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Zeit zeigt Zähne

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Allem Zukünftigen beißt das Vergangene in den Schwanz, hat Friedrich Nietzsche einmal gesagt. Wie recht er damit hat. Die Vergangenheit, die Summe aller zurückliegenden Dinge, wird mitunter so tief vergraben, dass es einige Akribie kostet, sie ans Licht zu bringen. Manchmal schmeichelt die Vergangenheit, manchmal aber hat sie ihre Zähne so fest in die Haut gegraben, dass sie kaum jemals wieder loslassen wird. 

Genau fünf Jahre ist es nun her, dass Wasserwerfer friedliche Demonstranten beiseite räumten, die in Stuttgarts Schlossgarten dagegen demonstrierten, dass dort für Stuttgart 21 die Bäume gefällt werden. Fünf Jahre ist es her, dass Dieter Reicherter, Vorsitzender Richter a. D., am Rande des Schlossgartens von einem Wasserstrahl durchnässt wurde. Seitdem hat er miterlebt, wie etliche Ermittlungen gegen Polizisten eingestellt wurden, wie Verantwortliche straffrei die Vergangenheit abschüttelten, sich aus ihr herauswanden, ohne belangt zu werden, und wie im Gegensatz dazu Demonstranten wegen Kinkerlitzchen vor Gericht landeten. Jetzt klagt Reicherter selbst. Gegen den ehemaligen Oberstaatsanwalt Bernhard Häußler.

Vergangenes kann ein Menschenleben nachhaltig verändern. Joe Viertel, ein ehemaliger Polizist, hat mit seiner Frau und drei Hunden ein ruhiges Leben in einem hübschen Haus geführt. Bis seine Kollegen ihm sein hübsches Haus durchsuchten, weil seine Frau eine Aktivistin gegen Stuttgart 21 ist. Wie geht es einem, den die Vergangenheit nicht mehr loslässt?

Das Vergangene kann sogar die Zukunft überholen. Jürgen Resch, der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, stand mit einem aufblasbaren Auto mit Abgaswolke vor dem Eingang der IAA. Er verteilte Material zu illegaler Software, mit der Abgasgrenzwerte auf dem Prüfstand eingehalten werden, nicht aber im Normalbetrieb. Schon Stunden bevor VW plötzlich zum Skandal-Konzern wurde. Interessiert hat sich für Jürgen Resch aber keiner.

Manchmal scheinen die Vergangenheit und deren Lehren auch einfach völlig wurscht: Mittelständlern und Politikern beispielsweise, die mit Ländern Geschäfte machen, in denen Menschenrechte bekanntermaßen systematisch gebrochen werden.

Ab und zu zeigt das Vergangene aber auch Güte, die das Zukünftige vermissen lässt. Als 1956 Abertausende Menschen aus Ungarn vor den Sowjets nach Westen flohen, bekundete die halbe Welt Solidarität mit diesen Flüchtlingen. Die Österreicher nahmen sie mit offenen Armen auf, die USA errichteten sogar eine Luftbrücke. Und was tut Ungarn heute? 

Manchmal ist die Vergangenheit aber auch ein prima Ideengeber. Für den Aktivisten Made Höld aus Oberschwaben zum Beispiel. Der fordert in einer gerade online gegangenen Petition: "Höhere Sätze für Rechtsradikale, Pegida- und AfD-Anhänger bei der Gebäudebrandversicherung." Das sei bei mehr als 60 Brandanschlägen in Deutschland auf Asylunterkünfte nur gerecht. "Leute, die viel Auto fahren, zahlen ja auch mehr Kfz-Versicherung."


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3 Kommentare verfügbar

  • Ein Leser
    am 05.10.2015
    Antworten
    Wenn ich das mit der Versicherung lese, kommt's mir hoch. Die Kontext-Redaktion veröffentlicht wirklich jeden geistigen Dünnschiss ohne darüber nachzudenken.
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