Ausgabe 22
Editorial

Der Segen bleibt Sache Gottes

Von Paul Schobel, Pfarrer und Betriebsseelsorger
Datum: 31.08.2011
Paul Schobel ist Pfarrer und Betriebsseelsorger in Rente. Dass der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Claus Schmiedel einfach so behauptete, S21 habe Gottes Segen, ließ ihn nicht ruhen. Hier seine Antwort.

Gottes Segen kommt dem Bahnhof gelegen ... Der Segen ist in der Bibel eine echt starke Nummer, bedeutet er doch, dass mit Gottes Hilfe gelingen kann, was wir ehrlich erbitten und worauf wir sehnlich hoffen. Ob er uns letztlich zuteil wird, bleibt allerdings Chefsache. Claus Schmiedel ist zwar Chef, Chef der SPD-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg. Er scheint sich sicher zu sein, dass über dem umstrittenen Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 der Segen Gottes liegt, sonst würde er es nicht in die Welt hinausposaunen. Ist er Gottvater? Den stelle ich mir etwas anders vor. Woher dann die Gewissheit, dass Gott seine segnende Hand ausgerechnet über einen Tiefbahnhof legt? Ist sie dem Fraktionsvorsitzenden in einer nächtlichen Vision zugewachsen? War die SPD-Fraktion auf Exerzitien? Sie hätte immer wieder allen Grund, in sich zu gehen. Aber als religiöse Bewegung ist sie mir bislang noch nicht aufgefallen.

Cluas Schmiedel, der Stuttgarter Bahnhofsheilige. Montage: Peter GierhardtDamit nicht genug: Im gleichen Atemzug bezeichnet der Fraktionsvorsitzende bei der Kundgebung der S-21- Befürworter selbige als "die Guten". Hier schwenkt einer das Weihrauchfass – aber in die falsche Richtung. Böcke von den Schafen zu scheiden ist eigentlich Sache des himmlischen Gerichts und liegt nicht im Ermessen eines sterblichen Genossen. Schon wieder eine Amtsanmaßung. Abgesehen davon, dass er offensichtlich für sein jüngstes Gericht die falschen Kriterien zugrunde legt. Zu den Auserwählten zählt im Neuen Testament nur, wer Nackte bekleidet, Hungernde sättigt, Kranke besucht und Gefangene befreit. Geplant ist aber nicht die Erweiterung der Bahnhofsmission, sondern der milliardenschwere Bau eines unterirdischen Hauptbahnhofs. Der hat mit den biblischen "Werken der Barmherzigkeit" nicht viel am Hut, zumal man dort die oben erwähnte Kundschaft kaum dulden wird.

Nochmals zurück zum verheißenen Segen, der angeblich über den Tiefbahnhof zu liegen kommt. Gott wirft mit Segen nicht um sich. Er wählt sich in der Bibel seine "Projekte" sorgsam aus. Käme dafür Stuttgart 21 überhaupt in Frage? Auch ein Pfarrer ist natürlich nicht der liebe Gott, gibt aber doch zu bedenken: Sehr segensreich war sicher nicht, was die Befürworter bislang an Tricks, an Tarnen und Täuschen für dieses Projekt aufgeboten haben: falsche Zahlen bis zum Überdruss, fragwürdige Gutachten, mangelnde Transparenz, Verharmlosung gewaltiger Risiken, eine haarsträubende Wirtschaftlichkeitsrechnung, undurchsichtige Verträge und am Ende gar noch brutale Gewalt. Kaum zu glauben, dass Gott, so weit ihn die Heilige Schrift kennt, daran viel Freude hätte. Wo einseitige Interessen im Spiel sind, fährt er in den biblischen Geschichten schon mal gewaltig drein, statt seine milde Segenshand zu öffnen.

Mir scheint, der Segenswunsch des SPD-Fraktionsvorsitzenden will das letzte fromme Mütterlein, das noch im Grunde seines Herzens ein wenig zögert und zaudert, von Stuttgart 21 überzeugen. Denn möglicherweise kommt sie ja doch, die Volksabstimmung. Dann zählt im Endergebnis jede Stimme. An zweiter Stelle geht's Claus Schmiedel wohl darum, die bahnhofskritischen Christinnen und Christen zu erschrecken, sie mögen doch bitte von "Prozessionen" und "Kreuzwegen" Abstand nehmen. Dieser Schuss geht ins Leere: Die biblische Botschaft ist immer politisch. Politik aber ist nicht automatisch religiös. Wer im Streit um den Bahnhof religiöse Symbole bemühen muss, dem sind die Argumente ausgegangen.

Die kritische Christenheit wendet sich angesichts dieser schrägen Bahnhofs-Theologie mit Grausen. Gott hat auf dem "Roten Punkt" eines Bauprojekts so wenig zu suchen wie einst auf den Koppelschlössern deutscher Soldaten.

 

Von Claus Schmiedels Rede, dass Gottes Segen über Stuttgart 21 liege, gibt es einen Video-Mitschnitt, den Sie hier finden.


