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Mit Hund und Hobel

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Als unsere Redakteurin Anna Hunger aus Erfurt in Thüringen von ihrem Besuch bei Ministerpräsident Bodo Ramelow zurückkam, war sie ein wenig überrascht. Nun ist von einem linken Ministerpräsidenten nicht zu erwarten, dass er die rote Revolution ausruft. Friede den Hütten, Krieg den Palästen. Oder so ähnlich. Trotzdem: Muss dieser Landesvater-Habitus, der aus allen Knopflöchern dringt, wirklich sein? Dazu müsste man ja nicht nach Thüringen fahren, das haben wir selber. Überhaupt scheinen sich Winfried Kretschmann und Bodo Ramelow irgendwie ähnlich: christlich, handfest, kompromissbereit, schwer konservative Realos ihrer Partei. Der eine mit Hund, der andere halt mit Hobel.

Stellt sich die Frage, ob vielleicht eine Frau an der Spitze von Baden-Württemberg dem Revolutionären ein bisschen auf die Sprünge helfen würde? Die Frauen aus dem "Land der Frauen" jedenfalls hätten nicht nur fiktional das Zeug dazu.

Apropos Fiktion: Sollte die Ehefrau eines Politikers in einer auflagenstarken Zeitung einen Kommentar schreiben, in dem sie die politische Position ihres Mannes untermauert? In der "Zeit" jedenfalls hat die Journalistin Dagmar Rosenfeld, Gemahlin von FDP-Chef Christian Lindner, dessen derzeitiges Lieblingsthema "sexistische Werbung" breit kommentiert – ohne ihren Status kenntlich zu machen. In Zeiten von Lügenpresse-Diskussionen halten wir das für ein absolutes No-go.

Ebenfalls ein Geht-gar-nicht ist, dass die Polizei in Stuttgart aus der Geschichte ihrer eigenen Grenzüberschreitungen nichts lernt. Es ist noch nicht so lange her, dass der Wasserwerferprozess zum Schwarzen Donnerstag zu Ende ging, der den völlig übertriebenen Einsatz von Pfefferspray und Wasserwerfern im Stuttgarter Schlossgarten verurteilte. Und zack – man mag es kaum glauben –, nur wenige Monate später heißt es schon wieder "fröhlich Pfeffer sprühen"!

Nicht einmal identifizierbar sind die PolizistInnen, die da rumsprühen, weil die potenzielle grün-schwarze Koalition erst vor ein paar Tagen die Kennzeichnungspflicht für Beamte in Großeinsätzen beerdigt hat. Obwohl die zum Antritt der Grünen 2011 fest im Koalitionsvertrag mit der SPD verankert war. Vermutlich verschwindet demnächst auch der Kostendeckel für Stuttgart 21 auf dem Friedhof für ehemalige Glaubenssätze grüner Politik.

So ist es halt. Politik, das lernen wir spätestens von Bodo Ramelow, fordert eben manchmal Kompromisse. In Thüringen, sagt er, klappe es auch nur so gut mit der Dreierkoalition, weil er als Chef nicht nur seine Partei, sondern auch die anderen beiden immer gleich mitdenke. "Wenn ich in Baden-Württemberg hätte entscheiden können, hätte ich auch lieber Rot-Rot-Grün genommen", sagt er. "Aber mich hat ja keiner gefragt." Nächstes Mal, Herr Ramelow, rufen wir vorher bei Ihnen durch. Vielleicht klappt's ja dann mit der Revolution im wilden Süden.


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2 Kommentare verfügbar

  • Kontext Redaktion
    am 22.04.2016
    Antworten
    @Sabine Gärttling
    Der Artikel ("Brust raus!“), auf den sich unsere Autorin im Text bezieht, erschien in der "Zeit" Nr. 17 vom 14. April. Dort ist an keiner Stelle ersichtlich, dass Dagmar Rosenfeld die Ehefrau von Christian Lindner (FDP) ist. Das Zitat, auf das Sie sich beziehen, erschien einen Tag…
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