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Die Seele verkauft

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Kontext hat einen neuen Mitstreiter: die deutsche Wirtschaft. Genauer ihren Arbeitskreis Corporate Compliance, der sich ernste Sorgen um die Unabhängigkeit der freien Presse macht. Es sei heute zu einfach geworden, schreibt die Moralabteilung zahlreicher Dax-Konzerne, sich redaktionelle Berichterstattung zu kaufen. In einem Ausmaß, das "früher völlig undenkbar war – und sie machen davon Gebrauch". Nachzulesen ist das im "Manager Magazin", das offenbar auch beunruhigt ist.

Hoppla, denkt sich das geneigte Publikum, was ist da passiert? Trägt Daimler jetzt das Grundgesetz unterm Arm, Artikel 5, das unzensierte Wort? Ganz so schlimm ist es nicht, es geht eher ums Geschäft. Denn, so weit reicht der Gedankengang, es ist gar nicht gut, wenn der Kunde nicht mehr glaubt, was er liest, hört oder sieht. Es sei schlecht, wenn sich der "Verbraucher bei erkannter Vermischung von Werbung und Redaktion getäuscht" fühle, notiert der Arbeitskreis. Der "Verbraucher" ist nämlich nicht blöd und merkt schnell, warum das Milaneo so großartig ist, die "Sonderbeilage" oder "Sonderveröffentlichung" nichts anderes als die Botschaft der Banken, Immobilienwirtschaft und Autoindustrie, die auch direkt an ihren Schaltern abgeholt werden könnte. Kostenlos.

Interessant ist der Vorstoß dennoch, weil er ein Schlaglicht auf das Mediengewerbe wirft. "Wie tief sind wir gesunken?", fragt selbst der Branchendienst Meedia, wenn jetzt die werbetreibende Wirtschaft um die Glaubwürdigkeit der Presse bangt. Wenn so der Eindruck entsteht, die Medien hätten "ihre Seele längst verkauft". Die Sache mit der Seele ist natürlich schwierig, weil sie ein diffuses Ding ist und niemand so recht weiß, wo sie sein könnte. Die Sache mit dem Glauben ist einfacher – wenn sie monetär betrachtet wird.

Das haben die Dax-Konzerne klar herausgearbeitet. Sie sagen: Der wirtschaftliche Druck auf die Verlage ist so hoch, dass nichts mehr heilig ist. Presserat, Pressekodex, Trennung von Anzeigen und Redaktion. Alles wirkungslos. Also müssen wir die Verlage vor sich selbst schützen, indem wir unsere eigenen PR-Abteilungen ethisch aufrüsten: nicht mit Werbeentzug drohen, falls mal kritisch berichtet wird. Den Journalisten keine Vorteile anbieten, sollten sie geneigt sein, im Sinne des Unternehmens zu schreiben. Alles, selbstverständlich, im Sinne der beidseitigen Reputation, der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und der freien Presse, die für die FDGO von zentraler Bedeutung sei.

Scharf formuliert ist das eine Bankrotterklärung für eine Instanz, die einst als vierte Gewalt im Staate betrachtet wurde. Sie sollte genau jene kontrollieren, die ihr jetzt ermöglichen wollen, diesen Job wieder zu übernehmen. Aber so weit ist es eben.

 

PS: Garantiert werbefrei ist das Buch ("Unerhört. Ungeklärt. Ungesühnt") von Jürgen Bartle und Dieter Reicherter. Ab sofort ist es nicht nur bei Osiander, sondern auch an der Mahnwache vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof zu bekommen.


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8 Kommentare verfügbar

  • Dr. Dierk+Helmken
    am 28.02.2015
    Antworten
    Um die Flexibilität des modernen Kapitalismus zu erahnen empfehle ich die Lektüre des schon ein paar Jahre alten französischen Klassikers "Der neue Geist des Kapitalismus" (deutscher Titel) von Eve Chiapello und Luc Boltanski. Kritik am Kapitalismus wird ständig beobachtet und bei Gefahr…
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