Ausgabe 297
Editorial

Vom galligen Dorf

Von unserer Redaktion
Datum: 07.12.2016

Der Schrecken scheint überall. In Washington, Rom, Freiburg. Gibt's eigentlich nur Schlimmes, nichts, was einen aufbaut? Doch. Gibt es. Die Weihnachtsgrüße, die uns dieser Tage erreichten. "Ein Weg entsteht, wenn man ihn geht", steht da, ein chinesisches Sprichwort referierend, und schon schnürst du die Wanderstiefel. Für einen schmalen Pfad in diesen Zeiten, in denen das "Unerwartete zum Normalen" wird.

Zugegeben, das ist jetzt eine ziemlich verwegene Einleitung für unseren LeserInnen-Treff am vergangenen Donnerstag. Aber sie ist so falsch nicht, weil wir alle auf Wanderschaft sind. Die Redaktion und ihre UnterstützerInnen. Der Vertreter der Tibet-Initiative sagt, wir müssten den Chinesen auf die Finger klopfen. Der grüne Bezirksbeirat warnt davor, die Politik zu verunglimpfen, womöglich aus der linkspopulistischen Ecke. Das Kaktus-Mitglied will mehr Stacheln. Der pensionierte Richter fragt "Wo bleibt das Positive?"

Und wo bleibt das Gemeinsame? Ganz einfach: in der Grundidee. Ein Medium zu machen, das immer darüber nachdenkt, was es macht. Das ist kein Gedankenspiel von ein paar JournalistInnen, das muss im Austausch mit den LeserInnen geschehen, die mit genauso wachen Augen durchs Leben gehen. Solche langen Abende in der Redaktion bieten für diesen Dialog eine hervorragende Gelegenheit. Und am Ende stärken sie das Selbstvertrauen, gemeinsam auf einem richtigen Weg zu sein, wobei das Richtige stets neu verhandelt werden muss.

Das ist kein Plädoyer für Beliebigkeit, beileibe nicht. Gegen rechts schreiben bleibt Pflicht. Arm und reich, ein Dauerthema. Stuttgart 21, klar. Die Landespolitik kritisch beleuchten, logisch. Die Altmedien unter die Lupe nehmen, gerne. Oder, um es mit den Worten einer Diskutantin zu sagen: "Schreiben, was ich woanders nicht finde". Kontext möge doch bitte ein "galliges Dorf" bleiben. Versprochen.

Offensichtlich gelungen ist das Susanne Stiefel mit ihrem Interview mit Monika Hauser. Die Streiterin für Frauenrechte hatte es gewagt, Kretschmanns Sonderprogramm für traumatisierte Jesidinnen zu kritisieren. Das ist bekanntlich ein Herzensprojekt des Ministerpräsidenten und trifft deshalb eine besonders empfindliche Stelle. Es fehle, sagte die Gründerin der Frauenrechtsorganisation Medica mondiale, der Landesinitiative die Langfristigkeit und die Hilfe vor Ort. Nicht zuletzt deshalb kamen vergangenen Mittwoch 150 BesucherInnen nach Stuttgart in den Hospitalhof zum Gespräch zwischen Kontext-Redakteurin Stiefel und der alternativen Nobelpreisträgerin Monika Hauser.

Sie erlebten eine kampfeslustige Frau, die von den Anfängen im Bosnienkrieg ebenso anschaulich berichtete wie von dem mühsamen Kampf gegen sexualisierte Gewalt gegen Frauen in anderen Kriegen und Krisenregionen. Und sie diskutierten engagiert und fachkundig mit. Oder wollten schlicht wissen, wie jemand dieses Leid seit mehr als 20 Jahren persönlich aushält. Hausers Antwort: mit einem Mann im Rücken und der Arbeit vor Ort, die den traumatisierten Frauen ein Leben in Würde möglich mache. "Das baut mich auf, das mache ich auch für mich, denn ich bin kein altruistischer Mensch", sagt sie. Und wie es sich gehört, kommt in der nächsten Kontext-Ausgabe Staatsminister Klaus-Peter Murawski zum Thema Jesidinnen zu Wort.

Über guten Journalismus nachdenken und reden ist wichtig. Er muss aber auch bezahlt werden. Deshalb geht unsere Soli-Kampagne weiter. Diese Woche geht es ans Eingemachte: die Demokratie. Und hier geht's direkt zum Soli-Formular.


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