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5 Kommentare verfügbar

  • eraasch
    am 03.09.2011
    @Abendschein. Ob ich qualifiziert bin, müssen Sie selbst beurteilen. Einige Grundarten von Segen:

    *Gott läßt es regnen auf sotte und sotte. Diese Art von Segen (Dazu gehören Erfahrung von Erfolg, liebe, Vergebung, Frieden, äh Trollinger ("auf dass der Wein des Menschen Herz erfreue")) gibts für alle. Umsonst. Dereinst, so wirds angekündigt, wird Gott den Freiden "von der Erde nehmen" - zu diesen Zeiten wirds sotten und sotten gleichermaßen dreckig gehen.
    *Aber wir reden ja über einen anderen Segen: auf dass der HERR das Werk deiner Hände segne/ bzw: was dir vor die Hände kommt, das tue (zu David).
    Diese Segnungen sind Vesprechungen Gottes an die, die es glauben. Im Zentrum dieses Segnens steht also nicht das Projekt (Backtrog, Heerzug gegen sie Philister, Tiefbahnhof) sondern der vertrauende Mensch und dessen entstehende Beziehung zu Gott.
    Tiefbahnhof ist also auch hier kein Objekt des Segnens Gottes ( und ebensowenig jedes x beliebige andere Vorhaben an sich - Turmbau, Weltkrieg etc).
    *Drittens: Seit Jesus gestorben und auferstanden ist, gibt es sowieso nur noch einen relevanten Segen Gottes: Die Rettung aller (möglichst vieler) Menschen durch das Berichten von seinem Werk. Seit Jesus leben wir in der sogenannten Endzeit im weiteren Sinne. D.h. es ist nicht mehr nötig, uns die basics zu vermitteln (Segen 1 und 2 siehe oben). Sondern Gott hat inzwischen alles wichtige uns mitgeteilt und ab Jesus gehts um alles oder nichts. Sachen wie Tiefbahnhof stehen nicht mehr zur Diskussion vor Gott.
    Geisslers "Frieden für Stuttgart" ist deshalb ein höchst ernstzunehmnender Gedanke, weil er erkannt hat, was eigentlich das höhere Gut hier ist.

    Alles andere ist Lüge. So geschehen durch viele Jahrhunderte: Kirche als Staatsmacht, Kirche als Herrscher, Richter und Vollstrecker von Todesurteilen, als Mittel, reich zu werden, Kultivator von Schuldgefühlen,
    und wie Herr Schobel sehr treffend beschieb: ausgrenzen der Randgesellschaft, unterdrücken und benachteiligen und aussaugen derer, die sich am wenigsten wehren können - physisch wie intellektuell.
    Der jetzt noch aktuelle Segen Gottes ist heute unserem Denken genauso fremd, wie den entsetzten Anhängern Jesu, als ihre falschen Hoffnungen am am Kreuz hängenden Jesus sich in Nichts auflösten.
    Unser und des Herrn Schmiedels Dichten und Trachten ist dem Wesen Gottes fremd. Aber das ist ausdrücklich NICHT unumkehrbar.
  • MCBuhl
    am 01.09.2011
    Mal was anderes:
    - Politik...ist nicht...religiös: Full Ack.
    - (...) dem sind die Argumente ausgegangen: auch Full Ack.
    ABER:
    Religion ist immer politisch??? Wie bitte? Ach nein, da steht: die biblische Botschaft, korrigiere mich also: nur die christliche u/o. jüdische Religion ist also immer politisch???
    Mein Gott, Herr Pfarrer!
  • FraTreno
    am 01.09.2011
    Vom Zuständigkeitsbereich müsste der unterirdische Tiefbahnhof S21 doch eher des Teufels sein…
    Oder liegt es am Trollinger, dass Monsingore Schmiedel oben unten verwechselt hat?
  • gerd_47
    am 31.08.2011
    Wer ist denn Claus Schmiedel dass er sich zu der Aussage hinreißen lässt über Stuttgart21 würde Gottes Segen liegen und die Befürworter von Stuttgart21 seien die GUTEN!!! IST ER KRANK IM KOPF? Sind die Stuttgart21 Gegner die bösen? Wie kann sich ein angeblich geistig normaler SPD Politiker zu solchen Äußerungen hinreisen lassen? IST DAS EINE FOLGE DER HERRENKNECHT SPENDE AN DIE SPD? Oder war seine Denkfähigkeit durch einen zu hohen ....Spiegel so eingeschränkt dass er nicht wusste was er von sich gibt????

    OBEN BLEIBEN
    gerd_47
  • ReinhardAbendschein
    am 31.08.2011
    Einfache Frage:
    Hat man Gottes Segen einfach so oder muss man ihn erbitten?
    Meine Überzeugung ist: Wenn es Gott gibt, dann muss man Gottes Segen erbitten. Bitte dazu qualifiziertes Statement
    Und hat man Schmiedel schon Mal auf Knien gesehen, um ´Gottes Segen zu erbitten?
    Ich glaube fest und überzeugt, dass nurwer ehrlich und emügig bitten kann, überhaupt als politische Führungskraft taugt. Bitte mich zu widerlegen. Live and learn.

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