von Kontext waren auf der Kulturmeile: Mit unserem Fotografen Jo Röttgers, mit den Vorständen Anni Endress und Johannes Rauschenberger, die Kontext gedruckt verteilten. Mit Redaktionsleiterin Susanne Stiefel und unserem S-21-Experten Oliver Stenzel. Und natürlich mit unserer Verwaltungschefin Sibylle Wais, die vorausschauend ein Dach über dem Stand organisiert hatte. So konnten wir auch dem Kollegen von der taz beim montäglichen Regen Unterschlupf gewähren. Was wir immer gerne tun.


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6 Kommentare verfügbar

  • Horst Ruch
    am 30.07.2017
    Aber hallo, wie sollen wir Deutsche Musterknaben dann die Klimaschutzziele durch die CO2 Reduzierung einhalten? Die "Elektro"-Chinesen bauen dafür 60 neue Atommeiler.
    Ist das Fortschritt?
  • Ruby Tuesday
    am 29.07.2017
    Selbst die fettesten SUV´s haben keine Chance auf Autobahnen und Bundesstraßen. Sie werden von LKW´s zerdrückt wie lästige Fliegen. Wir brauchen die Bahn, die DB. Also raus mit den Autolobbyisten aus dem Bahnvorstand und her mit den Tarifen wie aktuell bei Flixbus.

    Winfried Hermann setzt die alte Mehdorn Privatisierungsstrategie fort. Neue Bahnen und neueste Busse nur für hoch subventionierte Privatunternehmen? Warum eigentlich? Das Netz ist im wesentlichen vorhanden, es muss nur repariert werden. Dann kann man auch bequem und komfortabel von Stuttgart an den See fahren. Autobauer*innen können sicher auch Bahnen bauen, nur besser bezahlt eben als tausende Leiharbeiter*innen oder weisungsgebundene Tagelöhner*innen. Zu den gezählten Arbeitsplätzen im Autoland gehören Minijobs wie auch Lohnsklaven. Die würden nicht mehr zu verlieren als ihre Ketten.
  • Peter Grohmann
    am 26.07.2017
    Wie wär's denn mit einer Demo vor den Werkstoren?
    • stefan notter
      am 27.07.2017
      bin dabei, stefaNo
    • Schwa be
      am 27.07.2017
      Meines Erachtens eine sehr gute Idee!!
    • Ernst Hallmackeneder
      am 28.07.2017
      Au ja, da komme ich auch! Allerdings nur, wenn es einen Parkplatz für meinen 700-PS-SUV in maximal 100 m Entfernung gibt. Will doch mal Herrn Schwa be (jetzt mit ganz besonders progressiver Binnen-Leertaste, süß!) bei der Weltrettung zuschauen. Die Demo allerdings nicht montags um 18 Uhr anberaumen, da sind die 30 Aktivisten auf dem Schloßplatz. Na ja, vielleicht kriegt man ja auch eine beamtete Brigade von der GEW zusammen, mit viel Tagesfreizeit, vs. IG Metall (jäh,jäh, jäh, wie die US-Imperialisten zu sagen pflegen). Im übrigen empfehle ich die Umstellung der Daimler-Produktion auf Zweitakter nach Sachsenring-Vorbild, das war fortschrittlich!

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