KONTEXT:Wochenzeitung
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Mit Herz und Hand

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Diese Ausgabe der Kontext:Wochenzeitung ist ausschließlich denjenigen gewidmet, die derzeit in unser Land kommen. Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, aus dem Kosovo, aus Eritrea. Die Redaktion macht das nicht nur wegen der drängenden Aktualität, sondern weil sich viele Fragen daran knüpfen, die uns noch lange beschäftigen werden: Was wollen wir für ein Land sein? Welches Selbstverständnis haben wir? Was ist Europa für eine Gemeinschaft? Warum versagt die Politik? Auch wir haben kein Rezept, wie die Welt zu retten ist. Aber Denkanstöße, Ansätze von Lösungen wollen wir anbieten.

Die Außengrenzen Europas sind bald Stacheldrahtverhaue, die europäische Gemeinschaft zerfällt in Nationalinteressen, und in deren Innerem stehen schon wieder Grenzposten und schneidende Zäune. Wer sich darüberwagt, wird bestraft. Dabei ist die "Ursachenbekämpfung" von Armut und Gewalt mittlerweile zum goldenen Mantra geworden. Es erscheint da wie Hohn, wenn unsere Landespolitik-Expertin Johanna Henkel-Waidhofer beschreibt, wie seit Jahrzehnten, auch in Baden-Württemberg, gesetzlich festgeschriebene Mindestforderungen an Entwicklungshilfe-Gelder für ärmere Länder systematisch frisiert werden.

Was läuft da schief auf unserem Kontinent, und wie könnte es besser gehen? Der langjährige Stuttgarter Asylanwalt Roland Kugler versucht, die "Flüchtlingskrise", wie sie allerorten genannt wird, zu erklären und wie menschenwürdig damit umgegangen werden kann. 

Aber ist es wirklich eine "Krise", ein "Problem", das uns da plötzlich überrollt? Oder suggerieren uns nur die sensationsheischenden Bilder übervoller Bahnsteige und Bahnhofshallen furchteinflößende Massen an Zuwanderern? Das fragt unser Autor Rainer Lang in seinem Text über die Macht der Bilder, die nicht nur Angst erzeugen, sondern auch Rassisten befeuern. Kontext-Autor Jürgen Lessat hat mit dem Karlsruher Jörg Rupp gesprochen, der sich zur Aufgabe gemacht, die Hetzer aufzuspüren. Für die Initiative "Nokargida" durchforstet er das Internet nach Flüchtlings-Hetze.

Bilkay Öney, die einzige Integrationsministerin Deutschlands, spricht im Interview nicht von Krise, sondern von "Herausforderung". In ihrem Büro auf der Stuttgarter Königsstraße hat Kontext-Redakteurin Anna Hunger eine Frau getroffen, die aufrichtig schildert, wie ihr die derzeitige Situation manchmal über den Kopf wächst.

"Die Herausforderung" betrifft dabei vor allem diejenigen Ehren- und Hauptamtlichen, die hautnah das Chaos managen und dabei über sich hinauswachsen. Frank Maier zum Beispiel, dem Chef der Landeserstaufnahmestelle in Meßstetten, sind Betten, Matratzen ja selbst das Besteck ausgegangen, weil er jeden Tag hundert Neuzugänge aufnimmt. Stefanie Järkel hat ihn besucht und einen Meister der Improvisation getroffen.

"Alle diese Menschen fliehen letztlich vor Politikern, die ihre Macht um alles in der Welt nicht aufgeben wollen", sagt Omar, der politische Aktivist aus Gambia in unserer Schaubühne. Er ist einer derer, die schon seit ein paar Jahren hier leben und die nicht vergessen werden dürfen. Genauso wenig wie Tosin, die Nigerianerin, die vor der Terrormiliz Boko Haram nach Deutschland geflohen ist, die Frauen versklavt. "Eine unglaublich starke Frau", sagt Kontext-Redakteurin Susanne Stiefel. Tosin unterrichtet in ihrer engen Unterkunft Firmlinge, Omar hat eine Fußballmannschaft gegründet mit Asylbewerbern. Sie kamen als Flüchtlinge und wurden zu Alltagshelden der Integration.

Auch Pfarrer Rose aus Mägerkingen, den Raphael Thelen portraitiert, ist einer dieser Helden. Er kümmert sich seit Jahren mit Herz und Hand darum, dass Menschen auf der Flucht ein Zuhause in seiner Gemeinde finden.

Der Komiker Serdar Somuncu fragte jüngst, wie lange die Solidarität wohl reiche oder ob die viel zitierte Willkommenskultur nicht doch nur eine Mitläufer-Blase ist. Das weiß natürlich keiner. "Aber wann gab es das zuletzt, dass so viele Menschen solidarisch sind?", fragt dagegen Bilkay Öney. Beides gilt es weiterhin mit wachem Auge zu verfolgen.

Mit dieser Ausgabe wollen wir ein dickes, buntes Zeichen setzen: Refugees welcome.


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1 Kommentar verfügbar

  • Schwabe
    am 17.09.2015
    Antworten
    Eine "Willkommenskultur" braucht man meines Erachtens keinem einzigen Volk/Kulturkreis auf der Welt verordnen! Denn nach meiner Überzeugung ist jedes Volk/jeder Kulturkreis auf der Welt grundsätzlich einmal friedlich, gastfreundlich und stolz auf seine Kultur. Das Wort "Willkommenskultur" halte ich…
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